Der Journalismus in Finnland im Wandel geopolitischer und digitaler Rahmenbedingungen Wie erniedrigende Deepfakes in die politische Kommunikation eingreifen

Von Marcus Bölz

Abstract: Seit dem NATO-Beitritt Finnlands im Jahr 2023 steht der Journalismus des Landes unter neuen geopolitischen Vorzeichen. Die sicherheitspolitische Neuausrichtung hat nicht nur die politische Berichterstattung verändert, sondern auch die Anforderungen an journalistische Sorgfalt und Quellenprüfung erhöht. Besonders im Fokus steht die russische Desinformationspolitik, die gezielt versucht, das Vertrauen in finnische Medien und Institutionen zu untergraben. Mit digitalen Kampagnen, manipulierten Inhalten und emotionalisierter Rhetorik wird versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Finnische Redaktionen reagieren mit erhöhter Transparenz, verstärkten Faktenchecks und internationaler Zusammenarbeit. Der Beitrag analysiert die journalistische Qualität Finnlands im Kontext dieser Entwicklungen sowie die strukturellen Herausforderungen für finnische Journalist:innen – darunter Medienkonzentration, Personalabbau und die Zunahme rechtspopulistischer Plattformen.

Finnland gilt seit Jahrzehnten als eines der Länder mit der höchsten journalistischen Qualität weltweit. In internationalen Rankings zur Pressefreiheit belegt das Land regelmäßig Spitzenplätze (vgl. Reporters Without Borders, 2023). Doch die geopolitischen Entwicklungen der letzten Jahre – insbesondere der NATO-Beitritt 2023 und die Bedrohung durch Russland – haben die journalistische Landschaft verändert. Gleichzeitig hat die Digitalisierung den redaktionellen Alltag tiefgreifend transformiert.

Dabei steht der Journalismus in Finnland vor vergleichbaren Herausforderungen wie in anderen europäischen Ländern: Medienkonzentration, sinkende Auflagen, ein Rückgang festangestellter Journalist:innen und die wachsende Zustimmung zu rechtspopulistischen Websites. Auch in Finnland gibt es Plattformen mit hohen Abrufzahlen, die sich von klassischen Qualitätsmedien abgrenzen und alternative Narrative bedienen. Die finnische Medienlandschaft steht unter dem Druck ökonomischer Rationalisierung und politischer Prioritätenverschiebung. Ala-Fossi et al. (2021) zeigen, dass trotz schrumpfender Redaktionen professionelle journalistische Normen aufrechterhalten werden – allerdings unter zunehmend prekären Bedingungen. Parallel dazu dokumentieren Ala-Fossi et al. (2022), wie medienpolitische Entscheidungen seit der Jahrtausendwende wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit über demokratische Medienförderung stellen. In diesem Spannungsfeld gewinnt die journalistische Bildungsfunktion an Bedeutung: Jaakkola (2020) beschreibt Journalist:innen als »Media Educators«, die durch inklusive Grenzarbeit zur Vermittlung demokratischer Werte beitragen. Die finnische Medienpolitik steht somit zwischen Marktlogik und demokratischer Verantwortung.

Obwohl Finnland im internationalen Vergleich weiterhin als eines der Länder mit dem höchsten Vertrauen in Nachrichtenmedien gilt (vgl. Reunanen, 2023), zeigen aktuelle Studien, dass sich auch hier erste Risse im Vertrauensverhältnis abzeichnen. Laut dem Digital News Report des Reuters Institute vertrauten 2023 zwar noch 69 Prozent der Befragten den Nachrichten insgesamt und 76 Prozent den von ihnen selbst genutzten Quellen, doch ist dies ein Rückgang um neun Prozentpunkte gegenüber 2015 (vgl. Reuters Institute, 2025). Besonders auffällig ist die zunehmende Kluft zwischen dem allgemeinen Vertrauen in Nachrichten und dem Vertrauen in individuell konsumierte Inhalte – ein Indikator für beginnende mediale Fragmentierung und Polarisierung.

Diese Entwicklung korrespondiert mit einer zunehmenden Politisierung des Medienvertrauens. Eine Studie des öffentlich-rechtlichen Senders Yle zeigt, dass insbesondere Anhänger:innen der rechtspopulistischen Partei Die Finnen (Perussuomalaiset) ein deutlich geringeres Vertrauen in etablierte Medienmarken wie Yle oder die überregionale Tageszeitung Helsingin Sanomat aufweisen (vgl. Helenius, 2025).

Auch die sprachliche Vielfalt stellt eine Herausforderung dar. Finnland ist offiziell zweisprachig: Finnisch und Schwedisch sind gleichberechtigte Amtssprachen. Während ein Großteil der Gesamtbevölkerung (rund 5,5 Millionen auf einer Fläche etwa so groß wie Deutschland) Finnisch spricht, existiert eine stabile Infrastruktur schwedischsprachiger Medien, die sich an die rund 5,2 Prozent der Bevölkerung richtet, die Schwedisch als Muttersprache sprechen (vgl. Statistics Finland, 2022). Schwedischsprachige Medien wie Hufvudstadsbladet, Vasabladet und Yle Vega gelten als professionell, redaktionell unabhängig und stark regional verankert (vgl. Nikula, 2012; vgl. Lindgren, 2005).

Auch die Sámi-Gemeinschaften verfügen über eigene Medienstrukturen. Ein Meilenstein war die Gründung von Yle Sámi Radio im Jahr 1990, das regelmäßig Nachrichten in den drei in Finnland gesprochenen Sámi-Sprachen – Nordsámi, Inarisámi und Skoltsámi – ausstrahlt (vgl. Pietikäinen, 2008). Laut Statistics Finland leben rund 10.700 Sámi in Finnland, was etwa 0,2 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht (vgl. Statistics Finland, 2025). Die sprachliche Gliederung erfolgt in drei Hauptdialekte: Nordsámi (ca. 60 %), Inarisámi (ca. 20 %) und Skoltsámi (ca. 20 %) (vgl. Lehtola, 2015). Mediennutzung unter Sámi variiert stark: Während öffentlich-rechtliche Angebote wie Yle Sápmi regelmäßig rezipiert werden, zeigen Studien, dass jüngere Sámi zunehmend digitale Plattformen bevorzugen und zugleich eine geringere Bindung an traditionelle journalistische Formate aufweisen (vgl. Pietikäinen, 2018; Hætta, 2020).

Diese Medien sind nicht nur Ausdruck sprachlicher Vielfalt, sondern auch ein demokratischer Mehrwert. Sie fördern Medienpluralismus, stärken die Meinungsvielfalt und bieten Perspektiven, die in der finnischsprachigen Mehrheitsöffentlichkeit oft unterrepräsentiert sind (vgl. Huss & Lindgren, 2011; Valkonen, 2019).

Sanna Marin und Sexismus aus Russland

Die mediale Inszenierung und politische Rezeption der ehemaligen finnischen Ministerpräsidentin Sanna Marin steht paradigmatisch für die Verwundbarkeit liberaler Demokratien gegenüber digitaler Desinformation. Der sogenannte »Partyskandal« im Jahr 2022 – ausgelöst durch geleakte Videos, die Marin tanzend und feiernd zeigen – wurde nicht nur national, sondern international zum Gegenstand politischer und medialer Debatten. Dabei ging es weniger um die Inhalte der Videos als um deren symbolische Aufladung im Kontext geopolitischer Spannungen.

Russland reagierte auf den NATO-Beitritt Finnlands mit einer Vielzahl hy­bri­der Maßnahmen, darunter gezielte Desinformationskampagnen. Es wurden insbesondere soziale Medien genutzt, um bereits im Vorfeld Zweifel an der NATO-Mitgliedschaft zu säen. Russische Trollfabriken verbreiteten Falschinformationen über angebliche Truppenbewegungen oder wirtschaftliche Nachteile. Besonders auffällig war die Diskreditierung von Marin, die zur Zielscheibe eines digitalen Angriffs wurde – jung, weiblich, westlich, frei.

Der Desinformationsforscher Christopher Nehring (2022) betont, dass es »überaus wahrscheinlich« sei, dass russische Trolle und Bots den Shitstorm gegen Marin gezielt angeheizt haben. Zwar existiert bislang keine empirische Studie, die den Fall Finnland explizit untersucht, doch die Muster entsprechen bekannten Mechanismen hybrider Einflussnahme, wie sie etwa vom NATO StratCom Centre of Excellence (2021) unter dem Begriff »kognitive Kriegsführung« beschrieben werden.

Die Methode ist alt, das Ziel war neu: Sexualisierung als Waffe. Marin wurde nicht wegen politischer Entscheidungen angegriffen, sondern wegen ihrer Weiblichkeit, Jugend und Lebensfreude. Die Rechtswissenschaftlerin Luana F. Souto beschreibt diese Strategie als »geschlechtsspezifische Desinformation«, die gezielt Frauen in der Politik trifft und auf der historischen Annahme basiert, dass Politik »Männersache« sei (Souto, 2023, S. 49). Studien aus den Gender Media Studies bestätigen, dass Politikerinnen häufiger mit moralisch konnotierten Angriffen konfrontiert sind – insbesondere in sozialen Medien (vgl. Springer Reference Gender Media Studies, 2024).

In Marins Fall wurde mit sexuell konnotierten Inhalten gearbeitet, mit aus dem Kontext gerissenen Bildern, mit Gerüchten über Drogenkonsum – so effektiv, dass Marin sich zu einem Drogentest gezwungen sah, der negativ ausfiel (vgl. Yle News, 2022).

Die mediale Skandalisierung von Sanna Marin folgt einem bekannten Muster öffentlicher Diskreditierung: Zunächst wird ein privater Moment – in diesem Fall ein Tanzvideo – öffentlich gemacht, dann sexualisiert und moralisch aufgeladen. Die Debatte selbst wird zur Waffe, mit der die Integrität der Person untergraben wird. Bulkow und Petersen (2012) beschreiben solche Strategien als »Strukturen öffentlicher Aufmerksamkeitserzeugung«, bei denen performative Normverletzungen gezielt inszeniert werden, um Empörung zu erzeugen. Christian Schicha (2015) warnt in diesem Zusammenhang vor einer ethisch problematischen »Skandalisierung des Privaten«, die nicht der Aufklärung dient, sondern der emotionalen Mobilisierung. Im Fall Marin wurde die Kritik durch geschlechtsspezifische Zuschreibungen verstärkt, wie Williams (2022) analysiert: Die Empörung speiste sich weniger aus rationaler Kritik als aus einem Zusammenspiel von Sexismus und moralischer Erwartungshaltung gegenüber weiblichen Führungspersonen.

Die Veröffentlichung des Tanzvideos im Jahr 2022 markierte nicht nur einen Wendepunkt in der öffentlichen Debatte über die Privatheit politischer Akteur:innen, sondern auch den Beginn einer digitalen Gewaltspirale, die sich in Form sexualisierender Deepfakes manifestierte. Binnen weniger Tage nach dem Leak wurde das Netz mit pornographischem Material geflutet, in dem das Gesicht von Marin mittels KI-Technologie auf die Körper von Pornodarstellerinnen montiert wurde. Diese Form der bildbasierten Gewalt ist nicht nur eine Verletzung des Persönlichkeitsrechts, sondern auch ein Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung und die demokratische Teilhabe der Betroffenen (vgl. Schmidt, 2024, S. 4f.).

Wie die Bundeszentrale für politische Bildung in einer umfassenden Analyse festhält, handelt es sich bei solchen Inhalten um »nicht einvernehmliche sexualisierende Deepfakes«, die mittlerweile ein weit verbreitetes Internetphänomen darstellen – zum Schaden vor allem prominenter Frauen (vgl. Schmidt, 2024, S. 9).

Die manipulierten Bilder erscheinen täuschend echt und werden häufig auf Pornoplattformen hochgeladen, oft begleitet von herabwürdigenden Kommentaren und persönlichen Daten, die eine Identifizierung ermöglichen (vgl. Schmidt, 2024, S. 10). Die Täter:innen nutzen öffentlich zugängliche Fotos, etwa aus Social-Media-Profilen, und setzen diese mit Hilfe von Face-Swap- oder Deep­Nude-Apps in pornographische Kontexte. Die Betroffenen erleben diese Form der Gewalt oftmals als »körperlichen sexuellen Übergriff«, der mit erheblichen psychischen Belastungen einhergeht und nicht selten zum Rückzug aus öffentlichen Diskursen führt.

Im Fall Marin wurde diese Technik gezielt eingesetzt, um ihre politische Glaubwürdigkeit zu untergraben. Die sexualisierte Darstellung diente nicht der Unterhaltung, sondern der moralischen Diskreditierung und politischen Delegitimierung. Die Tatsache, dass solche Inhalte massenhaft verbreitet wurden, zeigt die strukturelle Dimension dieser Gewaltform: Sie ist Teil eines »Kontinuums sexualisierter Gewalt«, das Frauen systematisch auf ihre Sexualität reduziert und sie dadurch gesellschaftlich marginalisiert (vgl. Schmidt, 2024, S. 13). Besonders perfide ist dabei die Kombination aus der scheinbaren Authentizität der Bilder und der viralen Dynamik sozialer Medien, die eine schnelle und weitreichende Verbreitung ermöglicht.

Die demokratische Relevanz dieser Entwicklung ist nicht zu unterschätzen. Wenn Politikerinnen durch sexualisierte Deepfakes aus dem öffentlichen Diskurs gedrängt werden, wird nicht nur ihre individuelle Freiheit verletzt, sondern auch die Gleichheit der Teilhabe in demokratischen Prozessen gefährdet. Die gezielte Herstellung und Verbreitung solcher Inhalte ist daher nicht nur ein ethisches, sondern auch ein politisches Problem, das dringend regulatorischer und gesellschaftlicher Aufmerksamkeit bedarf.

Die Reaktionen der finnischen Öffentlichkeit waren ambivalent. Während konservative Stimmen Marin mangelnde Ernsthaftigkeit vorwarfen, wurde sie in internationalen Medien als Repräsentantin einer modernen, selbstbewussten Demokratie gefeiert. Umfragen zeigten, dass Marin trotz – oder gerade wegen – des Skandals ihre Popularität in weiten Teilen der Bevölkerung behaupten konnte (vgl. DW, 2022; ARD Weltspiegel, 2023).

Wie reagieren finnische Medien auf die Entwicklungen?

Die Reaktionen finnischer Redaktionen auf die Herausforderungen durch Desinformation, digitale Transformation und politische Polarisierung sind vielschichtig und strukturell tiefgreifend. Sie betreffen sowohl die journalistische Arbeitsweise als auch die Organisation und ethische Selbstvergewisserung der Medienhäuser.

Ein zentrales Beispiel ist Yle, der öffentlich-rechtliche Rundfunk Finnlands, gegründet 1926. Yle produziert Inhalte in finnischer, schwedischer und samischer Sprache und erfüllt einen umfassenden Informations-, Bildungs- und Kulturauftrag. Seit 2022 ist Yle gesetzlich verpflichtet, seine Online-Textberichterstattung zu begrenzen, um kommerziellen Medien keinen »unfairen Wettbewerb« zu bieten (vgl. Reunanen, 2025, S. 86). Gleichzeitig wird Yle von Vertreter:innen der rechtspopulistischen Partei Die Finnen öffentlich kritisiert, eine »grün-linke Agenda« zu verfolgen – was zu einer politisch motivierten Debatte über die Rolle öffentlich-rechtlicher Medien führt (vgl. Ojala, 2021, S. 2049).

Die größte Tageszeitung Helsingin Sanomat (gegründet 1889) und die Boulevardzeitung Iltalehti (seit 1980) stehen exemplarisch für die Spannungsfelder zwischen Qualitätsjournalismus und populistischer Medienkritik. Während Helsingin Sanomat datenjournalistische Formate und interaktive Inhalte ausbaut, analysiert Iltalehti die emotionale Wirkung von Headlines algorithmisch, um Leser:innen­reaktionen besser antizipieren zu können (vgl. Reuters Institute, 2025).

Redaktionen reagieren auf die Polarisierung mit konstruktivem Journalismus, der auf Deeskalation und Kontextualisierung setzt (vgl. Schöppl & Schwarzenegger, 2025). Gleichzeitig gewinnen Faktenchecks und visuelle Analyseformate an Bedeutung. Kooperationen mit europäischen Fact-Checking-Initiativen wie Faktabaari – Mitglied der European Digital Media Observatory (EDMO) – stärken die journalistische Resilienz gegenüber Desinformation (vgl. Nordicom, 2024).

Strukturell zeigt sich ein Wandel hin zu crossmedialen Teams, in denen Print-, Online- und Social-Media-Inhalte gemeinsam geplant und produziert werden (vgl. Salovaara et al., 2021). Der klassische Ressortjournalismus wird zunehmend durch Themenpools und projektbasierte Arbeitsformen ersetzt (vgl. Heinonen & Ahva, 2015). Redaktionen wie Helsingin Sanomat und Yle haben ihre Ressorts neu strukturiert oder zusammengelegt, um flexibler auf Themen und Ereignisse reagieren zu können (vgl. Kuutti & Kangas, 2020).

Die »Worlds of Journalism«-Studie von Väliverronen et al. (2023) zeigt, dass finnische Journalist:innen trotz hoher beruflicher Identifikation unter zunehmendem Druck stehen: Ökonomisierung, Arbeitsverdichtung und politische Polarisierung führen zu einer Erosion klassischer Berufsnormen. Besonders problematisch ist die Medienkonzentration: Laut MediaDB (2024) kontrollieren wenige große Konzerne wie Sanoma und Alma Media den Großteil des Print- und Online-Markts, was die Vielfalt der Perspektiven einschränkt, und die redaktionelle Unabhängigkeit gefährdet. Die Union of Journalists in Finland (2024) warnt zudem vor prekären Arbeitsbedingungen, insbesondere für freie Journalist:innen, deren Einkommen oft unter dem Existenzminimum liegt. Gleichzeitig wird die journalistische Arbeit durch die Digitalisierung fragmentiert: Multitasking, Zeitdruck und algorithmische Reichweitenlogik verändern die redaktionellen Routinen und erschweren investigative Recherche. Dennoch bleibt das Vertrauen in den Journalismus in Finnland vergleichsweise hoch – ein Befund, der auf die starke journalistische Ausbildung und ethischen Standards zurückzuführen ist. Die finnische Medienpolitik steht nun vor der Aufgabe, demokratische Medienstrukturen zu sichern, ohne die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit aus dem Blick zu verlieren. Die Zukunft des finnischen Journalismus hängt davon ab, ob es gelingt, redaktionelle Qualität, Vielfalt und soziale Absicherung in Einklang zu bringen.

Eine eigene Entwicklung zeigt sich auch im Fernsehjournalismus: Die finnische Fernsehunterhaltung hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem eigenständigen kulturellen Feld entwickelt, das sowohl nationale Besonderheiten als auch transnationale Einflüsse integriert. Während die öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt Yleisradio (Yle) und der kommerzielle Sender MTV3 die zentralen Akteure in der Produktion und Distribution von Unterhaltungssendungen darstellen, ist die Rezeption durch das Publikum stark geprägt von einem Spannungsverhältnis zwischen lokaler Identität und globalen Formaten (vgl. Hellman, 2010, S. 112). Studien zeigen, dass das finnische Publikum Formate bevorzugt, die »authentisch, ruhig und respektvoll« wirken (ebd., 112).

Die Zahl der festangestellten Journalist:innen ist rückläufig. Laut Nordicom (2022) sank die Zahl der Vollzeitjournalist:innen in Finnland zwischen 2008 und 2020 um etwa 25 Prozent. Besonders betroffen waren spezialisierte Ressorts wie Wissenschaft, Kultur und Ausland (vgl. Ahva et al., 2017, S. 825ff.). Dies führt zu einer Schwächung der thematischen Tiefe und Vielfalt, wie auch Väliverronen & Saikkonen (2020) betonen.

Technologisch setzen finnische Redaktionen auf KI-gestützte Tools wie automatische Textgenerierung, semantische Suchmaschinen und personalisierte Newsfeeds (vgl. Lehtisaari et al., 2023). Während diese Systeme die Effizienz steigern, warnen Medienethiker:innen vor einer Entfremdung vom journalistischen Handwerk (vgl. Pöyhtäri, 2023). Die Herausforderung besteht darin, KI als Werkzeug zu nutzen, ohne journalistische Standards zu untergraben.

Die journalistische Kultur in Finnland ist stark durch ethische Standards geprägt. Ein zentraler Pfeiler der journalistischen Selbstregulierung in Finnland ist der Presserat JSN (Julkisen Sanan Neuvosto). Gegründet 1968, fungiert der JSN als unabhängiges Gremium zur Überwachung journalistischer Ethik und zur Bearbeitung von Beschwerden gegen Medieninhalte. Er ist institutionell unabhängig, wird aber von den wichtigsten Medienorganisationen des Landes getragen – darunter Zeitungen, Rundfunkanstalten und Online-Medien (vgl. Ahva et al., 2017; Heinonen & Ahva, 2015).

Der JSN basiert auf einem freiwilligen Kodex, der von nahezu allen relevanten Medienhäusern anerkannt wird. Er prüft Beschwerden auf Grundlage der journalistischen Ethikrichtlinien, die regelmäßig aktualisiert werden und u. a. Transparenz, Quellenkritik, Schutz der Privatsphäre und die Trennung von Meinung und Nachricht regeln. Die Entscheidungen des JSN sind öffentlich einsehbar und dienen als Orientierung für die redaktionelle Praxis (vgl. Salovaara et al., 2021).

Besonders in Zeiten wachsender Polarisierung und Desinformation gewinnt der JSN an Bedeutung. Er bietet nicht nur ein Forum für medienethische Debatten, sondern stärkt auch das Vertrauen der Bevölkerung in die journalistische Integrität. Studien zeigen, dass die Existenz und Sichtbarkeit des JSN wesentlich zur hohen Glaubwürdigkeit finnischer Medien beiträgt (vgl. Strömbäck et al., 2021; vgl. Ahva, 2024).

In der Praxis bedeutet dies, dass Redaktionen wie Helsingin Sanomat, Yle, Iltalehti oder Hufvudstadsbladet regelmäßig auf Entscheidungen des JSN Bezug nehmen, etwa bei der Korrektur von Fehlern oder der Begründung redaktioneller Entscheidungen. Der JSN ist damit nicht nur ein Kontrollorgan, sondern ein Resonanzraum für journalistische Selbstreflexion – und ein Modell für ethische Medienregulierung, das international Beachtung findet (vgl. Hanitzsch et al., 2019).

Was können wir von den Finnen lernen?

Die Analyse des finnischen Mediensystems zeigt somit, dass journalistische Resilienz nicht allein durch technische Innovationen oder gesetzliche Rahmenbedingungen entsteht, sondern durch eine tief verankerte Kultur der Selbstregulierung, Medienbildung und ethischen Reflexion. Für Deutschland ergeben sich daraus mehrere übertragbare Erkenntnisse.

Erstens: Die Rolle des Presserats JSN als öffentlich sichtbares, transparent arbeitendes und breit akzeptiertes Kontrollorgan stärkt das Vertrauen in die Medien nachhaltig. In Deutschland existiert mit dem Deutschen Presserat ein vergleichbares Gremium, dessen öffentliche Sichtbarkeit und gesellschaftliche Relevanz jedoch deutlich geringer ausfällt. Die finnische Praxis, Entscheidungen des JSN regelmäßig in der Berichterstattung zu reflektieren und als ethischen Referenzrahmen zu nutzen, könnte auch in Deutschland zur Stärkung der journalistischen Glaubwürdigkeit beitragen (vgl. Ahva et al., 2017; vgl. Heinonen & Ahva, 2015).

Zweitens: Die systematische Medienbildung, die in Finnland bereits im Vorschulalter beginnt und durch das Nationale Audiovisuelle Institut (KAVI) koordiniert wird, ist ein zentraler Baustein demokratischer Resilienz. Programme wie Uudet lukutaidot zeigen, wie Medienkompetenz, digitale Fähigkeiten und ethische Reflexion in die Bildungslandschaft integriert werden können (vgl. KAVI, 2023; vgl. Pekkala, 2025). In Deutschland fehlt bislang eine vergleichbar kohärente, bundesweit abgestimmte Strategie zur Medienbildung.

Drittens: Die journalistische Praxis in Finnland ist weniger von Alarmismus und Skandalisierung geprägt als in Deutschland. Studien zeigen, dass finnische Journalist:innen eine zurückhaltende, sachliche und dialogorientierte Berichterstattung bevorzugen, die auf Resonanz statt Polarisierung setzt (vgl. Strömbäck et al., 2021; vgl. Ahva, 2024). Dies steht im Kontrast zu Teilen der deutschen Medienlandschaft, in der insbesondere Boulevardformate und politische Kommentare häufig auf Zuspitzung und Emotionalisierung setzen (vgl. Esser & Brüggemann, 2016).

Viertens: Die Integration von KI-Technologien in finnischen Redaktionen erfolgt unter klaren ethischen Leitlinien. Während Tools wie ChatGPT oder Yle-eigene Module zur Effizienzsteigerung beitragen, wird zugleich intensiv über die Grenzen automatisierter Inhalte diskutiert (vgl. Lehtisaari et al., 2023; vgl. Pöyhtäri, 2023). Die Debatte um KI und Ethik startete zu einer ähnlichen Zeit auch in Deutschland. In beiden Ländern wird in den Redaktionen zu dem Thema viel probiert und diskutiert. Es bleibt die Frage für Deutschland und Finnland: Wohin steuert der Journalismus vor dem Hintergrund der neuen Möglichkeiten?

Fünftens: Die journalistische Selbstorganisation in Finnland – etwa durch crossmediale Teams, projektbasierte Arbeitsformen und datenjournalistische Formate – zeigt, wie Redaktionen flexibel auf gesellschaftliche Herausforderungen reagieren können, ohne ihre Qualitätsstandards zu verlieren (vgl. Salovaara et al., 2021; vgl. Heinonen & Ahva, 2015).

Insgesamt lässt sich somit festhalten: Finnland begegnet den Herausforderungen der (digitalen) Öffentlichkeit mit struktureller Gelassenheit, ethischer Klarheit und bildungspolitischer Weitsicht. Für Deutschland bietet das finnische Modell wertvolle Impulse – nicht als Blaupause, sondern als Orientierung für eine journalistische Kultur, die Vertrauen nicht nur erwartet, sondern aktiv kultiviert.

Über den Autor

Marcus Bölz, Prof. Dr. phil. Dipl.-Journ. (*1975) ist seit 2014 Professor für Journalismus, Sportjournalismus und Medienpsychologie an der Fachhochschule des Mittelstands in Berlin. Zuvor hat er viele Jahre als Journalist für diverse Redaktionen wie die Nachrichtenredaktion der Deutschen Welle, dpa, zeit.de, aber auch als Sportredakteur für die Schwäbische Zeitung und als Lokalredakteur für die Rhein-Zeitung gearbeitet. Er lebt und lehrt zudem teilweise auch in Finnland an einem See in Nordkarelien und beobachtet deshalb finnische Medien regelmäßig.

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Zitationsvorschlag

Marcus Bölz: Der Journalismus in Finnland im Wandel geopolitischer und digitaler Rahmenbedingungen. Wie erniedrigende Deepfakes in die politische Kommunikation eingreifen. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 1, 2026, 9. Jg., S. 27-38. DOI: 10.1453/2569-152X-12026-15925-de

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2569-152X

DOI

https://doi.org/10.1453/2569-152X-12026-15925-de

Erste Online-Veröffentlichung

April 2026