Editorial 2/2025

Liebe Leser:innen,

»Ich glaube, dass Journalismus sich zwingend verändern muss« , so Dirk von Gehlen, Journalist und Direktor des SZ-Instituts, des Think Tanks der Süddeutschen Zeitung. Gabriele Hooffacker und Nicola Moser überschreiben ihren Essay mit diesem Satz aus einem Interview mit von Gehlen. Befragt wurden er und weitere Expert:innen aus Wissenschaft und Praxis dazu, wie generative Sprach-KI den Journalismus verändert und wie Ausbildungsinstitutionen auf den rasanten technologischen Wandel reagieren sollten. Der Anpassungsdruck scheint enorm, doch verbergen sich hinter der Rede vom »zwingenden Wandel« nicht zwingend Qualität, mehr Informiertheit, mehr demokratische Öffentlichkeit. Wenn Redaktionen KI-Tools nutzen, um schneller mehr content mit weniger Personal zu produzieren, stehen Effizienz und Kostenminimierung an erster Stelle.

Journalismus kann nicht bleiben, wie er war, so die Expert:innen. Wie die Veränderungen konkret aussehen, behandeln die wissenschaftlichen Aufsätze und Essays dieser Ausgabe. Jessica Kunert, Luka Simon und Volker Lilienthal zeigen am Beispiel des Rechercheverbunds von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, wie kollaborativ und zugleich arbeitsteilig professioneller Journalismus heutzutage organisiert ist, um trotz geringerer finanzieller und personeller Ressourcen tiefer­gehende Recherchen zu ermöglichen. Die Forscher:innen interessieren sich vor allem für Arbeitsabläufe und Probleme der internen Kommunikation. Wer arbeitet woran, wer informiert wen, was wird wann publiziert? Diese neuen Formen der Zusammenarbeit von Journalist:innen öffentlich-rechtlicher und privat-kommerzieller Medien erfordern Vertrauen und immer wieder Absprachen. Sie sind zeit- und kostenintensiv, zahlen sich aber letztlich aus, weil Skandale aufgedeckt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Doch sehen sich Rechercheverbünde wie der von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung auch mit dem Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung und Quersubventionierung konfrontiert.

Jenseits klassischer Organisations- und Finanzierungsformen agiert der sogenannte »gemeinnützige« oder Non-Profit-Journalismus. Er finanziert sich nicht durch Beiträge, Verkauf oder Werbung, sondern durch Spenden, Mitgliedschaften und Stiftungsgelder. Sebastian Gall und Uwe Krüger befassen sich mit der Sicherung seiner Unabhängigkeit. Am Beispiel von Correctiv und den Recherchen zum »Potsdamer Treffen« hochrangiger AfD-Politiker, Unternehmer und Neonazis zeigen die Autoren, wie spendenfinanzierte journalistische Arbeit gesellschaftliche Wirkung entfalten kann: Hunderttausende demonstrierten im Januar 2024 gegen Rechtsextremismus. Dennoch bleibt das Problem der Finanzierung von Journalismus und dass »gemeinnütziger« Journalismus von der Spendenbereitschaft Einzelner abhängt.

Was also wird berichtet, mit welchen Themen erreicht der Journalismus seine Publika, welche Themen vernachlässigt er? Die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) analysiert seit 1997, worüber nicht oder zu wenig berichtet wird. Sie benennt nicht nur jährlich die »Top Ten« der vernachlässigten Themen, sondern kritisiert auch jene Strukturen, die zu Nicht-Thematisierung führen. Jörg-Uwe Nieland und Hektor Haarkötter diskutieren in ihrem Beitrag die Forschung zur Thematisierungsfunktion der Medien, zu Agenda Setting und Agenda Cutting. Sie geben Auskunft darüber, was ein Ereignis zu einem berichtenswerten Ereignis macht und warum manche Nachrichten nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen doch gebührt. Nicht nur den Journalismus, auch Journalistik, Kommunikations- und Medienwissenschaft sehen die Autoren in der Pflicht und fordern von ihren Wissenschaftskolleg:innen mehr öffentliche Kritik und Aufklärungsanstrengungen.

Zur Aufklärung gehört, über den nationalen Tellerrand hinauszuschauen und z. B. die Präsidentschaftswahl in Rumänien sowie die Situation der Medien und des politischen Journalismus dort zu thematisieren. Eduard-Claudiu Gross und Tanjev Schultz untersuchen, wie Social Media allen Demokratisierungsversprechen zum Trotz während des Wahlkampfes Desinformationen verbreitet und für einen Wahlsieg des rechtsradikalen, prorussischen Kandidaten Călin Georgescu gesorgt haben. Der rumänische Verfassungsgerichtshof ordnete daraufhin im Dezember 2024 auch wegen des Verdachts russischer Einflussnahme eine Wiederholung der Wahl an. Deutlich wurde durch den TikTok-Einsatz rechtsextremer Politiker:innen die disruptive Macht digitaler Kommunikationsplattformen, jedoch auch das Potenzial professioneller, faktenorientierter Berichterstattung. Der Wahlsieg des gemäßigten Kandidaten Nicușor Dan zeigt: Medien können demokratisches Korrektiv sein und durch Qualitätsjournalismus Vertrauen zurückgewinnen. Doch politischer Journalismus braucht Unabhängigkeit von Plattform- und Marktlogiken.

Schließlich erinnert uns die Studie von Ella Hackett, Teodora Tavares und Gregory Perreault daran, dass Journalismus immer auch Kampf um Repräsentation und Anerkennung ist. In ihrer Analyse von Nachrufen auf US-amerikanische Journalistinnen zeigen die Autor:innen, wie dieses spezielle Genre Ansichten darüber vermittelt, was guter Journalismus ist bzw. was gute Journalistinnen ausmacht. Positiv würdigen die Nachruf-Schreiber:innen zumeist den Mut und die Unangepasstheit der Verstorbenen. Insgesamt lässt sich durch die computergestützte Analyse von über tausend Nachrufen auf Journalistinnen eine Veränderung des »metajournalistischen Diskurses« und ein anderes Verständnis von Journalismus erkennen: weg von einem neutralen, distanzierten hin zu einem engagierten, werteorientierten Journalismus als Ort gesellschaftlicher Aushandlung und Emanzipation.

Der Journalismus verändert sich also ohnehin ständig, nichts bleibt, wie es ist. Wenn wir aber meinen, dass sich Journalismus zwingend verändern muss, sollte das nicht heißen, er muss noch datengetriebener und noch effizienter werden. Besser wäre: unabhängiger von Marktzwängen, Plattformlogiken und technokratischen Heilsversprechen.

Die Rezensionen, Aufsätze und Essays dieser Ausgabe verbinden empirische Forschung mit theoretischer Reflexion, internationale Perspektiven mit konkreten Fallstudien. Sie laden ein, den journalistischen Wandel nachzuvollziehen. Mögen sie auch dazu einladen, den Wandel aktiv mitzugestalten. Wir wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre und freuen uns auf ihre Meinungen!

Martina Thiele