Warum die Berichterstattung über Europa so langweilig ist

von Friederike Herrmann

Abstract: Für die Lustlosigkeit vieler Bürgerinnen und Bürger, an europäischen Wahlen teilzunehmen, machen Wissenschaftler nicht nur Politiker und desinteressierte Bürger verantwortlich, sondern auch die Medien. Es fehlt ein neues Narrativ für Europa. [1]

 

„Das Staunen darüber, daß die Dinge, die wir erleben, im zwanzigsten Jahrhundert ‚noch‘
möglich sind, ist kein philosophisches. Es steht nicht am Anfang einer Erkenntnis,
es sei denn der, daß die Vorstellung von Geschichte, aus der es stammt, nicht zu halten ist.“
(Benjamin 1940/1974, These VIII)

Der Ruf nach einem neuen Narrativ für Europa begleitet seit Jahren die Debatten um die Europäische Union. Sogar ein eigenes Projekt der EU-Kommission wurde zu diesem Zweck ins Leben gerufen[2]: Die Idee Europa soll dadurch für die Bürgerinnen und Bürger lebendiger werden. Ein Narrativ setzt Menschen und Ereignisse in Beziehung, es transportiert Emotionen. Im Wunsch nach einem neuen Narrativ steckt das Bedürfnis, Europa stärker emotional zu besetzen. Denn Europa hat ein Kommunikationsproblem.

Das spiegelt sich auch in den Medien. Der alltägliche Journalismus zu Europathemen ist vor allem eins: langweilig. Das Image der EU, ein bürokratisches Monster zu sein, setzt sich in der Berichterstattung fort. Sie scheint unterwandert von der Regelungswut, die angeblich sogar der Gurke ihre Krümmung vorschreiben will, sie handelt von Eurokraten in Brüssel. Das Publikum meidet denn auch Berichte über europäische Politik. Die Fernsehzuschauer schalten ab, die Zeitungsleser blättern weiter. Kein Wunder, dass auch die Redaktionen andere Themen bevorzugen, man bringt lieber Nachrichten aus dem Inland und den großen Städten der Welt (Fengler/Vestring 2009: 74). Allenfalls Skandale und Krisen, der Brexit oder Griechenland, erreichen eine stärkere Medienpräsenz. Die tatsächliche Arbeit in Brüssel aber behandeln die Redaktionen „stiefmütterlich“ (ebd.). Und wenn berichtet wird, dann liegt der Fokus auf dem nationalen Kontext. Womit, so der Vorwurf, die Medien zur Re-Nationalisierung Europas beitragen (Hepp et al. 2012: 9).

Der Journalismus versagt beim Thema Europa. Für die Lustlosigkeit vieler Bürgerinnen und Bürger, an europäischen Wahlen teilzunehmen, machen Wissenschaftler nicht nur Politiker und desinteressierte Bürger verantwortlich, sondern auch die Medien (Brettschneider/Rettich 2005: 137; Gerhards 2002).

Natürlich gibt es viele Gründe, die Europa zu einem wenig attraktiven Thema machen: Begonnen hat es als Wirtschaftsunion, und ökonomische Zusammenhänge sind nun mal häufig spröde. Es fehlen die mitreißenden Persönlichkeiten in der Politik, die Bürgerinnen und Bürger haben nur begrenzte Möglichkeiten der Partizipation.

Aber womöglich sind dies eher Symptome eines grundlegenden Mangels als deren Ursachen. Und Brüssel ist mehr als Bürokratie. In Brüssel werden höchst wichtige Entscheidungen getroffen, die in unser aller Alltag hineinreichen, Entscheidungen über Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Flüchtlingspolitik. Relevante Themen, über die man interessant berichten kann.

Warum also wirkt die Berichterstattung zum Thema Europa dennoch so langweilig?

Immer wieder gab und gibt es Versuche, die Idee Europa emotional zu beleben, die Demonstrationen „Pulse of Europe“ sind das jüngste Beispiel. Ein großartiges Projekt, bei dem man gerne mitmacht. Aber wie weit reicht die Begeisterung? Wen erreicht sie? Bleibt Europa nicht vor allem eine äußerst vernünftige Idee, der alle aufgeklärten Bürger zustimmen? Vernunft ist nicht sexy, Vernunft weckt keine Leidenschaft. Die Gefühle bleiben lau, das Thema zäh.

Langeweile, sagen die Psychoanalytiker, entsteht aus Abwehr. Wenn bestimmte Aspekte eines Themas ausgeklammert werden sollen, man etwas vermeiden will, wird die emotionale Besetzung entzogen. Dies erzeugt Langeweile. Es lohnt also, der Frage nachzugehen, was beim Thema Europa ausgeklammert bleibt.

Ein neues Narrativ zu Europa wird auch deshalb gefordert, weil das alte Narrativ von der Gemeinschaft des Friedens die junge Generation nicht mehr erreiche, wie viele meinen. Für die Jungen sei der Frieden selbstverständlich, Faschismus und Krieg seien ferne Vergangenheit. Aber die Abkehr von Europa ist keineswegs vor allem ein Problem der Jungen – ganz im Gegenteil. Es waren die älteren Wähler, die Großbritannien den Brexit beschert haben. Und das Narrativ vom europäischen Frieden hat auch früher schon die Massen nicht vollauf begeistert. Es war eher eine Sache der Vernunft als der Leidenschaft. Bei den Friedensdemonstrationen, die in den siebziger und achtziger Jahren Tausende auf die Straße brachten, spielte es keine Rolle.

Auf das erste große Narrativ Europas – die Einheit als Garant des Friedens – folgte mit dem europäischen Binnenmarkt das Narrativ des wachsenden Wohlstandes für alle. „Europa“, so sagte mit knarzender Stimme Hans-Dietrich Genscher, „Europa ist unsere Zukunft. Wir haben keine andere“ (Genscher 2003). In der Aussage klingt zunächst Pathos mit, was untypisch für Europa ist. Aber nach dem ersten Satz stürzt das Bekenntnis ab und landet im Ungefähren. Eine Vision ist mit dieser Zukunft nicht verbunden. Stattdessen folgt eine Negation: Ohne die Gemeinschaft geht es nicht, wenn man in einer globalisierten Welt Stärke zeigen will. Europa ist alternativlos, würde man heute vielleicht sagen. Wie ein Medikament, das man einnehmen muss, egal ob es schmeckt.

Ein drittes Narrativ hat die EU seit ihrer Gründung begleitet. Dieses Narrativ drückt sich in einem Begriff aus, der immer wieder zitiert wurde: Den Vereinigten Staaten von Europa. Darin steckt der Versuch, durch die Einheit Europas den USA einen starken Partner entgegenzusetzen, ein Pendant zu schaffen. Dank Donald Trump erfuhr dieses Narrativ in den vergangen Monaten Auftrieb und verdichtete sich in Angela Merkels Truderinger Rede mit der Forderung, dass „wir Europäer unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen [müssen]“. Es klang ein bisschen so, als müsse ein pubertierendes Kind nun endlich erwachsen werden. Joschka Fischer feierte diese Rede in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung als Ansatz zur Stärkung Europas und forderte den Mut zu einer deutsch-französischen Führung für Europa (SZ, 9. Juni 2017, S. 2).

Nur mit einer Doppelspitze gilt eine solche Führung als möglich. Deutschland allein kann diese Rolle nicht übernehmen, zu groß ist die Sorge vor einem zu mächtigen Deutschland, das die Eurozone beherrscht (Miskimmon 2015). In dieser Sorge scheint etwas auf, das in den Narrativen zu Europa nicht vorkommt: Die Spuren der Vergangenheit, die sichtbar werden, wenn Angela Merkel von griechischen Demonstranten als Hitler dargestellt wird.

Wer in den Jahrzehnten nach dem Krieg nach Frankreich reiste, konnte erleben, dass zunächst freundliche Menschen sich radikal und zornig abwandten, wenn sie erfuhren, dass man aus Deutschland kam. Zu schmerzhaft die Erinnerungen an die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Der Ausgangspunkt Europas waren Faschismus, Krieg und erbitterte Feindschaft zwischen den Völkern. Das hat Wunden hinterlassen, die bis heute nachwirken.

In den Narrativen zur EU kommt dies nicht vor. Sie streifen die Vergangenheit allenfalls ganz allgemein als Zeit des Unfriedens und richten sich auf Zukunft und Neuanfang. Auch die EU hat ihre Stunde Null. Die Frage nach Schuld und Verantwortung wurde nicht gestellt. Eine wirkliche Auseinandersetzung damit, wie die Geschichte in einem geeinten Europa weiterwirkt, hat es nie gegeben. Europa ist unsere Zukunft, aber es hat keine Vergangenheit.

Narrative haben üblicherweise eine dreifache Zeitdimension. Sie benennen Themen oder Probleme der Gegenwart, erklären deren Entstehen in der Vergangenheit und machen Aussagen über die Erwartungen für die Zukunft (vgl. Herrmann 2017). So können sie Identität schaffen, als Voraussetzung einer Gemeinschaft. Bei den Narrativen über Europa klafft hier eine Lücke: Es fehlt die Auseinandersetzung mit einer Geschichte, die Europa und der EU noch in den Knochen steckt. Die Einheit wurde ausgerufen, ohne den Grund zu untersuchen, auf dem Europa stehen soll.

Sozialpsychologisch erfordert diese Abwehr einer Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung den Abzug von Gefühlen. Das ist es, was die Idee Europa so leblos erscheinen lässt und die journalistischen Beiträge darüber so langweilig. Die EU richtet den Blick nach vorn. Sie ist damit auch im Fortschrittsglauben gefangen.

Diese Orientierung an der Zukunft, die Idee der Erlösung durch ein geeintes Europa, erinnert an Walter Benjamins Kritik am messianischen Geschichtsbegriff des historischen Materialismus, wie er ihn im berühmten Bild vom Engel der Geschichte beschrieben hat. Der Engel sieht die Trümmer der Vergangenheit und will „das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß er sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“ (Benjamin 1940/1974, IX. These).

Die Narrative Europas fokussieren den Fortschritt. Die Frage nach den Ursachen der Probleme bleibt offen: Warum haben die Europäer ihr Schicksal scheinbar nicht in die eigene Hand genommen? Warum konnten sie so wenig Verantwortung übernehmen? Warum zünden die Zukunftsvisionen für Europa nicht so gut wie der amerikanische Traum? Und warum verkommt die Gemeinschaft des Friedens im nationalen Egoismus? Im gegenwärtigen Europa suchen die Staaten nicht die Gemeinschaft, sondern ihren eigenen Vorteil, das wirtschaftliche Gefälle ist groß, die Jugendarbeitslosigkeit erschreckend, die Flüchtlingspolitik verfehlt und extrem ungerecht. Sie wird der Rolle Europas in einer globalisierten Welt in keiner Weise gerecht. Das hat Ursachen in der Vergangenheit. Man kann dies nicht durch ein neues Narrativ heilen. So wenig, wie man Narrative zur Einheit Europas erfinden kann. Sie müssen gefunden werden und in den Erfahrungen der Menschen verankert sein (Miskimmon/O’Loughlin/Roselle 2013: 5). Dafür brauchte es den Blick zurück.

Das wäre eine Aufgabe, für die ein kritischer Journalismus den Anstoß geben könnte.

 

Über die Autorin

Friederike Herrmann, Prof. Dr., 1960, Professur für Journalistik und Kommunikationswissenschaft, Journalistik, Katholische Univeristät Eichstätt-Ingolstadt. Narrative präformieren oft unbeabsichtigt öffentliche Diskurse und damit auch die Medienberichterstattung – diese Narrtive zu reflektieren ist für Journalistinnen und Journalisten wichtig. E-Mail an die Autorin.

 

Literatur

Benjamin, Walter (1940): Über den Begriff der Geschichte, in: Gesammelte Schriften, Frankfurt a.M. :Suhrkamp (1974), S. 691 f.Brettschneider, Frank/ Rettich, Markus (2005): Europa – (k)ein Thema für die Medien? In: Tenscher, Jens (Hrsg.): Wahl-Kampf um Europa. Analysen aus Anlass der Wahlen zum Europäischen Parlament 2004. Wiesbaden: VS-Verlag. S.136-156.Fengler, Susanne/ Vestring, Bettina (2009): Politikjournalismus. Wiesbaden: VS-Verlag.Genscher, Hans-Dietrich (2003): Rede von Bundesminister a. D. Hans-Dietrich Genscher anlässlich der Entgegennahme der Ehrendoktorwürde der Juristenfakultät der Universität Leipzig am 6. Mai 2003 in Leipzig, www.genscher.de/html/rede_17.pdf, abgerufen am 24.08.2017.

Gerhards, Jürgen (2002): Das Öffentlichkeitsdefizit der EU im Horizont normativer Öffentlichkeitstheorien. In: Kaelble, Hartmut, Kirsch, Martin/ Schmidt-Gernig, Alexander (Hrsg.): Transnationale Öffentlichkeiten und Identitäten im 20. Jahrhundert. Frankfurt a. M.: Campus. S. 135-158.

Hepp, Andreas/ Brüggemann, Michael/ Kleinen-von Königslöw, Katharina/ Lingenberg, Swantje/ Möller, Johanna  (2012): Politische Diskurskulturen in Europa: Die Mehrfachsegmentierung europäischer Öffentlichkeit. Wiesbaden: VS-Verlag.

Herrmann, Friederike (2017): Das Verschwinden von Fakten in der Berichterstattung. Überlegungen zur Analyse von Narrativen am Beispiel des Themas Flüchtlinge. In: Schröder, Thomas/Pfutscheller, Daniel (Hrsg.): Schneller, bunter, leichter. Kommunikationsstile im medialen Wandel. Germanistische Reihe, Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft, Innsbruck University Press. In Druck.

Miskimmon, Alister/ O’Loughlin, Ben/ Roselle, Laura (2013): Strategic Narratives. Communication Power and the New World Order. New York and London: Routledge.

Miskimmon, Alister (2015): Strategische Narrative deutscher Europapolitik. Aus Politik und Zeitgeschichte. Bundeszentrale für politische Bildung. www.bpb.de/apuz/217308/strategische-narrative-deutscher-europapolitik, abgerufen am 24.08.2017.

Fußnoten

[1] Die Ideen und Thesen dieses Textes entstanden im Austausch mit der Soziologin und Psychoanalytikerin Prof. Dr. Ilka Quindeau, der ich für entscheidende Anstöße danke.

[2] https://ec.europa.eu/info/events/citizens-dialogues