Macht der Abschreckung Zur Wirkung der Antisemitismus-Resolutionen auf den Journalismus in Deutschland

Von Mandy Tröger | Seit Verabschiedung der sogenannten »BDS-Resolution« durch den Deutschen Bundestag im Mai 2019 ist der Umgang mit Antisemitismus in Deutschland nicht nur Gegenstand politischer und juristischer Auseinandersetzungen, sondern zunehmend auch Teil medialer und journalistischer Debatten. Die Resolution, die den BDS-Appell (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) gegen Israel und seine Siedlungspolitik als antisemitisch verurteilte (vgl. Deutscher Bundestag 2019), ist zwar keine rechtsverbindliche Gesetzgebung, soll aber nach dem Willen der parteiübergreifenden Initiative normative Wirkung entfalten. Die Resolution hatte direkte Auswirkungen auf öffentliche Debatten, etwa durch die restriktive Vergabe öffentlicher Räume und Gelder (vgl. Deutscher Bundestag 2020: 4ff.; Tröger 2019). Seither verstärken ähnliche Resolutionen auf Bundesebene diese Entwicklung.

Kooperation trotz Konkurrenz Arbeitsweisen und Konfliktpotenziale in einem investigativen Rechercheverbund

Von Jessica Kunert, Luka Simon und Volker Lilienthal | Die journalistische Zusammenarbeit im investigativen Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung in Deutschland wurde im Hinblick auf interne Arbeitsweisen (Arbeitsabläufe und Standards) und mögliche Probleme und Konflikte (Recherche, Ziele und Finanzierung) wissenschaftlich noch nicht untersucht. In diesem Aufsatz wird die Kooperationsform des Rechercheverbundes anhand seiner Strukturen und seines Organisationsgrades analysiert. Es wurden neun Journalist:innen mittels qualitativer Leitfadeninterviews befragt. Die Ergebnisse zu den internen Arbeitsweisen zeigen, dass sich Rechercheteams innerhalb des Verbundes themenbezogen zusammenfinden und dabei in der Arbeitsteilung von den Qualifikationen und Zugängen der anderen profitieren. Dabei sind ein intensiver Austausch und feste Absprachen essenziell. Probleme und Konflikte liegen vor allem in dem unterschiedlich hohen Aufwand der Redaktionen an personellen und finanziellen Ressourcen sowie im hohen organisatorischen Aufwand. Es zeigt sich, dass die Journalist:innen den Verbund insbesondere wegen seiner Themenvielfalt und der hohen Qualität und Quantität der Rechercheergebnisse schätzen. Als Form der Zusammenarbeit zeigt sich der untersuchte Rechercheverbund als Erfolg, der von einer Vielzahl impliziter Regeln getragen wird. Über die internen Strukturen hinaus ist der Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung zu diskutieren, der durch die Kooperation zweier öffentlich-rechtlicher Sender und eines privatwirtschaftlichen Mediums aufgeworfen wird.

Gemeinnütziger Journalismus in Deutschland Eine Befragung zu Finanzierung, Sicherung der Unabhängigkeit und Arbeitsweisen

Von Sebastian Gall und Uwe Krüger | Im Zuge von Digitalisierung und ökonomischer Medienkrise hat sich ein neues Feld etabliert, um die Schwächen klassischer Medien auszugleichen: der Gemeinnützige bzw. Non-Profit-Journalismus. Er finanziert sich statt über Verkaufs- und Werbeerlöse (oder über Rundfunkbeiträge) v. a. durch Kleinspenden, Mitgliedschaften oder Stiftungsgeld. Dieser Versuch, unabhängig von Marktlogiken zu agieren und allein im öffentlichen Interesse zu arbeiten, wirft neue Fragen auf, vor allem zur Bewahrung der Unabhängigkeit gegenüber den Spender*innen. Zudem stellt er die Organisationen vor Herausforderungen bezüglich Fundraising. Dieser Beitrag untersucht anhand von zehn Leitfadeninterviews mit Mitarbeiter*innen von Non-Profit-Redaktionen, wie sich die Arbeitsweise von der in privatwirtschaftlich oder öffentlich-rechtlich finanzierten Redaktionen unterscheidet und mit welchen Strategien sie den genannten Herausforderungen begegnen. Die Ergebnisse zeigen, 1.) dass sich die Arbeit vor allem in Bezug auf Themenwahl, Recherchezeit und Organisationsstruktur von der in einer klassischen Redaktion positiv abhebt; 2.) dass die meisten untersuchten Organisationen nur eine Finanzierungsart nutzen; und 3.) dass eine befürchtete inhaltliche Einflussnahme von Seiten großer Geldgeber offenbar nicht stattfindet, sondern im Gegenteil Journalismus-fördernde Stiftungen mitunter sogar stärker auf Abgrenzung von den geförderten Redaktionen bedacht sind als andersherum. Zugleich ist zu konstatieren, dass in nur wenigen Redaktionen spezialisierte Mitarbeiter*innen für das Fundraising existieren, so dass diese Arbeit auf Schultern in Geschäftsführung, Redaktion oder Layout lastet.

Öffentlichkeit und Transformation durch Thematisierung der Nicht-Thematisierung Die Initiative Nachrichtenaufklärung und ihr Beitrag für eine transformative Kommunikationswissenschaft

Von Jörg-Uwe Nieland und Hektor Haarkötter | Wer sich fragt, warum die Kommunikationswissenschaft als »öffentliche Wissenschaft« in den Medien so wenig thematisiert wird, muss die Thematisierungsfunktion der Medien kritisch hinterfragen. Seit bald 30 Jahren nimmt sich die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. dieser Aufgabe an und stellt sich dem Einfluss der sogenannten Künstlichen Intelligenz, der Desinformation sowie der Macht der Plattformen, der Ohnmacht der Rezipient:innen wie auch der Wissenschaft entgegen. Im Sinne einer transformativen öffentlichen Forschung publiziert die Initiative nach gemeinsamer Recherche und Diskussion von Wissenschaftler:innen, Journalist:innen und Expert:innen jährlich eine Liste vernachlässigter Nachrichten. Nachrichtenaufklärung wird verstanden und praktiziert als Kritik an der fehlenden Thematisierung und der Unterdrückung von Nachrichten und Diskursen. Nachrichtenvernachlässigung ist so gesehen auch eine Kategorie von Desinformation. Der Beitrag stellt die Forschungserträge zur »negativen Nachrichtenwerttheorie«, zu »Agenda Cutting« sowie zu »Junk News« vor.

Social-Media-Dynamik im rumänischen Präsidentschaftswahlkampf 2024–2025 Die disruptive Rolle von TikTok und die bleibende Bedeutung von Journalismus und traditionellen Medien

Von Eduard-Claudiu Gross und Tanjev Schultz | Der Beitrag untersucht das Zusammenspiel zwischen sozialen Medien und etablierten Medien bei den rumänischen Präsidentschaftswahlen 2024/25 und betont die zentrale Rolle von Journalismus und Pressefreiheit in einer von digitalen Plattformen dominierten Ära. Soziale Medien, insbesondere TikTok, avancierten zu einer disruptiven Kraft, die den Diskurs beeinflussen und rechtsradikale Kandidaten durch orchestrierte Kampagnen und algorithmische Verzerrungen begünstigen konnten. Zugleich zeigt die Studie die anhaltende Bedeutung etablierter Medien, denen es in Rumänien gelungen ist, falsche politische Behauptungen zu korrigieren und ernsthafte Debatten zu führen. Der Fall des am Ende siegreichen, politisch gemäßigten Präsidentschaftskandidaten Nicușor Dan veranschaulicht, wie eine Kombination aus traditionellen Medienauftritten und kreativem Einsatz digitaler Kommunikation auf Plattformen wie TikTok und Meta den Bedrohungen durch Populismus und Extremismus trotzen kann. Das Beispiel Rumäniens ist lehrreich auch für andere Länder, die in der digitalen Ära die Integrität demokratischer Debatten und Wahlen schützen müssen.

Gedenken an Journalistinnen Nachrufe auf journalistische Vorbilder

Von Ella Hackett, Teodora Tavares und Gregory Perreault | Nachrufe, auch wenn sie auf den ersten Blick wenig komplex wirken mögen, sind eine gute Möglichkeit, über die journalistische Arbeit von Frauen nachzudenken. In dieser Studie werden Nachrufe auf US-amerikanische Journalistinnen (n=1064) aus dem Blickwinkel des ›metajournalistischen Diskurses‹ untersucht. Die Analyse zeigt, dass das Gedenken an diese Journalistinnen zur Reflexion ihrer Rolle als Fürsprecherinnen innerhalb und außerhalb der Redaktion wird. Journalistinnen definieren nicht nur ihren Beruf neu, sondern setzen sich auch für gesellschaftlichen Fortschritt und Gleichberechtigung ein.

Narrative zu polizeilichem Vorgehen Eine kritische Diskursanalyse der Berichterstattung über die #BlackLivesMatter-Bewegung in den sozialen Medien

Von Alfred J. Cotton III und Jeffrey Layne Blevins | Die Ermordung George Floyds durch den Polizeibeamten Derek Chauvin am 25. Mai 2020 führte im Sommer 2020 weltweit zu Protesten. Bereits zwei Monate zuvor war Breonna Taylor bei einem Einsatz des Louisville Metro Police Department durch Polizeischüsse zu Tode gekommen. Der Hashtag #BlackLivesMatter wurde in den sozialen Medien zum Trend und entfachte eine landesweite Bewegung für soziale Gerechtigkeit neu – und das alles zeitgleich zu einer globalen Pandemie. Wir untersuchen in einer kritischen Diskursanalyse, wie Mitglieder der Black-Lives-Matter-Bewegung in Berichten vier US-amerikanischer Zeitungen zitiert, als Quellen genannt oder (mis-)identifiziert wurden.

Die Wahrheit ans Licht bringen Selbstverständnis und Berufspraktiken mitteleuropäischer Auslandskorrespondent:innen, die über den Krieg in der Ukraine berichten

Von Teodora Trifonova und Joy Jenkins | Untersucht werden die Berufspraktiken von Auslandskorrespondent:innen, die für mitteleuropäische Medien über den Krieg in der Ukraine berichten. Ausführliche Interviews mit Vertreter:innen führender Medienorganisationen in Bulgarien, Rumänien und Ungarn (N = 11) zeigen, dass die Korrespondent:innen den ukrainischen Behörden als Informationsquelle misstrauen und lokalen ukrainischen Fixern skeptisch gegenüberstehen. Sie sehen sich in einem Konflikt zwischen ihren persönlichen Überzeugungen und journalistischen Standards, da sie dem Krieg gegenüber nicht neutral sind, aber versuchen, in ihrer Berichterstattung objektiv zu bleiben. In allen drei Ländern sei der Einfluss Russlands seit Kriegsbeginn spürbar.

Diversity im Journalismus Eine empirische Analyse von Geschlecht, Alter und Herkunft im deutschen Zeitungsjournalismus

Von Roxane Biller, Seraina Cadonau und Marion Frank | Für vielfältige und sensible journalistische Berichterstattung braucht es personelle Diversität in den Redaktionen. Vorangegangene Studien (vgl. u. a. Niggemeier 2018; Hasebrink et al. 2021; Spiller 2018) zeigen die Relevanz der Thematik. Forschungsleitende Frage dieses Beitrages ist, ob die Zusammensetzung von Zeitungsredaktionen so divers ist, dass sie die Bevölkerung widerspiegelt. Dabei stehen die drei Diversitätsmerkmale Geschlecht, Alter und Herkunft im Mittelpunkt. Das Interesse gilt auch den Unterschieden zwischen Zeitungen verschiedener politischer Ausrichtung und zwischen den Ebenen Redaktion und Führungsposition. Insgesamt konnten 1503 Datensätze aus sechs Zeitungsredaktionen überregionaler Publikationen ausgewertet werden, die aus öffentlichen Sekundärdaten in Ergänzung persönlich abgefragter Primärdaten erhoben wurden. Die Auswertung ergibt, dass junge Menschen, Menschen mit Einwanderungsgeschichte und Frauen im deutschen Zeitungsjournalismus unterrepräsentiert sind. Zusammenhänge wurden zwischen der politischen Ausrichtung und der Herkunft der Mitarbeitenden sowie zwischen der Hierarchieebene und der Altersstruktur festgestellt. Folglich sind deutsche Zeitungsredaktionen derzeit nicht ausreichend divers besetzt.

Über gewöhnliche Wörter und ungewöhnliche Dinge Eine Analyse der Verständlichkeit deutscher TV-Nachrichten

Von Sophie Wannenmacher | Wie verständlich sind TV-Nachrichten? Für diesen Beitrag wurden dreißig Nachrichten-Meldungen analysiert, die zwischen November 2022 und Dezember 2022 gesendet wurden. Die analysierten Meldungen und Moderationen stammen aus folgenden Nachrichtensendungen: 20 Uhr-Ausgabe der tagesschau im Ersten (ARD), Sat.1 Abendnachrichten (der neue Name lautet seit Juni 2023 :newstime [vgl. Weis 2023]), RTL Aktuell, logo! im Kinderkanal und heute im ZDF um 19 Uhr. Neben Untersuchungen anhand dreier Verständlichkeitsmodelle wurden auch das Sprechtempo und weitere sprachliche Parameter im Detail analysiert und miteinander verglichen. Die Analysen zeigen, dass logo! und heute die beiden verständlichsten Sendungen sind. Danach folgen die Sat.1 Nachrichten und RTL Aktuell. Die tagesschau ist im Durchschnitt und innerhalb des beobachteten Zeitraums am wenigsten verständlich.