Henrik Müller (2023): Challenging Economic Journalism

Rezensiert von Tanjev Schultz

So wichtig der Wirtschaftsjournalismus ist, so wenig wird er jedoch in der Wissenschaft beachtet. Zumindest im Vergleich mit der Politikberichterstattung fällt auf, dass die Journalismusforschung dem Wirtschaftsressort nicht allzu viel Aufmerksamkeit schenkt. In der Ausbildung und bei Lehrbüchern sieht es ähnlich aus. Ausnahmen bestätigen die Regel. Zu ihnen zählt ein Studiengang in wirtschaftspolitischem Journalismus an der TU Dortmund, den Henrik Müller leitet, der als stellvertretender Chefredakteur beim manager magazin gearbeitet hatte, bevor er seine Professur übernahm. In einem englischsprachigen Buch formuliert Müller nun Maßstäbe für den Wirtschaftsjournalismus und diskutiert die Herausforderungen dieses Berufsfelds.

Der Autor bringt wichtige Fragen der Forschung und zentrale Ergebnisse von Studien in einen Zusammenhang mit der journalistischen Praxis – ein gelungenes Beispiel für den Brückenschlag zwischen Journalismus und Journalistik, den Müller auch in seiner Person verkörpert. Große Themen werden verständlich dargestellt, wichtige Fragen aufgeworfen und beantwortet: Welche Rolle sollte der Wirtschaftsjournalismus spielen? Welche »Narrative« sind in der Berichterstattung typisch, welche Themen werden von den Medien vernachlässigt?

Müller skizziert die Geschichte des Wirtschaftsjournalismus, stellt eine hilfreiche Taxonomie vor und erörtert Qualitätskriterien. Seine Ansprüche sind zu Recht hoch, sie einzulösen ist mit Sicherheit nicht einfach: »We are dealing with particularly complex and abstract issues. The key-audience of professional users demands relevant issues to be covered not just in a factually correct, but also in a forward-looking manner. Economic journalism is confronted with a wide range of powerful interests that try to influence the media in their favour.« (S. 57)

Müller, der als Kolumnist auf den Online-Seiten des Magazins Der Spiegel weiterhin selbst wirtschaftsjournalistisch tätig ist, schreibt mit kritischer Distanz, aber keineswegs abgehoben über die Praxis in den Redaktionen. Einige Kapitel beginnt er mit kurzen Schilderungen persönlicher Erfahrungen. Darunter ist die Erinnerung an ein Treffen bei der Bundesbank, bei dem Müller irritiert davon war, wie eng verbunden sich manche Kollegen mit dem Objekt ihrer Berichterstattung sahen. »[J]ournalists should lean against the wind by challenging popular economic narratives« (S. 106).

Der Autor entwickelt ein normatives Modell, an dem sich der Wirtschaftsjournalismus im Sinne von Nachrichtenwerten orientieren soll: die ESSF-Formel. Sie steht für »efficiency, stability, sustainability, and fairness« (S. 64). Wann immer in der ökonomischen Wirklichkeit die Formel bzw. eine ihrer vier Dimensionen nicht beachtet oder verletzt werde, sei dies ein Fall für (kritische) Berichterstattung. Efficiency: Es dürfe keine Verschwendung von ökonomischen Ressourcen geben; »the more income and growth the better, all things being equal« (S. 64). Dass dies kein naives oder radikal neoliberales Programm ist, stellen die anderen Kriterien sicher: »Stability entails the absence of erratic movements of markets that obstruct their smooth functioning and may lead to economic and social disruptions. Sustainability purports that the destructive overuse of natural resources is undesirable, as it leads to future scarcities. Fairness rules out exploitation and overreach of any kind resulting from the asymmetric distribution of wealth, power, or information.« (S. 64)

Müller hätte ausführlicher darlegen können, wie sich seine Formel zu den verschiedenen wirtschaftswissenschaftlichen Schulen verhält und wie Medien, deren redaktionelle Linien weltanschaulich oft mit einer dieser Schulen verbunden sind, ideologische Voreingenommenheit verhindern oder abmildern können. Das Buch hätte außerdem noch stärker auf die ethischen Verwerfungen und die verschiedenen Kodizes eingehen können, die im Wirtschaftsjournalismus existieren, auch wenn diese oft nur das verlangen, was eigentlich selbstverständlich sein sollte (wie das Vermeiden von Interessenskonflikten oder das Nutzen von Insider-Informationen für eigene Geschäfte).

Wer die ESSF-Formel vor Augen hat, dürfte in den Medien einige Defizite entdecken – wie Müller, der unter anderem Mängel bei der Berichterstattung über internationale Zusammenhänge beklagt. Zu vieles werde ausgeblendet oder für das nationale Publikum domestiziert. Die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser zu fesseln, ist gerade bei ökonomischen Themen keine leichte Aufgabe. Wann immer er in seiner Spiegel-Kolumne über die Europäische Union schreibe, seien die Zahlen (Klicks, Reichweite etc.) schlechter als bei seinen anderen Texten, offenbart Müller.

Sein Buch thematisiert das Storytelling und die Notwendigkeit, journalistische Beiträge so zu gestalten, dass sie viele Menschen erreichen – möglichst ohne dabei (zu große) Abstriche bei der inhaltlichen Substanz zu machen. Es ist aber kein Leitfaden-Buch, das genau erklären würde, wie ein Beitrag geschrieben oder gedreht werden sollte. Gerade weil es tiefer ansetzt und grundsätzlicher argumentiert, wäre es wünschenswert, dass nicht nur Forschende und Studierende, sondern auch erfahrene Journalistinnen und Journalisten dieses Buch lesen und sich davon anregen lassen.

Über den Rezensenten

Tanjev Schultz ist Professor für Journalismus an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, Deutschland. Er ist einer der Herausgebenden der Journalistik/Journalism Research – Zeitschrift für Journalismusforschung. Kontakt: tanjev.schultz@uni-mainz.de

Über dieses Buch

Henrik Müller (2023): Challenging Economic Journalism. Cham: Palgrave Macmillan, 304 Seiten, 139,09 Euro.


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Zitationsvorschlag

Tanjev Schultz: Henrik Müller (2023): Challenging Economic Journalism. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 3-4, 2025, 9. Jg., S. 416-418. DOI: 10.1453/2569-152X-3-42025-15587-de

ISSN

2569-152X

DOI

https://doi.org/10.1453/2569-152X-3-42025-15587-de

Erste Online-Veröffentlichung

Dezember 2025