Buchjournalismus Lesenswerte Bücher von Journalist:innen

Von Martina Thiele und Boris Romahn

Wir, Martina Thiele (MT, Universität Tübingen) und Boris Romahn (Bro, Universität Salzburg) freuen uns, Ihnen auch in dieser Ausgabe eine vielfältige Auswahl lesenswerter Bücher von Journalist:innen empfehlen zu dürfen, die aktuelle wie historische Themen behandeln und sehr unterschiedliche Perspektiven auf Krieg und Frieden, Fakten und Fiktionen, Heimaten und Identitäten einnehmen.

Armin Thurnher (2026): Unsternstunden der Menschheit. Wie die Welt unerträglich wurde. Wien: Zsolnay, 303 Seiten, 27,- Euro.

Wenn »Sternstunden der Menschheit« Ereignisse meinen, die den weiteren Verlauf der Geschichte positiv beeinflussen, dann sind »Unsternstunden« Ereignisse mit negativen Folgen für uns alle. Ihnen widmet sich in Anlehnung an Stefan Zweigs (1881-1942) berühmte Sammlung historischer Miniaturen der österreichische Journalist Armin Thurnher. Der Mitbegründer und bis 2025 Chefredakteur der Wiener Wochenzeitung Falter beschreibt eine Welt im Krisenmodus. Autoritarismus, Medienmacht und Kriege bilden den Hintergrund seiner Analysen gesellschaftlicher Verrohung. Thurnher setzt im Jahr 1947 an, als auf Initiative des Ökonomen Friedrich August von Hayek das Konzept des Neoliberalismus bei einem Treffen in der Schweiz ausgearbeitet wurde, und er endet 2025 mit der zweiten Inauguration Donald Trumps. Dazwischen liegen 28 weitere Unsternstunden, die fast alle mit Männern der westlichen Hemisphäre zu tun haben, mit Unternehmern, Wissenschaftlern, Verlegern, Autoren und Politikern. Darunter etliche US-Amerikaner, so die Tech-Bros Steve Jobs, Peter Thiel, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos, einige Österreicher, Medienmacher wie Hans Dichand und Dietrich Mateschitz, oder Politiker wie Sebastian Kurz und Herbert Kickl. Auch Viktor Orbán und Vladimir Putin müssen erwähnt werden, wenn es um Unsternstunden und das Stiften von Unheil geht.

Was aber ist mit den Frauen? Immerhin eine kommt vor. Angela Merkels Entscheidung im Jahr 2015, mehrere Hunderttausend Flüchtlinge in Deutschland mit dem vielzitierten Satz »Wir schaffen das« aufzunehmen, hält Thurnher »ganz unzynisch« für eine Sternstunde der Menschheit, »und so sollte sie auch erinnert werden«. (S. 213) Doch folgt ein »aber«, denn die europäische Rechte habe dadurch jenen Treibstoff erhalten, der ihren Aufstieg befeuerte (S. 214). Damit greift Thurnher ein Narrativ auf, das die extreme Rechte selbst verbreitet: die Wahlerfolge gründeten auf ihren Vorschlägen, das »Migrationsproblem« zu lösen. Das ist so nicht richtig. Richtig ist allerdings, dass eine restriktive Migrationspolitik der regierenden Parteien Rassismus und das Erstarken des Rechtsextremismus nicht verhindert hat.

Der Autor weiß wohl, dass die Auffassungen darüber, was Sternstunden, was Unsternstunden der Menschheit sind, auseinandergehen. Seine Leser:innenschaft wird sich freilich weitgehend einig sein, woher das aktuelle Unheil rührt. Es ist der militärisch-industrielle Komplex, verquickt mit Medienmacht. Dagegen aufklärerisch, literarisch anspruchsvoll und unterhaltsam vorzugehen, ist Thurnhers Anspruch – weswegen er auch mit den Antworten nicht zufrieden sein kann, die ihm Chat-GPT auf seine Fragen nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 und Trumps Rolle dabei liefert. Zumal er den Prompt erweitert und erschwerend hinzufügt, kritisch, in Hexametern und im typischen Thurnher-Stil zu formulieren, dabei aber seine Urheberrechte nicht zu verletzen. Die Ergebnisse sind im Beitrag »2021: Als die Gänse zu schnattern vergaßen« nachzulesen (S. 253-259). Und die Leserin denkt sich: Gut, dass Thurnher, Jahrgang 1949, noch selber denkt und schreibt. (MT)

Clemens Marschall (2025): Wilde Wanda. Wiens einzige Zuhälterin: ein Leben zwischen Emanzipation, Exzess und Zerstörung. Wien: Brandstätter, 206 Seiten, 25,- Euro.

»Wenn man sich in Wien durch gewisse Kreise bewegt, verhält es sich mit der Wilden Wanda wie mit Falco. Erwähnt man den Namen, hat jeder mindestens eine persönliche Geschichte parat, die unwahrscheinlich klingt und für die der Botschafter – wenn schon nicht von Falco, so doch zumindest von Wanda – eventuell eine gefangen hätte.« (S. 179) Doch wer war diese legendäre Wilde Wanda? Clemens Marschall, promovierter Musikwissenschaftler, Autor, freier Journalist, tätig u. a. für Die Zeit, Wiener Zeitung und das öffentlich-rechtliche Kulturradio Ö1, schildert die Lebensgeschichte des, wie sie selbst stolz von sich sagte, einzigen weiblichen Zuhälters Wiens.

Dabei ist der Beruf der Wanda Gertrude Kuchwalek, die in den 1960er- und 1970er-Jahren als »die gefährlichste Dame von Wien« gilt (S. 4), mehr der Not als dem Wunsch geschuldet. Als Tochter einer Schlangentänzerin und eines russischen Besatzungssoldaten wächst sie im Nachkriegs-Wien in einem ausrangierten Zirkuswagen nahe dem Prater auf, der damals noch einem Trümmerfeld gleicht. Die Schulzeit, vier Jahre Volks-, vier Jahre Hauptschule, verbringt sie in der Wohnung der Oma in Wien-Floridsdorf, wo sie »schon von klein auf ihr tägliches Gläschen bekommen haben soll« (S. 14). Mit 14 gründet sie eine Bande mit drei 20-Jährigen, und der kriminelle Tiefflug beginnt: »Wir versorgen uns mit ein paar Flaschen Schnaps und ziehen los. Irgendwie kommt es zu einer wilden Prügelei, Blut fließt, wer war’s? Natürlich die Wanda.« (S. 15) Folge: Einen Monat Arrest auf Bewährung.

Rausch, Gewalt, Gefängnis sollten fortan Wandas Leben bestimmen. Diverse Einbruchsdelikte führen zur Einweisung in Heime für schwer erziehbare Mädchen. Die »Erziehungsmaßnahmen« in den damaligen Korrektionsanstalten sind institutionalisierte Gewalt mit verheerenden Folgen und setzen darauf, Menschen zu brechen. Wanda entdeckt in dieser Zeit ihre Liebe zu Frauen und ihre fehlenden Skrupel, das ihr zugefügte Leid an Leidensgenossinnen weiterzugeben. Im Heim fasst sie den Plan, den sie später in die Realität umsetzt: »Ich mache mir Frauen gefügig und lasse sie für mich arbeiten. Müssen denn Zuhälter immer Männer sein? Warum soll es nicht auch weibliche Zuhälter geben?« (S. 29)

Respekt im männlich geprägten Milieu verschafft sie sich mit exzessiver Gewalt. Wenn (zu) viel Alkohol im Spiel ist, kann schon eine Kleinigkeit den Gebrauch von Messern oder Schusswaffen auslösen. Opfer ihrer Gewalt sind auch die für sie arbeitenden Geliebten, denn in ihrem Habitus unterscheidet sich Wanda kaum von den männlichen Zuhältern: Ist eine der Prostituierten ihrer Auffassung nach nicht mehr loyal genug, schreckt sie nicht davor zurück, ihr das Gesicht mit Rasierklingen zu verunstalten. Ihren Ruf als Wilde Wanda verfestigt sie u. a. durch die mehr als 20 »Auftritte« vor Gericht, die sie zu einem Star der Boulevardpresse werden lassen. Diese Berichte über Sex and Crime sind im Buch abgedruckt. Über ihr Leben sagt die Wilde Wanda, die mit 57 Jahren stirbt: »Ich bereu es nicht. Aber ich möcht es nicht noch einmal erleben.« (S. 202)

Was dieses Buch so empfehlenswert macht: akribische Recherche in Archiven und im Milieu, unzählige Interviews mit Zeitzeug:innen, objektive Einordnung und: »Der Schmäh rennt.«[1] Es wird ein originales Wien gezeigt, das es so nicht mehr gibt, das aber gerade für die »Piefke(s)«[2] interessant ist. Das besondere Verdienst Clemens Marschalls besteht darin, dass er bei aller Unterhaltung, die eine Legendenerzählung ausmacht, dennoch nicht die bedrückenden gesellschaftlichen Bedingungen aus dem Blick verliert, die aus einer Wanda eine Wilde machten. (bro)

Katrin Eigendorf (2026): Erzählen, was ist. Berichten am Limit in einer Zeit der Kriege. Frankfurt/M.: S. Fischer, 255 Seiten, 25,- Euro.

Katrin Eigendorf hat für ihre Berichterstattung aus Kriegs- und Krisengebieten zahlreiche Preise erhalten. Sie zählt inzwischen zu den bekannteren Fernseh-Journalistinnen, und zu Recht wird ihre Arbeit gewürdigt. Über ihren beruflichen Werdegang und die verschiedenen Stationen ihres Berufsleben ist jedoch wenig bekannt. In Erzählen, was ist erfährt man darüber mehr.

So scheint Eigendorfs Weg in den Journalismus recht typisch für eine in den 1980er-Jahren erwachsen werdende Frau in West-Deutschland. Sie ist politisch interessiert und friedensbewegt, die erste in ihrer Familie, die studiert, und sie will hinaus in die weite Welt. Auslandskorrespondentin lautet der Berufswunsch, doch gerade in diesem Bereich sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Eigendorf studiert am Dortmunder Institut für Journalistik, schreibt für lokale und regionale Zeitungen, zieht für ein paar Jahre nach Frankreich und wagt dann trotz einer Festanstellung beim NDR den Wechsel nach Russland. Die frühen 1990er-Jahre in Moskau sind aufregend, es herrscht Aufbruchstimmung. Viele glauben, dass die Demokratie auf dem Siegeszug ist und weltweit eine Phase der Entspannung und des Wohlstands für alle einsetzen wird. Drei Jahrzehnte später ist von diesen Hoffnungen wenig geblieben.

Im Prolog zum Buch fasst Eigendorf die aktuelle weltpolitische Lage zusammen. Ihr erstes Kapitel gilt Afghanistan, wo das Leben insbesondere für Frauen und Mädchen extrem schwer geworden ist, nachdem die Taliban 2021 die Macht zurückerobert und die Allierten das Land verlassen haben. An die Bilder derjenigen, die verzweifelt versuchen, zum Flughafen in Kabul zu gelangen, erinnern wir uns. In zwei weiteren Kapiteln zeichnet Eigendorf, die immer wieder das Land bereist hat, die Entwicklungen seit 9/11 und der Operation »En­during Freedom« nach. Neben Afghanistan bildet der Nahe Osten einen Schwerpunkt ihrer Berichterstattung. Eigendorf schreibt über den Arabischen Frühling und Ägypten als »Land der Träumer«; die Situation in Israel und Palästina lässt ihr keine Ruhe. Auch Russland und der Ukraine widmet sie mehrere Kapitel und erhellt so die lange Vorgeschichte des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022.

Was Eigendorfs journalistische Arbeit – und ebenso das vorliegende Buch – besonders macht, ist ihr Zugang zu den Menschen. Sie beobachtet, hört zu, ordnet ein und erzählt die Geschichten derer, die unmittelbar von Krieg und Terror betroffen sind. Ihr Stil ist klar und unprätentiös, ihre Haltung von Humanismus geprägt. Sie betont, wie entscheidend die Kategorie Geschlecht ist – nicht nur in Gesellschaften wie der afghanischen, sondern auch in ihrem beruflichen Alltag als Auslandsberichterstatterin. Eigendorf reflektiert die Rolle, die Journalist:innen bei der Berichterstattung über Krieg und Terror einnehmen können und sollten, und sie wird konkret, wenn es um die Verantwortung geht, die Journalist:innen gegenüber ihren Gesprächspartner:innen und Mitarbeiter:innen vor Ort haben.

So ist das Buch eine Verteidigung seriösen, faktenbasierten Journalismus’ in Zeiten von Krisen und Kriegen und – damit einhergehend – in Zeiten von Propaganda und gezielter Desinformation. Eigendorf berichtet im abschließenden Kapitel »Wahrheit und Lüge« von persönlicher Diffamierung und der Diskreditierung ihrer Arbeit durch russische Stellen. Sie will sich dadurch nicht aufhalten lassen, zu erzählen, was ist. »Denn«, so die Autorin, »wer informiert ist, lässt sich nicht so leicht manipulieren.« (S. 253) (MT)

Peter R. Neumann, Richard C. Schneider (2025): Das Sterben der Demokratie. Der Plan der Rechtspopulisten – in Europa und den USA. Berlin: Rowohlt, 224 Seiten, 24,- Euro.

Richard C. Schneider, geboren 1957, ist vielfach ausgezeichneter Journalist, Buchautor und Filmemacher, Peter R. Neumann, Jahrgang 1974, Professor für Sicherheitsstudien am King’s College in London. »Stirbt die Demokratie?« fragen sie und stellen Befunde aus sechs Ländern (Ungarn, Italien, Niederlande, Frankreich, USA, Deutschland) vor, die nahelegen, dass (Rechts-)Popu­list:innen mittlerweile nicht nur eine illiberale Demokratie planen, sondern diese unterschiedlich schnell in die Tat umsetzen. Dabei geht es um drei Schritte. Schritt 1: Alle Institutionen, die zwischen dem Volk und den Machthabern stehen, systematisch zu schwächen und aus dem Weg zu räumen. Schizophrenie der Sache: Rechte setzen Demokratie gegen Demokratie ein, indem sie argumentieren, dass liberale Eliten in Justiz, Parlamenten, Medien, Zivilgesellschaft und internationalen Organisationen den Volkswillen verwässern oder verfälschen. »Echte Demokratie kann es aus ihrer Sicht nur dann geben, wenn die Eliten ausgeschaltet sind und eine mächtige Exekutive den ungefilterten Volkswillen umsetzt.« (S. 29) Schritt 2: Rechtspopulist:innen behaupten, dass nur sie diesen wahren Volkswillen repräsentieren können, andere politische Akteur:innen nicht legitimiert sind und es keinen Pluralismus braucht. Schritt 3: Rechtspopulismus läuft (zunächst) nicht auf eine vollständige Abschaffung der Demokratie hinaus, er schätzt »die Bestätigung in (mehr oder weniger) freien Wahlen« (S. 17). Das zentrale Problem liegt vielmehr darin: »Wenn Rechtspopulisten ihren Plan umsetzen, können sie leichter zu Faschisten werden, denn die Schwächung der Gewaltenteilung schafft eine Situation, in der es keine funktionierenden Mechanismen mehr gibt, die eine Änderung des Systems hin zu Autokratie, Kleptokratie oder gar zum Faschismus stoppen könnten.« (S. 17) Fatal sei, so die Autoren, dass weite Teile der Gesellschaft die subtile Erosion der liberalen Demokratie nur bedingt wahrnehmen, da diese Erosion von innen bei gleichzeitiger Beibehaltung demokratischer Institutionen und gewisser demokratischer Spielregeln verläuft.

Am Beispiel Ungarns unter Viktor Orbán, das sie als eine Art Vorbild für die Umsetzung des oben skizzierten Plans sehen, zeigen Neumann und Schneider, wie Angriffe auf Justiz und Medien, z. B. der Wegfall des Redaktionsgeheimnisses oder die Verteilung von Sendefrequenzen durch eine neue »Nationale Medien- und Kommunikationsbehörde« (S. 81), die Demokratie aushöhlen, während gleichzeitig gegen Muslim:innen und Migrant:innen gehetzt und die Legitimität der EU in Frage gestellt wird. Nach dem Wahlsieg Péter Magyars im April 2026 bleibt abzuwarten, ob und wie schnell eine Re-Demokratisierung Ungarns stattfinden kann.

Italien sehen die Autoren auf dem Weg zum Postfaschismus und finden Belege in den zwei Justizreformen, die u. a. vorsehen, dass angehende Kandidat:innen für ein Amt als Richter:in oder Staatsanwält:in sich staatlichen Psychotests unterziehen sollen, um ihre Eignung zu belegen. Am Beispiel der Erfolge von Geert Wilders in den Niederlanden kann erklärt werden, wie sich Nationalismus nicht allein auf Rasse oder Hautfarbe gründet, sondern auf das Narrativ einer Gesellschaft, die fest verankert sei »in der Kultur des christlich-jüdischen Abendlandes«, weshalb »fremde Elemente« (S. 119), vor allem Immigrant:innen und Muslim:innen, fernzuhalten wären. Die Wahlerfolge der rechtspopulistischen Partei Rassemblement National unter der Führung von Marine Le Pen belegen am Beispiel Frankreichs den Weg hin zur illiberalen Demokratie. 2024 kündigte die Partei an, im Falle eines Wahlsieges die öffentlich-rechtlichen Medien zu privatisieren und von »linken Einflüssen« (S. 155) zu befreien. Eine Drohung, die ironischerweise dadurch begünstigt wird, dass Emmanuel Macron bereits 2022 die Unabhängigkeit des »service public audiovisuel« beschnitten hat, weil die Sender seitdem über den Staatshaushalt und nicht mehr über Rundfunkgebühren finanziert werden.

Unter dem Motto »Ich, das Volk« (S. 163) analysieren die Autoren den Weg der USA unter Donald Trump hin zu einer Autokratie. Dass Trump bislang noch keine faschistische Machtübernahme gelungen sei, liege nur daran, dass ihn sowohl das System der Gewaltenteilung als auch die Mehrheit der eigenen Partei (noch) daran hindert. »Ob dies auch in seiner aktuellen Amtszeit der Fall sein wird, weiß niemand. Sowohl Partei und Verwaltung sind bereits gebrochen, und wie lange die Justiz seinen Angriffen noch standhalten kann, ist eine offene Frage.« (S. 177)

(Nachkriegs-)Deutschland sehen Schneider und Neumann als einen Nachzügler in Sachen rechtspopulistischer Bewegungen, erst 2017 zog mit der AfD eine rechtsideologische Partei in den Deutschen Bundestag ein. Anders als bei den vorherigen Länderberichten, bei denen Kriterien wie Umbau oder Umgehung von Judikative und Exekutive, Gängelung unabhängiger Medien und Themensetzungen wie Migration, Islam und Kritik an der EU zum Vergleich herangezogen wurden, konzentrieren sich die Autoren im Deutschland-Kapitel auf die »Hasserin« (S. 181) Alice Weidel, den »Autokraten« Maximilian Krah (S. 184) sowie den »Ultranationalisten« Björn Höcke (S. 187) und ihre jeweiligen Programme.

Anschließend auf nur zwei Seiten (S. 190-192) die Frage des AfD-Verbots klären zu wollen, ist zu knapp, etwas ausführlicher fallen am Ende die Ratschläge aus, den Rechtsruck zu stoppen: Erstens, politische Konflikte entschärfen und nicht die extreme Rhetorik oder die Forderungen der Rechtspopulisten übernehmen. Zweitens, Brandmauern strikt aufrechterhalten. »Wer das Sterben der Demokratie verhindern will, darf sich also nicht zum Steigbügelhalter machen – selbst wenn es bedeutet, dass komplizierte oder scheinbar unnatürliche Koalitionen für eine Weile zur Norm werden.« (S. 202) Drittens müssen »Rechtspopulisten viel konsequenter gestellt werden« (S. 202), indem ihre Sachpolitik, die z. B. Gering- und Mittelverdiener:innen schadet, hinterfragt wird. Viertens, in politische Bildung investieren. Viele Menschen seien so sehr an das Funktionieren von Staat und Demokratie gewöhnt, »dass sie sie weder ausreichend schätzen noch wirklich verstehen« (S. 203). Fünftens: »Liberale Demokraten müssen Verkrustungen im System aufbrechen und wieder für die liberale Demokratie kämpfen.« (S. 203) Dafür braucht es auch und vor allem andere und attraktivere Zukunftserzählungen als die »rechtspopulistische Dystopie eines Zurück in die Vergangenheit.« Der Versuch, eine Gegenstrategie zu entwickeln, ist anerkennenswert. Ebenso die Analyse zuvor, bei der Neumann und Schneider durch den Ländervergleich und ein systematisches Vorgehen zeigen, wie ähnlich der schleichende Abbau von Demokratie vonstatten geht und welche immense Rolle Medienbesitz und -finanzierung dabei spielen. (bro)

Konstantin Richter (2025): Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG. Berlin: Suhrkamp, 543 Seiten, 30,- Euro.

1909 schrieb Walter Rathenau in einem Aufsatz, »dass dreihundert Männer über die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents bestimmen« (S. 227). Eine Einschätzung, die zwei Jahrzehnte später Antisemiten bewusst falsch interpretieren, indem sie von dreihundert Juden sprechen. Konstantin Richter, geboren 1971, Autor mehrerer Bücher (u. a. Die Kanzlerin. Eine Fiktion) und Wirtschaftsjournalist (u. a. tätig für The Wall Street Journal, The Guardian, The New York Times, Die Zeit) zeichnet auf 543 Seiten den Aufstieg und Fall der Deutschland AG nach, jener geschlossen Gesellschaft, die der englische Ökonom Andrew Shonfield als »organised private enterprise« bezeichnet hat, » als eine geschlossene Gesellschaft privatwirtschaftlicher Akteure – Banken, Industrie und Verbände –, die in wechselseitiger Beeinflussung einen Konsens über die industrielle Ausrichtung finden und entsprechend handeln« (S. 399). Diese Deutschland AG ist aber »mehr als ein Beteiligungsnetzwerk« (S. 399), sie ist »eine Haltung, eine Kultur und Denkweise« (S. 399), die auch davon lebt, dass man Macht hat, diese nutzt, aber außerhalb des Netzwerks nicht über sie spricht.

Richter unterteilt sein Werk in drei Bücher neben Prolog und Epilog. Im Ersten Buch arbeitet er sich durch die Gründerjahre der deutschen Industrie (1870-1914), geprägt von genialen Erfindern und Konstrukteuren, die persönliche Beziehungen untereinander und zu den Bankiers entwickelten, um ihre Produkte industriell fertigen und vermarkten zu können. Unterteilt in gut lesbare Episoden, die jede für sich nicht mehr als drei Seiten ausmachen, widmet er sich den Gründervätern der deutschen Wirtschaft und kann deutlich machen, dass es seit jeher eine Verflechtung der Unternehmer selbst und zwischen Geld und Industrie gibt: kein Zufall etwa, dass einer der beiden Gründungsdirektoren der Deutschen Bank Georg Siemens hieß, während Werner und Carl Siemens das gleichnamige Unternehmen leiteten. Oder dass ein gewisser Nicolaus August Otto, Erfinder des Otto-Motors, nicht nur zeitgleich mit Gottlieb Daimler für die Gasmotorenfabrik Deutz in Köln arbeitete, sondern mit ihm auch ein Doppelhaus gegenüber dem Firmengelände teilte. Beide konnten einander nicht ausstehen und wurden selbst bei der Gemüseernte im hauseigenen Garten zu erbitterten Konkurrenten.

Im Zweiten Buch analysiert der Autor die Zeitspanne 1914-1945, in der deutsche Industrielle zu skrupellosen Kriegslieferanten wurden, die, sofern es dem eigenen Profit diente, auch Barbarbei und Diktatur unterstützten. »Nicht Sadismus war es, der sie zu Mitwissern und Täter machte, sondern ein völlig amoralisches Effizienzstreben, das Anliegen, den eigenen Betrieb in einer zunehmend katastrophalen Situation zu erhalten und sich größtmögliche Vorteile zu verschaffen.« (S. 326) So wird die Gesamtzahl der während des Zweiten Weltkriegs beschäftigten Zwangsarbeiter:innen »auf über zwanzig Millionen geschätzt« (S. 345) und KZ-Außenstellen befanden sich typischerweise in direkter Nachbarschaft kriegswichtiger Fabriken. »Ob BMW, Krupp oder Continental – kaum ein Großbetrieb, der nicht in irgendeiner Form von Arbeitssklaven profitierte und dabei das Massensterben bereitwillig in Kauf nahm.« (S. 345)

Das Dritte Buch beschäftigt sich mit der Rolle der Deutschland AG in den Jahren 1945-2000. Konstantin Richter knüpft daran an, dass der Erfolgspfad der deutschen Wirtschaft seit der Kaiserzeit durch die Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkriegs nur unterbrochen worden sei, so dass man nach Kriegsende rasch auf diesen habe zurückkehren können. »Dabei half, dass sich Westdeutschland rasch in die liberale Wirtschaftsordnung des Westens integrierte, in eine stabile Organisationsstruktur mit festen Wechselkursen und internationalen Handelsabkommen, die der leistungsfähigen Volkswirtschaft erlaubte, ihr erhalten gebliebenes Produktionspotenzial voll auszuschöpfen.« (S. 377) Neu ist aber, dass sich die einstigen, namensgebenden Unternehmerfamilien stärker aus dem operationalen Geschäft zurückziehen und sich Manager suchen, z. B. Beitz, von Kuenheim, Herrhausen, Reuter. Seit den 1970er-Jahren ist die Finanzialisierung zu spüren, der Einfluss der internationalen Kapitalmärkte wächst, womit die deutsche Wirtschaft in den Fokus eines neuen Investorentypus rückt, der weniger am Fortbestand der Unternehmen als am kurzfristigen Erreichen von Profitzielen interessiert ist. Folge: Das Profil des deutschen Großkonzerns ist »unscharf« geworden. »Manche Firmen existieren nicht mehr, andere sind Fusionen eingegangen. Oder sie haben derart viele Geschäftsfelder abgestoßen und dazugekauft, dass sie kaum wiederzuerkennen sind.« (S. 527) Und auch die Führungsebene der Unternehmen hat sich gewandelt. Es gibt nicht mehr die Krupps und Daimlers der Kaiserzeit, sondern wechselnde Manager, deren persönliche Verbundenheit mit dem Unternehmen endlich scheint.

Richter gießt sein Fazit am Ende des Buches in zwei Fragen: »Sind die berühmten Namen mit ihrer langen Tradition und der teils schrecklichen Geschichte überhaupt noch wichtig? Wäre es nicht sogar befreiend zu sagen: Das alles ist uns gleichgültig und, wenn es nicht mehr gedeiht, aus und vorbei?« (S. 530) Das ist für Leser:innen nach 530 Seiten Wirtschaftshistorie freilich nicht befriedigend. Stärke und Schwäche zugleich mag sein, dass aus Wirtschaftsgeschichte eher Wirtschaftsgeschichten geworden sind. Und was Richter angesichts dessen, wie amerikanische Zeitungen 1921 über den deutschen Rockefeller Stinnes berichteten, konstatiert, gilt auch für Richters Buch selbst: »Der exponierte Unternehmer erfüllt das journalistische Bedürfnis nach einem Wirtschaftsführer, über den sich gut schreiben lässt.« (S. 227) Zudem bleiben am Ende viele Fragen offen: Warum wurde nur über die Westdeutschland-AG geschrieben? Wo sind Frauen wie Bertha Krupp, Friede Springer oder Susanne Klatten? Und: Warum wagt der Autor am Ende des Buches nicht noch den Blick über den nationalen Tellerrand? Schließlich liegt weiterhin die Macht in den Händen einiger weniger, nun aber sind es nicht die 300 Männer der Deutschland AG, sondern Tech Bros wie Peter Thiel, Mark Zuckerberg oder Elon Musk und ihre exklusiven Netzwerke. (bro)

Susanne Götze, Annika Joeres (2025): Die Milliarden-Lobby. Wer uns von Öl und Gas abhängig macht. München: Piper, 288 Seiten, 22,- Euro.

Die Hauptaufgabe von Lobbyist:innen besteht darin, die Interessen ihrer Auftraggeber:innen so zu vertreten, dass sie gesellschaftlich mehrheitsfähig sind. Der Begriff »Lobby« kommt in dem Buch Die Milliarden-Lobby der Investigativ-Journalistinnen Susanne Götze und Annika Joeres häufig vor. Die Rede ist von der Öl- und Gas-Lobby, der Auto-Lobby, der Anti-Elektroauto-Lobby, der E-Fuel-Lobby, der Landwirtschaftslobby u.v.m. Die Botschaft, die die Autorinnen übermitteln wollen, lautet: Die Gewinne derjenigen, die vom Verkauf fossiler Energien profitieren, sind zu hoch als dass sie sich dieses Milliarden-Geschäft entgehen lassen wollten. Die katastrophalen Folgen der Ausbeutung fossiler Energien werden jedoch mehrheitlich verdrängt oder gelangen gar nicht erst ins Bewusstsein, da andere Botschaften leichter konsumierbar sind. Etwa, dass »wir« »unsere« Wirtschaft nicht am Laufen halten können ohne Kohle, Gas und Öl, oder dass das Verbrenner-Aus schwerwiegende Folgen für die private Mobilität und die deutsche Automobilwirtschaft haben wird und deswegen ein »Aus vom Verbrenner-Aus« der einzig richtige Weg sei, ebenso wie der »Kampf gegen Habecks Heizungsgesetz«. Verbreitet werden diese Botschaften von den Lobbyist:innen und den ihnen nahestehenden Medien.

Götze und Joeres positionieren sich eindeutig gegen diese Art von Lobbyismus und Meinungsmache. Die Milliarden-Lobby versammelt wie schon zuvor ihr Buch Die Klimaschmutzlobby (2020) starke Argumente gegen die weitere Ausbeutung fossiler Energien. Und diese Argumente haben nach dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, dem aktuellen Krieg der USA gegen den Iran sowie den Plänen, die Trump in Hinblick auf Venezuela oder Grönland hegt, noch einmal mehr Gewicht erhalten. Die Autor:innen warnen vor den Abhängigkeiten, in denen sich Staaten befinden, die weiter auf fossile Energien setzen, vor den Folgen des Klimawandels und vor der wachsenden Kriegsgefahr.

Ihr Buch widmet sich nach einer Einleitung in Teil 1 den »Bremsern«, jenen, die Gesetze wie das Gebäudeenergiegesetz oder das Verbrenner-Aus rückgängig machen wollen, die weiter auf Öl und Gas setzen, Fracking und LNG-Terminals fördern, sich für den »Wiedereinstieg in die Atomenergie« stark machen und die ihren täglichen Fleischkonsum via Social Media zelebrieren. Diese »Bremser« sind eng verbandelt mit den in Teil 2 kritisierten »Gedankenmanipulierern«: rechtspopulistischen Parteien wie die AfD, Thinktanks, die marktradikale Ideen als »Lösung« anbieten, und auch Wissenschaftler:innen, die Auftragsstudien liefern, wenn denn das Honorar stimmt und die an der Einwerbung sogenannter Drittmittel interessierte Uni-Leitung nichts dagegen hat. So sind einige »Scheinlösungen« im Angebot, denen sich die Autorinnen im dritten Teil ihres Buches widmen: Wasserstoff, Mini-AKW, LNG-Terminals u.v.a.m. – jedenfalls »Technologieoffenheit«.

Wie so viele Journalist:innen, die derzeit ihre notwendige Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen äußern, wollen aber auch Götze und Joeres konstruktiv sein, weswegen sie im »Ausblick« ihres Buches »fünf Schritte zur Unabhängigkeit« beschreiben: »1. Heizen mit erneuerbarer Energie, 2. Mobil sein ohne Öl, 3. So geht Landwirtschaft ohne fossilen Dünger, Öl und Gas, 4. Ökostrom statt Erdgas und Kohle, 5. Industriestandort ja – aber autark.« Und für jeden einzelnen der fünf Schritte deklinieren sie durch: »1. So kann Deutschland unabhängiger werden, 2. Das muss die Politik lösen, 3. Das kann jeder Einzelne tun, 4. Neue Abhängigkeiten verhindern.« Das ist ehrlich gesagt – toll! Denn dieser Ausblick ist eine komprimierte Handlungsanleitung und das gesamte Buch eine nützliche Argumentationshilfe, auf die sich im Gespräch mit Verwandten und Bekannten zurückgreifen lässt. (MT)

Angelique Geray (2026): Undercover unter Nazis. Als Frau im Herz der rechtsextremen Szene. Hamburg: Hoffmann und Campe, 256 Seiten, 18 Euro.

»Es ist der 21. Mai 2025. Frühmorgens, gegen sechs Uhr, stürmen rund 220 Ermittler in mehreren Bundesländern Wohnungen, Garagen und Gärten. Insgesamt dreizehn Objekte.« Dass Polizei und Staatsschutz gegen rechtsextreme Gruppierungen vorgehen, ist anonymen Hinweisen zu verdanken. Sie stammen von einem Rechercheteam um die Investigativjournalistin Angelique Geray. Sie hat über Jahre als Isabell in der rechtsextremen Szene Informationen gesammelt und bietet erschreckende Einblicke in die sich radikalisierende Szene, die offenbar gerade auch für sehr junge Erwachsene attraktiv ist.

Ihren »Einstieg« hat Angelique/Isabell sorgfältig geplant. Social Media spielen dabei eine entscheidende Rolle. Hier postet sie auf den ersten Blick Unverfängliches, jedoch zu den Themen und mit den Codes, die Anschlussfähigkeit an rechtsextreme Positionen signalisieren. Sie erhält Freundschaftsanfragen und Einladungen zu Gemeinschaftsabenden, Konzerten, später Demos und Schulungen. Aus den Online-Kontakten werden echte Bekanntschaften, auch nutzt Isabell rechte Dating-Plattformen und lernt Männer kennen, die klare Vorstellungen davon haben, wie eine »deutsche Frau« auszusehen hat und worin ihr Beitrag zur »nationalen Erhebung« besteht.

Die Gefahren, in die sich die Journalistin begibt, sind immens. Doch sie ist vorsichtig und weiß Menschen in ihrem privaten wie beruflichen Umfeld hinter sich, die sie und ihre Arbeit beschützen. Als Leserin zittert man dennoch mit und fragt sich, wie sie da je wieder herauskommen und weiter journalistisch arbeiten will? Was macht ein jahrelanges Doppelleben mit einer Journalistin? Nach den Durchsuchungsaktionen im Mai 2025, weiß Geray, sie ist nun »Keine Kameradin mehr«. So lautet die Überschrift des letzten Kapitels. Der Untertitel ist ebenfalls ein Zitat – und eine Drohung: »Findet die Alte. Findet alles.«

Angelique Geray weiß nach den Polizei-Razzien am 21. Mai 2025: »Isabell ist ab heute Geschichte.« Und sie weiß auch, dass verdeckte Ermittlungen und investigativer Journalismus deutlich schwieriger geworden sind: »Anonymität ist im digitalen Zeitalter ein Auslaufmodell; Gesichtserkennung, durchsuchbare Netzwerke und digitale Spuren machen es fast unmöglich, eine verdeckte Recherche bis zum Schluss unsichtbar durchzuziehen. Dass mein Name und mein Gesicht am Ende öffentlich wurden, war aber kein Unfall, sondern eine bewusste Entscheidung.« In verschiedenen Reportage-Formaten für den Sender RTL und das Magazin stern hat Geray über die rechtsextremen Netzwerke und Rekrutierungserfolge berichtet. Sie ist sogar als Journalistin wieder zu einem Aufmarsch der Rechtsextremen gegangen, und sie hofft, wenigstens einigen in den Rechtsextremismus abgleitenden jungen Menschen Ausstiegsoptionen eröffnet zu haben.

Gerays Recherchen zeigen die gute Vernetzung – auch international – der extremen Rechten und wie radikalisiert bereits junge Mitglieder, etwa der Terrorzelle »Letzte Verteidigungswelle«, sind. Sie beschreibt, wie rechtsextreme Gruppen funktionieren, wie sie Mitglieder anwerben und welche Rolle soziale Medien für ihre Vernetzung spielen. Dabei zeigt sie, dass hinter der martialischen Selbstdarstellung häufig tiefe Unsicherheit und ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit stehen. Besonders beklemmend sind jene Passagen, in denen deutlich wird, wie ›normal‹ rassistische und demokratiefeindliche Positionen inzwischen geworden sind.

Günter Wallraff und viele andere Investigativjournalist:innen haben sich bei Angelique Geray für ihre mutige Arbeit bedankt. Wallraff in einem Vorwort zum Buch, in dem er betont, wie wichtig dieser journalistische »Blick von innen« sei für eine umfassende Einschätzung des gegenwärtigen Rechtsextremismus. Eine solche Einschätzung bleibt sonst allein V-Leuten (= verdeckten Ermittler:innen/undercover investigators) überlassen. (MT)

Thomas Muggenthaler (2025): Mit dem Leben davongekommen – Exil und Neuanfang. Bayerisch-jüdische Lebenswege. München: Volk Verlag, 280 Seiten, 24,90 Euro.

Diejenigen, die verfolgt, deportiert und ermordet wurden, können nicht darüber berichten, was ihnen widerfahren ist. Das können nur die wenigen, die überlebt haben und die auf Menschen stoßen, die sich für ihr Schicksal interessieren. Der Autor Thomas Muggenthaler ist jemand, der zuhört, aufschreibt und so den Überlebenden eine Stimme gibt. 40 Menschen erzählen, wie sie »mit dem Leben davongekommen sind«, wie sie die NS-Zeit erlebt und überlebt haben, was Exil bedeutet und wie sie nach Kriegsende und mit dem Wissen über den Massenmord versucht haben weiterzuleben. Die 40 Personen verbindet neben ihrem Jüdisch-Sein ihre Herkunft: Sie alle haben einige Jahre ihres Lebens in Bayern verbracht, viele sind dort geboren und mussten dann ihre Heimat verlassen, manche haben nach der Befreiung dort gelebt, so z. B. die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger, die, nachdem sie den Holocaust knapp überlebt hat, in Straubing landet und später in Regensburg studiert.

Die Struktur des Buches ergibt sich aus den Orten, in denen die Überlebenden eine neue Heimat gefunden haben. Das sind vor allem Israel, die USA und Argentinien, hinzu kommen viele weitere Länder, die zwischenzeitlich zur neuen Heimat wurden. Und manche Überlebende kommen gar ins Land der Täter zurück. Sie sagen wie Erich Spitz, Kaufmann und Vorsteher der Straubinger Synagoge: »Bayern ist Bayern, ich bin hier zuhause.«

Die Porträts beruhen auf Interviews, die schon vor Jahren geführt worden sind. Private Fotos, die die Porträtierten in jungen Jahren und mit ihren Eltern und Verwandten zeigen, führen vor Augen, welche Verluste die Überlebenden verkraften mussten. Die meisten von ihnen haben nicht nur ihre Heimat verloren, sondern einen Großteil ihrer Familie und Freund:innen. Dass immerhin 40 Personen zu Wort kamen und ihre Geschichten erzählen konnten, ist gut und wichtig, doch wünscht man sich nach jedem Bericht, mehr zu erfahren, nachfragen zu können und nicht nur auf vier bis fünf Seiten einige Informationen und Aussagen zu erhalten. Jede einzelne Person hätte ein eigenes Buch verdient, manche, wie Ruth Klüger, haben nach vielen Jahren und vielen Büchern über andere Autor:innen tatsächlich ihre eigene Geschichte erzählt und das schwierige weiter leben (1992) thematisiert.

Die Überlebensgeschichten dieser 40 Menschen lesen zu können, verdanken wir in erster Linie dem Journalisten Thomas Muggenthaler, der nach einer Radiosendung mit dem Titel »Das ist nicht mehr meine Heimat« beschloss, die Porträts auch in schriftlicher Form zu publizieren. Unterstützung erhielt er dabei von verschiedenen Stiftungen, Archiven und einzelnen Personen – was zeigt: Erinnern ist höchst individuell, doch die Möglichkeit des kollektiven Erinnern muss gemeinschaftlich geschaffen werden. (MT)

Caro Matzko (2025): Alte Wut. Warum ich an den Ort reiste, von dem mein Vater einst fliehen musste. München: Piper, 224 Seiten, 24,- Euro.

Caro, eigentlich Carolin, Matzko, Jahrgang 1979, Autorin, Journalistin und einem breiteren Publikum als Co-Moderatorin der BR-Kultsendung Ringlstetter bekannt, hat ein »therapeutisches Roadmovie« in Buchform vorgelegt. Sie reist in umgekehrter Route an die Orte, die ihr Vater als Zehnjähriger auf der Flucht vor der Roten Armee passierte. Die Tour führt sie zurück in die Vergangenheit ihres Vaters, der als Kind seine Heimat verloren und Schreckliches gesehen hat, über die traumatischen Erfahrungen aber nicht spricht. Wut und Hass bestimmen sein Leben, Wut auf die Regierung, Hass auf Ausländer, Verachtung für Schwäche und Durchschnittlichkeit. Er war Mitglied verschiedener rechtsextremer Parteien, die er aber immer nur so lange unterstützte, wie sie die Rückgabe der ehemaligen Ostgebiete vehement genug einforderten. Derzeit ist er Mitglied der AfD.

Was macht das mit der Familie und der Tochter, wenn der Vater statt »Wie geht’s?« »Wie ist die Lage?« fragt, sich mit lautem »Knallo« am Telefon meldet, weil ihm ein »Hallo« als zu amerikanisch gilt, das Gespräch stets mit »Gute Nacht, Deutschland« beendet, nur Landkarten akzeptiert, die Deutschland in den Grenzen von 1934 abbilden, die Tochter mit dem Kosenamen »meine prussische Panzerkette« versieht und jeder und jedem seine extremen politischen Ansichten mitteilt, wonach die Regierung und die in Brüssel »alle Verbrecher« seien? Caro Matzko machte es lange Zeit hilflos und wütend zugleich. Die Rebellion beginnt in der Schulzeit mit Magersucht bis hin zur Behandlung in geschlossenen Stationen, es folgen Depressionen, Angstzustände und Burnout. An alldem meint sie selbst schuld zu sein und spürt zugleich eine unbändige Wut. Woher sie rührt, weiß sie nicht, ahnt aber, dass es mit ihrem Vater und den vielen offenen Fragen in seiner Biografie zu tun haben könnte. Mit Mann, Tochter und Hund macht sie sich auf die Reise an jene Orte, die die Flucht des Jungen markieren, der mit Segelohren und kurzer Hose stolz seinen Hund Harras präsentiert – eines der wenigen geretteten Fotos ihres Vaters Ekkehard, das nun auf dem Cover des Buches abgebildet ist. Es geht von Ulm nach Weißenfels an der Saale. Hier fand der Vater mit Mutter und Schwester auf der Flucht vor der Roten Armee Obdach bei einer Tante. Als er und andere Kinder mit Waffen und Munition spielen, die noch massenhaft herumliegen, erleidet er eine Gesichts- und Augenverletzung. Beim Kanufahren auf der Saale entdeckt er mit einem Spielkameraden ein totes Baby, das sich mit der Nabelschnur an einem Steg verfangen hat. »Was habt ihr mit dem Fötus gemacht?«, will Caro von ihrem Vater wissen (S. 50). »Losgebunden und weiter in der Saale treiben lassen«, so die Antwort. »Weißt du, wir waren völlig verroht von all dem, was wir erlebt haben.« (S. 51) In Weißenfels macht Ekkehard 1953 Abitur, gewinnt mit einem selbst gebautem Rennrad ein wichtiges Rennen und wird von Kader-Verantwortlichen für das neue DDR-Nationalteam angeworben. Ekkehard lehnt ab. »Für Deutschland wäre er angetreten, aber nicht für die DDR.« (S. 54) Eine Entscheidung, die zur Folge hat, dass Ekkehard Matzko trotz sehr gutem Abitur und Praktikum im Weißenfelser Krankenhaus keinen Studienplatz für Medizin erhält. Mangelndes sozialistisches Bewusstsein, so die offizielle Begründung. Er beschließt, sein Glück im Westen zu suchen, und landet 1954 in Ulm.

Caro Matzkos Reise geht weiter nach Elbing (Polen), wo ihr Vater mit seiner Familie als Teil eines großen Flüchtlingstrecks im Januar 1945 von der Roten Armee eingeholt wurde. Sie trifft Mitglieder des deutschen Freundeskreises, die ihr jene Orte zeigen, die ihr Vater nur lückenhaft beschrieben hat. Ekkehard überlebte den Angriff von Tieffliegern auf die Flüchtenden, weil ihn die Druckwelle einer Explosion unter einen Konzertflügel schleuderte, der die Geschosssplitter abhielt. Auch entkommt er nur knapp einem Erschießungskommando. Sein Leben verdankt er einem vorbeifahrenden russischen General, der den Soldaten zuruft, dass Kinder deutscher Offiziere nicht getötet werden dürfen.

Die Spuren der Geschichte sind kaum noch erkennbar. Wo damals Gräueltaten stattfanden, ist heute ein Autobahnzubringer mit McDonalds-Filiale. In Ostrada am Drewenzsee, wo Caros Großvater einst das Hotel Bismarckturm betrieb, endet die Reise. Vom imposanten Hotelgebäude mit Seeterrasse ist nur mehr der Turm übrig. Dafür befinden sich nun auf der anderen Seeseite das Spaßbad Aquapark Ostrada und das moderne Lake Hill Mazury Resort, ein luxuriöses Hotel, in das Caro mit Familie absteigt. Und wo sie, Ironie der Geschichte, entdecken muss, dass »in diesem modernen Familyresort der Jetzt-Zeit … der Ort meiner Familyhistory verewigt« (S. 140) ist. Die Wand des Hoteltreppenhauses ist mit einer übergroßen Fototapete beklebt, die eine historische Schwarz-Weiß-Aufnahme des Bismarckturms und des Hotels ihrer Großeltern abbildet. »Der Ort, an dem mein Vater seine einzigen unbeschwerten ersten Lebensjahre verbracht hat und nach dem er sich seit nunmehr neunundsiebzig Jahren sehnt. Es ist genau das Bild, mit dem ich aufgewachsen bin, weil er es mir immer wieder gezeigt hat, das Bild, an dem er sich all die Jahrzehnte festgehalten hat.« (S. 140) Als Caro Matzko ihren Vater über die Entdeckung informiert, besteht er darauf, dass sie die Fototapete mit einem »In memoriam Fritz Matzko« signiert, was sie auch tut. Dem Vater bringt sie einen Beutel Erde vom einstigen Standort des elterlichen Hotels und einen Stein aus den Ruinen des Gebäudes mit nach Hause.

Alte Wut ist ein sensibles Buch über familiäre Prägung und Erinnerung sowie den häufig scheiternden Versuch der Verständigung. Auf die historischen Ursachen von Flucht und Vertreibung – Nationalismus, Rassismus und Krieg – geht die Autorin nur am Rande ein. Die Gegenwart eines reaktionären, alten Mannes mit seinen Sprüchen und Macken ist umso präsenter. Matzko schildert, wie traumatische Erfahrungen über Generationen nachwirken und wie schwer es ist, sie in Sprache zu fassen. Die Suche nach den Spuren des Vaters wird zugleich zu einer Suche nach der eigenen Identität. Matzko beschreibt ihre Unsicherheiten, ihre Erwartungen und die emotionale Belastung der Reise. Gleichzeitig ist da ein leichter, humorvoller Ton, der das Ringen um Nähe und Distanz begleitet. Sie hält fest: Sein Blick auf die Welt sei ein völlig anderer als ihrer, aber sie lasse sich ihren Vater nicht nehmen, »auch wenn ich seine Parteizugehörigkeit niemals akzeptieren werde. Er hat mir Haferbrei und Eier gekocht am Morgen. Hat mir eine Studienzeit finanziert und meine Umzugskisten von A nach B gefahren. Grauzonen und Widersprüche muss man aushalten können. So ist Demokratie – mühsam, aber alternativlos.« (S. 204) (bro)

George Orwell (2026): Zeilen der Zeit. Kolumnen aus einem Jahrhundert im Umbruch. Ausgewählt und aus dem Englischen übersetzt von Lutz-W. Wolff. Ditzungen: Reclam, 265 Seiten, 25,- Euro.

Den britischen Schriftsteller George Orwell (1903–1950) kennen die meisten als Verfasser der politischen Fabel Animal Farm und des dystopischen Romans Nineteen Eighty-Four. Der Journalist George Orwell ist weit weniger bekannt. Über seine journalistische Arbeit mehr zu erfahren, ermöglicht uns das schön gestaltete, bei Reclam erschienene Buch Zeilen der Zeit. Es versammelt Kolumnen, die Orwell zwischen 1943 und 1948 unter dem Titel As I Please [Wie es mir gefällt] für die Tribune, einem linken Wochenblatt, geschrieben hat. Dem Übersetzer, Lektor und Publizisten Lutz W. Wolff, der u. a. für die BBC tätig war, ist es zu verdanken, dass wir den linken Freidenker George Orwell besser kennenlernen dürfen, zudem den Spanien-Kämpfer Orwell, ebenfalls BBC-Mitarbeiter (von 1941 bis 1943; er kündigt, »um nicht länger Zeit und öffentliches Geld mit einer Arbeit zu verschwenden, die zu nichts führt«, S. 251), den Rosenkenner und Erklärer dessen, was Jürgen Habermas mit deliberativer Öffentlichkeit gemeint hat.

Orwell notiert in einer Kolumne vom 7. Dezember 1945 über den Hyde Park und Speakers’ Corner: »Der entscheidende Punkt ist, dass die relative Freiheit, die wir genießen, sich auf die öffentliche Meinung stützt. Das Gesetz ist kein Schutz. Regierungen machen Gesetze, aber ob sie durchgesetzt werden und wie die Polizei sich benimmt, hängt von der allgemeinen Stimmung im Land ab. Wenn die große Masse an der Redefreiheit interessiert ist, dann gibt es Redefreiheit, auch wenn es Gesetze dagegen gibt; wenn die öffentliche Meinung träge ist, werden lästige Minderheiten verfolgt, auch wenn es Gesetze zu ihrem Schutz gibt.« (S. 130)

Animal Farm und Nineteen Eighty-Four entstanden zur gleichen Zeit wie die Kolumnen für die Tribune. Was der Journalist Orwell unter As I Please pointiert darbietet, arbeitet er in den literarischen Werken aus. Sein gesamtes Werk ist eine Kritik der politischen Zustände der 1930er- und 1940er-Jahre, die erschreckenderweise den gegenwärtigen so unähnlich nicht sind. Wir können uns erstens bei dem Journalisten und Schriftsteller George Orwell dafür bedanken, dass er seine Kritik totalitären Denkens und Sprechens so verfasst hat, dass sie bis heute erhellend wirkt, und zweitens bei dem großartigen Literaturkenner und Übersetzer Lutz W. Wolff dafür, dass er uns mit ausreichend Hintergrundinformationen über Leben und Werk des viel zu früh Verstorbenen versorgt und zu verdeutlichen vermag, dass Klassiker-Texte auf Menschlichkeit, Weitsicht, innerer und äußerer Freiheit beruhen. (MT)

Fussnoten

1 »Der Schmäh rennt« ist eine typisch Wienerische Wendung. Gemeint ist, dass jemand Geschichten so unterhaltsam und witzig zu erzählen vermag, dass unwichtig wird, was wahr und was schlicht gelogen ist.

2 So die österreichische, eher abwertende Bezeichnung für Deutsche.


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Zitationsvorschlag

Martina Thiele; Boris Romahn: Buchjournalismus. Lesenswerte Bücher von Journalist:innen. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 2, 2026, 9. Jg., S. 205-221. DOI: 10.1453/2569-152X-22026-16202-de

ISSN

2569-152X

DOI

https://doi.org/10.1453/2569-152X-22026-16202-de

Erste Online-Veröffentlichung

August 2026