Rezensiert von Stine Eckert
Der Tiananmen-Platz 1989, der gewaltsame Sturz des liberianischen Präsidenten 1990, der Arabische Frühling 2010 und das Massaker in Butscha 2022 – dies sind nur einige der zahlreichen Stationen auf Colleen Murrells intensiver und beeindruckender Reise durch die jüngste Weltgeschichte aus der Sicht von zehn BBC-Auslandskorrespondentinnen: Kate Adie, Diana Goodman, Liz Blunt, Lyse Doucet, Orla Guerin, Carrie Gracie, Sara Beck, Caroline Wyatt, Sarah Rainsford und Shaimaa Khalil. Murrell widmet jeder von ihnen ein Kapitel und bringt diese prominenten Journalistinnen den Leser:innen durch lange und ausführliche Interviews näher. In den Gesprächen hinterfragt sie systematisch, welche Rolle das Geschlecht in der Arbeit der Auslandskorrespondentinnen spielt bzw. gespielt hat. Geschickt verbindet Murrell journalistischen und akademischem Schreibstil, nennt die Korrespondentinnen beim Vornamen und präsentiert ein Farbfoto von jeder Interviewten. So macht sie jedes Kapitel zu einem lebendigen Porträt.
Zwischen August 2021 und Juli 2022 führte Murrell qualitative, offene Interviews – bis auf zwei persönlich – und hielt per E-Mail mit ihren Gesprächspartnerinnen Kontakt, um über die jüngsten Entwicklungen auf dem Laufenden zu bleiben. Sie beschreibt die einzelnen Karrieren detailliert, von Erziehung und Interessen in der Kindheit über Schul- und Hochschulausbildung bis hin zu den zahlreichen journalistischen Meilensteinen, die die Frauen auf ihrem Weg zur BBC-Auslandskorrespondentin erreichen mussten. Die Sprachbegabung dieser Journalistinnen und ihr außergewöhnlicher Ehrgeiz, ihre fundierten Fachkenntnisse in regionaler Politik und Kultur, ihr Fleiß, sich Quellen und berufliche Netzwerke in verschiedenen Teilen der Welt aufzubauen, sowie ihre Flexibilität, innerhalb kürzester Zeit den Posten zu wechseln, beeindrucken auf den 237 Seiten des Buches immer wieder.
Die Autorin wählte Interviewpartnerinnen aus, die außergewöhnliche Erfolge in ihrer Karriere vorweisen konnten, beispielsweise wenn eine Korrespondent:innenstelle erstmalig mit einer Frau besetzt wurde. Murrell interessiert sich speziell für die Hindernisse, die diese Journalistinnen überwinden mussten. Da ist zum Beispiel Kate Adie, »die erste Frau, die als festangestellte Reporterin mit normalem Gehalt zu Prominenz gelangte« (S. 11) in den 1980er-Jahren. Außerdem sind dabei Diana Goodman in Bonn und Elizabeth Blunt in Abidjan, 1986 die ersten BBC-Auslandskorrespondentinnen, sowie Caroline Wyatt, die 2007 die erste Korrespondentin für Verteidigungspolitik der BBC wurde. Die Kapitel sind chronologisch angeordnet und zeigen, wie nachfolgende Journalistinnen bis heute von diesen Pionierinnen profitieren. Erfreulicherweise berichten Murrells Interviewpartnerinnen immer wieder, wie die Bekanntschaft oder Zusammenarbeit mit diesen und anderen Journalistinnen ihnen dabei geholfen haben, sich ihre eigene Karriere vorzustellen und diese zu verfolgen. Ebenso loben alle von ihnen die freien Mitarbeiter:innen, Fixer:innen und lokalen Journalist:innen, mit denen sie im Ausland zusammengearbeitet haben und die oft nicht ausreichend gewürdigt werden.
Murrell, die Professorin für Journalismus an der Dublin City University ist und selbst zuvor für die BBC in der Auslandsberichterstattung gearbeitet hat, versetzt ihr Publikum durch paraphrasierte und direkte Zitate ihrer Interviewpartnerinnen in Kriege, Konflikte und historische Ereignisse und macht das Buch auf diese Weise zu einer spannenden Lektüre. So erzählt Kate Adie beispielsweise, wie sie eine der Kassetten mit Aufnahmen von den Demonstrationen auf dem Tiananmen-Platz unter Beschuss zurück zum Hotel brachte, sich dabei einer Konfrontation mit Polizeibeamten stellen musste, es aber dennoch rechtzeitig schaffte, live per Telefon zu berichten:
»Und als ich anfing, begann die Schießerei wirklich, und es rannten Menschen in alle Richtungen. Es war schrecklich. Und jemand rannte direkt in mich hinein. Ich fiel hin und riss mir die Haut am Unterarm auf dem Kies auf. Und er fiel auf mich drauf. Und er war tot, weil ihn eine Kugel getroffen hatte. Und als ich auf dem Boden lag, sah ich etwas sehr Seltsames. Ich sah kleine rote Punkte. Und das waren Kugeln, die auf den Boden trafen. Ich stand auf und rannte einfach los. … Und einer von ihnen kam auf mich zu, und ich griff ihn einfach an … Zu diesem Zeitpunkt war ich außer mir vor Wut und Entschlossenheit … Ich schlug überall hin, einen trat ich, einen anderen schlug ich mit einem Möbelteil. Ich hatte Glück, dass sie nie ihre Waffen gezogen haben. Ich ging zur Treppe, und ich erinnere mich noch heute daran, wie ich diese Treppe hinauflief.« (S. 31)
Murrell ergänzt diese Erinnerungen mit Zitaten aus Büchern und früheren Interviews der Interviewpartnerinnen, Archivrecherchen zu Beispielen ihrer Berichterstattung und aktuellen Links für weiterführende Lektüre und Videos. Die beeindruckende geografische Bandbreite der Beiträge reicht von Europa und dem Nahen Osten über Afrika und Asien bis hin zu Australien und Ozeanien. Vor allem Osteuropa wird in mehreren Porträts vorgestellt, darunter auch der anhaltende Krieg in der Ukraine. Die leitende Auslandskorrespondentin Orla Guerin (auf einem Foto mit Helm und schwerer Schutzausrüstung zu sehen) erzählt drei erschütternde Geschichten von Männern, Frauen und Kindern, die 2022 vor den Kämpfen in Butscha, Irpin und Lyssytschansk fliehen mussten. Die Osteuropa-Korrespondentin Sarah Rainsford berichtet, wie Russland ihr im August 2021 die Rückkehr ins Land verweigerte, und kommt zu dem Schluss: »Russland ist heute ein ganz anderer Ort und ein so gefährlicher Ort […] und Russland ist vorerst verloren« (S. 205). Im Gegensatz dazu – und vielleicht aufgrund der Auswahl der Interviewpartnerinnen, der Stellenangebote der BBC für Korrespondentinnen und/oder der insgesamt geringeren Zahl von BBC-Posten in Lateinamerika, die mit der britischen Kolonialgeschichte zusammenhängen – kommen Nord-, Mittel- und Südamerika selten vor (Ausnahmen sind Venezuela, Kuba und Los Angeles).
Das Hauptziel des Buches ist es jedoch, die Entwicklung von Auslandskorrespondentinnen bei der BBC nachzuzeichnen. Dabei kommt Murrell zu dem Schluss, dass sich die Arbeitsbedingungen mittlerweile deutlich gebessert haben. Murrells 17-seitige Einleitung bietet einen kurzen geschichtlichen Abriss: Die BBC, die in den 1920er-Jahren mit der Beschäftigung von Frauen als Journalistinnen ihrer Zeit voraus war, führte 1933 eine »Ehe-Sperre« ein, um verheiratete Frauen (nicht Männer) auszuschließen. Diese Sperre wurde während des Zweiten Weltkriegs aufgehoben, was den Weg für die erste akkreditierte Kriegsberichterstatterin der BBC, Audrey Russell, ebnete. Murrell führt Leser:innen weiterhin durch die Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetze der 1970er-Jahre im Vereinigten Königreich, um die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede und Diskriminierungen bei der BBC seit den 1980er-Jahren hervorzuheben. Die Enthüllung im Jahr 2017, dass Frauen im Vergleich zu ihren Kollegen jahrelang deutlich unterbezahlt wurden, erschütterte die BBC. Murrell fragt jede ihrer Teilnehmerinnen, wie sie diesen Moment erlebt habe und wie er sich auf das Verständnis ihrer Arbeit und ihr Selbstwertgefühl ausgewirkt habe. Für Carrie Gracie, die fließend Mandarin spricht und als China-Korrespondentin und Redakteurin für die BBC tätig ist, kam der Bericht über ihr Gehalt im Vergleich zu dem ihrer Kollegen »aus heiterem Himmel und war einfach nur enttäuschend« (S. 144). Murrell berichtet, wie Gracie zusammen mit mindestens 43 anderen Journalistinnen ein Jahr lang gegen die BBC kämpfte, um schließlich eine gerechte Nachzahlung ihres Gehaltes zu bekommen, das sie dann der Fawcett Society für deren Equal Pay Advice Service spendete.
Auf diese und andere Weise bietet das Buch detaillierte Einblicke in die Hierarchien und Abläufe des riesigen Unternehmens, das die BBC mit ihren vielen Programmen darstellt. Auch die Produktionsseite und das Management werden anhand des Beispiels von Sara Beck, die als Büroleiterin in Moskau, Jerusalem und Singapur und als Leiterin des Russischen Dienstes und von BBC Monitoring tätig war, eingehender beleuchtet. Ein Glossar hilft Leser:innen, sich in der BBC-spezifischen Sprache besser zurechtzufinden.
Wissenschaftler:innen könnten etwas enttäuscht sein, dass Murrell ihre beeindruckende und reichhaltige Interviewsammlung nicht in einem Schlusskapitel für eine tiefergehende Analyse geschlechtsspezifischer Themen nutzt, um Überschneidungen und Unterschiede zwischen den Antworten der Befragten weiter zu untersuchen. Dies hätte auch Überlegungen zu den Zusammenhängen zwischen dem sozioökonomischen Hintergrund der Teilnehmerinnen und ihrer Karriere beinhalten können, um intersektionale Aspekte zu untersuchen, die es diesen Frauen ermöglicht haben, es bis an die Spitze der BBC-Berichterstattung zu schaffen. Vielleicht steht eine solche Analyse noch in anderer Form aus.
Insgesamt ist das Buch eine spannende Lektüre und faszinierende Reise um die Welt mit (Karriere-)Geschichten von BBC-Korrespondentinnen, von denen einige bis heute als Reporterinnen tätig sind, wie beispielsweise die Tokio-Korrespondentin Shaimaa Khalil, die sich als Araberin und Frau im Journalismus zurechtfinden muss, oder die Chefkorrespondentin für internationale Angelegenheiten Lyse Doucet, die häufig über Gaza, Israel und den Iran berichtet. Darüber hinaus kann das Buch auch als Lehrbuch dienen, da jedes Kapitel praktische Tipps und Hinweise enthält, die junge Frauen ermutigen sollen, die Auslandsberichterstattung als spannende und lohnende Berufswahl in Betracht zu ziehen.
Zurück bleibt nach der Lektüre größter Respekt vor den Leistungen dieser Journalistinnen und eine neue Wertschätzung für ihre wichtige Arbeit, die Wahrheit in oft chaotischen Konstellationen von Geschichte, Ort und Zeit ans Licht zu bringen. Murrell bleibt selbst optimistisch und prognostiziert vorsichtig, dass »in nicht allzu ferner Zukunft« (S. 15) zum ersten Mal eine Frau an der Spitze der BBC stehen wird, und zwar als Generaldirektorin. Die Tatsache, dass die Stelle zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Artikels im Januar 2026 noch unbesetzt ist, macht Hoffnung auf eine weitere Premiere für Frauen bei der BBC.
Ein großes Dankeschön geht an Sigrun Rottmann für ihr Feedback zu einer früheren Version dieser Rezension.
Über die Rezensentin
Stine Eckert ist Associate Professor am Department of Communication der Wayne State University in Detroit und Mitherausgeberin von Journalistik/Journalism Research.
Über dieses Buch
Colleen Murrell. (2025). BBC Women reporting the world. Conversations with foreign correspondents. [Wie Frauen bei der BBC über die Welt berichten. Gespräche mit Auslandskorrespondentinnen]. Palgrave Macmillan, 237 Seiten, ca. 27,- Euro.
