Wie sehen News-Entrepreneurs die Zukunft ihrer Profession? Vier Thesen zum Journalismus von morgen

Von Alexa Keiner, Annett Heft und Leyla Dogruel / Die Frage nach der Zukunft des professionellen Journalismus treibt angesichts der Transformationen in der Medienlandschaft nicht nur die kommunikationswissenschaftliche Forschung um, sondern auch die Branche selbst. Auf Grundlage von Leitfadeninterviews mit Journalist*innen und Gründer*innen von deutschen News-Start-ups tragen wir zu dieser Debatte bei. Wir fragen nach (1) den zentralen Funktionen eines zukunftsfähigen Journalismus sowie nach (2) den Zukunftstrends hinsichtlich Journalismuskonzepten, Organisationsformen und Erlösmodellen aus Sicht der News-Entrepreneurs. Ausgehend von diesen Einschätzungen können vier Trends identifiziert werden: (1) Der professionelle Journalismus besinnt sich auf umfassend recherchierte, ›gute Geschichten‹. (2) Die Illusion eines objektiven Journalismus wird durch einen Journalismus mit Haltung und Persönlichkeit abgelöst. (3) Die Organisationsform des Journalismus der Zukunft heißt Kollaboration. (4) Die Finanzierung des professionellen Journalismus muss zukünftig verstärkt aus der Zivilgesellschaft kommen.

Mittel der Macht? Gandhis journalistische Ethik

Von Gerret von Nordheim / Für Gandhi war Journalismus ein unersetzbares Mittel der Macht in seinem Kampf gegen Unterdrückung. Als Verleger und Redakteur entwickelte er ethische Grundsätze, die in dieser Arbeit systematisiert dargestellt werden. Sie regen noch heute, 150 Jahre nach Gandhis Geburtstag, zur Reflexion an. Gandhis Grundsätze sind nicht die eines Journalisten, der auf einer hypothetischen Ebene die Praxis idealisiert. Und auch nicht die Prinzipien eines Theoretikers, denen unglaubwürdige Utopie anhaftet. Es sind vielmehr die Zeugnisse einer lebenslangen praktischen Auseinandersetzung mit den ethischen Problemen journalistischer Arbeit. Die unbedingte Lesernähe seiner Publikationen – in Form und Inhalt – und die strenge Vermeidung unnötiger Affizierung wirken vor dem Hintergrund einer zunehmend fragmentierten Empörungsöffentlichkeit prophetisch. Anderes mag befremden: Gandhi berichtete selten über das politische Geschehen, das Anzeigengeschäft lehnte er ab, genauso wie die Ausübung des Journalismus als Profession.

»Die Weltgeschichte kümmert sich zu wenig um Sonnenstrahlen« Die politische und soziale Dimension im journalistischen Werk von Joseph Roth

von Petra Herczeg / Joseph Roth (1894 bis 1939) war nicht nur einer der bedeutendsten Erzähler des 20. Jahrhunderts, der mit Werken wie »Hiob« und »Radetzkymarsch« einem großen Publikum bekannt wurde und dessen literarische Werke auch verfilmt wurden. Er hat ein ebenso umfangreiches journalistisches Schaffen hinterlassen. Sowohl seine literarischen als auch seine journalistischen Tätigkeiten sind von präzisen Beobachtungen und einem soziologischen Blick auf Mensch und Gesellschaft geprägt. In diesem Beitrag wird das journalistische Werk von Joseph Roth analysiert, vor allem sein journalistisches Wirken gegen den aufkommenden Nationalsozialismus, sowie seine Aktualität für den Journalismus heute diskutiert.

Investigativer Datenjournalismus in einer globalisierten Welt Eine Befragung von Journalisten des International Consortium of Investigative Journalists

von Julia Lück und Tanjev Schultz / Die Studie untersucht die Arbeit von Journalisten, die an den Recherchen des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) zu den Panama und Paradise Papers und der Aufdeckung krimineller Finanzaktivitäten auf globaler Ebene beteiligt waren. In einer Online-Umfrage im März 2018 (N=67) wurden Aspekte der Arbeitsabläufe, der Arbeitsteilung, der persönlichen Netzwerke, der Herausforderungen und Hindernisse sowie Bewertungen zu journalistischen Methoden und anonymen Quellen erhoben. Quantitative und qualitative Antworten geben Einblicke in die Mechanismen des globalen investigativen Datenjournalismus. Trotz unterschiedlicher Herkunft (42 Länder, verschiedene Medientypen) haben die Journalisten viel gemeinsam, wenn es um professionelle Normen und Arbeitsabläufe geht. Gleichzeitig stellen die strengen Regeln der Organisation sowie fehlender Zugang zu Material und Wissen die Mitglieder des Netzwerks auch vor Herausforderungen.

Die Erfindung der Journalistik in der DDR Ein Beitrag zur Fachgeschichte der Nachkriegszeit

von Michael Meyen / Dieser Beitrag fragt am Beispiel der Journalistik in der frühen DDR nach dem Zusammenspiel von Politik, Medienpraxis und Wissenschaft. Welchen Einfluss haben die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und die Anforderungen der Redaktionen auf Forschung und Lehre? Gestützt auf die Feldtheorie Bourdieus sowie auf Akten, Zeitzeugen und Veröffentlichungen der Ausbildungseinrichtung in Leipzig wird gezeigt, dass die Logik des wissenschaftlichen Feldes und das dort entwickelte Know-how Eingriffe der herrschenden Partei gebrochen haben. Weiterlesen

Nachrichten im Hochformat Wie kann das Story-Format auf Social-Media-Kanälen journalistisch genutzt werden?

von Theresa Möckel / Für welche journalistischen Anlässe eignet sich die Story auf Social-Media-Plattformen? Was erwarten die zumeist jungen Nutzer von einer Story? Der Beitrag zeigt auf, was die Story bei narrativen und journalistischen Formaten bietet. Die Autorin hat nachrichtliche Storys analysiert, eine Muster-Story erstellt und einer ausgewählten Zielgruppe vorgelegt sowie per Online-Umfrage evaluiert. Auf der Basis dieser Umfrage erarbeitet sie eine Handreichung für den Einsatz der Story im Journalismus. Weiterlesen

Zwischen Information, Dramatisierung und Unterhaltung Eine Analyse zum Rollenbild und Selbstverständnis im Boulevardjournalismus

von Jonas Schützeneder / Schmierfink oder Unterhalter? Meisterliche Recherche oder Panikmache? Der Boulevardjournalismus und seine Akteure leben von der inhaltlichen Zuspitzung und einer Emotionalisierung von Themen. Dafür werden sie regelmäßig kritisiert, trotzdem erreichen ihre Produkte einen Großteil der Bevölkerung. Der Balanceakt zwischen Information, Dramatisierung und Unterhaltung ist ein eigenes Forschungsfeld, wobei aber oft die Sicht der Beteiligten vernachlässigt wird. Wie sehen die Akteure selbst ihre Rolle? Eine qualitative Befragung von 14 deutschen Boulevardjournalisten zeigt, dass sich Boulevard und Sensibilität aus Sicht der Befragten nicht ausschließen und die Digitalisierung neue Möglichkeiten und Herausforderungen mit sich bringt. Weiterlesen

Ideologische Repräsentation der US-Präsidentschaftskandidaten in den Leitartikeln englischer Online-Zeitungen in Russland Eine kritische Diskursanalyse

von Swetlana Maschinez / Diese Studie untersucht die ideologische Repräsentation der US-Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump in den Leitartikeln der drei englischsprachigen Online-Zeitungen in Russland: Sputnik International, Russland Beyond the Headlines und The Moscow Times. Mit Hilfe von Jägers Ansatz der kritischen Diskursanalyse, van Leeuwens Modells der Repräsentation sozialer Akteure, sowie van Dijks Konzept des ideologischen Quadrats, konnten mehrere Taktiken identifiziert werden, die die öffentliche Meinung über die Kandidaten beeinflussen sollten. Die Ergebnisse zeigen, dass die staatsnahen Medien eine zunehmend positive Einstellung gegenüber Donald Trump vertraten, während sie Hillary Clinton in ihrer Berichterstattung eher negativ darstellten. Weiterlesen

Bürgerreporter: zwischen Partizipation und professioneller Redaktion Formate des Bürgerjournalismus im Lokalfernsehen

von Gabriele Hooffacker / Unter welchen Bedingungen kann Partizipation im Lokalfernsehen gelingen? Was motiviert Bürgerreporter, was erwarten die Redaktionen? Welche Formate eignen sich dafür? Mehrere Forschungsprojekte der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig haben sich mit der Einbeziehung von Bürgerreportern im Lokalfernsehen befasst. Aus den Ergebnissen lassen sich Faktoren für das Gelingen partizipativer Formate im Lokalfernsehen ableiten. Weiterlesen

Am Anfang des Journalismus war das Berufsethos Daniel Defoe über Öffentlichkeit, Pressefreiheit und ihre Grenzen[1]

von Horst Pöttker / Daniel Defoe (1660 – 1731) hat nicht nur den Roman Robinson Crusoe geschrieben, ein Buch mit einer der höchsten Auflagen in der Weltliteratur. Er war auch Herausgeber und Verfasser von Englands erster politischer Zeitung The Review, die zwischen 1704 und 1713 dreimal in der Woche erschien. Defoe berichtete darin nicht nur über den damaligen Krieg in Frankreich, er schrieb für die Review auch, was man Theoriebeiträge nennen kann, in denen er sein Selbstverständnis und sein Berufsethos als Journalist offenlegte. Der Aufsatz befasst sich anhand einiger dieser Artikel mit Defoes Ideen von diversen Aspekten des Begriffs Öffentlichkeit sowie von Pressefreiheit und ihren notwendigen Grenzen. Weiterlesen