Editorial Unsere Rubriken

Liebe Leserinnen und Leser,

in der ersten Ausgabe der Journalistik im neunten Jahrgang erwartet Sie eine Reihe von Beiträgen, die mehr oder weniger mit Entwicklungen und Problemen des Journalistenberufs in Zeiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz (KI) zu tun haben. Im Beitrag von Inken Thiel und Uwe Krüger spielt die Digitalisierung nur im Hintergrund eine gewisse Rolle, weil bei der Verbreitung von Innovationen wie der Solidarischen Landwirtschaft durch konstruktiven Journalismus Online-Medien offenbar bisher nur eine geringe Bedeutung haben. Aber Marcus Bölz beobachtet Veränderungen im finnischen Journalismus infolge der Auseinandersetzung mit digitalen Desinformationskampagnen Russlands seit dem Beitritt Finnlands zur Nato und Lea Möller untersucht digital vermittelte Kommunikationskontakte von Radiomoderatorinnen mit ihrem Publikum und die positiven, aber auch die negativen Einflüsse auf deren emotionales Erleben.

Diese Beiträge befinden sich in der Rubrik mit der Überschrift Aufsatz, wobei Aufsätze in einer wissenschaftlichen Zeitschrift die übliche Darstellungsform sind. Hinzu kommt in dieser Ausgabe u. a. die neue Rubrik Forschung in Kürze, unter der wir in knapper Form auf besonders aufschlussreiche Studien hinweisen. Anlass für deren Einführung war die Erfahrung, häufig Manuskriptangebote zu erhalten, die zwar in Form und Argumentationsweise mehr dem Auszug aus einer akademischen Abschlussarbeit als einem Zeitschriftenaufsatz gleichen, die aber zeigen, dass es unter solchen Arbeiten durchaus lohnende gibt, die nicht in der privaten Schublade verschwinden sollten: In dieser Ausgabe die Arbeit von Matteo Emmanuello zum Einfluss von »Think Tanks« auf die Kriegsberichterstattung und die Untersuchung von Kaylin Lane und Jennifer Proffitt zu dem Phänomen »Florida Man« und »Florida Woman« als profitable Ablenkungsstereotypen in US-Nachrichtenmedien.

Auch Rezensionen gehören zum inhaltlichen Standard wissenschaftlicher Zeitschriften. Dort weniger erwartbar sind aber einige unserer Rubriken, die vor allem darauf beruhen, dass wir eine wissenschaftliche Zeitschrift für den Journalistenberuf sind und daher auch dessen charakteristische Qualitäten nicht ganz vernachlässigen sollten. Dazu gehört der Buchjournalismus, der sich von klassischen Rezensionen dadurch unterscheidet, dass unter dieser Rubrik in knapper Form über lesenswerte Bücher von Journalistinnen und Journalisten informiert und zu deren Lektüre eingeladen wird. Die dafür zu treffende Auswahl spiegelt das journalistische Qualitätskriterium Wichtigkeit. Die in dieser Ausgabe empfohlenen zehn Bücher haben Martina Thiele und Boris Romahn nicht nur ausgewählt, um sie zu kritisieren, sondern weil sie ein im journalistischen Tagesgeschäft leicht übersehenes Genre repräsentieren, in dem angesichts der kostenlosen und daher wenig einträglichen Nachrichtenschwemme vielleicht sogar eine ökonomische Zukunftschance des Journalistenberufs stecken kann.

Auch das neue Rubrum Initiativen hat mit der Nähe unserer Zeitschrift zum Journalismus zu tun, weil hier Praxisprojekte vorgestellt werden, die sich mit Problemen und Potentialen befassen, damit Journalistinnen und Journalisten, aber auch das Medienmanagement sie zur Kenntnis nehmen und in ihrer Arbeit berücksichtigen (können). In dieser Ausgabe ist das die »Initiative Nachrichtenaufklärung« (INA), die mit ihrer jährlichen »Top Ten«-Liste auf vernachlässigte und deshalb exklusive Themen hinweist, damit sie von der Berichterstattung aufgegriffen werden.

Journalistisch geprägt sind auch die Rubriken Essay und Debatte, die wir bisher gepflegt haben und auch in Zukunft pflegen wollen. Der Essay ist eine lockere journalistische Darstellungsform, die auf Michel de Montaigne zurückgeht und vom Einfallsreichtum lebt. Wer einen Essay zu einer ihm oder ihr relevant erscheinenden Frage schreibt, muss am Anfang noch nicht wissen, ob er am Ende zu einer Antwort gelangt und welche das gegebenenfalls sein wird. Das macht die spontane Nachvollziehbarkeit, aber auch die anspruchsvolle Schwierigkeit des Genres aus. Denn bei aller Leichtigkeit und daraus herrührenden Verständlichkeit muss auch hier die journalistische Qualität der Richtigkeit, der Übereinstimmung mit wahrnehmbarer Realität und der Stringenz der Gedankenführung eingehalten werden.

Debatten sind im Journalismus deshalb so wichtig, weil es hier nicht nur um die zutreffende Wiedergabe wichtiger Ereignisse und Fakten geht, sondern auch um die Zugänglichkeit möglicher Meinungen zu Fakten und denkbarer Beurteilungen von Ereignissen. Da Meinungen und Beurteilungen sich unterscheiden, ja widersprechen können, müssen Divergenzen und Kontroversen offen ausgetragen werden können – nicht nur, um vielleicht zu Übereinstimmungen oder wenigstens Kompromissen zu kommen, sondern auch, um Verständnis und Respekt für die jeweils andere Seite zu wecken, auch wenn man sich ihr nicht anschließt. In früheren Ausgaben haben wir Debattenbeiträge in unterschiedlicher Form vorgestellt, mal kontroverse Positionen innerhalb eines von mehreren Autoren oder Autorinnen geschriebenen Beitrags, mal in mehreren Beiträgen gegenübergestellte gegensätzliche Positionen, mal auch nur eine prononcierte Position in einem Beitrag, um Widersprüche hervorzurufen.

Es mag merkwürdig erscheinen, ausgerechnet in dieser Ausgabe auf die Essay- und Debatten-Rubriken hinzuweisen, in der beide aus Mangel an aktuell vorliegenden und dafür geeigneten Texten nicht gefüllt werden. Aber gerade das war der Anlass, es einmal zu tun: Es ist als herzliche Einladung an diejenigen unserer Leserinnen und Leser gedacht, die sich als (potenzielle) Autorinnen und Autoren verstehen, Manuskripte einzureichen, die sich als Essay oder Debattenbeitrag eignen.

Das Gleiche gilt für Manuskripte zu historischen Themen, die in dieser Ausgabe ebenfalls fehlen. Menschengemachte Phänomene, zu denen auch der Journalistenberuf gehört, lassen sich nur erklären und verstehen, wenn man etwas über ihre Gewordenheit, ihre Entwicklung, ihre Geschichte weiß.

Trotz mancher Lücken wünschen wir unseren Leserinnen und Lesern Erkenntnisgewinne und auch Freude bei der Lektüre dieser Ausgabe.

Horst Pöttker

PS: Bitte beachten Sie auch unseren Call for Papers zum kommenden Schwer­punktthema