Editorial

Liebe Leser*innen,

Journalismusgeschichte und historische Journalismusforschung liegen der Journalistik/Journalism Studies – Zeitschrift für Journalismusforschung am Herzen. Eines der Prinzipien und Gründungsmotive der Fachzeitschrift war es auch, dem »Mangel an historisch-hermeneutischen Beiträgen« in der Kommunikationswissenschaft etwas entgegenzusetzen: »Solche Diskussionsbeiträge sind gerade heute neben empirisch-analytischen, am Variablenansatz (Gerhard Maletzke) orientierten Forschungsberichten wichtig, weil es in dem durch den digitalen Medien- und Kulturumbruch verunsicherten Journalistenberuf einen hohen Bedarf an Selbstverständigung gibt«, hieß es im Editorial der ersten Ausgabe (Debatin et al., 2018). Deshalb freue ich mich, dass wir Ihnen in dieser Ausgabe gleich zwei Beiträge zur Geschichte des deutschsprachigen Journalismus bieten können.

Martina Thiele spricht mit Siegfried Weischenberg über sein neues Buch Schuld und Geheimnis. Bekenntnisse von Legenden in der deutsch-jüdischen Publizistik, in dem er bekannte und weniger bekannte Journalist*innen porträtiert, und über Erinnern, Vergessen, Schuld, Antisemitismus und Geschlechterverhältnisse im Journalismus. Alf Mayer und Horst Pöttker beleuchten das Leben und die Verdienste des Verlegers und Widerstandskämpfers Karl Anders, der die Frankfurter Rundschau in ihrer Anfangszeit vor dem finanziellen Ruin rettete, heute aber in der Geschichte der Zeitung kaum beachtet wird. Wer wird geehrt und wie erinnert, wer (fast) vergessen? Was hat sich in der Befassung mit Nationalsozialismus, Krieg, Vertreibung und Holocaust seit 1945 verändert? Welchen Beitrag können Journalismus und Journalismusforschung zum individuellen und kollektiven Erinnern leisten?

Mit dem aktuellen Erstarken des Rechtsextremismus beschäftigen sich zwei weitere Beiträge: Im 1. Leipziger Mediengespräch, das am 29. April 2026 stattfand und von Gründerin Gabriele Hooffacker moderiert wurde, diskutierten Michael Haller, Judith Kretzschmar, Michael Krell und Stine Eckert über Strategien gegen Hass im Netz, die Journalist*innen die tägliche Arbeit ermöglichen und ihnen mehr Sicherheit verschaffen. Dazu passend analysiert Luis Paulitsch die Taktiken rechtspopulistischer, »alternativer« Medien, die darauf abzielen, Zweifel an den Ursachen und Folgen des Klimawandels zu wecken und eine eigene »Klimapolitik« zu betreiben.

Außerdem stellt Klaus Ott, lange Jahre Redakteur der Süddeutschen Zeitung, in unserer neuen Rubrik »Initiativen« das Netzwerk »Journalismus macht Schule« vor: Wie können Schüler*innen für journalistische Arbeit begeistert werden und Medienkompetenzen entwickeln? Und wie kann, angefangen bei den Kindern und Jugendlichen, Journalismus breiter in der Gesellschaft verankert werden? Auch Janis Brinkmann widmet sich insbesondere Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Zielgruppe und fragt, wie subjektiver Journalismus bei ihnen ankommt. Inwiefern subjektive journalistische Formate auch durch den richtigen »Vibe« als ein mögliches weiteres Qualitätskriterium erfolgreich sein können, erörtern Katja Schupp und Mirco Liefke.

Zudem enthält diese Ausgabe vier Rezensionen, die ebenfalls Geschichte und Zukünfte reflektieren: Phoebe Mares ordnet das innovative Buch Zwischen Repair und Care. Neugründungen als Chance für Diversität im Journalismus von Maike Suhr ein; Stine Eckert empfiehlt das von Johanna Dorer, Brigitte Hipfl, Brigitte Geiger und Viktorija Ratković herausgegebene Handbuch Medien und Geschlecht, das Geschichte und aktuelle Entwicklungen der deutschsprachigen Gender Media Studies aufarbeitet. Horst Pöttker rezensiert »… dem liberalen Schwindel ein Ende zu machen«. Karl Kraus und Wilhelm Liebknecht 1899/1900 von Georg Fülberth und Tanjev Schultz bespricht Nachrichtenqualität als journalistischer Prozess von Andreas Riedl. Hinzu kommen zehn ausführliche Buchvorstellungen in unserer Rubrik »Buchjournalismus«. So laden wir ein, diesen Sommer das eine oder andere Buch zu lesen und Geschichte(n), Gegenwärtiges und mögliche künftige Entwicklungen im Journalismus zu reflektieren.

Wir freuen uns wie immer über Ihre Zuschriften und Einreichungen und möchten noch einmal auf unseren Call for Papers zum Schwerpunktthema »Journalismus, Medien, Generationen und Alter(n)« der Ausgabe 3–4/2026 hinweisen.

Einen schönen Lesesommer,

Stine Eckert

Literatur

Debatin, Bernhard, Herczeg, Petra, Hooffacker, Gabriele, Pöttker, Horst, Schultz, Tanjev (2018). Editorial. Journalistik/Journalism Studies – Zeitschrift für Journalismusforschung, 1. https://journalistik.online/archiv/ausgabe-01-2018