Raus aus den Redaktionen, rein in die Schulen Journalismus muss besser in der Gesellschaft verankert werden

Von Klaus Ott

Abstract: Angesichts wirtschaftlicher Nöte klassischer Medien, wachsender Plattformmacht und teilweise schwindenden Vertrauens sollte Journalismus transparenter und dialogischer werden – Journalistinnen und Journalisten müssen präsenter werden in der Gesellschaft. Das beginnt in den Schulen. Persönlicher Austausch schafft Vertrauen. Werkstattgespräche in Schulklassen, Bildungsangebote und direkte Begegnungen mit Journalistinnen und Journalisten stärken die Medienkompetenz und das Verständnis für demokratische Prozesse.

Sind Zeitungen die Dinosaurier der Medienwelt? Werden vor allem regionale Tagesblätter genauso aussterben wie vor vielen Millionen Jahren die urzeitlichen Riesenechsen? Welche Folge hätte das für den Journalismus, die Pressefreiheit und letztlich für die freie, offene, demokratische Gesellschaft hierzulande? Und wie ließen sich die Presse und damit letztlich auch der Journalismus und die Demokratie retten? Fragen über Fragen, die vielleicht etwas zugespitzt sind, die im Kern aber wahre Sorgen und Nöte beschreiben.

Journalistinnen und Journalisten, die in die Schulen gehen, machen immer wieder dieselbe Erfahrung: Die wenigsten der jungen Leute haben schon mal eine Zeitung gelesen; ganz egal, ob analog oder digital. Oder wissen überhaupt, was eine Zeitung ist. Auch vielen jungen Lehrkräften fehlt der Bezug zum Journalismus. Gemeint ist hier immer der Journalismus nach anerkannten Standards wie dem Kodex des Deutschen Presserats. Wer sich bei regionalen Zeitungsredaktionen und in der Verlagsbranche umhört, bekommt zumindest inoffiziell zu hören, wie dramatisch die Lage ist. Die allermeisten Abonnentinnen und Abonnenten der Papierausgaben sind so alt, dass sie in den nächsten zehn Jahren sterben werden. Und mit ihnen die Abos. Die Papier-Abos bringen aber oftmals immer noch das meiste Geld.

Was also tun? Klar: Die Inhalte, entsprechend aufbereitet, auf allen möglichen digitalen Kanälen verbreiten (allerdings nicht auf unmöglichen wie X). Tolle junge Journalistinnen und Journalisten, die als »Digital Natives« diese Wege gehen, gibt es mehr als genug. Doch das allein wird die Presse nicht retten. Und auch nicht ARD und ZDF und andere Medien, die genau recherchieren, gründlich berichten, Nachricht und Kommentar sauber trennen, kurzum: die relevante Informationen als Basis einer freien Gesellschaft liefern.

Die Medienbranche muss weiterdenken, ganz grundsätzlich. Es reicht längst nicht mehr, wenn Journalistinnen und Journalisten ihren eigentlichen Job machen. Genauso wichtig ist es inzwischen, rauszugehen und zu reden, zu erklären, wie diese Medien arbeiten, was Pressefreiheit bedeutet und warum das alles so wichtig ist. In Schulen, in Betrieben, in (Sport-) Vereinen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Kurzum: den Journalismus in der Gesellschaft zu verankern. Wer von anderen Transparenz fordert (das ist ja eine Kernaufgabe der Presse), sollte selbst so weit wie möglich transparent sein. Und so zusätzlich zu glaubhaften Berichten und Reportagen für Vertrauen sorgen.

Diese Erkenntnis ist längst auch in der Wissenschaft angekommen. Bernhard Pörksen, Medienprofessor an der Uni Tübingen, hat das im April 2025 im Spiegel wie folgt formuliert: »Der seriöse Journalismus der Zukunft wird transparent und dialogisch sein – oder er wird nicht sein.« (Pörksen, 2025) Das Magazin hatte Pörksen zu mehreren im Blatt veröffentlichen Medienkritiken eingeladen. Und der Tübinger Medienwissenschaftler hat die Gelegenheit zu dem Aufruf genutzt, den Pakt zwischen Journalismus und Leserschaft »neu zu begründen«. Der Journalismus sei durch die Big-Tech-Oligarchen, die unaufhaltsam scheinende Umschichtung der Anzeigenmärkte in Richtung der Digitalgiganten und durch populistische Angriffe »gewaltig unter Druck«. In dieser Lage brauche es »weniges so sehr wie stabile Vertrauensbeziehungen« mit dem Publikum und die »prinzipielle Solidarität einer zahlungsbereiten Leserschaft«.

Pörksen lieferte gleich zwei Vorschläge. Einer der beiden lautete: Leserinnen und Leser diskutieren mit der Spiegel-Redaktion über deren Berichterstattung. Im Nachgang könnten Schlüsselszenen der Debatte in Ausschnitten auf der Website gezeigt werden. »Die digitale Publikumskonferenz« könne dieses Format heißen, aus dem der Medienwissenschaftler einen »Imperativ der Transparenz« ableitete: »Gib deinen Leserinnen und Lesern jede nur denkbare Möglichkeit, die Qualität der von dir vermittelten Informationen einzuschätzen!«

Da geschieht inzwischen schon sehr viel. Die Zeit trifft sich regelmäßig mit Abonnentinnen und Abonnenten, nicht nur bei der »Langen Nacht« der Wochenzeitung. ARD, ZDF und Deutschlandfunk haben mit »So geht Medien« ein Bildungsangebot, das »fit« machen soll für die digitale Medienwelt. Zahlreiche Tageszeitungen bieten Material und Werkstattgespräche für Schulklassen an. Das bundesweite Netzwerk »Journalismus macht Schule« versucht, mit einem breiten Bündnis aus Medien und Bildung diese Aktivitäten voranzutreiben. Und, und, und. Doch das alles kann und darf nur ein Anfang sein.

Qualitätsmedien, die unabdingbar sind für eine freie Gesellschaft, müssen Teil der Gesellschaft sein. Indem sie möglichst umfangreich erklären, was sie wie und warum tun; indem sie das journalistische Handwerk transparent machen, mit all den Standards eines verantwortungsvollen Journalismus; indem sie überzeugend vermitteln, warum eine freie, kritische Presse eine der wichtigsten Stützen einer Demokratie ist. Das erklärt sich alles nicht (mehr) von selbst. Insbesondere nicht in Zeiten, in denen Gegnerinnen und Gegner einer offenen, toleranten, freiheitlichen Gesellschaft alle möglichen, auch medialen Mittel nutzen, um Hass und Zwietracht zu säen, möglichst große Teile der Gesellschaft zu verunsichern und sie für ihre autoritären, antidemokratischen Ziele zu vereinnahmen.

Wie wirksam das »Rausgehen und Reden« über Journalismus sein kann, ist längst erwiesen. Volker Lilienthal, von 2009 bis 2025 Inhaber der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Uni Hamburg, hat noch vor seiner Pensionierung die Ergebnisse einer Begleitforschung von Werkstattgesprächen an Schulen vorgelegt (Lilienthal, 2022). Die besuchten Klassen hätten das Gefühl gehabt, »dass ihre Interessen befriedigt und Fragen beantwortet wurden«. Ob das Wissen über Medien, ihre Funktionen, Wirkungen und Gefahren wirklich verbessert wurde, das hätten die beteiligten Gruppen allerdings unterschiedlich beurteilt. Knapp die Hälfte derjenigen, die aus den Redaktionen an die Schulen gegangen seien, schätze einer Online-Befragung zufolge die Wissensvermittlung als sehr gelungen ein, der Rest finde sie nur einigermaßen oder weniger gelungen. Der Großteil der Schülerinnen und Schüler sei hingegen der Meinung, »dass ihr Wissen zu Medien und Journalismus erweitert wurde«. Auch die Einschätzung der Lehrkräfte falle vorwiegend positiv aus – wenn auch nicht ganz so eindeutig wie bei den Schülerinnen und Schülern: Mehr als zwei Drittel der Lehrkräfte seien der Ansicht, das Ziel der Werkstattgespräche sei erreicht worden.

Wer selbst schon öfters an Schulen war oder solche Aktionen organisiert und begleitet hat, den wundern die unterschiedlichen Ergebnisse überhaupt nicht. Schülerinnen und Schüler sind oft eher reserviert, wenn ein Gast kommt, sind aber offenbar gleichwohl interessiert. Das gilt selbst für Auszubildende, die altersmäßig schon etwas weiter sind. Das Netzwerk »Journalismus macht Schule« hat im April 2026 Werkstattgespräche für angehende Polizistinnen und Polizisten in einer Ausbildungsstätte der bayerischen Polizei in Eichstätt organisiert. Annette Ramelsberger von der Süddeutschen Zeitung und Jan Kandzora von der Augsburger Allgemeinen erzählten in vier Gesprächsrunden, wie sie über die Polizei und die Justiz berichten. Nicht jede Gesprächsrunde war von vielen Fragen geprägt, aber das Ergebnis einer anschließenden Umfrage der Polizei unter ihrem Nachwuchs fiel positiv aus. Gut 60 Prozent fanden die Einblicke von Ramelsberger und Kandzora interessant, gut 33 Prozent »eher interessant«. Noch aussagekräftiger sind die vielen einzelnen Aussagen, die insofern glaubwürdig sind, als die angehenden Polizistinnen und Polizisten sich anonym äußern durften, also bei der Umfrage ihre Namen nicht angeben mussten. Drei von vielen Beispielen:

»Ich bin der Meinung, dass das Gespräch sehr informativ war.« Annette Ramelsberger »hat uns gezeigt, wie anstrengend die Berufung eines Journalisten ist und wie umfangreich ihre Arbeit sein kann«.

»Man konnte gute Einblicke bekommen, wie Journalisten arbeiten, wie ihr Alltag abläuft und wie sie zu ihren Artikeln kommen.«

»Man hat einen transparenten Einblick in die Arbeit des Journalisten bekommen, wozu man sonst nicht die Gelegenheit bekommt.«

Aus dem Präsidium der Bayerischen Bereitschaftspolizei hatte Micha Fuchs vom Sachgebiet Aus- und Fortbildung den Projekttag in Eichstätt organisiert. Nach seinen Angaben haben die Ausbildungsverantwortlichen der bayerischen Polizei aus diesen Erkenntnissen folgende Schlussfolgerung gezogen: »Journalistengespräch als Kernbaustein beibehalten. Es erzeugt den deutlichsten Mehrwert. Empfehlenswert sind weiterhin kleine Gesprächsformate, echte Fallbeispiele und ausreichend Raum für Fragen.«

Solche Aktionen zu organisieren, fällt leicht und schwer zugleich. Leicht, weil viele Lehrkräfte sehr froh sind über Unterstützung aus der Medienbranche bei der Vermittlung von Nachrichten- und Informationskompetenz. Damit die Schülerschaft dem, was via Handy über sie hereinbricht, nicht hilflos ausgeliefert ist. Leicht, weil viele Bildungsschaffende in Ministerien und Schulbehörden, Aus- und Fortbildungsstätten für Lehrkräfte, Landesmedienanstalten und Landeszentralen und der Bundeszentrale für politische Bildung derlei Aktionen tatkräftig unterstützen. Leicht, weil viele Firmen, Vereine, Verbände, Volkshochschulen usw. bei solchen Angeboten begeistert zusagen. Weil Bibliotheken und Unis gerne mitmachen und weil das alles die Medienhäuser nichts kostet.

Außer eben, und da wird es schwer, das Personal. Ausgedünnte Redaktionen bei Tageszeitungen und anderswo müssen schauen, wie sie die Seiten und Sendungen füllen. Es muss ja recherchiert und berichtet werden, am besten tiefschürfend, trotz weniger Leute. Und gleichzeitig wird das »Rausgehen und Reden« immer wichtiger. Es muss zum festen, am besten täglichen oder zumindest wöchentlichen Teil des Jobs werden. Pörksen beschwört den Dialog der klassischen Medien mit dem Publikum »im Sinne eines großen, pulsierenden, niemals endenden Gesprächs«.

Über den Autor

Klaus Ott, 67, war jahrzehntelang Redakteur der Süddeutschen Zeitung und hat viele Schulklassen besucht sowie für die SZ solche Aktionen an und mit Schulen, Unis, Bibliotheken usw. organisiert. Er ist mittlerweile in Rente, arbeitet aber freiberuflich weiter und ist seit Oktober 2025 Vorsitzender des von ihm mitgegründeten Netzwerks Journalismus macht Schule (JmS). Für JmS hat er auch die in dem Beitrag beschriebenen Werkstattgespräche beim bayerischen Polizeinachwuchs organisiert.

Literatur

Lilienthal, Volker (2022). Journalismus macht Schule – Ein Modell für mehr Medienkompetenz? Ergebnisse einer Begleitforschung bei Schülerinnen, Lehrerinnen und Journalist*innen. merz | medien + erziehung, 66(3), 78–84. https://doi.org/10.21240/merz/2022.3.17

Pörksen, Bernhard (2025, 14. April). Zwischen Achtung und Ächtung. Der Spiegel, (16), 26–30.


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Zitationsvorschlag

Klaus Ott: Raus aus den Redaktionen, rein in die Schulen. Journalismus muss besser in der Gesellschaft verankert werden. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 2, 2026, 9. Jg., S. 200-204. DOI: 10.1453/2569-152X-22026-16200-de

ISSN

2569-152X

DOI

https://doi.org/10.1453/2569-152X-22026-16200-de

Erste Online-Veröffentlichung

August 2026