Die Rolle von Konstruktivem Journalismus bei der Diffusion sozialer Innovationen Das Beispiel Solidarische Landwirtschaft

Von Inken Thiel und Uwe Krüger | Das alternative Berichterstattungsmuster des Konstruktiven Journalismus ist in den letzten Jahren viel auf seine Wirkungen hin erforscht worden, allerdings vor allem in Form von individualpsychologischer Experimentalforschung. So sind Effekte auf den Gefühlshaushalt und die Handlungsabsichten von Rezipient*innen gut belegt. Doch inwieweit kann Konstruktiver Journalismus den gesellschaftlichen Fortschritt befördern, etwa zur Verbreitung ökologischer oder sozialer Innovationen beitragen? In dieser Studie erweitern wir die Wirkungsforschung zum Konstruktiven Journalismus, indem wir den theoretischen Ansatz der »Diffusion sozialer Innovationen« für die Fragestellung fruchtbar machen und die Übernehmer*innen einer bestimmten sozialen Innovation, nämlich der Solidarischen Landwirtschaft (SoLawi), retrospektiv nach den Einflüssen auf ihre Entscheidung befragen. Die quantitative Online-Befragung von 431 Mitgliedern und Betreiber*innen von SoLawi-Betrieben in Deutschland ergibt, dass Konstruktive Medien oder Medienformate keine Rolle bei der Diffusion gespielt haben, sondern dass für den Erstkontakt interpersonale Kommunikation mit SoLawi-Mitgliedern ausschlaggebend war, gefolgt von lokaljournalistischen Print- und TV-Angeboten sowie Werbemitteln und Veranstaltungen von SoLawi-Betrieben. Dies entspricht auch der Diffusionstheorie für spätere Stadien der Innovationsdiffusion. Es ist nicht auszuschließen, dass die Berichterstattung Konstruktiver Medien über andere soziale Innovationen (vor allem: jüngere als die SoLawi) eine stärkere Rolle in der jeweiligen Frühphase des Diffusionsprozesses spielt.

Der Journalismus in Finnland im Wandel geopolitischer und digitaler Rahmenbedingungen Wie erniedrigende Deepfakes in die politische Kommunikation eingreifen

Von Marcus Bölz | Seit dem NATO-Beitritt Finnlands im Jahr 2023 steht der Journalismus des Landes unter neuen geopolitischen Vorzeichen. Die sicherheitspolitische Neuausrichtung hat nicht nur die politische Berichterstattung verändert, sondern auch die Anforderungen an journalistische Sorgfalt und Quellenprüfung erhöht. Besonders im Fokus steht die russische Desinformationspolitik, die gezielt versucht, das Vertrauen in finnische Medien und Institutionen zu untergraben. Mit digitalen Kampagnen, manipulierten Inhalten und emotionalisierter Rhetorik wird versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Finnische Redaktionen reagieren mit erhöhter Transparenz, verstärkten Faktenchecks und internationaler Zusammenarbeit. Der Beitrag analysiert die journalistische Qualität Finnlands im Kontext dieser Entwicklungen sowie die strukturellen Herausforderungen für finnische Journalist:innen – darunter Medienkonzentration, Personalabbau und die Zunahme rechtspopulistischer Plattformen.

Zwischen Mikrofon und Publikum Erfahrungen von Radiomoderatorinnen in der digital vernetzten Interaktion

Von Lea Möller | Interaktionen mit dem Publikum sind von grundlegender Bedeutung im Journalismus, insbesondere im Radio. Gerade in Zeiten von Social Media und digitalen Plattformen ist die Wechselwirkung zwischen Moderator:innen und Rezipient:innen entscheidend für das Hörerlebnis und die Relevanz der Inhalte. Bislang untersuchte die Forschung vor allem, wie das Publikum solche Interaktionen wahrnimmt, während die Perspektive der Radiomoderator:innen weitgehend unbeachtet blieb. Angesichts zunehmender Hass-Attacken vor allem auf Journalistinnen widmet sich diese qualitative Studie dagegen explizit den Erfahrungen von Radiomoderatorinnen in der Interaktion mit ihrem Publikum. Die Ergebnisse zeigen, wie strukturelle Faktoren des Senders und die Nutzung digitaler Kommunikationsmittel die Interaktionsdynamik sowie das emotionale Erleben von Moderatorinnen beeinflussen. Im Gesamtblick empfinden die interviewten Radiomoderatorinnen den Kontakt mit dem Publikum beruflich und persönlich eher als bereichernd. Allerdings sprechen sie auch negative Erfahrungen an, die sich je nach Senderart und genutzten Interaktionswegen unterscheiden.

Macht der Abschreckung Zur Wirkung der Antisemitismus-Resolutionen auf den Journalismus in Deutschland

Von Mandy Tröger | Seit Verabschiedung der sogenannten »BDS-Resolution« durch den Deutschen Bundestag im Mai 2019 ist der Umgang mit Antisemitismus in Deutschland nicht nur Gegenstand politischer und juristischer Auseinandersetzungen, sondern zunehmend auch Teil medialer und journalistischer Debatten. Die Resolution, die den BDS-Appell (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) gegen Israel und seine Siedlungspolitik als antisemitisch verurteilte (vgl. Deutscher Bundestag 2019), ist zwar keine rechtsverbindliche Gesetzgebung, soll aber nach dem Willen der parteiübergreifenden Initiative normative Wirkung entfalten. Die Resolution hatte direkte Auswirkungen auf öffentliche Debatten, etwa durch die restriktive Vergabe öffentlicher Räume und Gelder (vgl. Deutscher Bundestag 2020: 4ff.; Tröger 2019). Seither verstärken ähnliche Resolutionen auf Bundesebene diese Entwicklung.

Kooperation trotz Konkurrenz Arbeitsweisen und Konfliktpotenziale in einem investigativen Rechercheverbund

Von Jessica Kunert, Luka Simon und Volker Lilienthal | Die journalistische Zusammenarbeit im investigativen Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung in Deutschland wurde im Hinblick auf interne Arbeitsweisen (Arbeitsabläufe und Standards) und mögliche Probleme und Konflikte (Recherche, Ziele und Finanzierung) wissenschaftlich noch nicht untersucht. In diesem Aufsatz wird die Kooperationsform des Rechercheverbundes anhand seiner Strukturen und seines Organisationsgrades analysiert. Es wurden neun Journalist:innen mittels qualitativer Leitfadeninterviews befragt. Die Ergebnisse zu den internen Arbeitsweisen zeigen, dass sich Rechercheteams innerhalb des Verbundes themenbezogen zusammenfinden und dabei in der Arbeitsteilung von den Qualifikationen und Zugängen der anderen profitieren. Dabei sind ein intensiver Austausch und feste Absprachen essenziell. Probleme und Konflikte liegen vor allem in dem unterschiedlich hohen Aufwand der Redaktionen an personellen und finanziellen Ressourcen sowie im hohen organisatorischen Aufwand. Es zeigt sich, dass die Journalist:innen den Verbund insbesondere wegen seiner Themenvielfalt und der hohen Qualität und Quantität der Rechercheergebnisse schätzen. Als Form der Zusammenarbeit zeigt sich der untersuchte Rechercheverbund als Erfolg, der von einer Vielzahl impliziter Regeln getragen wird. Über die internen Strukturen hinaus ist der Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung zu diskutieren, der durch die Kooperation zweier öffentlich-rechtlicher Sender und eines privatwirtschaftlichen Mediums aufgeworfen wird.

Gemeinnütziger Journalismus in Deutschland Eine Befragung zu Finanzierung, Sicherung der Unabhängigkeit und Arbeitsweisen

Von Sebastian Gall und Uwe Krüger | Im Zuge von Digitalisierung und ökonomischer Medienkrise hat sich ein neues Feld etabliert, um die Schwächen klassischer Medien auszugleichen: der Gemeinnützige bzw. Non-Profit-Journalismus. Er finanziert sich statt über Verkaufs- und Werbeerlöse (oder über Rundfunkbeiträge) v. a. durch Kleinspenden, Mitgliedschaften oder Stiftungsgeld. Dieser Versuch, unabhängig von Marktlogiken zu agieren und allein im öffentlichen Interesse zu arbeiten, wirft neue Fragen auf, vor allem zur Bewahrung der Unabhängigkeit gegenüber den Spender*innen. Zudem stellt er die Organisationen vor Herausforderungen bezüglich Fundraising. Dieser Beitrag untersucht anhand von zehn Leitfadeninterviews mit Mitarbeiter*innen von Non-Profit-Redaktionen, wie sich die Arbeitsweise von der in privatwirtschaftlich oder öffentlich-rechtlich finanzierten Redaktionen unterscheidet und mit welchen Strategien sie den genannten Herausforderungen begegnen. Die Ergebnisse zeigen, 1.) dass sich die Arbeit vor allem in Bezug auf Themenwahl, Recherchezeit und Organisationsstruktur von der in einer klassischen Redaktion positiv abhebt; 2.) dass die meisten untersuchten Organisationen nur eine Finanzierungsart nutzen; und 3.) dass eine befürchtete inhaltliche Einflussnahme von Seiten großer Geldgeber offenbar nicht stattfindet, sondern im Gegenteil Journalismus-fördernde Stiftungen mitunter sogar stärker auf Abgrenzung von den geförderten Redaktionen bedacht sind als andersherum. Zugleich ist zu konstatieren, dass in nur wenigen Redaktionen spezialisierte Mitarbeiter*innen für das Fundraising existieren, so dass diese Arbeit auf Schultern in Geschäftsführung, Redaktion oder Layout lastet.

Öffentlichkeit und Transformation durch Thematisierung der Nicht-Thematisierung Die Initiative Nachrichtenaufklärung und ihr Beitrag für eine transformative Kommunikationswissenschaft

Von Jörg-Uwe Nieland und Hektor Haarkötter | Wer sich fragt, warum die Kommunikationswissenschaft als »öffentliche Wissenschaft« in den Medien so wenig thematisiert wird, muss die Thematisierungsfunktion der Medien kritisch hinterfragen. Seit bald 30 Jahren nimmt sich die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. dieser Aufgabe an und stellt sich dem Einfluss der sogenannten Künstlichen Intelligenz, der Desinformation sowie der Macht der Plattformen, der Ohnmacht der Rezipient:innen wie auch der Wissenschaft entgegen. Im Sinne einer transformativen öffentlichen Forschung publiziert die Initiative nach gemeinsamer Recherche und Diskussion von Wissenschaftler:innen, Journalist:innen und Expert:innen jährlich eine Liste vernachlässigter Nachrichten. Nachrichtenaufklärung wird verstanden und praktiziert als Kritik an der fehlenden Thematisierung und der Unterdrückung von Nachrichten und Diskursen. Nachrichtenvernachlässigung ist so gesehen auch eine Kategorie von Desinformation. Der Beitrag stellt die Forschungserträge zur »negativen Nachrichtenwerttheorie«, zu »Agenda Cutting« sowie zu »Junk News« vor.

Social-Media-Dynamik im rumänischen Präsidentschaftswahlkampf 2024–2025 Die disruptive Rolle von TikTok und die bleibende Bedeutung von Journalismus und traditionellen Medien

Von Eduard-Claudiu Gross und Tanjev Schultz | Der Beitrag untersucht das Zusammenspiel zwischen sozialen Medien und etablierten Medien bei den rumänischen Präsidentschaftswahlen 2024/25 und betont die zentrale Rolle von Journalismus und Pressefreiheit in einer von digitalen Plattformen dominierten Ära. Soziale Medien, insbesondere TikTok, avancierten zu einer disruptiven Kraft, die den Diskurs beeinflussen und rechtsradikale Kandidaten durch orchestrierte Kampagnen und algorithmische Verzerrungen begünstigen konnten. Zugleich zeigt die Studie die anhaltende Bedeutung etablierter Medien, denen es in Rumänien gelungen ist, falsche politische Behauptungen zu korrigieren und ernsthafte Debatten zu führen. Der Fall des am Ende siegreichen, politisch gemäßigten Präsidentschaftskandidaten Nicușor Dan veranschaulicht, wie eine Kombination aus traditionellen Medienauftritten und kreativem Einsatz digitaler Kommunikation auf Plattformen wie TikTok und Meta den Bedrohungen durch Populismus und Extremismus trotzen kann. Das Beispiel Rumäniens ist lehrreich auch für andere Länder, die in der digitalen Ära die Integrität demokratischer Debatten und Wahlen schützen müssen.

Gedenken an Journalistinnen Nachrufe auf journalistische Vorbilder

Von Ella Hackett, Teodora Tavares und Gregory Perreault | Nachrufe, auch wenn sie auf den ersten Blick wenig komplex wirken mögen, sind eine gute Möglichkeit, über die journalistische Arbeit von Frauen nachzudenken. In dieser Studie werden Nachrufe auf US-amerikanische Journalistinnen (n=1064) aus dem Blickwinkel des ›metajournalistischen Diskurses‹ untersucht. Die Analyse zeigt, dass das Gedenken an diese Journalistinnen zur Reflexion ihrer Rolle als Fürsprecherinnen innerhalb und außerhalb der Redaktion wird. Journalistinnen definieren nicht nur ihren Beruf neu, sondern setzen sich auch für gesellschaftlichen Fortschritt und Gleichberechtigung ein.

Narrative zu polizeilichem Vorgehen Eine kritische Diskursanalyse der Berichterstattung über die #BlackLivesMatter-Bewegung in den sozialen Medien

Von Alfred J. Cotton III und Jeffrey Layne Blevins | Die Ermordung George Floyds durch den Polizeibeamten Derek Chauvin am 25. Mai 2020 führte im Sommer 2020 weltweit zu Protesten. Bereits zwei Monate zuvor war Breonna Taylor bei einem Einsatz des Louisville Metro Police Department durch Polizeischüsse zu Tode gekommen. Der Hashtag #BlackLivesMatter wurde in den sozialen Medien zum Trend und entfachte eine landesweite Bewegung für soziale Gerechtigkeit neu – und das alles zeitgleich zu einer globalen Pandemie. Wir untersuchen in einer kritischen Diskursanalyse, wie Mitglieder der Black-Lives-Matter-Bewegung in Berichten vier US-amerikanischer Zeitungen zitiert, als Quellen genannt oder (mis-)identifiziert wurden.