Das große Munkeln Zum Verhältnis von Journalismus und Verschwörungstheorien

von Tanjev Schultz

 

Abstract: Mit Verschwörungstheorien haben seriöse Medien nach landläufigem Verständnis nichts gemein. Professionelle Journalisten sollen und wollen in Zeiten grassierender Gerüchte, Fake News und Verschwörungstheorien ein Bollwerk der Glaubwürdigkeit sein. Aber gerade dann müssten sie selbstkritisch mögliche Berührungspunkte und Parallelen zwischen journalistischen Darstellungen und Verschwörungstheorien reflektieren. Wie der Beitrag argumentiert, sind Journalisten durchaus anfällig für narrative Muster, die auch Verschwörungstheoretiker nutzen und dann auf die Spitze treiben. Diese Muster passen zu einem dualistischen und intentionalistischen Weltbild, in dem wenig Platz ist für Grautöne, für Zufälle und für die Komplexität sozialer Strukturen und Systeme.

 

Niemand, der bei Trost ist, versteht sich selbst als Verschwörungstheoretiker. Denn Verschwörungstheoretiker sind immer die anderen – und ihre Geschichten stimmen nicht (Butter 2018: 44f.). Das macht das Reden über sie leicht, das Reden mit ihnen jedoch kompliziert. Was, wenn man, horribile dictu, am Ende selbst einer ist? In ihrem Enthüllungseifer sind Journalisten oft nicht so weit entfernt vom verschwörungstheoretischen Denken wie sie vielleicht glauben. Sich das einzugestehen, fällt schwer, weil bereits der Begriff eine Position de-legitimiert: Diese Theorie taugt nichts. Sie verlässt den soliden Boden anerkannter Ideen, Belege und Argumente. Eine Verschwörungstheorie ist spekulativ und halbseiden, wenn nicht total krude und völlig verrückt.

So verwundert es nicht, dass Medien und Journalisten, die für sich in Anspruch nehmen, seriös zu sein, ihre eigenen Arbeiten für „sauber“ halten; frei von Mythen und Legenden. Wenn überhaupt, würden sie die kursierenden wilden Geschichten kritisch kommentieren, sie entlarven, vor ihnen warnen oder sich über sie lustig machen. Beispiele für einen solchen journalistischen Umgang gibt es zuhauf, ob augenzwinkernde Berichte über das wundersame Weiterleben von Stars wie Elvis oder John Lennon oder sorgenvolle Analysen zu den fanatischen Fantasien von Antisemiten und anderen Extremisten. Die Anschläge von 9/11 waren eine Inszenierung der USA? Barack Obama kein echter Amerikaner? Die Kondensstreifen am Himmel sind ein Angriff geheimer Mächte? Und die Mondlandung nur ein Fake? Solche Erzählungen sind populär, auch in Deutschland (vgl. Schultz et al. 2017: 255f.). Doch in den etablierten Medien, die ja aus Sicht vieler Verschwörungstheoretiker mit bösen Mächten paktieren, haben sie keine Chance, ernst genommen zu werden. Für Journalisten stellt sich allenfalls die Frage, wie sie am besten auf solche Theorien reagieren: Soll man sie ganz oder weitgehend ignorieren? Wann sollte man auf sie eingehen, und in welcher Form?

 

Müssen Journalisten nicht in gewissem Sinn auch Verschwörungstheoretiker sein?

Aus der psychologischen Forschung ist bekannt, dass es oft wenig nützt, falsche Vorstellungen auseinandernehmen und widerlegen zu wollen. Im schlimmsten Fall macht man sie nur noch attraktiver. Allerdings möchte man Gerüchten, falschen Nachrichten und haltlosen Theorien etwas entgegensetzen, bevor sie sich verfestigen und am Ende auch von vernünftigen Leuten für akzeptabel oder wahr gehalten werden. Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 kursierte die infame Verschwörungstheorie, die Kandidatin der Demokraten, Hillary Clinton, und ihre Vertrauten betrieben einen Kinderporno-Ring, und ihr Hauptquartier sei eine bestimmte Pizzeria in Washington (vgl. Pörksen 2018: 36ff). Ein Mann, der dies für wahr hielt, stürmte in das Restaurant und feuerte mit einer Waffe um sich. Auch seriöse Medien kamen spätestens jetzt nicht mehr darum herum, über die Hintergründe der Tat und damit auch über die Verschwörungstheorie zu berichten.

In Zeiten, in denen sich Gerüchte, Fake News und Verschwörungstheorien, die Gerüchte und Fake News zu einer Erzählung ausbauen, im Internet rasant verbreiten, gelten traditionelle Medien, bei denen professionelle Journalisten mit entsprechendem Ethos arbeiten, zu Recht als glaubwürdige Quellen. Aber ist es wirklich so, dass die Welt der Verschwörungstheorien mit der Welt des guten alten Journalismus gar nichts gemein hat? Ist es nicht vielmehr so, dass auch und gerade der gute alte Journalismus bisweilen wie eine Einladung für Verschwörungstheoretiker funktioniert hat – und noch heute funktioniert? Für diese delikate Verbindung gibt es zwei wesentliche Gründe. Erstens: Journalisten sind immer wieder mit echten Verschwörungen konfrontiert. Mitunter sind sie sogar die Ersten, die sie aufdecken. Zweitens: Journalisten nutzen in ihrer Berichterstattung inhaltliche Frames und narrative Muster, an die eine verschwörungstheoretische Rhetorik gut anschließen kann.

Zunächst zum ersten Punkt. Etlichen Missständen, die von den Medien ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden, liegen Verschwörungen oder zumindest Verschleierungen zugrunde. Bestimmte Akteure haben ihr Handeln geheim gehalten, weil sie wissen oder befürchten müssen, dass Offenheit ihnen und ihren Zielen schaden würde. Manager und Ingenieure manipulieren Abgaswerte (Diesel-Affäre). Diktatoren und ihre Handlanger manipulieren Wahlergebnisse (Alltag in vielen Staaten). Agenten sprengen ein Loch in eine Gefängnismauer („Celler Loch“). Politiker und Generäle täuschen die Öffentlichkeit über die Lage im Krieg (Vietnam). Regierende lassen die Opposition ausspionieren (Watergate) oder die Politiker und Bürger „befreundeter“ Staaten (NSA-Affäre). Ex-Spione werden auf offener Straße vergiftet (Fall Skripal). Die Liste ließe sich lange fortführen, und jeder Eintrag darauf ist ein Grund mehr für eine freie Presse, die neben anderen Funktionen die Rolle eines Kontrolleurs der Mächtigen übernimmt.

Müssen also Journalisten, wenn sie Wachhunde der Demokratie sein wollen, nicht in einem gewissen Sinne auch Verschwörungstheoretiker sein? Jedenfalls müssen sie stets damit rechnen, dass es reale Verschwörungen gibt, und sie benötigen den Antrieb, diese aufdecken zu wollen. Journalisten können keiner Institution und keinem Akteur unbedingtes Vertrauen schenken. Sie müssen, ohne paranoid zu sein oder paranoid zu werden, das Zweifeln kultivieren, die Skepsis und das Misstrauen. Sie müssen sich vermeintlich Unvorstellbares vorstellen können und offen sein für ungewöhnliche Fragen und Hypothesen, die den offiziellen Darstellungen und herrschenden Meinungen zuwiderlaufen. Ist der Journalismus zu zahm, zu träge oder zu naiv, erfüllt er seine Rolle schlecht.

Verschwörungstheorien erklären Ereignisse und Vorkommnisse, indem sie als zentrale Ursache eine Gruppe von Verschwörern identifizieren, die im Verborgenen einen für die Allgemeinheit üblen Plan verfolgt haben (vgl. Uscinski & Parent 2014: 32f.; Butter 2018: 21ff.). Solche Verschwörer hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Darauf können leider auch jene verweisen, die ihre kruden Geschichten als Wahrheiten verkaufen wollen.

 

Auch Rechercheure möchten mitunter wackere Helden sein

Verschwörungstheorien konstruieren ihre Erzählung nicht immer, aber oft als Alternative zu einer „herrschenden“, „offiziellen“ Version. Unstrittige und umstrittene Fakten werden in einen alternativen Handlungs- und Sinnzusammenhang gesetzt, dadurch wird ein geheimer Plot enthüllt (vgl. Renner & Schultz 2017). Sowohl unseriöse, bizarre, dogmatische Verschwörungstheorien als auch seriöse, berechtigte, einem methodischen Zweifel folgende Verschwörungshypothesen funktionieren nach diesem Muster – und naturgemäß wird eifrig und eifernd in jedem Einzelfall darüber gestritten, wo genau die Grenze zwischen dem Unseriösen und dem Seriösen verläuft und wann aus einer mehr oder weniger steilen These ein abgedichtetes Theoriekonstrukt wird.

Manches lässt sich aus wissenschaftlicher und journalistischer Sicht recht schnell als haltloses Zeug beiseiteschieben (die Kanzlerin sei eine Außerirdische, die Brunnen vergiftet u.dgl.). Anderes nicht: War der Attentäter, der 1980 eine Bombe auf dem Münchner Oktoberfest zündete, ein Einzeltäter, wie die Ermittler behauptet haben – oder gab es Mitverschwörer, womöglich sogar aus den Reihen staatlich gedeckter V-Leute? Ist Oury Jalloh 2005 in seiner Zelle auf dem Polizeirevier in Dessau nach einer Verkettung unglücklicher Umstände verbrannt; haben die Beamten, die den Tod nicht verhinderten, fahrlässig gehandelt – oder haben sie den Mann womöglich angezündet? Journalisten können sich, wenn die Dinge nicht eindeutig liegen, mit den Angaben und Beteuerungen der Behörden nicht zufriedengeben. In einigen Fällen ist auch ein Gerichtsurteil kein Grund, das Zweifeln und Recherchieren einzustellen. Wie Journalisten können Richter irren. Nur Verschwörungstheoretiker irren nicht, die wissen Bescheid.

Auch Journalisten sind freilich stets in Gefahr, sich zu verrennen und zu sehr zu versteifen auf eine bestimmte Version. Vielen Verschwörungsnarrativen haftet etwas Rebellisches und Heroisches an, und in ihrem investigativen Impetus können Rechercheure und Reporter der Versuchung erliegen, diese Eigenschaften verkörpern zu wollen; wie in den Romanen und Spielfilmen, in denen wackere Helden finsteren Verschwörern die Stirn bieten.

Wollen sie nicht auf eine schiefe Ebene geraten, müssen Journalisten den Zweifel auch gegen sich selbst und ihre eigenen Annahmen und Befunde wenden. Folgen sie einer Spur, weil sie wittern, dass an einer offiziellen Darstellung etwas faul ist, müssen sie auch diese Spur immer wieder kritisch prüfen. In der Theorie sind das Selbstverständlichkeiten einer offenen und intensiven Recherche, in der Praxis sind diese Prinzipien permanent gefährdet: durch knappe Ressourcen, Druck, Konkurrenz, Eitelkeit, blinde Flecken – und durch die Konventionen und Verlockungen des journalistischen Erzählens.

Journalisten müssten sorgsam zwischen verschiedenen Ebenen unterscheiden und deutlich machen, welchen Status die Aussagen haben, die sie treffen oder referieren: Was sind unstrittige oder strittige Fakten, was sind Vermutungen, welche verschiedenen Erklärungen und Deutungen gibt es? Das Problem ist nur, und dies betrifft den zweiten Grund für eine (ungewollte) Verbindung zwischen Journalismus und Verschwörungstheorien: In den Medien werden gern Geschichten erzählt, auch im Journalismus.

 

Beispiel NSU-Komplex

Das „faktuale Erzählen“ (vgl. Renner & Schupp 2017) unterscheidet sich zwar erheblich vom fiktionalen Erzählen, da es gebunden bleibt an reale Sachverhalte. Aber in den narrativen Strukturen bestehen Ähnlichkeiten. Im Vergleich beispielsweise zur Justiz sind die Medien weniger verfahrensfixiert und weniger streng ausgerichtet auf systematisches Sammeln und Prüfen sowie analytisches Ordnen und Gewichten. Journalisten erzählen, auch und gerade wenn es um mutmaßlich Skandalöses geht, am liebsten spannend – wie im Krimi. Sie erzählen nicht unbedingt umfassend und vollständig. Sie raffen, straffen und dramatisieren.

Damit verbunden ist die bekannte journalistische Vorliebe für eine Personalisierung von Sachthemen. Menschen mit ihren Intentionen und Handlungen werden in den Vordergrund gerückt. Strukturen, Systeme, Zufälle oder nicht-intendierte Handlungsfolgen geraten aus dem Blick. Wie Verschwörungstheoretiker suchen Journalisten nach Schuldigen und einer Kausalkette. Und wie diese treibt sie die Vorstellung (beziehungsweise die Illusion), der Lauf der Welt sei planbar und kontrollierbar (Butter 2018: 28). Probleme bereitet es Journalisten bereits, wenn das Personal und die Positionen, die für ein Thema relevant sind, unübersichtlich werden. Sie reagieren mit einer Reduktion aufs (angeblich) Typische, aufs Exemplarische oder Extreme.

Nehmen wir den NSU-Komplex. Hunderte Beamte und Dutzende Behörden waren zu unterschiedlichen Zeiten mit der Suche nach dem untergetauchten Neonazi-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe und später mit den Ermittlungen zu der Mordserie, den Raubüberfällen und Sprengstoffanschlägen befasst. Die eine Hand wusste oft nicht, was die andere tat (vgl. Schultz 2018). In der Öffentlichkeit konnte aber leicht der Eindruck entstehen, der Verfassungsschutz (der in Deutschland aus 17 eigenständigen Ämtern besteht) sei als einheitlicher Akteur aufgetreten und womöglich sogar die treibende Kraft hinter dem verbrecherischen Treiben gewesen. Die unrühmliche Rolle der Polizei wird schnell übersehen; auch die Tatsache, dass einige Polizeibehörden eigene V-Leute führen, die oft nicht weniger dubios sind als die der Verfassungsschutzämter.

Tatsächlich sind viele Fragen im NSU-Komplex bis heute nicht befriedigend beantwortet, trotz oder gerade wegen eines jahrelangen Gerichtsverfahrens, zahlreicher Untersuchungsausschüsse und journalistischer Recherchen. Das ist typisch für verwickelte Fälle; nicht alles lässt sich haarklein rekonstruieren und aufklären. Damit steigt die Gefahr, dass bleibende Leerstellen durch Spekulation und Verdacht so lange aufgefüllt werden, bis daraus ein Urteil der öffentlichen Meinung folgt, das als Melange aus fundierten Erkenntnissen und verschwörungstheoretischen Versatzstücken beschrieben werden kann. Interessierte Kreise, nicht zuletzt aus der rechtsextremen Szene, befeuern seit Jahren Legenden über den NSU als angebliche Erfindung des Staates, und pseudo-dokumentarische Fernsehspiele wie die ARD-Trilogie „Mitten in Deutschland: NSU“ (2016) spielen ihnen in die Hände, indem sie einen Konspirationsbrei als Thriller servieren und trotzdem so tun, als trügen sie damit zur Aufklärung bei (Renner & Schultz 2017).

 

X war am selben Tag in A wie Y – kann das Zufall sein…?

Auch Journalisten sind anfällig für Fehlschlüsse (fallacies), die in fiktionalen Stoffen und in Verschwörungstheorien vorkommen, wie die False-Dilemma-Fallacy: Die Welt wird in zwei Seiten geteilt. Etwas ist entweder schwarz oder weiß, gut oder böse, A oder B. Doch große Teile der Wirklichkeit bestehen aus Grautönen, und als Erklärung für ein Ereignis kommen nicht nur A und B infrage, möglich wären auch C, D oder E – oder eine Mischung aus allem. Ein weiterer Fehlschluss: die Divine Fallacy. Ein Sachverhalt ist so unglaublich, dass er angeblich nur erklärbar ist durch das Wirken einer höheren Macht (im Extrem: durch Gott). Seriöse Journalisten gehen zwar nicht so weit, die üblichen Verdächtigen verantwortlich zu machen, die von Verschwörungsfans beschuldigt werden (Außerirdische, CIA, Mossad oder gleich die jüdische Weltverschwörung). Aber es reicht schon, wenn sie in ihren Beiträgen nahelegen, es müsste mächtige Hintermänner geben, die bisher nicht enttarnt worden sind.

In der Skandalberichterstattung und besonders in Berichten über den Sicherheits- und Geheimdienst-Apparat werfen Journalisten gerne Fragen auf, ohne sie beantworten zu können. Vieles ist unklar. Nicht Genaues weiß man nicht. Normalerweise sollten Journalisten ihr Publikum nicht mit Fragen behelligen, sondern ihm Antworten liefern. Stößt eine brisante Recherche an eine Grenze, an der es nicht weitergeht, bleibt den Journalisten manchmal nichts anderes übrig, als dies zu dokumentieren. Das Aufwerfen von Fragen ist dann eine Methode, mit der sie ihr Publikum ein Stück über diese Grenze blicken lassen. Die Richtung der Blicke kann durch den Rest des Beitrags gesteuert werden, beispielsweise durch die Art, in der Experten auftreten und sich als „opportune Zeugen“ äußern (Hagen 1992).

Man behauptet nichts. Man fragt ja nur. Aber die Fragen sind nicht neutral, sie insinuieren dieses oder jenes. Sie bereiten Unterstellungen und Verdächtigungen den Boden – und können damit den Fragen ähneln, die Verschwörungstheoretiker stellen. Auch sie fragen angeblich nur. Wie kann es sein, dass…? Ist es nicht seltsam, wenn…? X war am selben Tag in A wie Y – kann das Zufall sein…?

Mit Verschwörungstheoretikern möchten die Journalisten seriöser Medien nichts zu tun haben. Aber wer etwas journalistisch zu enthüllen versucht, bewegt sich teilweise auf derselben Bahn – nur an anderer Position, in anderem Tempo und, hoffentlich, im Bewusstsein, diese Bahn jederzeit verlassen und wechseln zu können. Um nicht in eine falsche Richtung abzugleiten, müssen Journalisten ihre eigenen Vorstellungen und Unterstellungen reflektieren. Das betrifft keineswegs nur die Arbeit in investigativen Projekten, sondern genauso den Alltag in der politischen Berichterstattung. Journalisten haben die Angewohnheit, auch das Handeln von Politikern stark zu psychologisieren und auf Intentionen und geheime Pläne zu untersuchen. Aus der Luft gegriffen ist das nicht, zur Politik gehört der Machtpoker. Aber nicht nur. Andere Faktoren, bis hin zum schnöden Zufall, können bedeutsamer sein, als dies von Journalisten wahrgenommen wird.

Zusätzlich kompliziert wird die Lage dadurch, dass Enttäuschte und Verächter den Journalismus in Verschwörungsnarrative einbauen, wie im Zusammenhang mit dem „Lügenpresse“-Vorwurf und dem Verdacht, die Medien würden mit den Mächtigen gemeinsame Sache machen (vgl. Jackob, Quiring & Schemer 2017). Etwa jeder fünfte Bürger in Deutschland stimmt nach einer Umfrage, die der Autor gemeinsam mit Kollegen des Mainzer Instituts für Publizistik Ende des Jahres 2017 durchführen ließ, der Aussage zu, „die Medien und die Politik arbeiten Hand in Hand, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren“ (ein Jahr zuvor stimmte jeder vierte Befragte zu; Schultz et al. 2017: 253).

Diese Menschen vom Gegenteil zu überzeugen, wird nicht leicht sein. Dass die Medien kritische Distanz zu den Mächtigen wahren und ihrer Rolle eines kritischen Kontrolleurs gerecht werden müssen, ist richtig. Falsch wäre es, diese Rolle so zu verstehen, dass Journalisten selbst ins verschwörungstheoretische Horn blasen sollten.

 

Über den Autor

Dr. Tanjev Schultz (*1974) ist seit 2016 Professor für Journalismus am Institut für Publizistik und am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zuvor war er mehr als zehn Jahre lang Redakteur der Süddeutschen Zeitung und schrieb unter anderem über Sicherheitspolitik, Geheimdienste und Terrorismus. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören der investigative Journalismus, journalistische Darstellungsformen und die Demokratietheorie. Er hat Philosophie, Psychologie, Kommunikationswissenschaft und Germanistik in Berlin, Hagen und Bloomington (USA) studiert und an der Universität Bremen in Politikwissenschaft promoviert. Kontakt: tanjev.schultz@uni-mainz.de

 

Literatur

Butter, Michael (2018): „Nichts ist, wie es scheint“. Über Verschwörungstheorien. Frankfurt/M., SuhrkampHagen, Lutz M. (1992): Die opportunen Zeugen. Konstruktionsmechanismen von Bias in der Volkszählungsberichterstattung von FAZ, FR, SZ, taz und Welt. In: Publizistik, 37, 4, S. 444-460Jackob, Nikolaus; Quiring, Oliver; Schemer, Christian (2017): Wölfe im Schafspelz? Warum manche Menschen denken, dass man Journalisten nicht vertrauen darf – und was das mit Verschwörungstheorien zu tun hat. In: Renner, Karl N.; Schultz, Tanjev; Wilke, Jürgen (Hrsg.): Journalismus zwischen Autonomie und Nutzwert. Köln, Herbert von Halem Verlag, S. 225-250Pörksen, Bernhard (2018): Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung. München, HanserRenner, Karl N.; Schultz, Tanjev (2017): „Vielleicht war der Teufel im Spiel“. Die Suggestion von Verschwörung und die Konstruktion der Sicherheitsbehörden in der ARD-Trilogie „Mitten in Deutschland: NSU“. In: Lessenich, Stephan (Hrsg.): Geschlossene Gesellschaften. Verhandlungen des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bamberg 2016.Renner, Karl N.; Schupp, Katja (2017): Journalismus. In: Martínez, Matías (Hrsg.): Erzählen. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart, J.B. Metzler, S. 122-132

Schultz, Tanjev (2018): Kollaps der Sicherheit. Der Terror des NSU und das Versagen des Staates. München, Droemer, i.V.

Schultz, Tanjev; Jackob, Nikolaus; Ziegele, Marc; Quiring, Oliver; Schemer, Christian (2017): Erosion des Vertrauens? Misstrauen, Verschwörungstheorien und Kritik an den Medien in der deutschen Bevölkerung. In: Media Perspektiven, Heft 5, S. 246-259

Uscinski, Joseph E.; Parent, Joseph M. (2014): American Conspiracy Theories. Oxford/New York, Oxford University Press.