Zwischen Mikrofon und Publikum Erfahrungen von Radiomoderatorinnen in der digital vernetzten Interaktion

Von Lea Möller

Abstract: Interaktionen mit dem Publikum sind von grundlegender Bedeutung im Journalismus, insbesondere im Radio. Gerade in Zeiten von Social Media und digitalen Plattformen ist die Wechselwirkung zwischen Moderator:innen und Rezipient:innen entscheidend für das Hörerlebnis und die Relevanz der Inhalte. Bislang untersuchte die Forschung vor allem, wie das Publikum solche Interaktionen wahrnimmt, während die Perspektive der Radiomoderator:innen weitgehend unbeachtet blieb. Angesichts zunehmender Hass-Attacken vor allem auf Journalistinnen widmet sich diese qualitative Studie dagegen explizit den Erfahrungen von Radiomoderatorinnen in der Interaktion mit ihrem Publikum. Die Ergebnisse zeigen, wie strukturelle Faktoren des Senders und die Nutzung digitaler Kommunikationsmittel die Interaktionsdynamik sowie das emotionale Erleben von Moderatorinnen beeinflussen. Im Gesamtblick empfinden die interviewten Radiomoderatorinnen den Kontakt mit dem Publikum beruflich und persönlich eher als bereichernd. Allerdings sprechen sie auch negative Erfahrungen an, die sich je nach Senderart und genutzten Interaktionswegen unterscheiden.

Trotz digitaler Umbrüche bleibt das Radio ein fester Bestandteil der Medienlandschaft in Deutschland: Über 40 Millionen Menschen nutzen es täglich – ein Zeichen dafür, wie stark sich das Medium im Alltag behauptet (vgl. Mavrogiannis, 2024). Zentral für diese Beständigkeit ist die Rolle der Moderator:innen. Sie prägen Inhalte, stehen im direkten Austausch mit dem Publikum und schaffen so Nähe und ein Gefühl von Gemeinschaft. Gerade diese Interaktivität wird im digitalen Zeitalter immer wichtiger.

Digitale Plattformen eröffnen neue Formen der Kommunikation zwischen Journalist:innen und Rezipient:innen und damit auch neue Risiken. Studien zeigen: Medienschaffende, insbesondere Frauen, sind in zunehmendem Maße digitalen Angriffen ausgesetzt, etwa durch Hasskommentare oder gezielte Einschüchterung (vgl. Papendick et al., 2020; Posetti et al., 2020).

Dies ist, wie auch journalistische Praxis allgemein, nicht losgelöst von gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu sehen. Medieninhalte und ihre Produktion spiegeln kulturelle Geschlechterordnungen wider und tragen zu deren Reproduktion oder Veränderung bei. Das Schlagwort »doing gender while doing journalism« (Lünenborg & Maier, 2013, S. 87) macht deutlich, wie sehr journalistisches Handeln auch geschlechterpolitisch aufgeladen ist.

Vor diesem Hintergrund rückt der folgende Beitrag die Erfahrungen von Radiomoderatorinnen in den Mittelpunkt – insbesondere deren digitale Interaktion mit dem Publikum. Mit neun leitfadengestützten Interviews wird untersucht, welche Chancen und Herausforderungen sie im digitalen Raum wahrnehmen. Im Zentrum steht die Frage, wie sich parasoziale Beziehungen im Radio gestalten – und wie sie sich verändern, wenn digitale Gewalt ins Spiel kommt.

1. Parasoziale Interaktionen im Radio

Im Radio spielt die Beziehung zwischen Moderator:innen und Publikum seit jeher eine zentrale Rolle. Die zunehmende Verschränkung von Radiosendungen mit digitalen Formaten, insbesondere sozialen Medien, verändert die Interaktion zwischen Moderator:innen und Publikum grundlegend. Während klassische Rundfunkformate vorwiegend durch einseitige Kommunikationsprozesse geprägt waren, ermöglichen Plattformen wie Instagram, Facebook oder X (ehem. Twitter) heute unmittelbare, wechselseitige Kommunikationsformen. Diese Echtzeit-Interaktionen schaffen neue Formen der Publikumsbeteiligung und intensivieren die Bindung zwischen Hörer:innen und Moderator:innen (vgl. Hillmoth, 2017, S. 595).

Soziale Medien fördern nicht nur die Geschwindigkeit und Sichtbarkeit von Reaktionen, sondern erzeugen auch mehr Nähe, die über gezielte Ansprache, Interaktion und algorithmisch messbares Feedback (Likes, Kommentare, Reichweite) hergestellt wird. Dabei beginnen die traditionellen Rollen von Sender:in und Rezipient:in zunehmend zu verschwimmen. Die Zugangs- und Gestaltungsoffenheit sozialer Medien bietet die Möglichkeit, die Hörenden in Kommunikationsprozesse einzubinden – hin zu einer aktiveren Teilhabeform. Im Anschluss an die zuvor beschriebene Dynamik unterstützt dies das Potenzial einer wechselseitigen Kommunikation sowie einer stärkeren responsiven Ausrichtung medialer Inhalte – eine Entwicklung, die neue Möglichkeiten der Partizipation eröffnet, zugleich aber auch Risiken birgt.

Im Kontext dieser medialen Dynamik kommt Radiomoderator:innen eine besondere Rolle zu: Als wiederkehrende Bezugspersonen wirken sie identitätsstiftend (vgl. Lindner-Braun, 1998) und fungieren als zentrale Erkennungsmerkmale einer Sendung. Dabei entsteht eine sogenannte parasoziale Interaktion (vgl. Horton & Wohl, 1956, S. 215), in der Rezipient:innen die Moderator:innen als vertraute Kommunikationspartner:innen wahrnehmen – obwohl die Kommunikation faktisch asymmetrisch bleibt. Die Illusion von Nähe kann Reaktionen auslösen, die realen sozialen Interaktionen ähneln, dabei jedoch ohne soziale Konsequenz für die Rezipient:innen bleiben (vgl. Ayaß, 2005; Godulla, 2022; Horton & Wohl, 1956, S. 215f.).

Gerade in digitalen Räumen wird diese soziale Folgenlosigkeit zum Problem. Studien zeigen, dass Medienschaffende zunehmend Zielscheibe von Hassrede und digitalen Angriffen sind – insbesondere Frauen (vgl. Papendick et al., 2020; Duggan, 2017; Dhrodia, 2017). Die Interaktion über soziale Medien kann deshalb zur emotionalen Belastung und beruflichen Einschränkungen führen. Als Reaktion entwickeln Betroffene unterschiedliche Strategien des Umgangs – von aktiver Auseinandersetzung bis hin zu Rückzug und Selbstzensur (vgl. Preuß, 2022, S. 187-192).

Einfluss auf die Kommunikationsformen und -arten haben, neben dem Publikum und den Moderator:innen selbst, auch die strukturellen Rahmenbedingungen der Sender.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden digitalen Durchdringung von Radiosendungen und der veränderten Kommunikationsbeziehungen stellt sich die Frage, wie Radiomoderatorinnen die Interaktion mit ihrem Publikum erleben und bewerten – insbesondere im Spannungsfeld zwischen Nähe, Partizipation und potenziellen Anfeindungen. Diese Fragestellung bildet den Ausgangspunkt der folgenden Untersuchung.

2. »Das ist, als würde ein Freund anrufen«

Für die Untersuchung wurden zwischen Mai und Juni 2021 insgesamt neun qualitative Online-Interviews mit Radiomoderatorinnen geführt. Die Auswahl der Interviewpartnerinnen erfolgte nach dem Schneeballprinzip und damit kombinierten gezielten Rekrutierungsaufrufen. Dadurch konnten unter anderem vier Gesprächspartnerinnen aus dem privaten Rundfunk gewonnen werden, die für unterschiedliche Sender mit überregionaler Reichweite im Raum Schleswig-Holstein und Hamburg tätig sind. Ergänzend dazu konnten fünf Moderatorinnen aus öffentlich-rechtlichen Radiosendern rekrutiert werden, deren Sendegebiete primär regional ausgerichtet sind und im Raum Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein liegen.

Die befragten Moderatorinnen verfügen über unterschiedlich lange Berufserfahrungen im Hörfunk und sind zwischen Ende zwanzig und fünfzig Jahre alt. Ihre Tätigkeitsfelder erstrecken sich überwiegend auf Moderationen im Tagesprogramm, insbesondere in Morningshows und Vormittagssendungen, sowohl im privaten als auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Zwei der Interviewten blicken auf jeweils 15 Jahre Erfahrung in Morningshows bzw. Vormittagssendungen bei Privatsendern zurück. Auch kürzere Berufslaufbahnen sind vertreten, darunter Moderatorinnen mit zwei bzw. fünf Jahren Erfahrung im Tagesprogramm. Eine Interviewpartnerin verfügt über rund zwanzig Jahre Berufspraxis im Hörfunk, war zuvor in leitender redaktioneller Funktion tätig und moderiert seit einem Jahr eine öffentlich-rechtliche Morningshow. Ergänzt wird das Sample durch Moderatorinnen aus dem Nachmittags- und Nachtprogramm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Diversität der beruflichen Hintergründe ermöglicht eine differenzierte Betrachtung der Arbeitsrealitäten und professionellen Entwicklungen im Bereich der Radiomoderation.

Auf dieser Grundlage zielten die geführten Interviews darauf ab, individuelle Perspektiven auf die Bedeutung von Interaktionen mit dem Publikum im beruflichen Alltag der Moderatorinnen zu erfassen. Die Auswertung erfolgte mithilfe der inhaltlich strukturierenden Analyse nach Kuckartz (2018). Dabei ist zu berücksichtigen, dass die geringe Fallzahl von neun Interviews keine generalisierbaren Aussagen erlaubt, sondern auf eine explorative Annäherung an das Forschungsthema zielt.

Trotz des explorativen Charakters der Studie lassen sich aus den Interviews deutliche thematische Schwerpunkte ableiten. So betonen die Moderatorinnen die zentrale Rolle von Interaktionen in ihrer beruflichen Praxis. Als Feedback im »einsamen Medium« Radio stellen die Interaktionen für sie ein wichtiges Echo dar: »So erhält man eine Rückmeldung, dass es Menschen gibt, die einen mögen oder das, was man sendet, auch hören. Das ist das Wichtige daran.« Unabhängig von Unterschieden bei Senderzugehörigkeit oder Berufserfahrung wird die Interaktion mit den Hörer:innen von allen Radiomoderatorinnen als bereichernd und wertvoll beschrieben. Insgesamt nehmen die Moderatorinnen die Interaktionen positiv wahr, was angesichts der aktuellen Zunahme von Angriffen auf Journalist:innen überraschend ist.

Die positive Wahrnehmung ergibt sich einerseits aus dem Nutzen für die Sendung, da die Rückmeldungen integrativ sind und zur Themengenerierung beitragen. Andererseits haben die Interaktionen auch einen persönlichen Wert: Die Moderatorinnen schätzen es, unterschiedliche Lebensrealitäten zu erfassen und in die Sendungen zu integrieren. Der persönliche Kontakt ermöglicht Einblicke in verschiedene Lebensbereiche und fördert teilweise über das Professionelle hinausgehenden Austausch. Eine Moderatorin beschreibt die Freude an den Interaktionen so: »Das ist, als würde ein Freund anrufen. Man ist nett und freut sich, wenn er sich meldet. So fühlt sich der Kontakt mit den Hörern an.« Viele betonen einen respektvollen Umgang und die Nähe zu den Hörenden. Die Nähe zeigt sich darin, dass sich Rückmeldungen oft auf die Moderatorinnen selbst beziehen, etwa mit persönlichen Anliegen. Zudem erhalten sie auf ihren privaten Social-Media-Kanälen Anfragen von Hörer:innen. Überraschend ist, dass einige Moderatorinnen über soziale Medien ein freundschaftliches Verhältnis zu einzelnen Hörer:innen pflegen: »Ich bin bei Facebook mit einigen Hörern von früher befreundet, die ich bei Events kennengelernt habe. Manche gratulieren mir noch Jahre später zum Geburtstag, was ich sehr schön finde.« Die Nähe wird von den Moderatorinnen als freundschaftliches Verhältnis erlebt und positiv bewertet.

Für den interaktiven Austausch sind die verfügbaren Kommunikationswege entscheidend. Die meisten Moderatorinnen nutzen Telefon, E-Mail und soziale Medien. Nicht immer haben sie direkten Zugriff auf eingehende Nachrichten, da einige Sender eine Online-Redaktion oder Hörer:innenassistenz zwischenschalten, die Nachrichten filtern. Dies beeinflusst die Kommunikationsstruktur: Einerseits können sich Moderatorinnen so auf relevante Interaktionen konzentrieren, andererseits wird der direkte Austausch eingeschränkt. Dadurch kann eine verzerrte Wahrnehmung der Hörer:innen entstehen, was Authentizität und Vielfalt der Interaktionen mindert und die Beziehung zwischen Moderatorinnen und Publikum beeinflusst.

Bei den Interaktionswegen zeigen sich Unterschiede: Kontakte via Telefon, E-Mail, Briefen oder in den sozialen Medien beziehen sich vor allem auf Moderatorinnen und Inhalte. Die Erfahrungen sind teils positiv, teils negativ. Viele Moderatorinnen schätzen den schnellen Austausch in sozialen Medien, da sie innerhalb der Sendung Impulse setzen und direkt Reaktionen erhalten: »Man stellt eine Frage on air und bekommt zwei Sekunden später unzählige WhatsApp-Nachrichten.« Soziale Medien fördern besonders die Wechselseitigkeit der Kommunikation. Moderatorinnen steuern die Kommunikation aktiv, reagieren unmittelbar auf Anfragen und übernehmen dabei auch die Rolle des Publikums. Diese Rollenumkehr wird als wesentliche Voraussetzung für positive Interaktionen und stärkere Bindung gesehen: »Am besten ist es, wenn man wie jemand von nebenan ist, so dass die Leute wissen, dass sie zu uns kommen, mit uns sprechen und Fragen stellen können. Es sind entspannte, nette Gespräche, wir sind auf Augenhöhe.« Neben der Rollenumkehr ermöglichen soziale Medien einen schnellen Austausch und die Äußerung sachlicher Kritik, die Moderatorinnen hilft, Fehler zu erkennen und Verbesserungen vorzunehmen.

Allerdings berichten die Moderatorinnen auch von negativen Interaktionen, sowohl in sozialen Medien als auch in anderen Kommunikationskanälen. Diese äußern sich in unsachlicher Kritik, Belästigungen und einem insgesamt unfreundlichen Umgangston. Manche Hörer:innen überschreiten Grenzen, indem sie persönliche Informationen senden oder Annäherungsversuche unternehmen: »Wenn jemand Brieffreund werden will, muss man klare Grenzen ziehen.« Oft äußern die Moderatorinnen Kritik an einem unsachlichen Kommunikationsstil der Hörer:innen. Besonders in sozialen Medien häufen sich negative Rückmeldungen, die mit Belästigungen, Beschwerden, unfreundlichem Verhalten, Stalking und Shitstorms einhergehen. »Auf Facebook hat immer dieselbe Person bösartige und diffamierende Nachrichten geschrieben, irgendwann hatte ich keine Lust mehr, weil es nicht mehr um Inhalte, sondern nur um persönliche Angriffe ging.«

Gezielte digitale Anfeindungen, etwa aufgrund des Geschlechts, werden nur vereinzelt genannt. Im Vergleich mit dem Forschungsstand zur digitalen Gewalt gegen Medienschaffende ist dieses Ergebnis bemerkenswert, da eine stärkere Betroffenheit zu erwarten gewesen wäre. Dies könnte an der besonderen Nähe zwischen Moderatorinnen und Publikum liegen: Die Stimme, die regelmäßige Präsenz und persönliche Moderationsstile schaffen Vertrautheit, die eine respektvolle Grundhaltung begünstigt. Diese parasoziale Beziehung kann eine Schutzfunktion entfalten, da Moderator:innen weniger als abstrakte Medienfiguren, sondern vielmehr als vertraute Begleiter:innen des Alltags wahrgenommen werden.

Dennoch sind sich die Moderatorinnen der Risiken in sozialen Medien bewusst. Einige führen die negativen Interaktionen auf die Anonymität zurück: »Es hat sich eine Kultur entwickelt, in der durch fehlende Klarnamen viele unproduktive und unsachliche Kritik geäußert wird.« Soziale Medien werden ambivalent bewertet: Sie ermöglichen schnellen direkten Austausch, bergen jedoch auch das Risiko problematischer Rückmeldungen. Die Herausforderungen, die sich daraus ergeben, können die Arbeitszufriedenheit der Moderatorinnen und die Qualität der Sendungen beeinträchtigen.

Trotz negativer Erfahrungen zeigen die Moderatorinnen eine positive Berufseinstellung: »Trotz einiger Störenfriede herrscht ein sehr höflicher und wertschätzender Umgang, der immer wieder motiviert, weiterzumachen.« Die positiven Erfahrungen der Interaktionen gleichen die selteneren negativen Erlebnisse aus. Gleichzeitig wissen sich die Moderatorinnen abzugrenzen, wenn die Interaktion durch Unsachlichkeit keinen weiteren Nutzen für die Sendung hat.

3. Einfluss der Sendertypen auf Interaktionsdynamiken

In den Interviews wurde neben den verschiedenen Interaktionswegen auch ein Unterschied bei den Senderarten deutlich. So zeigen sich variierende Bewertungsmaßstäbe sowie unterschiedliche Intensitäten in der Hörer:innenbindung, je nachdem, ob die Moderatorinnen bei öffentlich-rechtlichen oder privaten Sendern arbeiten. Diese Erkenntnis war im Vorfeld der Untersuchung nicht eindeutig absehbar.

Radiomoderatorinnen von öffentlich-rechtlichen Sendern beschreiben ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl gegenüber den Rezipient:innen. Begründet durch den Funktionsauftrag dieser Sender, sehen sich die Moderatorinnen als professionelle Vermittlerinnen von Informationen, die eine freie Meinungsbildung unterstützen sollen. Vor diesem Hintergrund festigt sich eine klare Rollenverteilung von Moderatorinnen und Publikum: »Ich verkaufe ein Produkt, und letztendlich sind wir die Kellnerin und Kellner, die sozusagen die Themen präsentieren.«

Diese strukturellen Bedingungen führen zu einer tendenziell distanzierten Haltung gegenüber den Hörer:innen. Interaktionen werden als Teil des Berufsalltags gesehen, die die Sendung durch persönliche Anliegen oder Inhalte bereichern können. Dabei steht jedoch nicht die Beziehung zu den Rezipient:innen im Vordergrund, sondern der praktische Nutzen für die Sendung.

Negativen Interaktionen wird meist mit Gleichgültigkeit begegnet, und sie werden nicht persönlich genommen: »Relativ unproduktive, nicht zielgerichtete Kritik […] ist nichts, was wir dann on air thematisieren.« Die Interaktion gilt eher als berufliche Notwendigkeit, nicht als persönliche Bereicherung. Auffällig ist aber, dass negative Erfahrungen wie Belästigungen oder Stalking vor allem von öffentlich-rechtlichen Moderatorinnen berichtet werden. Eine mögliche Erklärung liegt in der Regionalität dieser Sender: In kleineren Sendegebieten entsteht mehr Nähe zum Publikum, was private und berufliche Grenzen verschwimmen lässt. Zudem wird Interaktion von den Sendern aktiv gefördert, etwa durch Bilder und Videos auf Social Media, was möglicherweise auch zu negativen Erlebnissen beiträgt.

Im Gegensatz dazu beschreiben Moderatorinnen privater Sender eine intimere Bindung zu ihrem Publikum. Sie berichten von positiven Emotionen und teilweise freundschaftlichen Beziehungen zu ihren Rezipient:innen. Aspekte wie Nähe, Kommunikation auf Augenhöhe und aktive Einbindung der Hörer:innen prägen die Interaktion. Einige Moderatorinnen halten über Jahre Kontakt zu ihrem Publikum – auch über die Sendezeit hinaus. Diese intrinsische Motivation speist sich aus der Freude an der persönlichen Verbindung und dem direkten positiven Feedback. Im Gegensatz dazu erscheint bei öffentlich-rechtlichen Moderatorinnen die Motivation stärker durch den gesellschaftlichen Auftrag bestimmt.

Die emotionale Nähe kann jedoch auch zu Belastungen führen. Unsachliche oder übergriffige Rückmeldungen wirken belastender: »Es gibt auch manche Sachen, die lese ich mir gar nicht mehr durch, weil es mich immer so fertig macht, wie doof die Leute einfach sind.« Die persönliche Nähe erschwert manchen Moderatorinnen den Umgang mit negativen Interaktionen – ein Aspekt, der bei öffentlich-rechtlichen Moderatorinnen weniger stark thematisiert wurde.

Die Interviews zeigen: Öffentlich-rechtliche Moderatorinnen pflegen eher distanzierte, professionelle Beziehungen, während Moderatorinnen privater Sender eine engere emotionale Bindung und höheres Engagement beschreiben. Die strukturellen Unterschiede spiegeln sich in Art und Qualität der Interaktionen wider. Hochschild (1983) weist darauf hin, dass emotionale Arbeit mit identitätsbezogenen Belastungen einhergehen kann. Vor diesem Hintergrund lassen sich die von Radiomoderatorinnen in Privatsendern geschilderten emotionalen Belastungen als mögliche Folge ihres intensiven emotionalen Engagements und der engen Bindung zu den Hörer:innen interpretieren.

Da bislang wenig Forschung zu den Unterschieden zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Radiomoderatorinnen existiert, legen die hier gewonnenen Erkenntnisse weitere intensive Untersuchungen nahe, vor allem darüber, wie Radiomoderatorinnen mit belastenden oder grenzüberschreitenden Erfahrungen umgehen. Die Interviews geben einen ersten Einblick in verschiedene Coping-Strategien, die für das professionelle Selbstverständnis und das psychische Wohlbefinden eine zentrale Rolle spielen.

4. Coping-Strategien

In den Erfahrungen der befragten Moderatorinnen werden unterschiedliche Umgangsweisen mit negativen Interaktionen deutlich. Abhängig von der emotionalen Nähe verwenden sie Abgrenzungs-, aber auch konfrontative Mechanismen. Tabelle 1 gibt einen Überblick über die in den Interviews herausgearbeiteten Coping-Strategien.

Nur ein Teil der identifizierten Bewältigungsmechanismen bezieht sich auf analoge bzw. Face-to-face-Interaktionen, was darauf hindeutet, dass der digitale Raum als besonders herausfordernd erlebt wird – sei es durch die niedrigere Hemmschwelle anonymer Nutzer:innen, die hohe Reichweite oder die ständige Verfügbarkeit von Kommunikation. Obwohl der überwiegende Teil der Interaktionen von den befragten Radiomoderatorinnen als positiv, anregend und bereichernd beschrieben wird und negative Interaktionen quantitativ seltener auftreten, thematisieren Moderatorinnen sowohl aus öffentlich-rechtlichen als auch aus privaten Sendern letztere deutlich ausführlicher und differenzierter. Das legt nahe, dass der psychische Eindruck negativer digitaler Kommunikationserfahrungen tiefgreifender ist und länger nachwirkt. Die identifizierten Coping-Strategien weisen besonders stark problemfokussierte sowie vermeidende Merkmale auf. Dies deutet darauf hin, dass die Betroffenen nicht nur aktiv versuchen, konkrete Konflikte zu lösen, sondern sich zugleich gezielt vor weiteren belastenden Erfahrungen schützen wollen. Die Kombination aus Konfrontation und Rückzug verdeutlicht den ambivalenten Charakter digitaler Interaktionen: Einerseits bieten sie Sichtbarkeit und Reichweite, andererseits bedürfen sie einer erhöhten Selbstregulation und Abgrenzung.

Tabelle 1
Coping-Strategien

Strategie

Art der Interaktion

In Dialog treten/Konfrontation

Persönliche Treffen, Telefon, Brief, E-Mail, soziale Medien

Ignoranz

Telefon, Brief, E-Mail, soziale Medien

Abgabe der Beantwortung

Telefon, Brief, E-Mail, soziale Medien

Selbstzensur

Soziale Medien

Soziale Abwertung

Soziale Medien

5. Fazit und Bedeutung für die Medienpraxis

Die Ergebnisse dieser Untersuchung verdeutlichen die komplexe Natur der Interaktionen zwischen Radiomoderatorinnen und ihrem Publikum im digitalen Zeitalter. Trotz der Zunahme negativer Interaktionen, insbesondere geschlechterspezifischem Hass und Belästigungen, erleben viele Moderatorinnen den Austausch mit ihrem Publikum als bereichernd. Insbesondere die Einbindung sozialer Medien wird als Gewinn für die Interaktion wahrgenommen – im Gegensatz zu Studien, die vor allem negative Aspekte digitaler Kommunikation betonen. Die Möglichkeit, unterschiedliche Lebensrealitäten der Hörer:innen in die Programmgestaltung einzubeziehen, fördert ein besseres Verständnis der Publikumsbedürfnisse und trägt zur Programmoptimierung bei.

Gleichzeitig treten deutliche Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern zutage. Besonders Moderatorinnen öffentlich-rechtlicher Sender berichten vermehrt von negativen Interaktionen, insbesondere in sozialen Medien. Sie zeigen ein starkes Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Publikum und verfolgen eine professionelle, emotional distanzierte Herangehensweise. Negative Rückmeldungen werden in diesem Kontext als Teil des Berufsalltags verstanden und emotional abgegrenzt.

Moderatorinnen privater Sender hingegen beschreiben eine intensivere emotionale Bindung zu ihren Hörer:innen. Diese Nähe begünstigt den konstruktiven Umgang mit Feedback, führt jedoch auch zu einer höheren Anfälligkeit für emotionale Belastung bei negativen Rückmeldungen. Die jeweiligen Rahmenbedingungen prägen also nicht nur die Interaktionsstile, sondern auch den Umgang mit Belastungen. Viele Moderatorinnen berichten in diesem Zusammenhang von individuellen Coping-Strategien.

Diese Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung (sender)struktureller und digitaler Faktoren für die Interaktionsdynamik im Radio. Gleichzeitig wird durch die unterschiedlichen Coping-Strategien deutlich, wie wichtig emotionale Abgrenzung und Unterstützung im Umgang mit digitalen Anfeindungen sind. Trotz der positiven Aspekte sollten die Herausforderungen, die durch digitale Gewalt und Belästigungen entstehen, nicht trivialisiert werden. Die Anwendung von Coping-Strategien im digitalen Kontext weist auf ein Bedürfnis nach Schutz- und Regulationsmechanismen hin. Insbesondere die speziellen Belastungen, denen Journalistinnen ausgesetzt sind, erfordern eine kritische Auseinandersetzung und geeignete Maßnahmen zur Unterstützung. Institutionen und Sender sind gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die diese Medienakteurinnen schützen und stärken.

In Hinblick auf das Medium Radio bleibt die Frage offen, ob die veränderten Kommunikationsformen durch digitale Interaktionsmöglichkeiten einer Radiospezifik und damit einer bestimmten Publikumsstruktur unterliegen. Durch die hier vorgelegte Studie sind erste Unterschiede zwischen verschiedenen Senderarten deutlich geworden. Für zukünftige Forschungsarbeiten wäre es von Bedeutung, einen tiefergehenden Vergleich zwischen verschiedenen Senderarten und weiteren journalistischen Berufen und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Interaktion sowie die dahinterliegenden Mechanismen zu ziehen. Zudem könnte der Einfluss von Geschlechterdynamiken auf die Interaktion sowie die Wirksamkeit spezifischer Coping-Strategien in einer größeren Stichprobe untersucht werden. Insgesamt zeigt die Studie, dass die digitale Transformation im Medium Radio sowohl Chancen als auch Risiken birgt, die es aufzugreifen und anzusprechen gilt, um die Qualität und Integrität der journalistischen Kommunikation langfristig zu sichern.

Über die Autorin

Lea Möller (*2000) erlangte ihren Bachelor- und Masterabschluss an der Universität Hamburg. Von 2022 bis 2024 arbeitete sie als Studentische Mitarbeiterin am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. in den Bereichen Gleichstellung, Partizipation sowie europäische Gesellschaftspolitik. Derzeit ist sie am selben Institut wissenschaftliche Mitarbeiterin im Kompetenznetz Einsamkeit und im Bereich Gleichstellung. Kontakt: lea.moeller@iss-ffm.de

Literatur

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Zitationsvorschlag

Lea Möller: Zwischen Mikrofon und Publikum. Erfahrungen von Radiomoderatorinnen in der digital vernetzten Interaktion. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 1, 2026, 9. Jg., S. 39-50. DOI: 10.1453/2569-152X-12026-15927-de

ISSN

2569-152X

DOI

https://doi.org/10.1453/2569-152X-12026-15927-de

Erste Online-Veröffentlichung

April 2026