Von Alf Mayer und Horst Pöttker
Abstract: Die weitgehend verdrängte Rolle des Verlegers und Widerstandskämpfers Karl Anders für die Geschichte der Frankfurter Rundschau wird in diesem Beitrag anhand zahlreicher Archivquellen, Gerichtsakten und zeitgenössischer Dokumente belegt. Anders hat die wirtschaftlich bedrohte Zeitung Mitte der 1950er-Jahre durch Kredite, verlegerisches Know-how und publizistische Netzwerke entscheidend stabilisiert. Dennoch wurde sein Beitrag nach dem Zerwürfnis mit Karl Gerold systematisch aus der institutionellen Erinnerung der Zeitung ausgeblendet. Der Aufsatz analysiert diese Form journalistischer »Öffentlichkeitslücke« als Beispiel für Mechanismen des Verdrängens, Verschweigens und der Mythenbildung im Medienjournalismus. Dabei diskutiert er die berufsethische Frage, inwiefern das Weglassen relevanter Informationen als Verletzung journalistischer Sorgfaltspflichten zu bewerten ist.
Ausgerechnet der Verleger Karl Anders, ohne den die Frankfurter Rundschau keine zehn Jahre alt geworden wäre, ist bei dieser Zeitung »terra incognita«. Er wurde dort seit 1957 aus der hauseigenen Geschichtsschreibung und dem Kollektivgedächtnis getilgt – als wäre er der »damnatio memoriae« anheim gefallen. Diese Leerstelle kam und kommt dem Verleger Karl Gerold zugute.
Wie geht Vergessen oder Verdrängen bei einer Zeitung? Bei einer linken, aufgeklärten und kritischen dazu? Wie können ganze Generationen von FR-Journalistinnen und -Journalisten der eigenen Zeitungsgeschichte gegenüber ignorant sein? Dieser Beitrag geht dem nach.
1. Wer war Karl Anders?
Karl N. Anders, als der er 1954–1957 gesperrt gedruckt und groß im Rundschau-Impressum stand, hieß eigentlich einst Kurt Wilhelm Naumann, stammte aus Köpenick in Berlin, ging am Tag der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler als Agitprop-Leiter der KPD in den Untergrund, organisierte illegale Druckereien und den Druck von Flugblättern. Er erlebte die »Köpenicker Blutwoche« im Juni 1933, wechselte seine Identität »öfter als meine Hemden«, wurde buchstäblich ein Anderer. Er musste das Land verlassen, landete via Slowakei und Polen in England, schloss sich Waldemar von Knoeringen und anderen Emigranten in der sozialistischen Widerstandsgruppe »Neu beginnen!« an. Er machte Arbeitersendungen für den von den Briten finanzierten Feindsender »Europäische Revolution«, bis der 1943 eingestellt wurde, arbeitete dann für das deutsche Programm der BBC, knüpfte viele Kontakte.[1] Etwa zu Eric Ambler, Victor Gollancz, den Brüdern Hugh und Graham Greene und natürlich zu vielen Emigranten. Mit Hugh Greene und Alan Bullock fuhr er kurz nach der Kapitulation des Nazi-Reiches durch Deutschland, war einer der ersten Exilanten, die zurückkehrten. Für das deutsche Programm der BBC berichtete er ein Jahr lang vom Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, war neben Hemingway, Martha Gellhorn, John Steinbeck, Erich Kästner, John Dos Passos, Ilja Ehrenburg und Robert Jungk im Fürther »Bleistiftschloss« der Familie Faber-Castell einquartiert. In Andreas Pflügers Roman Ritchie Girl (Pflüger, 2021) gibt es eine kleine Hommage. Karl Anders hatte – anders als Karl Gerold, dessen Widerstandsgeschichte erstaunlich beleglos geblieben ist – als Redakteur des Feindsenders »Europäische Revolution« und dann der BBC tatsächlich »nachweisbar in großem Umfange im Ausland öffentlich gegen Deutschland gehetzt«, so die damals geläufige Ausbürgerungsbegründung gegenüber Regimefeinden.[2] Die deutsche Staatsbürgerschaft erlangte er nach Wissen seiner Tochter erst 1958 wieder und mit Mühe.
Für Anders, der immer schon ein Leser gewesen war, war klar, dass ein neues Deutschland neue Bücher brauchte – und eine demokratische Literatur. Zwingend mit dabei: Kriminalromane! Er brachte Raymond Chandler, Dashiell Hammett und Eric Ambler als Erster auf Deutsch heraus. Dies in seinem zusammen mit den Nazi-Verfolgten Rudolf Zitzmann und Willi Geusendam gegründeten Nest-Verlag. Der war nach dem Vorbild von Victor Gollancz, seinem britischen Verleger-Freund aus dem Exil, konzipiert und brachte auch dessen Bücher heraus. Er bot ein bemerkenswertes politisches und re-edukatives Programm, das der Völkerverständigung, der aktiven Vergangenheitsaufarbeitung und einer neuen sozialistischen Politik gewidmet war. Als besonders wichtiges Buch dieser Zeit gilt das ebenfalls dort erschienene Jenseits des Kapitalismus von Paul Sering (i.e. Richard Löwenthal).[3]
Als siebtes Buch des Nest-Verlags erschien 1948 ein in der politischen Analyse bis heute zeitloses Buch: Im Nürnberger Irrgarten. Karl Anders fokussierte darin seine Berichterstattung von den Kriegsverbrecher-Prozessen auf zwölf Nazigrößen, versuchte das Innenleben und die Mechanismen des NS-Systems differenziert zu ergründen. Er ging mit den entsprechenden Kapiteln in die Gefängniszellen zu Speer, Papen, Schacht und dem Goebbels-Stellvertreter Fritzsche, brachte diese Gespräche über Schuld und Gewissen in die Texte ein. Auch das Problem der »Kollektivschuld« (die er ebenso wie sein britischer Verlegerfreund Victor Gollancz verneinte) registrierte der politisch wache Journalist schon im Gerichtssaal: »Wenn man mit der Schuld nicht fertig wird, baut man die Zukunft Deutschlands auf ein Fundament der Lüge, der Selbstzufriedenheit, auf einen moralischen Morast, und das ist schlimmer, als sie auf Sand zu bauen. […] Wird es zur neuen Schuld des deutschen Volkes werden, aus der eigenen Vergangenheit nichts gelernt zu haben?« (Anders, 1948, S. 221f.)
Karl Anders genoss, zum Teil schon aus der Zeit in Widerstand und Exil, das Vertrauen wichtiger SPD-Genossen: Alfred Nau, Willy Brandt und Fritz Heine zum Beispiel. Der letzte war ein lebenslanger Freund, ganz eng mit »der Konz« verwoben, der »Konzentration GmbH«, dem Dachunternehmen der Pressegesellschaften der SPD. Für deren Betriebsberatungs-Abteilung war Karl Anders auch noch nach dem Ausscheiden bei der Frankfurter Rundschau als Gutachter und Verlagssanierer tätig und vom dort versammelten Fachwissen profitierte von 1954 bis 1957 auch die FR. Karl Anders galt als Fachmann für Verlagsrettungen, er hatte eben nicht nur große publizistische, sondern auch erhebliche kaufmännische Erfahrung. Angesichts seiner Biographie als Widerständler und seiner verlegerischen Leistungen hat er etliche öffentliche Auszeichnungen erhalten, darunter 1977 das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland. Der SPD war er 1949 beigetreten, er gehörte einem Netzwerk emigrierter Sozialdemokraten an. 1961 wurde er in die zentrale Wahlkampfleitung der SPD berufen, organisierte den ersten Kanzlerwahlkampf von Willy Brandt und war Mitglied der Grundwertekommission der SPD. Wer sich an die Vorwürfe gegen »Herbert Frahm« und den vaterlandslosen Gesellen Willy Brandt erinnert, kann erahnen, auf welchem Minenfeld der Remigrant Anders Mitte der Fünfziger Jahre wohl auch innerhalb der FR unterwegs war.
2. Karl Anders rettet die Frankfurter Rundschau
Der ehemalige BBC-Journalist Karl Anders wurde 1954 von Karl Gerold in die FR geholt. Gerold trat ihm dafür sogar eigene Herausgeberanteile ab, machte ihn zum Mitverleger. Anders kam mit einem langfristigen Bankkredit von 2 Mio. DM, der direkt an ihn als Bürgen und Vertrauensmann gekoppelt war. Das rettete die Zeitung, die finanziell am Abgrund stand. Der Kredit kam von der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG), der Bank der SPD und der Gewerkschaften. Die Kreditgeber vermerkten ausdrücklich, dass Zweck und Ziel die Sicherung der Unabhängigkeit der Frankfurter Rundschau sei (vgl. Mayer, 2025d).
Anders stellte mit dem Kredit den Druckbetrieb der FR neu und gewinnbringend auf. Er erwarb damit die »Heidelberger« Druckmaschinen, stieg in das lukrative Vierfarbdruck-Geschäft ein, schloss mit Josef Neckermann den Vertrag für den Druck der Versandhaus-Kataloge, was 1960 den Bau des Druckzentrums Neu-Isenburg ermöglichte, zeitweise die größte und modernste europäische Zeitungsdruckerei. So legte er den Grundstein für die überaus erfolgreiche Drucksparte des Verlags, die dem Blatt über Jahrzehnte hinweg journalistische Freiheit ermöglichte. All dies bedeutete redaktionellen Freiraum und eben jene Unabhängigkeit, auf die man bei der Rundschau immer stolz war – und die mit der Person Karl Anders verbunden ist.
Gleichzeitig begründeten seine langjährigen und authentischen Verbindungen in die literarische Exilszene den guten Ruf des Feuilletons und der Zeitung. Unmittelbar nach Kriegsende hatte er Autoren wie Oskar Maria Graf verlegt und genoss als stellvertretender Vorsitzender des Verbands der Sozialistischen Verleger, Buchhändler und Bibliothekare hohes Ansehen bei den kritischen Geistern und Autoren der Nachkriegszeit. Zudem hatte er sich einen wachen Blick in die angelsächsische Sachbuchwelt bewahrt. Auch der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1960 an den Völkerverständiger Victor Gollancz ging auf sein Konto: So bekam der Buchverlag der FR einen Friedenspreisträger ins Programm.
Abb. 1
Kredit von der BfG, an Karl Anders als Bürgen gebunden

Quelle: Nachlass Karl Anders / Archiv der sozialen Demokratie, Friedrich-Ebert-Stiftung
Abb. 2
Kreditgrund: Explizit zum Erhalt der Unabhängigkeit der Zeitung gegeben

Quelle: Nachlass Karl Anders / Archiv der sozialen Demokratie, Friedrich-Ebert-Stiftung
Karl Anders hat seinen Eintritt in die FR in einer Notiz für seinen Anwalt so zusammengefasst:
»Freundschaft mit Gerold seit 1949. Nie Illusionen über die Tatsache, dass G. Trinker und in vieler Beziehung unverantwortlich, aber ich bin mit einigen anderen ›schwierigen‹ Menschen befreundet.
1954, nach Ruderts Tod, holte sich G. einige Male Rat und bot mir an, Geschäftsführer und Verlagsleiter zu werden. Ich lehnte ab. ›Nie als Angestellter zu Gerold.‹
Die Verhältnisse in der ›Rundschau‹ wurden immer komplizierter. G. praktisch geschäftsunfähig. Bankkredit zum 1. Sept. gekündigt. Ich verhandelte mit Dahrendorf. Der sagte: ›G. keinen Pfennig.‹ Nach drei Ablehnungen war ich bereit, in die Rundschau einzutreten.
1) Als Vertrauensmann der Bank (zwei Millionen Kredit)
2) Gesellschafter
3) Geschäftsführer mit lebenslänglichem Vertrag.
Am 17. Juli 1954 Eintritt mit kommissarischen Vollmachten. G. längerer Urlaub. Ab 1. September 1954 offizieller Geschäftsführer. G. überließ mir mehr als zwei Jahre lang völlig die geschäftliche und technische Leitung des Betriebes. Er war viel auf Reisen und durchaus glücklich, daß er sich nicht um Dinge zu bekümmern brauchte, die ihn wenig interessierten. Im Frühjahr 1956 Entziehungskur G….«
Den Geschäftsbericht 1954 unterschrieb in Gerolds Abwesenheit Karl Anders. Gerold selbst hielt für 1954 fest: »Herr Anders wurde am 15. Juli als Berater und Bevollmächtigter von Herrn Gerold eingesetzt, am 3. September von den Gesellschaftern als gleichberechtigter Geschäftsführer bestellt.« (Mayer, 2025c und d). Das Impressum vermerkte damals noch tagesgenau die Abwesenheit von presserechtlich Verantwortlichen, vermutlich ein Überbleibsel aus den Lizenzjahren der Besatzungszeit. Auffällig war, wie oft hinter Karl Gerold der Zusatz »(abw.)« stand. Der alleinige Hauptverantwortliche der Zeitung an solchen Tagen war dann laut Impressum Karl N. Anders, »Geschäftsführer und Verleger«.
3. Die Frankfurter Rundschau lässt Karl Anders fallen
Das Verhältnis zwischen Gerold und Karl Anders verschlechterte sich dann aber rapide. Anfang August 1957, als die Zeitung längst gerettet und der Betrieb rundum konsolidiert war, kam Gerold einmal mehr aus einer Entziehungskur und drängte von einem Tag auf den anderen seinen Freund und Mitverleger Karl Anders aus dem Betrieb. Dies geschah ohne Konsultation mit dem Hausanwalt und im dann durch zwei Instanzen geführten Prozess mit zunehmend enthemmter Argumentation.
Karl Anders hatte wegen seines Hinauswurfs gegen Gerold geklagt. In der Klageschrift von Henry Ormond und Anders hieß es rückblickend auf den Einstieg von Karl Anders:
»Die Zeit drängte, die Gläubiger wurden ungeduldig. Es musste unbedingt etwas geschehen. Herr Gerold hatte sich mehrfach an den Kläger, mit dem er seit Jahren befreundet war, gewandt, um Rat und Hilfe einzuholen. Er war auch zu diesem Zweck nach Nürnberg gefahren, um mit dem Kläger, der sich dort als alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer des Nest-Verlags betätigte, und mit dem Verleger Dr. Drexel eine finanzielle Beteiligung der Nürnberger Nachrichten an der Frankfurter Rundschau zu besprechen. Der Kläger hatte Angebote des Herrn Gerold, Geschäftsführer zu werden, abgelehnt, da ihn der Gedanke, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Herrn Gerold zu treten, unmöglich schien. Er bemühte sich aber, den Kredit für Herrn Gerold zu beschaffen.
Die Situation wurde immer schwieriger. Herr Gerold war ihr in keiner Weise gewachsen. Das Weiterbestehen der Beklagten (i.e. des Druck- und Verlagshauses Frankfurt) und der Frankfurter Rundschau war gefährdet. Der Bankkredit von 1,6 Millionen DM war zum 1.9.1954 gekündigt. Man wusste nicht, woher man das Geld nehmen sollte. Da entschloss sich schliesslich der Kläger, nachdem er mehrfach abgelehnt hatte, aus politischer Verantwortung und aus Freundschaft zu Herrn Gerold, die Stelle des Geschäftsführers und Verlagsleiters anzunehmen, da nur unter dieser Bedingung der notwendige Kredit zu beschaffen und die Firma zu sichern war.«
Als Gerold die berufliche und charakterliche Eignung von Anders angriff, organisierte dessen Anwalt Henry Ormond, wichtigster Nebenkläger im Frankfurter Auschwitz-Prozess und zuvor einer der Gründerväter des Spiegels, eine Leumunds-Aktion, die man heute wohl einer Kampagne in den Sozialen Medien gleichstellen würde, erfuhr doch so eine größere Öffentlichkeit davon. Ormond schrieb 49 Personen des publizistischen Lebens an, doch bitte zu den Vorhaltungen Gerolds Stellung zu nehmen und sich zur Person Anders zu äußern. Darunter waren Verleger, Rundfunk-Intendanten, Parlamentarier, Druckereibesitzer, Gefährten aus dem Exil und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Willy Brandt, dessen erster Wahlkampfmanager Anders dann 1960 wurde. Gerolds Anwalt tat diese – historisch überaus aufschlussreichen – Briefe und Auskünfte als »Persilscheine« ab. So wurden im Nachkriegsdeutschland Gefälligkeitsschreiben zur »Entnazifizierung« Belasteter genannt, den Begriff in diesem Zusammenhang gegen einen zurückgekehrten Widerstandskämpfer zu verwenden, entbehrt nicht der Perfidie. Außerdem würden sie belegen, dass der hinausgeworfene Anders ja ohne Probleme schnell irgendwo unterkommen könne (vgl. dazu mit vielen Dokumenten Mayer, 2025a).
Die Klage von Karl Anders gegen Karl Gerold zog sich durch zwei Instanzen. Sie endete im November 1960 mit einer Niederlage der Rundschau.[4]
4. Wer war Karl Gerold?
Zur Person Karl Gerold teilt Wikipedia mit:
»Karl Gerold stieß nach dem Gründungsjahr der Frankfurter Rundschau im April 1946 zu deren Herausgebern, die am 1. August 1945 die erste Lizenz zur Herausgabe einer Zeitung von der amerikanischen Besatzungsmacht erhalten hatten. 1952 trat er im Interesse seiner journalistischen Unabhängigkeit aus der SPD aus. Als 1954 Arno Rudert starb, der als letzter der ursprünglich sieben Herausgeber in der Frankfurter Rundschau geblieben war, wurde Karl Gerold zum alleinigen Herausgeber und übernahm gleichzeitig die Aufgabe eines Chefredakteurs. Die Frankfurter Rundschau entwickelte sich in der Folge zu einer angesehenen überregionalen Zeitung mit nationaler Bedeutung, die im eher konservativen politischen Klima der Nachkriegszeit entschlossen linke Positionen vertrat. […] Karl Gerold gilt als eine der außergewöhnlichen journalistischen und Herausgeberpersönlichkeiten der Nachkriegszeit. Neben seiner journalistischen Tätigkeit trat er auch immer wieder als Verfasser von Lyrik hervor.« (Karl Gerold, o. D.)
Im Vergleich mit Karl Anders wird Karl Gerold in allen biografischen Artikeln nur mit Mühe in Richtung eines antifaschistischen Widerstands dargestellt. Gerold, so sagte uns ein kluger FR-Journalist, das sei doch »ausgerechnet der unter unseren Herausgebern, dessen Antifaschismus sich am schwierigsten beweisen lässt.« In Basel soll er gegen das Nazi-Regime gearbeitet haben, aber kein Flugblatt, kein Artikel, kein Text, kein Brief oder eine nachweisbare Verbindung mit der – tatsächlich vorhandenen, studentisch geprägten – antifaschistischen Szene in der Schweizer Grenzstadt gibt davon Zeugnis.
»Spektakuläre Flucht mit Fragezeichen« überschrieb der Konstanzer Südkurier am 12. August 2023 eine Recherche von Reinhard Valenta, die festhielt:
»Eigenartigerweise gibt es keinen einzigen Hinweis auf jene Fluchtgeschichte, die Gerold mehrfach erzählt hat. Er sei im November 1933 in Wehr verhaftet worden, auf dem Weg ins KZ Heuberg aus dem langsam fahrenden Zug gesprungen und im Rhein hinunter bis Möhlin geschwommen. Selbst Gerolds Biografin Helga Dombrowsky setzt ein Fragezeichen hinter diese Erzählung. […] Der Gedanke liegt nahe, dass der junge Karl Gerold durch die Stilisierung seiner Flucht an Gewicht in den antifaschistischen Kreisen Basels gewinnen wollte. […] Das Ministerium des Innern in Karlsruhe stellte jedenfalls das Verfahren um die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit am 20. März 1935 ein. ›Für die Aberkennung kommen nur bekannte führende Persönlichkeiten, welche nachweisbar in großem Umfange im Ausland öffentlich gegen Deutschland hetzen, in Frage. Dies trifft auf Karl Gerold nicht zu.‹ « (Valenta, 2023)
So schließt die Recherche. »Nun ja, Gerold war in dieser Zeit halt in der Schweiz«, brummelte Karl Anders, wenn man ihn auf die Widerstandszeit seines Partners Gerold ansprach.
Zur publizistischen Arbeitsweise Karl Gerolds hat Roderich Reifenrath, von 1992 bis 2000 Chefredakteur der FR, vermerkt: »Programmatische Leitfigur war er für uns nicht […] Wenn Gerold Kommentare schrieb, war das nicht ausgeprägt links oder pointiert liberal oder konservativ – da war oft von allem etwas dabei. Seine Texte waren meist kämpferisch, nicht abwägend analytisch.« (Wir waren Antifaschisten, 2021, S. 48) Karl Gerold, so haben sich auch frühere Rundschau-Redakteure geäußert, »hatte vom Geschäft eher keine Ahnung.« (Göpfert, 2025, S. 50) Eigentlich war er Feuilletonjournalist. Das »Grundgesetz« der FR, Inhalt des Dienstvertrags für jeden Redakteur und jede Redakteurin, stammt von dem Freidemokraten Karl-Hermann Flach und dem langjährigen stellvertretenden Chefredakteur Hans-Herbert Gaebel, die für die linksliberale Ausrichtung des Blattes damit mindestens so bedeutsam sind wie Gerold.
5. Karl Gerold als »Säulenheiliger« der FR
Bei einer Analyse der zeitungseigenen Veröffentlichungen der letzten 40 Jahre zu Karl Gerold seit seinem Tod 1973 offenbart sich eine über die Jahre und über die Distanz anwachsende Verehrungskurve. Seine Verdienste werden von Jubiläum zu Jubiläum – 50 Jahre Frankfurter Rundschau, 60, 70 und kürzlich 80 Jahre – immer umfassender, die Heldenverehrung immer größer. Typisch dafür: die Überschrift von Roderich Reifenraths Leitartikel zum 70. Jubiläum der Zeitung: »Karl Gerold legt das Fundament der FR« (Reifenrath, 2015).
Die Tendenz, das Vermächtnis eines »starken Mannes« zu erfüllen und in seiner Traditionslinie zu stehen, hat sich über die Jahre zu einem unverrückbaren Markenkern der Redaktion entwickelt. So wurde über den erwähnten Recherchebeitrag von Reinhard Valenta im Südkurier von 2023 in der Rundschau nie berichtet.
Am 1. August 2025 erschien die Jubiläumsausgabe zum 80-jährigen Bestehen der FR. Auf dem Titelblatt der Printversion eine übergroße Karikatur: die Demokratie als griechischer Tempel, die staatlichen Gewalten Legislative, Exekutive und Judikative als drei seiner Säulen, als vierte Säule in Alleinvertretung der »vierten Gewalt« die Frankfurter Rundschau.[5] Im Leitartikel »Seit 80 Jahren eine linksliberale Stimme« informiert Pitt von Bebenburg falsch: »Von 1954 an war Gerold alleiniger Verleger, Herausgeber und Chefredakteur der Frankfurter Rundschau und blieb das bis zu seinem Tod 1973.« Auf den Seiten 2 bis 5 eine Fußleiste, die offizielle Chronik der Zeitung, nach Jahreszahlen geordnet: »1954: Herausgeber Arno Rudert stirbt. Seine Witwe behält ein Viertel der Anteile am Druck- und Verlagshaus, wie das Unternehmen seit 1948 heißt.« Und dann auch dort: »Gerold ist nun in einer Person alleiniger Herausgeber, Verleger und Chefredakteur.« Und weiter: »Auf den Fluren des Hauses heißt er die ›Dreifaltigkeit‹.«
Für eine sich autoritätskritisch verstehende Zeitung, die auf ihre 68er-Geschichte stolz ist und sie gerne zelebriert, ist das ein seltsamer Sprachgebrauch. Auch noch 2025 hob die Zeitung ihre Hauslegende in den Olymp und vergaß dabei ihren frühen Retter. Sogar der ehemalige FR-Chefredakteur Wolfgang Storz (2004-2006) spricht seitdem von einem »Säulenheiligen« (Storz, 2025).
Immerhin distanzierte sich die Chefredaktion im Juni 2025 von einem Buch, das für das Zeitungsjubiläum geschrieben worden war und im Corporate Design wie eine offizielle Chronik erscheint: Zeitung im Kampf. 80 Jahre Frankfurter Rundschau oder: Niedergang des linksliberalen Journalismus? (Göpfert, 2025[6]). Im Vorwort heißt es: »Dieses Buch betritt Neuland. Noch nie zuvor ist die Geschichte der Frankfurter Rundschau so ausführlich zusammenhängend erzählt worden.« (Göpfert, 2025, S. 9) Der Autor Claus-Jürgen Göpfert, ein langjähriger ehemaliger Lokaljournalist der FR, interviewte dazu 30 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen. Nicht jedoch die ihm durchaus bekannte Ann Anders, ehemalige kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Frankfurter Römer und Tochter des neben Karl Gerold verdrängten Verlegers, die einzige noch lebende Person aus dem Kreis der Gründerjahre der Frankfurter Rundschau.
In dem zwei Monate vor dem Zeitungsjubiläum auf den Markt gebrachten Buch taucht der Name Karl Anders nirgends auf, auch in keiner Fußnote. In dem großzügig gestalteten und detailreichen Buch wäre dafür genug Platz gewesen – und an mindestens drei Stellen eine Erwähnung sachlich zwingend.
6. Karl Anders wird im Gedächtnis der FR gelöscht und verdrängt
Denn ganz anders als mit Karl Gerold wurde und wird großenteils noch immer bei der Frankfurter Rundschau mit seinem Vornamens-Vetter Karl Anders umgegangen: Man schweigt über ihn, wie von Gerold verlangt.
2007 zum Beispiel, anlässlich des 100. Geburtstags von Karl Anders, gab es in Frankfurt eine Ausstellung über den Nest-Verlag und seinen Verleger. Der war 1960 in den Besitz des Verlagshauses der Frankfurter Rundschau übergegangen, nachdem er zuvor Karl Anders und ab 1955 zur Hälfte dem Rundschau-Verlag gehört hatte. Der FR war das keinen noch so kleinen Bericht wert. Andere Frankfurter Zeitungen berichteten über die zeithistorisch interessante Ausstellung, zu der auch ein üppig illustriertes Buch erschien (vgl. Rössler, 2007). In der Frankfurter Rundschau dazu: kein einziges Wort. Auch war 2003 Roderich Reifenraths Buch Die Blattmacher im ehemals Karl Anders und seit 1960 der FR gehörenden Nest-Verlag erschienen (Reifenrath, 2003), ohne dass es angesichts dieser Verlagsangabe bei einem Redaktionsmitglied der FR geklingelt hat.
Karl Anders war auch zehn Jahre später ein eigenes Thema beim Kongress »Krimis machen 2« am 27. und 28. Juni 2017 in der Frankfurter National-Bibliothek. Rundschau-Journalisten waren anwesend. Berichtet wurde nicht.
Auf die Lücke in seinem Buch bei der Publikumsrunde der Buchpremiere angesprochen, meinte Claus-Jürgen Göpfert, bei so einer Zeitungshistorie könne »schon mal ein Mitarbeiter hinunterfallen«. Der Einwand: »Auch ein Verleger?« blieb unbeantwortet. Ebenso das Angebot, für die Zeitung ein 10.000-Zeichen-Porträt zu schreiben. Dass es sich beim Schweigen über Karl Anders nicht nur um Vergesslichkeit handelt, sondern um mehr oder weniger bewusstes Verdrängen, geht aus einer Fülle von Umständen und Vorfällen hervor.
1995, zum 50-jährigen Bestehen der FR, dokumentierte Chefredakteur Roderich Reifenrath 100 Titelseiten der Zeitung (vgl. Reifenrath, 1995) als Buch und Sonderdruck, wozu wohl alle Rundschau-Ausgaben durchgeblättert worden sein müssen. Im Impressum ist Mitte der 1950er-Jahre unmissverständlich zu lesen: »Herausgeber und Chefredakteur Karl Gerold. Verlagsleitung Karl N. Anders. […] Geschäftsführer: Karl N. Anders und Karl Gerold«. Und 1955 steht Karl Anders unübersehbar, mit Porträtfoto als Autor eines Leitartikels »Von dem Drum und Dran«, der den Geschäftserfolg der Druckerei als Bedingung journalistischer Unabhängigkeit erläutert, auf dem Titelblatt der Beilage zum zehnjährigen Bestehen der Frankfurter Rundschau; in gleicher Größe und Aufmachung wie Karl Gerold mit dessen Aufmacher unter dem berühmten Motto »Unabhängig – aber nicht neutral« (vgl. Abb. 3). Das hat bei der Herausgabe der 100 Titelseiten niemandem bei der FR Anlass zu näheren Recherchen über den zu der Zeit neben Gerold wichtigsten Mann bei der Zeitung gegeben.
Zur Verdrängungsgeschichte gehört auch, dass die Rundschau 1997 erst auf vehementes Drängen der Tochter eine dürre Drei-Zeilen-Notiz zum Tod von Karl Anders veröffentlichte. Gleichzeitig gab es ohne Umschweife sofort 50 Prozent Rabatt für die Todesanzeige, weil der Tote nach Aktenlage – zumindest der Buchhaltung – als Ehemaliger geführt war und bis zum Tod eine Pension erhalten hat.
Ann Anders hat sich 2020/2021 anlässlich der Berichterstattung der Frankfurter Rundschau zum 75. Jubiläum der Zeitung bei der Chefredaktion und einem Kreis von Rundschau-Redakteurinnen und -Redakteuren darüber beschwert, dass ihr Vater erneut nicht genannt worden war. Informell hatte sie das seit gut 20 Jahren immer wieder eingeklagt. Dieses Mal lieferte sie in ihrer Korrespondenz viel Hintergrund. Die Chefredaktion versprach 2021 in mehreren den Autoren vorliegenden Mails, »dass diese Informationen und Erkenntnisse künftig berücksichtigt würden«.[7] Aber das ist dann kaum geschehen.
Der Versuch, am Ende der Veranstaltung im Juni 2025 zum Erscheinen von Göpferts Buch über Karl Anders mit Chefredakteurin Karin Dalka ins Gespräch zu kommen, wurde abgewehrt. Sie signalisierte körpersprachlich, mit Alf Mayer, dem Störenfried der Veranstaltung, nicht reden zu wollen und drehte sich ostentativ weg. Auch auf ein Angebot per Mail ging sie nicht ein. Noch am 14. August 2025 wurde Ann Anders vom Vorstand der Gerold-Stiftung belehrt, »eine Hilfestellung zur Befriedigung Ihrer persönlichen Empfindlichkeiten bezüglich Würdigung Ihres sicherlich verdienstvollen Vaters als ehemaligen Mitarbeiter der Frankfurter Rundschau« falle nicht unter den Stiftungszweck.[8]
In die am 11. September 2025 erschienene Jubiläumsbeilage Frankfurter Rundschau. 80 Jahre wurde dann – wohl dem externen Recherchedruck geschuldet – auf Seite 12 ein Absatz zu Karl Anders eingefügt. Für ein Foto reichte es nicht. Zitat: »Gerold musste sich von 1953 an seinen Einfluss im Verlag mit einem Mann teilen, über den in der FR-Geschichtsschreibung bisher nichts zu lesen war: Karl Anders. Die damalige FR-Generation hat diese Zeit mit Schweigen belegt. Warum? Darüber kann nur spekuliert werden.«
Abb. 3
Tiefdruck-Sonderbeilage Januar 1955 zum neuen Rundschau-Haus mit Editorials von Karl Gerold und Karl Anders

Zu diesem Zeitpunkt hätte die Rundschau es genauer wissen können. Der Chefredaktion lagen eindeutige Hinweise, Beweise und Einsprüche vor; darunter sogar die Forderung des ehemaligen Rundschau-Chefredakteurs Wolfgang Storz nach einer unabhängigen Historikerkommission zur Neubewertung der Verlagsgeschichte. Das Frankfurter Kulturmagazin Strandgut berichtete am 1. Juli 2025 doppelseitig über »Geschichtsklitterung bei der Rundschau«. Im Online-Magazin CulturMag fanden sich weitere Artikel mit zusätzlichen Dokumenten (vgl. Mayer, 2025a, b, c, d).
Sehr wohl gelesen und zur Kenntnis genommen wurde das alles bei der FR und bei der Gerold-Stiftung, der die Zeitung einst ganz, heute noch zu zehn Prozent gehört, das erzählten Insider. Sie berichteten aber auch, die Parole laute: »Das sitzen wir aus.«
Die Sprache des schließlich eingefügten Absatzes verrät es: Da ist er wieder und immer noch, der Mythos vom starken Mann der Frankfurter Rundschau, der sich leider seinen Einfluss ein wenig teilen musste. Jener Karl Gerold, der 1954 hilf- und kreditlos mit seiner Zeitung am Abgrund stand und händeringend einen Mitverleger suchte.
7. Gründe und Folgen dieser und anderer Öffentlichkeitslücken
Der auf der Grundlage von 500 Dokumenten im September 2025 wegen der Informationslücke Anders schließlich angerufene Deutsche Presserat erkannte einen Verstoß gegen Ziffer 2 des Pressekodex, befand auf »Sorgfaltswidrige Darstellung in der Unternehmenschronik eines Zeitungsverlags« und sprach eine Missbilligung aus. Die Entscheidung des Presserats wurde von der FR in der klassischen »Zeit zwischen den Jahren«, nämlich am 27.12.2025, in der Rubrik »Sorry« versteckt, mit der sonst die kleinen Tagesirrtümer bedauert werden. Das Aufarbeiten einer nicht zufällig, sondern über Jahre hinweg immer wieder sorgfaltswidrig verbreiteten Unterlassung »in eigener Sache« würde anders aussehen. Ein deutliches redaktionelles Richtigstellen ist es nicht. Auch der bei anderen Zeitungen längst übliche Korrektur- oder Änderungshinweis bei Irrtümern oder Fehlern scheint bei der FR nicht Praxis zu sein. Jedenfalls enthalten die auf den externen Recherchedruck hin veränderten Passagen in den Online-Artikeln der FR keine solche Hinweise.
Der Presserat hat mit seiner Missbilligung (vgl. Deutscher Presserat, Entscheidung 0968/25/1-BA) einer Regel entsprochen, die es in seinem Pressekodex nicht gibt, dort aber wichtig wäre, weil sie die journalistische Grundnorm zum Veröffentlichen konkretisieren würde. Sie könnte etwa lauten:
»Es widerspricht journalistischem Anstand und schadet dem Ansehen der Presse, eine zutreffende Information von öffentlichem Interesse (wahlweise: von besonderem öffentlichem Interesse), von der ein Medium (wahlweise: eine Redaktion) Kenntnis erlangt hat, nicht zu veröffentlichen.« (vgl. Pöttker, 2013, S. 130)
Dass der Presserat das Unterlassen einer Information von öffentlichem Interesse als Verletzung der Sorgfaltspflicht kritisiert, weicht nicht nur von einer verbreiteten Auffassung ab, die die Auswahl von publizierten – und damit auch von unterlassenen – Informationen allein der Kommunikationsfreiheit und damit der subjektiven Präferenz von Redaktionen, Verlagsleitungen, Herausgebenden etc. überlässt. Es nimmt die Kommunikatoren jenseits der handwerklich prüfbaren Richtigkeit des öffentlich Mitgeteilten im Hinblick auf dessen Wichtigkeit in die Pflicht und deutet damit auf die Verwerflichkeit von Öffentlichkeitslücken hin.[9] Wer bei einem Fußballspiel nur über die Tore der Heimmannschaft zutreffend berichten würde, machte sich einer Verletzung der professionellen Pflicht zur Vollständigkeit, Relevanz oder Angemessenheit schuldig (vgl. Pöttker, 2025a, S. 188f.) – ebenso wie Journalistinnen und Journalisten, die bei der Charakterisierung ihrer Gesellschaft nur die Fehlleistungen und Missstände oder, wie z. B. in der DDR geschehen, nur deren Leistungen darstellen würden. Das gilt auch für die Selbstdarstellung eines Medienbetriebs und seiner Geschichte, wenn sie professionellen journalistischen Ansprüchen genügen soll.
Öffentlichkeitslücken hängen nicht nur mit subjektiven Vorlieben und Abneigungen von Kommunikatoren zusammen. Im Bemühen und Systematik lassen sich dafür auch allgemeine, in sozio-ökonomischen Umständen wurzelnde Gründe benennen (vgl. Pöttker, 2025b). Welche Gründe und Motive lassen sich für das Verdrängen von Karl Anders aus der Geschichte der FR annehmen?
Naheliegend ist, dass es sich dabei – ähnlich wie bei der Tendenz im Sportjournalismus, mehr über die Erfolge der Sportlerinnen und Sportler des eigenen Landes als über die anderer Nationen zu berichten – um die Erfüllung des mehr oder weniger bewussten Bedürfnisses nach Identifikation mit der eigenen Nation oder Gruppe, auch dem eigenen Medium handelt. Die Erinnerung an eine einmal auf den Sockel gehobene Identifikationsfigur wie Karl Gerold kommt diesem Bedürfnis entgegen, die Erinnerung an deren Konflikte mit einem Widersacher wie Karl Anders stört dabei. Stalin hat die Erinnerung an Trotzki zu löschen versucht, indem er dessen Namen aus Texten und sogar dessen Bildnis aus Fotos entfernen ließ. Für Stalin gefährdete die lebendige Erinnerung der russischen Bevölkerung an Trotzki deren Identifikation mit der Sowjetunion, womit auch seine eigene Machtposition als deren Identifikationsfigur auf dem Spiel stand. Ähnlich würde für die FR mit der lebendig gehaltenen Erinnerung an Karl Anders die Identifikation der Belegschaft und auch von manchen Lesern und Leserinnen mit dem »Säulenheiligen« Karl Gerold und damit ein Teil des Geschäfts auf dem Spiel stehen.
Das bewusste Fälschen von Informationen ist im Journalismus nicht das berufsethische Hauptproblem. Lügen haben kurze Beine, lassen sich meist zweifelsfrei aufdecken, nachweisen und anprangern. Davor scheuen Journalistinnen und Journalisten und Redaktionen zurück. Das Hauptproblem ist das Weglassen, wo kaum exakt definierbare, aber deutlich zu spürende, mit dem »öffentlichen Interesse« zusammenhängende Umstände ein Berichten, ein allgemeines Zugänglichmachen der Information erfordern würde. Denn das ist – auch weil das Weglassen, das (Ver-)Schweigen sich aus sich selbst heraus fortzeugt (vgl. Pöttker, 1999) – viel schwerer aufzufinden und zu kritisieren. Auch weil es sich notfalls mit dem Grundrecht auf Kommunikationsfreiheit rechtfertigen lässt, die das Recht auf ein Nicht-Kommunizieren einschließt, sind mit dem Verletzen der professionellen Pflicht zur Vollständigkeit oder Relevanz geringere Risiken verbunden als mit dem Verletzen von Richtigkeit. Nicht Lügenpresse, sondern Lückenpresse wäre der Begriff, den sowohl eine realistische Kritik am Journalismus von außen als auch eine realistische Selbstverständigung innerhalb des Berufs ernst nehmen müsste.
Das Weglassen von Informationen, an denen öffentliches Interesse besteht, als Verletzung der Sorgfaltspflicht zu betrachten, wie es der Presserat hier einmal getan hat, oder deutlicher als unrichtiges, falsches Berichten zu bewerten, wie es erkenntnistheoretisch als Ziel zu entwerfender Verfahrensregeln immerhin begründbar erscheint, verteidigt das Prinzip der Evidenz. Auf ihm als zentraler Entscheidungsgrundlage für das Publizieren beruht journalistische Qualität. Kritik am Weglassen relevanter Informationen verteidigt die Kultur der Aufklärung, die in Lebensalltag und Politik durch das Umsichgreifen von Online-Kommunikation auf digitalen Plattformen, von »Fake News« und künstlicher Intelligenz zunehmend bedroht wird (vgl. Pöttker, 2025c). Wenn es nicht mehr darum geht, ob öffentliche Mitteilungen stimmen, sondern nur noch darum, wie sie wirken und wem sie vermeintlich nützen oder schaden, wird der Journalismusberuf mit seiner Qualitätsprüfung von Information überflüssig. Es wäre auch das Ende einer auf Evidenz basierenden demokratischen Kultur, die trotz aller Unzulänglichkeiten die wichtigste Bedingung dafür ist, mit der Welt, wie sie nun einmal ist, einigermaßen zurechtzukommen und ihren Herausforderungen mit der Chance auf Erfolg zu begegnen.
Die Geschichtsmühlen bei der Frankfurter Rundschau haben 74 Jahre gebraucht, um sich wieder an den Mit-Gründer Emil Carlebach zu erinnern. 2031 wäre es danach so weit, dass diese Zeitung Wiedergutmachung an Karl Anders und seinen Nachkommen leistet. Aber das scheint ungewiss angesichts des Zerbröckelns der erst mit der Aufklärung aufgekommenen Kultur, in der es um die zutreffende Information und das bessere Argument geht. Wir haben uns angewöhnt, demokratiezersetzende Aktivitäten bei Leuten wie Donald Trump und anderen Rechtspopulisten und -extremisten zu verorten. Aber die Öffentlichkeitslücke Karl Anders zeigt, dass auch der linksliberale Journalismus, auf den die FR stolz ist, sich nicht frei davon fühlen darf.
Über die Autoren
Alf Mayer, Jahrgang 1952, lernte sein journalistisches Handwerkszeug bei der Augsburger Allgemeinen und war dann bis 1985 einer von zwei Redakteuren der vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) herausgegebenen Medienzeitschrift medium; er arbeitete mit Alexander Kluge und Edgar Reitz, gehörte zahlreichen Film- und Literatur-Jurys an, war Kulturredakteur der Deutschen Lufthansa, Textchef von Manufactum, CvD bei Horizont und bei der IG Metall, übersetzte sechs amerikanische Romane, rettete das heute regelmäßig preisgekrönte Kino CasaBlanca Arthouse in Bad Soden am Taunus und ist Herausgeber des Onlinemagazins CulturMag. Zum Fall Karl Anders bei der Frankfurter Rundschau hat er intensiv in diversen Archiven recherchiert und zahlreiche Gespräche geführt, auch mit Karl Anders selbst und dessen Tochter. Kontakt: culturmag@gmx.de
Horst Pöttker, Jahrgang 1944, promovierte 1978 an der Universität Basel mit einer Dissertation Zum demokratischen Niveau des Inhalts überregionaler westdeutscher Tageszeitungen, in der er bei der von Karl Gerold geleiteten Frankfurter Rundschau weniger ethnozentrische Tendenzen nachwies als bei Zeitungen des Axel-Springer-Verlags; von 1985 bis 1996 war er verantwortlicher Redakteur der Medienzeitschrift medium im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP); nach der Habilitation 1995 an der Universität Siegen wurde er 1996 als Professor für Theorie und Praxis des Journalismus an die Universität Dortmund berufen. Zu dieser Zeit schrieb er lokalhistorische Texte für den Bad Homburg-Teil der FR; 2018 gründete er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen die Online-Zeitschrift Journalistik / Journalism Research. Kontakt: horst.poettker@tu-dortmund.de
Literatur
Anders, Karl (1948). Im Nürnberger Irrgarten. Nest-Verlag.
Deutscher Presserat (2025, 11. Dezember). Sorgfaltswidrige Darstellung in der Unternehmenschronik eines Zeitungsverlags (Aktenzeichen 0968/25/1-BA). https://www.presserat.de/entscheidungen-finden-details/0968-25-1-ba-0.html
Göpfert, Claus-Jürgen (2025). Zeitung im Kampf. 80 Jahre Frankfurter Rundschau oder: Niedergang des linksliberalen Journalismus? VSA.
Karl Gerold (o. D.). In Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Gerold (24.06.2026)
Mayer, Alf (1989). Mit der Zeit. Politik und Kriminalliteratur. Karl Anders und seine »Krähen-Bücher«. Porträt eines Pioniers. In Martin Compart & Thomas Wörtche (Hrsg.), Jahrbuch der Kriminalliteratur 1989 (S. 113–144). Bastei-Lübbe.
Mayer, Alf (2000). Tausendfüssler. Vergessene Verlage (6): Nest-Verlag. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, 167(4/14), 21–24.
Mayer, Alf (2017, 15. März). Karl Anders – »Krähen-Meister«. Anarchist, Kommunist, Widerstandskämpfer, Sozialist… Ein Salut zum 20. Todestag. CulturMag. https://culturmag.de/crimemag/essay-alf-mayer-karl-anders-kraehen-meister/9963
Mayer, Alf (2025a, 8. September). Auch du, Brutus! Wie es zur Entsorgung von Karl Anders kam. 1. August 1957 – Der Tag, an dem sich die Frankfurter Rundschau eine historische Last aufbürdete. Warum der Widerstandskämpfer und Verleger Karl Anders von seinem Partner Karl Gerold bei der Frankfurter Rundschau entfernt wurde, dann über Jahrzehnte totgeschwiegen wird, und warum die Karl-Gerold-Stiftung eine Unabhängige Historikerkommission braucht. CulturMag. https://culturmag.de/allgemein/auch-du-brutus-wie-es-zur-entsorgung-von-karl-anders-kam/174768
Mayer, Alf (2025b, 1. Juli). Buch mit Leerstellen. Rohrkrepierer – Im eigenen Glashaus sollten die Fakten schon stimmen. CulturMag. https://culturmag.de/crimemag/buch-mit-leerstellen-80-jahre-frankfurter-rundschau/173435
Mayer, Alf (2025c, 1. Juli). Warum wird Karl Anders bei der FR totgeschwiegen? CulturMag. https://culturmag.de/crimemag/alf-mayer-warum-wird-karl-anders-bei-der-fr-totgeschwiegen/173163
Mayer, Alf (2025d, 1. Oktober). Der »starke Mann« war gar nicht mehr kreditwürdig. Warum der Widerstandskämpfer Karl Anders bei der »Frankfurter Rundschau« totgeschwiegen wird (Teil 7). CulturMag. https://culturmag.de/allgemein/der-starke-mann-war-gar-nicht-mehr-kreditwuerdig/174741
Mayer, Alf (2025, 1. Juli). Überblick »Karl Anders – biografischer Schnelldurchlauf«. CulturMag. https://culturmag.de/crimemag/biografischer-schnelldurchlauf-karl-anders/173603
Pflüger, Andreas (2021). Ritchie Girl. Suhrkamp.
Pöttker, Horst (1999). Initiative Nachrichtenaufklärung: Zwölf Thesen über das öffentliche (Ver-)Schweigen. In Peter Ludes, & Helmut Schanze (Hrsg.), Medienwissenschaften und Medienwertung (S. 161–169). Westdeutscher Verlag.
Pöttker, Horst (2013). Öffentlichkeit oder Moral? Über den inneren Widerspruch des journalistischen Berufsethos am Beispiel des deutschen Pressekodex. Publizistik, 58, 121–139.
Pöttker, Horst (2025a). Zukunftsperspektiven. Architekturjournalismus als Reservoir journalistischer Qualitäten. In Andreas Schümchen, & Patrycja Muc (Hrsg.), Architekturjournalismus. Über Bauen und Planen berichten (S. 183–204). transcript.
Pöttker, Horst (2025b). Geheim, verdrängt, unbekannt. Lücken von Öffentlichkeit: Worüber Medien gern schweigen – und warum sie das tun. In Carsten Brosda, & Daniel Müller (Hrsg.), Beruf zur Öffentlichkeit. Ausgewählte Schriften zu Theorie, Ethik, Geschichte und Perspektive des Journalismus (S. 378–408). Herbert von Halem.
Pöttker, Horst (2025c). Realität – Fiktionalität – Virtualität. Erkennbarkeit als journalistisches Problem aus historischer Sicht. In Carsten Brosda, & Daniel Müller (Hrsg.), Beruf zur Öffentlichkeit. Ausgewählte Schriften zu Theorie, Ethik, Geschichte und Perspektive des Journalismus (S. 345–354). Herbert von Halem.
Reifenrath, Roderich (Hrsg.) (1995). 50 Jahre Frankfurter Rundschau. 100 Titelseiten dokumentieren Zeitgeschichte.
Reifenrath, Roderich (2003). Die Blattmacher. Aus der Praxis der Journalisten. Nest-Verlag.
Reifenrath, Roderich (2015, 31. Juli). Karl Gerold legte das Fundament der FR. Frankfurter Rundschau. https://www.fr.de/ueber-uns/unabhaengig-aber-nicht-neutral-11151596.html
Rössler, Patrick (2007). Anders denken. Krähen-Krimis und Zeitprobleme: der Nest-Verlag von Karl Anders. Begleitpublikation zur Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstags von Karl Anders. Sutton.
Sering, Paul (1946). Jenseits des Kapitalismus. Ein Beitrag zur sozialistischen Neuorientierung. Nest-Verlag.
Storz, Wolfgang (2025, 1. August). Stürzt bei der FR auch noch der Säulenheilige? Bruchstücke. https://bruchstuecke.info/2025/08/01/stuerzt-bei-der-fr-auch-noch-der-saeulenheilige/
Valenta, Reinhard (2023, 12. August). Spektakuläre Flucht mit Fragezeichen. Südkurier. https://www.suedkurier.de/region/hochrhein/wehr/spektakulaere-flucht-mit-fragezeichen;art372624,11677619
Wir waren Antifaschisten. Ex-Chefredakteur Roderich Reifenrath über seine Erfahrungen mit Karl Gerold und den Journalismus der frühen Jahre. (2021). In Richard Meng, & Thomas Kaspar (Hrsg.), Haltung zählt: Anspruch und Geschichte der Frankfurter Rundschau (S. 45–53). Edition 7.
Fussnoten
1 Bei Empfängen oder gemeinsamen Auftritten mit Karl Gerold passierte es immer wieder, dass Karl Anders auf seine Vergangenheit angesprochen oder darauf Bezug genommen wurde. Etwa: »Ich habe Ihre Stimme im BBC-Radio gehört.«
2 Das Zitat ist eine Paraphrase aus Valenta (2023), siehe auch Kapitel 4. Gerold hatte seine Staatsangehörigkeit vermutlich behalten können, weil er eben nicht gehetzt hatte … Der Bannstrahl des am 14. Juli 1933 erlassenen Gesetzes über die Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit traf Anders ebenso wie all die anderen »Feindsender«-Stimmen; insgesamt 39.000 Deutsche erschienen während der Nazi-Zeit auf einer der im Reichsanzeiger veröffentlichten Ausbürgerungslisten. Auch alle prominenten Gegner des Nationalsozialismus, denen die Flucht ins Ausland gelang, fielen darunter – etwa Bertolt Brecht, Thomas Mann oder Hannah Arendt.
3 Siehe auch die Rede von Karl Anders auf seinen Freund »Rix«, die im Juli 2025 vom Magazin CulturMag digital zugänglich gemacht wurde (Zeitdokument von Karl Anders: Rede für Richard »Rix« Löwenthal, CulturMag, 1. Juli 2025.) https://culturmag.de/crimemag/karl-anders-rede-fuer-richard-rix-loewenthal/173441
4 Karl Gerolds Bannstrahl hatte vor Anders bereits einen anderen klaren Antifaschisten getroffen: den Kommunisten Emil Carlebach, dessen Platz im FR-Herausgeber-Gremium 1946 dann Gerold einnahm. Rundschau-Redakteuren war der Umgang mit Carlebach laut Feuilletonredakteur Wolfram Schütte während der Gerold-Zeit untersagt, nicht einmal auf Veranstaltungen von Carlebach sollte man als FR-Redakteur gehen. Es dauerte bis ins Jahr 2020, ehe die Frankfurter Rundschau im Sinne einer Wiedergutmachung über Carlebach berichtet hat. Göpfert (vgl. Göpfert, 2025, S. 12ff.), aber auch anderen Quellen zufolge, soll es Gerolds Bedingung beim Eintritt in die FR gewesen sein, dass der kommunistische Einfluss bei der Zeitung zurückgedrängt werden müsse. Er bot sich den Amerikanern umgangssprachlich als »Kommunistenfresser« an.
5 Die pdf-Version ist hier abrufbar: https://www.fr.de/content/fr/downloads/pdf/FR80.pdf
6 Vgl. die Rezension von Alf Mayer 2025b.
7 Die E-Mails liegen vor.
8 Die E-Mail vom 14.08. 2025 liegt vor.
9 Kürzlich hat der Bundesgerichtshof dazu eine wegweisende Entscheidung getroffen: Wer über eine Person ehrabschneidend berichtet und dabei bekannte entlastende Umstände bewusst verschweigt, handelt so, als hätte er die Unwahrheit gesagt – auch wenn jede der mitgeteilten Informationen für sich genommen stimmt (https://www.hoecker.eu/news/bundesgerichtshof-st%C3%A4rkt-pers%C3%B6nlichkeitsschutz-gegen-einseitige-berichterstattung-neue-spielregeln-f%C3%BCr-journalisten-recherchekollektive-und-wissenschaftler-h%C3%B6cker-erwirkt-grundsatzentscheidung-im-presserecht, 11.6.2026). Das Urteil trifft auf das Schweigen der FR über Karl Anders zwar genau genommen nicht zu, weil hier über die Person eben gar nicht berichtet wird. Aber es zeigt in die einschlägige Richtung, weil es das Weglassen von wichtigen Informationen für verwerflich erklärt und damit den Wert von Vollständigkeit als berufsethische Norm jenseits subjektiver Auswahlfreiheit betont.
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Zitationsvorschlag
Alf Mayer; Horst Pöttker: Der Fall Karl Anders und die Frankfurter Rundschau. Wie ein Verleger „vergessen“ wird. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 2, 2026, 9. Jg., S. 95-113. DOI: 10.1453/2569-152X-22026-16188-de
ISSN
2569-152X
DOI
https://doi.org/10.1453/2569-152X-22026-16188-de
Erste Online-Veröffentlichung
August 2026
