Rezensiert von Tanjev Schultz
Was erfährt das Publikum in Deutschland aus den Medien über politische und kulturelle Vorgänge in Rumänien oder Bulgarien? Beschämend wenig. Es muss schon russische Einflussnahme, annullierte und neu angesetzte Präsidentschaftswahlen wie zuletzt in Rumänien geben, große Krisen also, damit es diese Länder in die Nachrichten schaffen. Den wenigen deutschen Medien, die überhaupt aus Ost- und Südosteuropa berichten, fehlen dort feste Korrespondentenbüros. Was in Bukarest geschieht, wird von Wien aus beobachtet.
So herrscht mediale Ignoranz gegenüber manchen Ländern sogar dann, wenn es zu ihnen eine ziemlich große historische, geographische und kulturelle Nähe gibt. Bulgarien und Rumänien sind Mitgliedsländer der Europäischen Union, aber noch immer verlaufen innerhalb der Union unsichtbare Grenzen. Dazu passt der Begriff »Subalternität«, den Martín Oller Alonso in seinem Buch verwendet. Bestimmte Regionen gelten als randständig, als weniger wichtig, weniger selbständig. Das spiegelt sich in medialen Mustern und Organisationen wider, zum Beispiel in den Eigentumsverhältnissen und der Expansion westlicher Medienunternehmen, die nach 1989 ihre Geschäfte nach Osten ausdehnten.
So gibt es gute Gründe für ein Buch, das angeregt von postkolonialer Theorie ein Programm der »Dekolonisierung journalistischen Wissens« entwirft. Damit endet allerdings schon die positive Würdigung dieser Arbeit eines spanischen Kollegen, der an der Universität von Salamanca forscht. Denn der Rezensent hat von dem Buch fast nichts über die Länder in Osteuropa gelernt, die darin zu ihrem Recht kommen sollten; fast nichts über konkrete mediale Arbeitsweisen oder Inhalte – und kaum Greifbares über die unterstellten kolonialen Verhältnisse. Stattdessen besteht der Text aus oft opaken Abstraktionen, für die in ermüdendem name dropping erstaunlich viele westliche (!) Geistesgrößen mobilisiert werden.
Die Ziele des Autors wirken zwar sympathisch, es geht ihm um Offenheit, Vielfalt, Gleichberechtigung. Es geht ihm um Multipolarität und um eine deliberative Demokratie, in der kapitalistische Marktkräfte nicht mit dem Gemeinwohl verwechselt werden. Doch wo und wie solche normativen Erwartungen enttäuscht oder erfüllt werden, ist dem Buch nicht zu entnehmen; auch nicht, warum sie im Widerspruch zu »westlichen« oder »nördlichen« Werten und Journalismus-Kulturen stehen sollen. Woher nimmt der Autor denn seine normativen Ideen? Ohne auszuführen, wo genau die Probleme liegen, wendet er sich gegen eine eurozentrische Wissenshegemonie (»Euro-centric knowledge hegemony«). Das geht einher mit den üblichen Vorbehalten von Postkolonialismus und Poststrukturalismus gegen die angeblich westlichen Konzepte und Verständnisse von Subjekt und Vernunft. Selbst wer diese Perspektive teilt (anders als der Rezensent, für den Universalismus nicht dasselbe ist wie Kolonialismus), dürfte erwarten, dass der Autor darlegt, was nun die regionalen (Journalismus-)Kulturen in osteuropäischen Ländern auszeichnet und wie sie sich von ihren kolonial übergestülpten Versionen unterscheiden. Fehlanzeige.
Nur auf wenigen Seiten skizziert Martín Oller Alonso die Medienlandschaften in Polen, Ungarn, Tschechien und in den anderen Ländern Osteuropas. Über den Charakter kurzer Handbuch-Einträge kommen diese Skizzen nicht hinaus, sodass von der Vielfalt und den Besonderheiten dieser Länder wenig zu erfahren ist – und auch nichts von den destruktiven Wirkungen, die westlichen Kräften zugeschrieben werden. Der Text bleibt wolkig:
»As the reader may have noticed, my alternative meta-vocabulary and (counter) narrative steer clear of any normative standpoint that aims to define the professional profile of journalists based on established European social structures. The supremacist dialectic and the language of domination and cultural imposition (as John Tomlinson emphasized during the nineties) have become stagnant, as has the notion of a superior culture. Ideological and professional isolationism has lost its meaning. Journalism and its communicative model are deeply connected to the social context in which they develop.« (41)
Mit dieser Offenheit und Unbestimmtheit dürfte es allerdings schnell vorbei sein, sollten sich (Medien-)Menschen, ob in West- oder Osteuropa, für etwas erwärmen, das für den Autor von Übel ist, sprich für den Kapitalismus und Formen des »European phallocentrism« (!). Dabei wäre es interessant zu wissen, welches Gesellschafts- und Journalismus-Modell die Menschen und die (Fach-)Kolleginnen und Kollegen in den besagten Ländern eigentlich wünschen und vor Augen haben. Darüber geht das Buch in seinem Befreiungsduktus einfach hinweg.
Wie sind nun die Aussichten für die Länder, zu deren Anwalt sich der Autor aufschwingt? So sollen sie aussehen, was auch immer das bedeuten mag:
»They possess the chance to reconnect with the historical theoretical-methodological foundations and align them with the goals of a late-capitalist democratic society. The objective is to formulate a harmonious nation and a deliberative communication model that can illuminate and pass on the legacy of critical, alternative, and participative communication to future generations.« (61)
Seitenlang sind solche Leerformeln zu lesen. Es ist eine mühsame Lektüre. Den Journalismus in den Ländern Osteuropas zu erkunden, zu würdigen, zu stärken und ihn vor westlicher Arroganz und Vereinnahmung zu schützen: Das wäre wichtig und wertvoll. Dafür braucht es jedoch andere Mittel als dieses Buch.
Über den Rezensenten
Tanjev Schultz, Dr., ist Professor für Journalismus an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Im Sommersemester 2025 war er Gastprofessor an der Lucian-Blaga-Universität in Sibiu, Rumänien. Er ist einer der Herausgebenden der Journalistik – Zeitschrift für Journalismusforschung. Kontakt: tanjev.schultz@uni-mainz.de
Über das Buch
Martín Oller Alonso (2024): Decolonizing Journalistic Knowledge: Deliberative Communication in Central and Eastern EU Member States. Bielefeld: transcript, 176 Seiten, 42,- Euro.
