„Die Zukunft ist frei!” Eine Bestandsaufnahme des freien Journalismus in Deutschland

von Nina Steindl, Corinna Lauerer, Thomas Hanitzsch

 

Abstract: Obwohl freiberuflich tätige Journalist*innen den deutschen Journalismus zunehmend prägen, ist der Forschungsstand zu dieser Gruppe äußerst überschaubar. Der vorliegende Beitrag geht deshalb der Frage nach, wer die Freien sind, wo sie arbeiten und wie sie ihre Rolle als Journalist*innen wahrnehmen. Die Basis der Analysen bilden 137 standardisierte Interviews mit hauptberuflichen freien Journalist*innen, die in der zweiten Welle der Worlds of Journalism Study in Deutschland geführt wurden. Es zeigt sich, dass Freie vor allem im Rundfunk, bei Zeitschriften und im Online-Bereich tätig sind. Trotz paralleler Tätigkeit für meist mehrere Medien ist ihr Einkommen eher gering. Von ihren festangestellten Kolleg*innen unterscheidet sie die etwas geringere redaktionelle Autonomie. Bestechende Ähnlichkeit weisen sie hingegen hinsichtlich der eher linksorientierten politischen Einstellung und dem journalistischen Rollenverständnis auf. Die Unterhaltungs- und Ratgeberrolle ist unter den Freien von geringerer Bedeutung.

 

„Die Zukunft ist frei!“ So lautet das Urteil des deutschen Berufsverbandes freier Journalistinnen und Journalisten (Freischreiber 2017). Diesen Schluss lassen auch die geschätzt rund 122.500 haupt- wie nebenberuflichen Freien und Hobby-Journalist*innen zu, die derzeit in Deutschland tätig sind (Buckow 2011: 24; Deutscher Journalisten-Verband 2014; Meyen/Springer 2009: 18).[1] Als Gegenstand der Forschung galten die freiberuflichen Journalist*innen noch vor knapp zehn Jahren als unterforschte „Blackbox“ (Pöttker 2008). Seither sind zwar vermehrt Forschungsbestrebungen erkennbar (siehe Buckow 2011; DJV 2009, 2014; Meyen/Springer 2009), der Literaturbestand ist aber nach wie vor recht übersichtlich.

Dabei ist das Thema enorm relevant. Globalisierung, Digitalisierung sowie der zunehmende Kommerzialisierungs- und Konkurrenzdruck leisten der Auslagerung journalistischer Arbeit weiteren Vorschub (Pöttker 2008; Weischenberg et al. 2006: 36). Für die Medienhäuser bietet dieses Vorgehen ökonomische Vorteile, da für freie Mitarbeiter*innen weniger Nebenkosten anfallen und die Anstellung flexibel kündbar ist (DJV 2017).

Gleichzeitig sind die Beschäftigungsverhältnisse für freiberufliche Journalist*innen in den letzten Jahren zunehmend prekär geworden. Einige Freie können aufgrund schwankender Auftragslagen und niedriger Honorare ihre Existenz nicht mehr durch ihre journalistische Tätigkeit allein absichern (DJV 2014). So nehmen die Nebentätigkeiten zu, z.B. in der PR oder in der Unternehmenskommunikation, während die Zahl hauptberuflicher freier Journalist*innen von 18.000 im Jahr 1993 auf aktuell rund 9.600 abgesunken ist (Steindl et al. 2017; Weischenberg et al. 2006: 36).

Außerdem müssen sich freiberufliche Journalist*innen verstärkt selbst vermarkten, um sich gegen die zunehmende Konkurrenz am Markt durchsetzen zu können. Die Akteure, die sie dabei für sich gewinnen müssen, sind zu allererst Redakteur*innen, die ihre journalistischen Produkte beauftragen und annehmen (Meyen/Springer 2009: 151). Dies kann durchaus mit Loyalitäts- und Qualitätskonflikten einhergehen (Bunjes 2008). Dessen ungeachtet belegen Studien, dass freiberuflich tätige Journalist*innen oftmals hochzufrieden mit ihrer Arbeit sind – trotz der schlechten Verdienstmöglichkeiten und des starken Wettbewerbsdrucks. Dabei sind es vor allem der berufliche Freiraum und die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, die von den Freien so sehr geschätzt werden (Buckow 2011: 66ff.; Bunjes 2008; Pöttker 2008; Meyen/Springer 2009: 97, 149ff.).

Es sind auch diese Paradoxien, die den freien Journalismus zu einem interessanten Forschungsgegenstand machen. Denn mit der zunehmenden Bedeutung der Freiberufler werden zugleich Befürchtungen einer Deprofessionalisierung und Entgrenzung des Journalismus geschürt (Pöttker 2008; Weischenberg et al. 2006: 14ff.). Es stellt sich daher die Frage, ob und inwiefern freie Journalist*innen ein berufliches Rollenverständnis entwickeln, das sich von dem ihrer angestellten Kolleg*innen unterscheidet, etwa durch eine andere berufliche Sozialisation oder durch parallele Tätigkeiten außerhalb des Journalismus (Koch et al. 2012).

Vor dem Hintergrund der Entwicklung hin zu mehr Freiberuflichkeit im Journalismus lohnt sich ein genauer Blick auf diese Gruppe – und darauf, wie sie sich im Verlauf der letzten Jahre gewandelt hat. Der vorliegende Beitrag strebt mithin eine Bestandsaufnahme darüber an, wer die freien Journalist*innen sind, wo sie arbeiten und wie sie ihre Rolle im Journalismus wahrnehmen:

FF1: Wer ist der „typische“ Freie in Deutschland?

FF2: In welchen Bereichen und Positionen sind freie Journalist*innen tätig?

FF3: Welches Rollenverständnis leitet ihre journalistischen Tätigkeiten an?

 

1. Methodische Vorgehensweise

Die Daten zu freien Journalist*innen sind der zweiten Welle der international-kollaborativen Worlds of Journalism Study[2] entnommen. Das Projekt wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Die standardisierte Befragung umfasst insgesamt 775 Interviews mit festangestellten und freien Journalist*innen in Deutschland. Diese wurden mittels einer zweistufigen Zufallsauswahl bestimmt und zwischen November 2014 und August 2015 befragt.

Für die Erhebung war die Bestimmung der Journalist*innen-Zahlen von zentraler Bedeutung. Berücksichtigung fanden lediglich professionelle Journalist*innen. Diese sind definiert als Personen, die vorwiegend mit journalistischen Aufgaben betraut sind, basierend auf professionellen Normen, Werten und Regeln agieren sowie zum Zeitpunkt der Befragung hauptberuflich im Journalismus tätig waren (und somit mindestens 50 Prozent ihres Einkommens durch die Ausübung journalistischer Tätigkeiten beziehen). Dies kann sowohl freiberuflich als auch in einem festen Anstellungsverhältnis geschehen. Während festangestellte Journalist*innen durch die Einbindung in den Redaktionsablauf als Arbeitnehmer*innen einzustufen sind, versteht der DJV (2017) Freie als „selbstständige Journalisten“, „die ihre Texte oder Bilder wie Unternehmer vermarkten“. Feste freie Journalist*innen arbeiten dagegen „nicht als Tagelöhner“, sondern unterliegen einem „Vertrag mit monatlicher Pauschale und Kündigungsfristen“ (ebd.). Ähnlich lose sind Regelungen hinsichtlich Pauschalisten, bei denen die Bezahlung nach einem „monatlichen Festbetrag garantiert“ wird (ebd.).

Um uns der Population an Journalist*innen in Deutschland anzunähern, wurde zunächst die deutsche Medienlandschaft eingehend studiert und die Grundgesamtheit an redaktionellen Einheiten bestimmt. Als solche gelten jene, die journalistische Inhalte präsentieren, redaktionell eigenständig agieren und den Funktionen journalistischer Kommunikation genügen, wie z.B. der Aktualität. Um uns der Anzahl redaktioneller Einheiten anzunähern, wurden zunächst Medienangebote[3] unter genaue Betrachtung gestellt. Diese wurden in Listen zusammengetragen, aus denen anteilsmäßig pro Mediengattung jede n-te Einheit zufällig gezogen wurde. Berücksichtigt wurden redaktionelle Einheiten der Gattungen Zeitung, Publikumszeitschrift, Anzeigenblatt, sowie privates und öffentlich-rechtliches Fernsehen und Radio, Online-Medien (differenziert in eigenständige Online-Medien und Online-Ableger traditioneller Medien) sowie Nachrichtenagenturen bzw. Mediendienste.

Im nächsten Schritt wurde die Grundgesamtheit der Journalist*innen geschätzt. Auf Basis unserer Recherchen sowie in Abgleich mit der zweiten Journalismus in Deutschland-Studie von Weischenberg et al. (2006: 36f.), gehen wir von einer qualifizierten Schätzung der Grundgesamtheit von 41.250 hauptberuflichen Journalist*innen in Deutschland aus, einschließlich 9.600 freier Journalist*innen.[4]

Im nächsten Schritt wurde eine einfache Zufallsstichprobe an Journalist*innen aus den zuvor gezogenen Medienangeboten ermittelt (unabhängig von Alter, Geschlecht oder Position). Im Hinblick auf die Freien zeigte sich bei der Recherche, dass diese zum Teil durchaus von einzelnen Medienhäusern bzw. -angeboten explizit auf deren Homepage bzw. im Impressum ausgewiesen werden. Medien, die keinerlei Angaben zu freien journalistischen Mitarbeiter*innen öffentlich zur Verfügung stellten, wurden telefonisch kontaktiert. Dabei zeigten sich einige Organisationen durchaus auskunftsbereit, während andere aufgrund datenschutzrechtlicher Bedenken nicht kooperiert haben. Daher wurden ergänzend Kontakte aus Datenbanken herangezogen (z.B. Zimpel) und vor der Erhebung entsprechend geprüft.

Die Datenerhebung erfolgte mittels Online- und Telefonbefragung. Dabei wurden insgesamt 775 verwertbare Interviews generiert (kombinierte Rücklaufquote 35%). Freiberufler sind in der Gesamtstichprobe leicht unterrepräsentiert. Aufgrund des schwierigen Zugangs konnten lediglich knapp unter 20,0 statt angestrebter 30,0 Prozent realisiert werden.

Die nachfolgende Auswertung basiert auf den erhobenen Daten von hauptberuflichen freien Journalist*innen (n=137). Ziel ist es, einen tieferen Einblick in diese noch immer unterforschte Gruppe zu geben. Deren Einbettung in die Gesamtstudie findet sich bei Steindl et al. (2017). Bei der Bewertung der Ergebnisse des vorliegenden Aufsatzes werden die Daten der freien Journalist*innen jenen der Festangestellten gegenübergestellt sowie im Zeitvergleich diskutiert.


2. Ergebnisse

2.1 Freie in Deutschland: männlich, Akademiker, geringer Verdienst

Die befragten Freien waren zwischen 23 und 71 Jahren alt (MW=45,31; SD=10,58). Das Durchschnittsalter liegt unter dem früherer Vergleichsstudien (Meyen/Springer 2009: 60). Der typische Freiberufler ist überwiegend männlich (58,5%), steht politisch eher links der Mitte (MW=3,68; SD=1,23; Skala von „0“=links bis „10“=rechts) und verfügt im Mittel über 18,08 Jahre Berufserfahrung (SD=10,21). Der Frauenanteil von 41,5 Prozent entspricht etwa der Geschlechterverteilung der Festanstellten (39,8%) und ist nach einem Anstieg von 35,4 Prozent im Jahr 1998 (Grass 1998: 6) auf 45,1 Prozent im Jahr 2005 (Weischenberg et al. 2006: 47) wieder leicht abgesunken.

Freiberufler (82,0%) weisen zudem einen höheren Akademisierungsgrad auf als ihre festangestellten Kolleg*innen (74,1%), was auf eine kontinuierliche Bedeutungszunahme akademischer Abschlüsse hindeutet: Während 1998 rund 51 Prozent der freien Journalist*innen über einen Studienabschluss verfügten (Grass 1998: 7), waren es im Jahr 2008 bereits zirka 63 Prozent (DJV 2009: 19). Dies ist ein Trend, der auch in der aktuellsten Studie des DJV (2014: 4) bestätigt werden konnte, wo 75 Prozent angegeben haben, einen Hochschulabschluss zu besitzen. Dabei zeigt sich jedoch ein Geschlechterunterschied hinsichtlich der Ausbildung der Freien: So verfügen 90,9 Prozent der interviewten Frauen, aber nur 75,6 Prozent der Männer, über einen Hochschulabschluss. Darüber hinaus gaben unter den Interviewpartner*innen mit Hochschulabschluss (n=121) 38,8 Prozent an, sich auf Journalismus bzw. ein anderes Fach im Bereich Kommunikation (bzw. auch auf beides) spezialisiert zu haben. Auch dahingehend zeigt sich ein Geschlechterunterschied: Der Anteil der freien Journalisten liegt um knapp neun Prozentpunkte über dem ihrer weiblichen Kollegen.

Frühere Studien haben gezeigt, dass freie Journalist*innen mit ihrer Vergütung unzufrieden sind (Buckow 2011: 66ff.; Meyen/Springer 2009: 87ff.). Daran dürfte sich nach Lage der aktuellen Daten nicht viel geändert haben. Während 27,9 Prozent der freiberuflichen Journalist*innen unter 1.800 Euro monatlich verdienen, liegt der Anteil der Geringverdiener unter den Festangestellten bei lediglich 15,0 Prozent (n=599). Einen ähnlichen Unterschied konnten Weischenberg et al. (2006) bereits vor rund zehn Jahren feststellen. Zudem ist der Anteil an Freien mit einem Einkommen von unter 1.800 Euro in Lokalmedien (52,1%) höher als in regionalen (14,9%) bzw. nationalen (20,0%) Medien. Darüber hinaus finden sich im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen (23,3%) unter den freien Journalistinnen schließlich mehr Geringverdiener (35,4%).

 

2.2 Journalistischer Alltag: Nebenbeschäftigung nimmt zu

Von den 137 freien Journalist*innen ist nur ein geringer Teil als Pauschalist*in tätig. Ausgewogen ist dagegen das Verhältnis zwischen freien Journalist*innen und festen Freien (Tabelle 1). Der Großteil der Freien ist als Journalist ohne Leitungsfunktion tätig (88,9%), während immerhin 7,4 Prozent eine Teilleitungsrolle, aber nur 3,7 Prozent eine Leitungsfunktion innehaben. Zudem bestätigen die Daten einen Trend, den andere Studien bereits aufzeigen konnten (DJV 2009: 24; Meyen/Springer 2009: 80): Freie Journalist*innen sind vorwiegend in den Gattungen Rundfunk, Zeitschriften und Online tätig, wie Tabelle 2 zu entnehmen ist.

Tabelle 1: Anstellungsverhältnis

  Freie gesamt

(Prozent, n=137)

Männliche Freie

(Prozent, n=79)

Weibliche Freie

(Prozent, n=56)

Freie Journalisten 45,3 48,1 41,1
Feste Freie 46,0 41,8 51,8
Pauschalisten 8,8 10,1 7,1

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Tabelle 2: Mediengattung

  Freie gesamt

(Prozent; n=137)

Männliche Freie

(Prozent, n=79)

Weibliche Freie (Prozent, n=56)
Print
Tageszeitung 19,7 21,5 17,9
Sonntags- und Wochenzeitung 10,2 11,4 7,1
Zeitschrift 31,4 30,4 33,9
Anzeigenblatt 11,7 13,9 7,1
Rundfunk
Fernsehen 23,4 22,8 25,0
Radio 35,8 35,4 37,5
Nachrichtenagentur und Mediendienst 9,5 13,9 3,6
Online
Selbstständige Online-Medien 12,4 12,7 10,7
Online-Ableger 27,7 30,4 25,0
Gesamt 181,8 192,4 167,9

Frage: Für welchen Typ Medien sind Sie tätig? (Mehrfachantworten möglich)

 

Freie Journalist*innen arbeiten oft für mehrere Medien gleichzeitig (Grass 1998: 9; Meyen/Springer 2009: 78ff.; Weischenberg et al. 2006: 39ff.), was unsere Daten ebenfalls bestätigen: Während 24,8 Prozent der Befragten für eine und 21,2 Prozent für zwei Redaktionen tätig waren, arbeitete der Großteil für mehr als zwei Redaktionen (54,0%). Im Hinblick auf die Medienangebote, bei deren Erstellung die Freien beteiligt sind, beliefern 18,3 Prozent ein, weitere 27,5 Prozent zwei und die übrigen 54,2 Prozent mehr als zwei Medienangebote. Außerdem gehen insgesamt 32,6 Prozent der hauptberuflichen Freien einer bezahlten Nebentätigkeit außerhalb des Journalismus nach. Dies stellt eine Zunahme der außerjournalistischen Nebenbeschäftigung unter freien Journalist*innen um mehr als sechs Prozentpunkte während der vergangenen 20 Jahre dar (Grass 1998: 23).

In der journalistischen Arbeit sind Freie zum Großteil mit speziellen Themen oder Ressorts betraut (61,3%) und weisen damit einen minimal höheren Grad an Spezialisierung auf als Festangestellte (59,6%). Letztere sind im Vergleich weniger auf die Themen Politik (14,3%), Wirtschaft (7,6%) sowie Kunst und Kultur (11,1%) ausgerichtet als ihre freien Kolleg*innen (Tabelle 3), was bisherige Untersuchungsergebnisse bestätigt (Meyen/Springer 2009: 78ff.).

Tabelle 3: Ressortzugehörigkeit

  Freie gesamt

(Prozent, n=84)

Männliche Freie

(Prozent, n=48)

Weibliche Freie

(Prozent, n=35)

Politik 23,9 29,2 17,3
Kunst, Kultur und Feuilleton 14,3 14,6 14,3
Wirtschaft 14,3 16,7 8,6
Service und Lifestyle 13,1 8,3 20,0
Lokales und Regionales 8,3 4,2 14,3
Sport 6,0 10,4 0,0
Bildung und Wissenschaft 3,6 2,1 5,7
Unterhaltung 3,6 6,3 0,0
Gesundheit 3,6 0,0 8,6
Kirche und Religion 1,2 2,1 0,0
Sonstiges 8,3 6,3 11,4
Gesamt 100,0 100,0 100,0

Frage: In welchem Ressort bzw. Themenfeld sind Sie normalerweise tätig?
(offene Antwortmöglichkeit)

 

Wie Meyen und Springer (2009: 149ff.) ebenfalls berichten, verfügen freie Journalist*innen über mehr Freiraum in ihrer journalistischen Tätigkeit. Auch unsere Daten zeigen, dass 68,1 Prozent der freien Journalist*innen viel bzw. volle Autonomie im Hinblick auf Entscheidungen über die Auswahl von Geschichten sowie 72,6 Prozent hinsichtlich der Entscheidungen, welche Aspekte in einer Geschichte betont werden sollen, empfinden. Interessanterweise zeigt sich im Vergleich zu den Festangestellten, dass diese sowohl bei der Auswahl (75,3%) als auch bei der Darstellung (83,9%) um jeweils knapp zehn Prozentpunkte mehr Autonomie verspüren.

 

2.3 Berufliches Selbstverständnis: Vermittlerrolle dominiert

Beim beruflichen Selbstverständnis der freien Journalist*innen zeigt sich, dass die neutrale Vermittlerrolle von zentraler Bedeutung ist. Die Aspekte Dinge so berichten, wie sie sind, das aktuelle Geschehen einordnen und analysieren sowie ein unparteiischer Beobachter sein, finden die größte Zustimmung (Tabelle 4). Für Festangestellte ist die neutrale Vermittlerrolle im Vergleich zu den Freien sogar von noch größerer Relevanz (ein unparteiischer Beobachter sein: 82,8%; Dinge so berichten, wie sie sind: 91,6%).

Die Bedeutung der Vermittlerrolle für Freie bestätigen auch Meyen und Springer (2009: 97): Das Erklären und Vermitteln komplexer Sachverhalte (91%) sowie das möglichst neutrale und präzise Informieren des Publikums (90%) erhielt 2009 die höchste Zustimmung, gleichwohl legen unsere Daten nahe (Tabelle 4), dass diese Aspekte für Freie in den letzten Jahren an Bedeutung verloren haben dürften.

Dies trifft auch auf die Unterhaltungs- und Ratgeberrolle zu, wo 2009 der Wunsch, „das Publikum zu unterhalten“, noch auf über die Hälfte der Befragten zutraf (57%) (Meyen/Springer 2009: 97). Größere Unterschiede zeigen sich hier zwischen freien und festen Journalist*innen: Während Inhalte anbieten, die ein möglichst großes Publikum anziehen (77,4%), Rat, Orientierung und Hilfestellung für den Alltag bieten (68,0%) und Unterhaltung und Entspannung bieten (54,9%) von Festangestellten als durchaus wichtig erachtet werden, ist besonders letzteres nur für rund ein Drittel der freien Journalist*innen von Bedeutung (Tabelle 4). Dieser Befund ist durchaus beachtlich, bedenkt man, dass sich die Relevanz der Unterhaltungs- und Ratgeberrolle in der Wahrnehmung deutscher Journalist*innen insgesamt seit 1993 durchweg erhöht hat (Steindl et al. 2017; Weischenberg et al. 2006: 110ff.).

Tabelle 4: Rollenwahrnehmung

  n „extrem” und „sehr wichtig” (Prozent) MW SD
Dinge so zu berichten, wie sie sind 134 86,6 4,43 0,85
Aktuelles Geschehen einordnen und analysieren 136 83,1 4,26 0,94
Ein unparteiischer Beobachter sein 137 81,0 4,23 0,95
Toleranz und kulturelle Vielfalt fördern 136 65,5 3,75 1,17
Das Publikum bilden 136 58,8 3,68 1,09
Als Erzähler die Welt in Geschichten vermitteln 136 58,8 3,55 1,17
Rat, Orientierung und Hilfestellung für den Alltag bieten 134 56,7 3,57 1,09
Inhalte anbieten, die ein möglichst großes Publikum anziehen 135 55,6 3,54 1,06
Informationen vermitteln, die Menschen zu politischen Entscheidungen befähigen 137 54,0 3,40 1,33
Menschen zur Teilhabe am politischen Geschehen motivieren 137 45,9 3,21 1,34
Für sozialen Wandel eintreten 131 39,7 3,10 1,18
Den Menschen die Möglichkeit geben, ihre Ansichten zu artikulieren 136 37,5 3,07 1,20
Unterhaltung und Entspannung bieten 136 35,3 3,54 1,06
Die Wirtschaft kontrollieren 134 32,9 2,83 1,39
Die Regierung kontrollieren 134 32,1 2,84 1,35
Die öffentliche Meinung beeinflussen 135 25,9 2,81 1,12
Ein Gegengewicht zur Regierung bilden 132 22,0 2,37 1,26
Nationale Entwicklung unterstützen 133 15,0 1,25 0,54
Die politische Tagesordnung bestimmen 134 12,7 2,24 1,11
Ein positives Bild der Regierung vermitteln 135 0,7 1,25 0,54
Regierungspolitik unterstützen 135 0,0 1,35 0,60

Frage: Bitte sagen Sie mir, wie wichtig die folgenden Dinge in Ihrer Arbeit sind. 5 meint, dass sie für Sie extrem wichtig sind, 4 bedeutet sehr wichtig, 3 meint teilweise wichtig, 2 weniger wichtig und 1 meint unwichtig.

 

Auch bei der Kritik- und Kontrollfunktion zeigen sich Unterschiede: Die Regierung (37,2%) und die Wirtschaft kontrollieren (34,6%), ebenso wie Menschen die Möglichkeit geben, ihre Ansichten zu artikulieren (48,9%) sind für Festangestellte von größerer Bedeutung. Dagegen sind die Rollenaspekte die politische Tagesordnung bestimmen (9,2%) sowie für sozialen Wandel eintreten (27,3%) eher für Freiberufliche von Relevanz (Tabelle 4).

 

3. Fazit: Black Box revisited

Ein erneuter Blick in die Black Box gibt zahlreiche Einblicke in die Berufsgruppe freier Journalist*innen. Sie sind, wie ihre Kolleg*innen in Festanstellung, zunehmend hoch gebildet, politisch eher links orientiert und halten große Stücke auf die Rolle des klassischen Informationsjournalismus. Zumindest im Hinblick auf die hauptberuflichen Freien relativieren diese Befunde damit die Befürchtungen einer Deprofessionalisierung im und Entgrenzung des Journalismus. Künftige Studien sollten aber auch den über 100.000 nebenberuflichen Freien und Hobby-Journalist*innen vermehrt Aufmerksamkeit schenken. Das Feld verlangt nach Studien, die sich mit der Perspektive von haupt- und nebenberuflichen Freien auseinandersetzen und fragen, aus welchen Gründen der Status der Freiberuflichkeit gewählt (oder vielleicht sogar oktroyiert) wurde, wie sich diese Situation auf deren Arbeitsrealität und Leben auswirkt, und inwiefern sich beide, vor allem in ihrem beruflichen Selbstverständnis, unterscheiden.

Ein Unterschied zu festangestellten Journalist*innen zeigt sich in der als etwas geringer wahrgenommenen Autonomie. Dies könnte dem Umstand geschuldet sein, dass sich die Freien den Bedürfnissen der Auftraggeber anpassen müssen. Denn um Geld zu verdienen, müssen die Medienhäuser als Käufer ihrer journalistischen Produkte befriedigt werden.

Dass freie Journalist*innen meist für mehrere Redaktionen und Medienangebote gleichzeitig tätig sind, überrascht nicht. Interessant ist hingegen, dass die Anzahl der Freien zugenommen hat, die neben ihrer journalistischen Arbeit mit Nebenjobs auch anderweitig Geld verdienen. Zusammen mit überschaubaren Netto-Gehältern, die sie im Journalismus erzielen, wirft dies erneut die Frage einer zunehmenden Präkarisierung im Journalismus auf (Gollmitzer 2011).

Einerseits sind freie Journalist*innen also längst nicht mehr aus der Medienbranche wegzudenken (Buckow 2011). Andererseits besteht gerade auch deshalb ein erhöhter Forschungsbedarf im Bereich der Freiberuflichkeit. Denn trotz vermehrter Forschungsbestrebungen zeigen sich auch nach wie vor enorme Defizite. Dahingehend sehen wir einen erhöhten Bedarf an weiterführenden Studien zu den Anstellungsverhältnissen von Journalist*innen im Allgemeinen und von Freien im Speziellen.


Über die Autoren

Nina Steindl, Mag. M.A., Jg. 1985, Ludwig-Maximilians-Universität München. Nina Steindl ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und arbeitet an Themen der Journalismusforschung und politischen Kommunikation. E-Mail an die Autorin

Corinna Lauerer, M.A., Jg. 1987, Ludwig-Maximilians-Universität München. Corinna Lauerer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und arbeitet an Themen der Journalismusforschung und Medienökonomie. E-Mail an den Autor

Thomas Hanitzsch, Prof. Dr., Jg. 1969, Ludwig-Maximilians-Universität München. Thomas Hanitzsch ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Journalismusforschung. E-Mail an den Autor


Literatur

Buckow, Isabelle (2011): Freie Journalisten und ihre berufliche Identität. Eine Umfrage unter den Mitgliedern des Journalistenverbands Freischreiber. Wiesbaden: VS Verlag.Bundesagentur für Arbeit (2017): Berichte: Blickpunkt Arbeitsmarkt Juli 2017. Akademikerinnen und Akademiker. https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Akademiker/generische-Publikationen/Broschuere-Akademiker.pdf, S. 1-136Bundesagentur für Arbeit (2010): Klassifikation der Berufe 2010. Band 2: Definitorischer und beschreibender Teil. https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Grundlagen/Klassifikation-der-Berufe/KldB2010/Printausgabe-KldB-2010/Generische-Publikationen/KldB2010-Printversion-Band2.pdf, abgerufen am 09.08.2017.

Bunjes, Miriam (2008): Die unbekannten Medienmacher. Über freie Journalisten liegen kaum Daten vor. In: Journalistik Journal, 31.03.2008. http://journalistik-journal.lookingintomedia.com/?p=110, abgerufen am 06.06.2017.

Deutscher Journalisten-Verband (DJV) (2014): DJV-Umfrage Freie Journalisten 2014. https://www.djv.de/fileadmin/user_upload/Freiendateien/Freie-Hintergrund/Zwischenbericht-Umfrage-Freie-2014.pdf, S. 1-13

Deutscher Journalisten-Verband (DJV) (2009): Arbeitsbedingungen Freier Journalisten. Bericht zu einer Umfrage unter freien Journalisten. https://www.djv.de/fileadmin/user_upload/Freiendateien/DJV-Freienumfrage2008.pdf, S. 1-108.

Deutscher Journalisten-Verband (DJV): Fragen und Antworten. Allgemeines. https://www.djv.de/startseite/info/themen-wissen/fragen-antworten-djv-lexikon.html, abgerufen am 06.06.2017.

Freischreiber: Die Zukunft ist frei. https://www.freischreiber.de/positionen/zukunft-des-freien-journalismus/, abgerufen am 08.06.2017.

Gollmitzer, Mirjam (2014): Precariously employed watchdogs? Perceptions of working conditions among freelancers and interns. In: Journalism Practice, 2014, DOI: 10.1080/17512786.2014.882061.

Grass, Bernd (1998): Arbeitsbedingungen Freier Journalisten. Bericht zu einer Umfrage unter Mitgliedern des DJV. https://www.djv.de/fileadmin/_migrated_uploads/media/DJV-Umfrage_1998_Freie_Journalisten.pdf, S. 1-40

Koch, Thomas/ Fröhlich, Romy/ Obermaier, Magdalena (2012): Tanz auf zwei Hochzeiten. Rollenkonflikte freier Journalisten mit Nebentätigkeiten im PR-Bereich. In: Medien- & Kommunikationswissenschaft, 60(4), 2012, S. 520-535.

Meyen, Michael/ Springer, Nina (2009): Freie Journalisten in Deutschland. Konstanz: UVK.

Pöttker, Horst (2008): Blackbox freier Journalismus. In: Journalistik Journal, 31.03.2008. http://journalistik-journal.lookingintomedia.com/?p=117, abgerufen am 06.06.2017.

Steindl, Nina/ Lauerer, Corinna/ Hanitzsch, Thomas: Journalismus in Deutschland. Aktuelle Befunde zu Kontinuität und Wandel im deutschen Journalismus. In: Publizistik, zur Publikation angenommen.

Weischenberg, Siegfried/ Malik, Maya/ Scholl, Armin (2006): Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. Konstanz: UVK.

 

Fußnoten

[1] Da Journalismus ein offener Beruf ist, kann die Zahl freier Journalist*innen in Deutschland lediglich geschätzt werden. Dies liegt unter anderem an der Definitionsproblematik, die nicht nur die Freiberuflichkeit betrifft, sondern den Journalismus insgesamt. So versteht beispielsweise die Bundesagentur für Arbeit (2010) auch Personen als Redakteur*innen, die nicht überwiegend mit journalistischen Aufgaben betraut sind, sondern z.B. an fiktionalen Erzählungen arbeiten oder als technische Redakteur*innen und Redaktionsassistent*innen angestellt sind. Nicht verwunderlich ist daher, dass sich die Zahlen zum Teil enorm unterscheiden. So geht die Bundesagentur für Arbeit (2017: 120) aktuell von rund 200.000 Personen „in publizistischen Berufen“ aus. Betrachtet man jedoch lediglich jene, die hauptberuflich mit journalistischen Tätigkeiten betraut sind, so kann man aktuell von rund 41.250 Journalist*innen in Deutschland sprechen (Steindl et al. 2017).

[2] Der englischsprachige Fragebogen sowie erste deskriptive Ergebnisse von Deutschland im internationalen Vergleich können auf der Projekthomepage unter http://www.worldsofjournalism.org/ eingesehen werden.

[3] Die Medienangebote mussten – neben den oben genannten Kriterien – und je nach Mediengattung über eine entsprechende Periodizität, Mindestreichweite und Redaktionsgröße verfügen. Zur Ermittlung der Grundgesamtheit wurde auf verschiedenste Quellen zurückgegriffen (z.B. auf Informationen der Journalistenverbände, Jahresberichte, Webseiten von Medienhäusern oder Verzeichnisse und Datenbanken). Nicht-journalistische Medien, wie z.B. Musiksender, Laien- oder Verbandsmedien, wurden vorab ausgeschlossen. Detailliertere Informationen zur Vorgehensweise finden sich auch bei Steindl et al. (2017).

[4] Da die Studie nur an hauptberuflichen Journalist*innen interessiert war, reduziert sich die eingangs genannte Zahl freier Journalist*innen auf rund 9.600. Nebenberufliche Journalist*innen wurden in der Studie nicht berücksichtigt.