Über „Journalistik“ Ein Fachmagazin mit Herausgeberprinzip

Der Journalismus ist infolge des digitalen Medien- und Kulturumbruchs in eine Krise geraten. Sie führt zu einem Wandel dessen, was ein Jahrhundert lang – aufgrund inzwischen veränderter historischer Entstehungsbedingungen – unter diesem Beruf verstanden wurde. In dieser Situation gilt es, das herkömmliche Konzept von journalistischer Professionalität zu überprüfen: Was muss bleiben, weil die journalistische Öffentlichkeitsaufgabe für moderne Gesellschaften nach wie vor lebenswichtig ist? Was muss sich aber auch ändern oder ändert sich schon?

In dieser Erneuerungskrise bedarf der Journalistenberuf mehr denn je der ihn begleitenden Wissenschaftsdisziplin Journalistik. Sie geht von der Notwendigkeit einer durch qualifizierten Journalismus hergestellten Öffentlichkeit für die Selbstregulierung komplexer Gesellschaften aus. Dabei legt sie so viel intellektuelle Breite und Unerschrockenheit an den Tag, dass Innovationen von ihr ausgehen können.

Eine Fachzeitschrift der Journalistik

Anders als in den angelsächsischen Ländern, wo es eine ganze Reihe von Zeitschriften für „journalism studies“ gibt und sogar wissenschaftliche Spezialorgane u. a. für Geschichte des Journalismus, journalistische Berufsethik oder literarischen Journalismus, fehlt den deutschsprachigen Ländern bisher eine Fachzeitschrift der Journalistik, die das Profil der Disziplin schärft. Deutschsprachige Journalismusforscherinnen und -forscher sind auf kommunikationswissenschaftliche Zeitschriften ohne Berufsbezug oder auf Praxisjournale angewiesen.

Um diese Lücke zu füllen, starten wir die Zeitschrift „Journalistik“. Möglich wird dieser Start durch Förderungen des Herbert von Halem-Verlags und der Stiftung Presse-Haus NRZ.

Die “Journalistik“ ist bis auf Weiteres als Online-Publikation gedacht. Nach dem Muster traditioneller wissenschaftlicher Zeitschriften wird sie aber zu festen Terminen mit zitierbarer Ausgaben-Zählung erscheinen. Zusammen mit dem Verlag fassen wir zu gegebener Zeit eine Auswahl thematisch zusammenhängender Beiträge als „best of“ in gedruckter Form ins Auge.

Wissenschaftlicher Pluralismus

Herrschte bis in die 1970-er Jahre aufgrund der normativ-ontologischen Tradition der deutschen Zeitungswissenschaft ein Mangel an empirisch-analytischer Forschung, hat sich diese Situation seit den 1990-er Jahren umgekehrt: Mittlerweile ist in der Kommunikationswissenschaft ein Überhang an Publikationen zu sehen, für die Modelle der Natur- und Technikwissenschaften Pate stehen. Dem steht ein Mangel an historisch-hermeneutischen Beiträgen gegenüber, die sich vom praktischen Erkenntnisinteresse an Verständigung (Jürgen Habermas) nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch im Journalismus und der ihn begleitenden Wissenschaft leiten lassen. Solche Diskussionsbeiträge sind gerade heute neben empirisch-analytischen, am Variablenansatz (Gerhard Maletzke) orientierten Forschungsberichten wichtig, weil es in dem durch den digitalen Medien- und Kulturumbruch verunsicherten Journalistenberuf einen hohen Bedarf an Selbstverständigung gibt.

Herausgeberprinzip

Mittlerweile herrscht auch bei den Periodika der Kommunikationswissenschaft das „double blind reviewing“. Trotz mancher Vorteile dieses Auswahlverfahrens richtet sich gegen seine Hegemonie zunehmend Kritik, u. a. weil Anonymität die Sorgfalt von Begutachtungen mindert und die Verantwortlichkeit für Publikationsentscheidungen undeutlich werden lässt. Damit verliert eine journalistische Einsicht an Geltung, die ins Medienrecht eingegangen ist: Das probate Mittel, um publizistische Qualität zu sichern, ist namentliche Verantwortung. Das sollte eine Disziplin nicht vergessen, die dem Journalistenberuf zur Seite steht. Im Übrigen ist zu befürchten, dass bei der Auswahl von externen Gutachterinnen und Gutachtern, die im Themengebiet eines Manuskriptangebots ausgewiesen sind, entweder akademische Freunde oder Gegner der Urheberperson zum Zuge kommen. Das führt zur Übervorsicht bei Einreichungen und zu einer Vereinheitlichung, die für innovative Wissenschaft problematisch ist . Um solche Nachteile zu vermeiden und auch bei den wissenschaftspublizistischen Entscheidungsverfahren Pluralismus zu wahren, ist die „Journalistik“ bewusst als Herausgeberzeitschrift konzipiert, die auch nicht an akademische Institutionen gebunden ist.

Zweisprachigkeit

In den deutschsprachigen Ländern ist das berufsorientierte Fach Journalistik später als in den angelsächsischen Ländern entstanden und daher (noch) relativ klein. Deshalb und weil Englisch zur globalen Lingua Franca der Wissenschaft geworden ist, bedarf nicht zuletzt die Journalistik des Anschlusses an die englischsprachige Welt. Forschungsergebnisse aus dem deutschen Sprachgebiet sollten auch in Englisch zugänglich sein, damit sie international Beachtung finden. Gleichzeitig müssen aber auch die deutschsprachigen Originale präsent bleiben, wenn die Journalistik sich nicht von der außerakademischen Medienwelt isolieren oder zum Abschleifen kultureller Vielfalt beitragen will. Auch, um den bewussten Verzicht auf das Peer-Review im Hinblick auf Qualifikationsziele von Autorinnen und Autoren zu kompensieren, gehört eine inhaltsgleiche englische Version neben der deutschen zu unserem Konzept.

Entscheidungskriterien und -verfahren

Maßgeblich für den Inhalt und damit für die Auswahl von Beiträgen sind die Relevanz für den Journalistenberuf und seine Öffentlichkeitsaufgabe sowie wissenschaftliche Qualitäten: Innovationskraft, Ideenreichtum, Prägnanz von Fragestellungen, argumentative Schlüssigkeit, Prüfbarkeit von Daten, Nachvollziehbarkeit von Quellen, last but not least klare Sprache. Auf dieser Grundlage streben wir ein Optimum an Pluralität von Gegenständen und Problemen, Perspektiven und Methoden, Theorieansätzen und Praxisbezügen an. Sowohl empirisch-analytische als auch historisch-hermeneutische Beiträge und Essays finden nebeneinander Platz.

Publikationsentscheidungen werden von den Herausgeberinnen und Herausgebern gemeinsam getroffen und verantwortet. Wir hoffen, dass auch die Zusammensetzung des Herausgeberkreises, was Alterskohorte, Geschlecht, Nationalität und akademisches Profil betrifft, ein ausreichendes Maß an Pluralität wahrt.

Dieser Text erschien zuerst als Editorial der Ausgabe 1/2018