Von Martina Thiele und Boris Romahn
Dass die Rubrik »Buchjournalismus« von uns fortgesetzt wird (siehe Journalistik 3-4/2025), hat viel Zustimmung erfahren. Auch haben wir zahlreiche Hinweise auf Neuerscheinungen erhalten. Das ist einerseits wunderbar und sehr hilfreich, andererseits müssen wir entscheiden, welche zehn Bücher wir aus der Menge der Neuerscheinungen vorstellen werden. Journalist:innen sind offenbar sehr produktiv, auch was die längere Form, das Buch, betrifft. Wir, Martina Thiele (MT, Universität Tübingen) und Boris Romahn (Bro, Universität Salzburg) freuen uns, Ihnen auch in dieser Ausgabe eine vielfältige Auswahl lesenswerter Bücher von Journalist:innen empfehlen zu dürfen, die aktuelle wie historische Themen behandeln und sehr unterschiedliche Perspektiven auf Krieg und Frieden, Fakten und Fiktionen, Heimaten und Identitäten einnehmen.
Victoria Amelina (2025): Blick auf Frauen den Krieg im Blick. Ein Tagebuch von Krieg und Gerechtigkeit. Mit einem Vorwort von Margaret Atwood. Aus dem Englischen von Steffen Beilich und Andreas Rostek. Berlin: edition.fotoTAPETA, 304 Seiten, 22 Euro
Die ukrainische Schriftstellerin Victoria Amelina, geboren 1986 in Lviv, wurde durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zur Menschenrechtsaktivistin und Journalistin. Sie recherchierte zu Kriegsverbrechen, dokumentierte das Unrecht, sprach mit Soldat:innen, Anwält:innen, Kriegsreporter:innen und Aktivist:innen. Amelina, Mutter eines damals 12-jährigen Sohns, wurde im Sommer 2023 in Kramatorsk durch einen russischen Raketenangriff getötet. Freund:innen und Kolleg:innen sorgten für die Veröffentlichung der Kriegsberichte, Interviews, Artikel und Tagebuchnotizen. Manches davon ist noch nicht ausgearbeitet, bleibt Fragment – und erschüttert gerade durch diese Unabgeschlossenheit. Entstanden ist aus Amelinas Texten ein sorgfältig edierter, mit zahlreichen Quellenangaben versehener Band, bei dessen deutschem Titel allerdings ein Komma oder ein Gedankenstrich fehlt. Margret Atwood hat das Vorwort zu dem zunächst auf Englisch erschienenen Buch Looking at Women, Looking at War verfasst und hält fest: »Ihr Schreibstil ist flüchtig, eindringlich, hautnah und persönlich, detailliert und sinnlich. Sie tritt damit in die ehrenwerten Fußstapfen früherer Kriegsreporterinnen wie Martha Gellhorn, die schrieb: ›Ich muss von diesem Krieg berichten …‹.«
Victoria Amelina hat durch ihr Schreiben dafür gesorgt, dass der alltägliche Horror festgehalten wird, den die Menschen in der Ukraine seit nunmehr vier Jahren erleben. Wir erfahren, was Vertreibung, Zerstörung, Tod mit den Menschen machen. Amelina, die eine genaue Beobachterin war, notierte: »Es fällt doch auf, wie viel wir alle während dieses furchtbaren Kriegs lachen. Vielleicht nicht gerade vor ausländischen Reportern, die meistens erwarten, dass eine ukrainische Frau Verzweiflung oder Heldentum an den Tag legt. Die Wahrheit ist, dass wir manchmal, wenn wir des Weinens müde sind oder einfach nicht weinen können, wie verrückt lachen, als wollten wir beweisen, dass wir da sind, wir UkrainerInnen, und noch am Leben.« (MT)
Artur Weigandt (2025): Für Euch würde ich kämpfen. Mein Bruch mit dem Pazifismus. München: C.H. Beck, 208 Seiten, 18 Euro
Die deutsche Bundeswehr hat zu Beginn des Jahres die Fragebögen verschickt, die junge Männer des Geburtsjahrgangs 2008 ausfüllen müssen. Erhoben wird das grundsätzliche Interesse am Wehrdienst. Dass es in Deutschland die Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht gibt, hängt unmittelbar mit der Bedrohungslage nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zusammen – und auch mit der Sorge um die Zukunft der NATO nach Trumps Verbalattacken gegen die europäischen Bündnispartner.
So legt Artur Weigandt mit Für Euch würde ich kämpfen ein politisch hochaktuelles Buch vor. Ausgangspunkt ist seine persönliche Abkehr vom radikalen Pazifismus angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine. Weigandt, 1994 im kasachischen Uspenska geboren und in Deutschland aufgewachsen, verbindet im neuen Buch wie schon zuvor in seinem Erstlingswerk Die Verräter autobiografische Reflexion mit politischer Analyse. Er hat in Frankfurt studiert, die Deutsche Journalistenschule in München besucht und – um etwas Sinnvolles zu tun – als Dolmetscher an der Ausbildung ukrainischer Soldaten in Deutschland teilgenommen. In Für euch würde ich kämpfen schildert Weigandt seinen inneren Konflikt zwischen moralischer Überzeugung und politischer Realität, setzt sich kritisch mit klassischen pazifistischen Positionen auseinander und diskutiert Fragen militärischer Abschreckung, Bündnispolitik und europäischer Sicherheit. Er bietet verstörende Einblicke in den ukrainischen Kriegsalltag und in wohlfeile deutsche Debatten über Waffenlieferungen und Wehrhaftigkeit. Für Euch würde ich kämpfen ist engagierter Meinungsjournalismus in Buchform. (MT)
James Poniewozik (2025): Alle Scheinwerfer auf mich! Die Geburt Donald Trumps aus dem Fernsehen und der Zerfall Amerikas. Aus dem Amerikanischen von Sean Carty und Clara Schilling. Berlin: Edition Tiamat, 423 Seiten, 32 Euro
James Poniewozik lässt die deutsche Erstveröffentlichung seines bereits 2019 erschienen Werkes Audience of One mit folgender Szene beginnen: »Am 28. Februar 2025 traf sich der ehemalige Star der Sitcom Diener des Volkes mit dem ehemaligen Moderator von NBCs erfolgreichster Primetime-Reality Show, um die Zukunft einer belagerten osteuropäischen Demokratie zu besprechen.« (S. 7) Dieses Treffen zwischen Wolodomyr Selenskyi und dem wiedergewählten Donald Trump endete bekanntermaßen in einem live im Fernsehen übertragenen Desaster, in dem Trump und sein Vize J.D. Vance Selenskyi Undankbarkeit vorwarfen und damit drohten, der Ukraine jegliche humanitäre und militärische Unterstützung zu entziehen. Poniewozik hält fest: »Trump beendete seine Tirade mit einer merkwürdig heiteren Note: Das ist doch mal gutes Fernsehen.« (S. 7) Für jene, die Trumps Rolle in The Apprentice nicht kennen, eine erschreckende Episode neuer Realpolitik, für Zuschauer:innen der Reality-TV-Show eine vertraute Szenerie: Donald Trump degradiert in einem dem Oval Office nicht unähnlichen Saal Kandidaten zu unterwürfigen Bittstellern. Sie wissen nicht, was er eigentlich will. Sie fürchten seine cholerischen Anfälle und Kandidaten-Rauswürfe. Trump aber, so Poniewozik, weiß immer, was die Kamera will: Konflikt.
Der Autor, seit 2015 Fernsehkritiker der New York Times, analysiert Trumps Weg zur öffentlichen Person und erfolgreichen Medienfigur als amerikanische und der Logik des Privatfernsehens folgende Medienbiografie in drei Teilen: Die Vorgeschichte, der Antiheld, Präsidentenfernsehen. Er erzählt zwei eng miteinander verknüpfte Geschichten: zum einen die des Fernsehens und wie es sich bis in die heutige Zeit der Techmonopole und fragmentierten Öffentlichkeiten gewandelt hat, zum anderen die des Donald Trump, »der es im Laufe einer vier Jahrzehnte dauernden Fernsehkarriere zu einer symbiotischen Beziehung mit diesem Medium gebracht hat« (S. 20) und der wie kaum ein anderer die Medien seiner Zeit nutzt(e), »um eine Marke, ein Star, ein Demagoge und ein Präsident zu werden« (S. 21).
Poniewozik argumentiert nachvollziehbar mit der spezifischen Verschränkung von Medien und Politik in den USA: »Verfolgt man die Medienkultur Amerikas im Laufe von Trumps Karriere, wird man besser verstehen, wie Trump passieren konnte. Und versteht man, wie Trump passiert ist, wird man besser verstehen, was aus uns geworden ist.« (S. 21 f.) Der Autor gelangt zu einem ernüchternden Ergebnis und prophezeit: »Donald Trump wird immer passiert sein. Wir werden immer das Land sein, das ihn gewählt hat. Er wird in TV-Wiederholungen und Kindergeschichtsbüchern vorkommen. Vermutlich wird es eine Donald J. Trump-Bibliothek geben, selbst wenn es nur ein Videorecorder-Set ist.« (S. 402) Gegenwärtig aber besteht das Problem darin, dass Trump mit seiner narzisstischen Präsidentenshow Aufmerksamkeit nicht nur erhält, sondern auch erzwingen kann. »Die ganze Welt ist jetzt die Kulisse von Trumps Reality-Show. Und Präsident Selenskyi ist nicht der Einzige, dem übel mitgespielt wird.« (S. 12) Können wir Trump unsere Aufmerksamkeit entziehen? (Bro)
Alexander Steinbach, Alfred Schwarz (Hrsg.) (2025): Über Morgen. Hilft uns heute das Gestern? ORF-Reporter:innen in Dialogen auf vier Kontinenten. Wien: Mandelbaum, 228 Seiten, 22 Euro
Neun ORF-Reporter:innen diskutieren globale Herausforderungen mit Kolleg:innen »aus aller Welt«. Manche von ihnen sind schon pensioniert, andere stehen noch mitten im Berufsleben. Sie sprechen über das, was war und das, was kommen wird, über Journalismus, Demokratie, alten und neuen Autoritarismus. Aber auch über Lieblingsgerichte und Bücher, Künstliche Intelligenz und Hoffnung.
Das dialogische Format tut dem Buch gut. Aber entscheidend sind die Menschen, die in den Dialog treten. Miteinander reden Joana Radzyner und Barbara Coudenhove-Kalergi. Sie stellen fest: »Es ist nicht Entweder – oder«. Margit Maximilian fragt Wycliffe Muga: »Warum ist Afrika so arm?« Carola Schneider und Irina Scherbakowa sind sich einig: »Wenn Europa zulässt, dass der Ukrainekrieg mit einem Sieg Putins endet, dann hat auch ganz Europa verloren.« Eugen Freund und Ted Koppel sorgen sich um die nordatlantische Allianz: »Dass sich Europa heute auf die USA verlassen kann, das ist völlig vorbei«, so ihre Erkenntnis. Alfred Schwarz trifft die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková und spricht mit ihr über Zukunftsangst und Schwalben, die hoffentlich wiederkommen. Renate Zeller Heilig und Ángel Verdugo denken über Mexiko und Populismus weltweit nach, Robert Wiesner und Heide Schmidt über Parteien und die Zivilgesellschaft. Alexander Steinbach befragt den japanischen Sozialphilosophen Kenishi Mishima zu Migration; Gerhard Seifried und Stefan Wachtel sinnieren über Meinungsfreiheit und Zensur; Alexander Steinbach und Peter Riedl zitieren die Erkenntnis einer buddhistischen Nonne: »Ohne mich ist das Leben ganz einfach.« Danach widmen sich noch Alfred Schwarz und Michael Christen der Frage, ob KI das Leben leichter macht – und so schließt sich der Kreis, denn auch Andreas Pfeifer hat in seinem Vorwort zum Gesprächsreigen trotz und wegen aller KI-Debatten gefordert: »Am Selberdenken führt kein Weg vorbei.«
Den Herausgebern Alexander Steinbach und Alfred Schwarz, beide früher für den ORF tätig, ist nach Fischen mit Lech Wałęsa. Weltpolitik aus erster Hand. ORF-Reporter:innen erzählen (2025) wiederum ein schönes Buch gelungen. Ein Zeitdokument, zugleich ein journalistisches Fach- und politisches Lesebuch. (MT)
Sabine Adler (2025): Israel, Fragen an ein Land. Berlin: Ch. Links Verlag, 270 Seiten, 24 Euro
Sabine Adler, Reporterin des Deutschlandfunks, berichtet seit Jahrzehnten aus Osteuropa und dem Nahen Osten. In ihrem neuen Buch Israel, Fragen an ein Land spricht sie mit Menschen, die sie zum Teil schon seit vielen Jahren kennt. So mit der fast hundertjährigen Ruth Goldmann, Holocaust-Überlebende und Ärztin. Auch viele Mitglieder und Bekannte der Familie Goldmann waren zum Gespräch bereit. So handelt es sich bei Israel, Fragen an ein Land bei aller Zurückgenommenheit der Autorin um eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit einem Land und den dort lebenden Menschen. Zugleich bietet das Buch sehr viel Differenzierung und Detailkenntnis.
Thematisch spannt es einen weiten Bogen – von der Staatsgründung über den Umgang mit der Shoah, den Nahostkonflikt, die Rolle von Religion und Militär bis hin zu innergesellschaftlichen Spannungen zwischen säkularen und religiösen Gruppen. Adler kontrastiert politische Entscheidungen mit den Auffassungen ihrer Gesprächspartner:innen. Sie vermeidet Schuldzuweisungen, setzt auf historische Genauigkeit, Kontextualisierung und Differenzierung. Deutlich werden die Widersprüche innerhalb der israelischen Gesellschaft. Deutlich wird auch, wie sich die Außenwahrnehmung Israels seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 verändert hat. Von der anfänglichen internationalen Solidarität mit Israel und dem Verständnis für einen militärischen Schlag gegen die Hamas-Terroristen ist nach der vollständigen Zerstörung des Gaza-Streifens und der Vertreibung und Tötung Zehntausender Zivilist:innen kaum mehr etwas übrig.
Was bleibt, sind Fragen: »Ist ein Zusammenleben noch möglich?«, »Wer sieht die Opfer auf der anderen Seite?«, »Ist das noch demokratisch?«, »Wird Israel zu hart kritisiert?«, »War alles umsonst?«, »Was könnte den Hass stoppen?« Sabine Adler und auch die von ihr Befragten liefern keine einfachen Antworten. Adler gibt Raum zu erzählen. Sie hört zu, getragen von dem Wunsch zu verstehen. So fördert das Buch Verständnis, ohne Konflikte zu beschönigen, es informiert, ohne zu belehren. Und es eignet sich sowohl als Einstieg für Leser:innen, die sich erstmals intensiver mit Israel befassen, als auch für ein politisch interessiertes Publikum. (MT)
Géraldine Muhlmann (2025): Zur Verteidigung der Fakten. Aus dem Französischen von Lina Theiß. Wien: Passagen, 168 Seiten, 25 Euro
Géraldine Muhlmanns Buch Zur Verteidigung der Fakten widmet sich einer der zentralen Fragen der Gegenwart: Wie kann faktenbasierter Journalismus in einer Medienwelt überleben, die von Desinformation, populistischen Verzerrungen und einer kaum noch zu bewältigenden Flut an Bildern und Texten geprägt ist? Die französische Philosophin knüpft dabei an Hannah Arendts Überlegungen zur Faktizität an, der Arendt eine beinahe materielle, physische Kraft zuschrieb. Muhlmann greift diesen Gedanken auf und untersucht, wie diese Kraft unter den Bedingungen digitaler Öffentlichkeiten zu schwinden droht.
Ein Ausgangspunkt ihrer Analyse ist die Diagnose, dass Fake News nicht nur ein politisches Instrument sind, sondern auch eine Folge struktureller Veränderungen im Journalismus. Medien, die zunehmend auf Schnelligkeit, Storytelling und Unterhaltung setzen, akzeptierten Fehler und Zuspitzungen als Teil des Geschäfts. Hinzu komme die fortschreitende »Virtualisierung der Welt«: Die schiere Menge an Nachrichten im weitesten Sinne erschwere es, Wirklichkeit sinnlich zu erfassen. Muhlmann beobachtet, dass reale Ereignisse wie Kriege und Krisen oft weniger Empathie hervorrufen als ihre fiktionalen Darstellungen. Kritik übt die Philosophin und Moderatorin auch an der gegenwärtigen medialen Gesprächskultur. Talkshows, Debattenformate und Expert:innenrunden erzeugten, so Muhlmann, ein permanentes Palaver, in dem Meinungen aufeinandertreffen, Fakten jedoch in den Hintergrund treten.
Die Autorin erinnert daran, dass Journalismus einst in freiheitlichen Gesellschaften zum Schutz der »faktischen Materie« etabliert wurde. Sie zeichnet den Wandel von der meinungsbetonten Presse des 19. Jahrhunderts hin zur Informationspresse nach, die Objektivität und faktische Genauigkeit zu zentralen Idealen erhob. Rituale der Verifikation, die berühmte Forderung Pulitzers nach »Accuracy«, die journalistische »Spürnase« oder der detailversessene New Journalism stehen bei ihr exemplarisch für den Versuch, Wirklichkeit möglichst präzise, objektiv und unparteiisch abzubilden. Zugleich setzt sie sich kritisch mit Jürgen Habermas auseinander, dessen Konzept der deliberativen Öffentlichkeit ihr zu stark auf rationalen Diskurs verengt erscheint und andere Dimensionen öffentlicher Debatte wie Affekt und Dissens ausblende.
Die abschließenden Kapitel illustrieren anhand zahlreicher Beispiele aus Frankreich und den USA, wie stark der Journalismus heute unter Druck steht: Bewusst konstruierte »Fakten«, wachsender Hass auf Medienschaffende und ein spürbarer Verlust an gesellschaftlicher Legitimation bedrohen die Grundlagen des Berufs. Muhlmann plädiert daher für eine Rückbesinnung auf die sinnliche Dimension der Faktizität – auf das genaue Hinsehen und Dabei-Sein, das Wahrnehmen von Details, letztlich die Fähigkeit, Wirklichkeit erfahrbar und nachvollziehbar zu machen.
Das Buch bietet zahlreiche anregende Beobachtungen und kluge historische Einordnungen. Allerdings wirkt die Darstellung bisweilen uneinheitlich. Zur Verteidigung der Fakten schwankt zwischen essayistischem Vorlesungsfragment zu Öffentlichkeitstheorien und praxisrelevanter Analyse aktueller Probleme des Journalismus. Doch sind Muhlmanns Überlegungen da interessant, wo sie die Krise des Journalismus nicht nur beklagt, sondern sich ihren kulturellen und ökonomischen Ursachen nähert. Muhlmanns Schlussgedanke, dass Fakten – ähnlich wie Träume – gegen die Verlockung schneller Gewissheiten verteidigt werden müssen, fasst das Anliegen des Buches prägnant zusammen. Zur Verteidigung der Fakten ist damit vor allem ein philosophischer Weckruf: eine Erinnerung daran, dass die Wirklichkeit immer wieder neu wahrgenommen, geprüft und erzählt werden muss. (Bro)
Aline Abboud, Nana Heymann (2025): Barfuß in Tetas Garten. Berlin, mein Libanon und ich. Berlin: Ullstein, 256 Seiten, 22 Euro
Barfuß in Tetas Garten ist eine sehr persönliche, ostdeutsch-libanesische Herkunftserzählung der Journalistin und Tagesthemen-Moderatorin Aline Abboud. Geboren 1988 in Ost-Berlin, der Vater Libanese, die Mutter Deutsche, erinnert sie sich an Sommerurlaube im Libanon mit den Großeltern und Verwandten. Eindrücklich schildert Abboud familiäre Rituale, Gerüche, Geräusche. Diese autobiografischen Passagen verbindet sie mit Reflexionen über Migration, Rassismus und Zugehörigkeit, das Leben zwischen zwei Kulturen und die Frage nach Identität in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft. Abboud ist überzeugt, »dass der Begriff ›Migrationshintergrund‹ mehr über die Gesellschaft aussagt, in der wir leben, als über einen selbst« (S. 14).
Die Medienberichte, die 2021 erschienen, als Abboud vom ZDF zu den ARD–Tagesthemen wechselte, thematisierten genau das: Migrationsgeschichte, Herkunft, Alter und Geschlecht der »Neuen«, die nun nach Pinar Atalay und mit gerade einmal 33 Jahren eine der wichtigsten deutschen Nachrichtensendungen moderieren sollte. Aus journalistischen Gründen kann Abboud die Reduktion auf diese wohl am meisten interessierenden Punkte nachvollziehen, auch bezeichnet sie sich selbst als »Migra« und als »Ossi«, doch ist ihr Buch der Versuch, über zwei, drei Stichworte zur Person hinauszugelangen. So berichtet sie von ihrer journalistischen Arbeit, Nachrichten, die sie erschüttert haben und den Erwartungen der Kolleg:innen an sie, die doch wohl Arabisch kann? Die Berlinerin Abboud setzt sich mit ihrem »Ossi-Sein« auseinander, obwohl sie die DDR kaum erlebt hat, mit ihrer Schulzeit, die nicht sehr glücklich war. Und sie erzählt von ihrem Vater, der, wenn er seine Eltern im Libanon besuchte, nicht wusste, ob und wann er sie wiedersehen würde.
Abbouds Schilderungen sind so facettenreich und bunt, dass es die Fotos in der Mitte des Buches gar nicht gebraucht hätte – schön und aufschlussreich sind sie aber doch! Die Autorin widmet Barfuß in Tetas Garten der Großmutter, deren Herzlichkeit sie vermisst, und der weitverzweigten Familie. Ganz besonders widmet sie das Buch jedoch ihrer Tochter, die auf die Welt kam, als Abboud gemeinsam mit ihrer Freundin Nana Heymann versuchte, den Text zu strukturieren. Erinnerungen lassen sich nicht so leicht in eine Struktur pressen, was aber nicht schlimm ist. Es müssen auch nicht alle Gärten ordentliche Beete haben. (MT)
Can Dündar (2025): Ich traf meinen Mörder. Ein Journalist und die dunklen Seiten der Macht. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. Berlin: Galiani, 201 Seiten, 23 Euro
Can Dündars Buch Ich traf meinen Mörder. Ein Journalist und die dunklen Seiten der Macht ist persönlicher Erfahrungsbericht, politisches Zeitdokument und spannungsreiche Reportage. Der türkische Journalist, der seit Jahren im Exil lebt, schildert darin die Begegnung mit einem Mann, der einst den Auftrag erhalten hatte, ihn zu töten – eine Ausgangssituation, die an True-Crime-Literatur erinnert, jedoch auf Tatsachen beruht.
Im Zentrum des Buches stehen die Gespräche, die Dündar gemeinsam mit einem ZDF-Fernsehteam im Gefängnis von Buenos Aires mit Serkan Kurtulus führte. Er berichtet mit bemerkenswerter Nüchternheit und Detailgenauigkeit über die Strukturen jener »Organisation«, zu der Personen aus Politik, Geheimdienst, Justiz, Polizei und Mafia gehören. Besonders eindrücklich ist die Selbstverständlichkeit, mit der Kurtulus schildert, wie Gewalt gegen Journalist:innen als legitimes Mittel der Einschüchterung betrachtet wird. Dass er selbst den Mordauftrag ablehnte und später in die Mühlen internationaler Fahndung und politischer Drohungen geriet, verleiht der Geschichte eine gewisse Tragik: Wer wann zum Täter oder Opfer wird, hängt von der Willkür der Mächtigen in einem Terrorsystem ab.
Dündar verknüpft die Gefängnisgespräche mit seiner eigenen Geschichte. Auslöser der Verfolgung war seine Berichterstattung über geheime Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes nach Syrien im Jahr 2015. Es folgten Untersuchungshaft, ein Attentat vor einem Gerichtsgebäude, eine Haftstrafe wegen angeblicher Spionage sowie schließlich Exil: Dündar hat politisches Asyl erhalten und lebt seit 2016 in Berlin. Die biographischen Passagen verleihen dem Buch eine bedrückende Authentizität, denn sie machen deutlich, welchen Preis investigativer Journalismus in autoritären Systemen haben kann.
Stilistisch liest sich das Buch stellenweise wie ein Thriller. Die Dramaturgie der Gefängnisgespräche, die Schilderungen geheimer Operationen und die permanente Bedrohung erzeugen Spannung. Die eigentliche Wirkung entsteht jedoch aus der Realität der Ereignisse. Gerade diese Nähe zur dokumentarischen Form gehört zu den Stärken des Buches.
Eine gewisse Schwäche liegt allerdings im Titel und in der wiederholten Bezeichnung Kurtulus’ als »Mörder«. Juristisch handelt es sich um einen Mann, der einen Mordauftrag erhalten haben soll, nicht um den tatsächlichen Attentäter Murat Sahin. Diese Zuspitzung steht in einem gewissen Widerspruch zur ansonsten reflektierten und differenzierten Darstellung.
Immer wieder kehrt Dündar zu der Frage zurück, ob sich der hohe persönliche Einsatz gelohnt hat. Seine Antwort ist eindeutig: Nur wenn jemand bereit ist, Risiken einzugehen, ist Aufklärung möglich. Ich traf meinen Mörder ist mehr als die Schilderung eines Attentatsversuchs oder einer außergewöhnlichen Begegnung. Es ist ein eindringlicher Bericht über die Gefährdung der Pressefreiheit, die Verflechtung von Macht und Gewalt – und ein Zeugnis des Mutes, der notwendig ist, um dennoch zu schreiben. (Bro)
Katja Gloger und Georg Mascolo (2025): Das Versagen. Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik. Berlin: Ullstein, 496 Seiten, 26,99 Euro
»Russland ist ein freundlich gesinntes europäisches Land.« (S. 11) Dieser Satz Vladimir Putins weckte 2001 beim ersten Staatsbesuch des russischen Präsidenten in Deutschland große Hoffnungen. Heute wirken Putins Worte angesichts des Angriffskrieges auf die Ukraine und der autokratischen Diktatur in Russland, dem Putinismus, wie blanker Hohn. Und heute weiß man auch, dass die Rede Putins im Deutschen Bundestag damals vom Industriemanager und Spitzenbeamten Horst Teltschik geschrieben worden war. Putin hatte Teltschik, der einst mit Kanzler Kohl die deutsche Einheit verhandelte, darum gebeten.
Katja Gloger und Georg Mascolo zeichnen in ihrer minutiös recherchierten Geschichte der deutschen Russlandpolitik nach, wie es seit Putins Präsidentschaft im Jahr 2000 zu zahllosen politischen Fehleinschätzungen kam. Mahnende Stimmen wurden nicht gehört oder konnten sich nicht durchsetzen. Das sei insofern erstaunlich, als Putin von Tag eins seiner Herrschaft an der Welt gezeigt habe, dass Krieg das politische Mittel seiner Wahl ist und man Feinde, damals die Autonome Republik Tschetschenien, »wie Ungeziefer vernichten müsse« (S. 14). Dennoch hätten deutsche Politiker, so kritisierte damals schon der frühere DDR-Bürgerrechtler Werner Schulz, Putin wie einen »Enkel Gorbatschows gefeiert« und nicht als »Ziehsohn des KGB erkannt« (S. 15).
Gloger und Mascolo blicken hinter die politischen und ökonomischen Kulissen, zeigen Ursachen und Folgen von Putins Herrschaft, graben sich durch Kilometer von Akten, die ihnen manchmal »verblüffend unbürokratisch« (S. 17) zugänglich gemacht, manchmal aber ohne jede Erklärung verweigert wurden. Sie sprechen mit Zeitzeugen – einem Kanzler (nicht Gerhard Schröder, aber Olaf Scholz), Ministern, Diplomaten, ranghohen Bundeswehr- und Nato-Offizieren oder auch dem derzeitigen deutschen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier. Dabei gelingt es dem Autorenteam, Putins Biografie als »die steilste Karriere, die das postsowjetische Russland kennt« (S. 18), nachzuzeichnen und zu verdeutlichen, dass er immer ein Mann des Geheimdienstes war. Bis heute arbeite er mit Geheimdienstmethoden. Gloger und Mascolo zeigen anhand entscheidender Wegmarken, wann, wo und wie deutsche Russlandpolitik versagte, so beim Minsker Friedensprozess, bei den Pipelines Nordstream 1 und 2 oder der von Steinmeier 2008 vorgeschlagenen »Modernisierungspartnerschaft«.
Neben der intensiven investigativen Recherchearbeit und der ausführlichen Dokumentation der Quellen und vorkommenden Personen auf insgesamt 90 Seiten sind es drei große Verdienste, die dieses faktenreiche Buch lesenswert machen. Erstens: Gloger und Mascolo machen deutlich, dass Putin nicht nur einen Krieg gegen die Ukraine führt, sondern zugleich gegen den seiner Meinung nach sittlich verkommenen Westen. Sein Russland und er kennen keine Grenzen, weshalb wir heute in einer unberechenbaren und gefährlichen Gegenwart leben. Es reicht also nicht, Versagen in der Vergangenheit zu analysieren, vielmehr müssen daraus Lehren für künftige Entscheidungen gezogen werden. Zweitens: Es ist nicht Ziel des Buches, »personal bashing« zu betreiben und Politiker:innen wie Journalist:innen als die Versager in Sachen Russland an den Pranger zu stellen. Gloger und Mascolo erkennen das Bemühen vieler mit Russland befasster politischer Akteure um vertrauensbildenden Dialog an. Und drittens: »Die Aufarbeitung deutscher Russlandpolitik ist Pflicht, unbedingt und auch immer wieder wegen unserer eigenen Geschichte.« (S. 24) (Bro)
Dorothee Krings (2025): Tage aus Glas. Hamburg: HarperCollins, 304 Seiten, 24 Euro
Abstrakte Begriffe wie »Strukturwandel« oder »Transformation« füllt Dorothee Krings in ihrem Roman Tage aus Glas mit Leben. Er handelt von den Arbeitskämpfen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im gesamten Deutschen Reich streiken 1901 die Glasmacher. Auch die Arbeiter der Gerresheimer Glashütte und ihre Frauen, die in der Weberei schuften, entscheiden sich dafür, die Arbeit niederzulegen. Mit fatalen Folgen. Denn die schwere, krank machende Arbeit der Glasbläser ersetzen bald schon Maschinen. Die Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben zerbricht.
Der historische Roman beruht auf umfassender journalistischer Recherche. Er erzählt die Geschichte zweier Frauen unterschiedlicher sozialer Herkunft, deren Lebenswege sich kreuzen. Bille, die Tochter eines Glasbläsers, die mit ihrem Freund Adam auswandern möchte, und Leonie, die Tochter des Betriebsarztes. Beiden Frauen erscheint Amerika als das gelobte Land. Doch der Preis für ein selbstbestimmtes Leben ist hoch.
Krings, die als Redakteurin bei der Rheinischen Post arbeitet, gelingt es, soziale Konflikte differenziert darzustellen, auch innerhalb der Arbeiter:innenschaft und des aufstrebenden Bürgertums. Passagenweise liest sich der Roman wie eine Sozialreportage, die Dialoge klingen echt, die Schilderungen der Not und Verzweiflung, aber auch des Mutes und Klassenstolzes nicht übertrieben. Die Frauen in den Mittelpunkt zu stellen, vermittelt noch einmal andere Einsichten. Doch auch die Zerrissenheit der Männer, die zum Arbeitskampf aufrufen oder als Streikbrecher beschimpft werden, schildert die Autorin eindrücklich. Die Rede des Arbeiters Oschi, im Roman auf S. 169, ist laut Krings angelehnt an die des Krupp-Betriebsleiters Helmut Laakmann vom 30. November 1987, als es um den Erhalt des Stahlwerks in Duisburg-Rheinhausen ging.
Die Perspektivwechsel, ausführlichen Schilderungen und zahlreichen Adjektive in Tage aus Glas überfordern Leser:innen vielleicht, auch mag manches stereotyp erscheinen in Krings erstem Roman, doch überzeugen die genauen Kenntnisse der Lokalgeschichte(n), die Zeichnung der Figuren und wie kunstvoll die Autorin damit umgeht, dass das Sein das Bewusstsein prägt. (MT)
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Zitationsvorschlag
Martina Thiele / Boris Romahn: Buchjournalismus. Lesenswerte Bücher von Journalist:innen. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 1, 2026, 9. Jg., S. 72-82. DOI: 10.1453/2569-152X-12026-15935-de
ISSN
2569-152X
DOI
https://doi.org/10.1453/2569-152X-12026-15935-de
Erste Online-Veröffentlichung
April 2026
