Passt Fiktionalität in den Journalismus? Nein, Fiktionalität passt nicht in den Journalismus. Über den Unterschied von fiktionalem und faktualem Erzählen

Tanjev Schultz

Abstract: Die Frage »Fakt oder Fiktion« ist für den Journalismus keineswegs obsolet. Sie ist sogar zentral. Der Beitrag betont die Bedeutung eines faktualen Erzählens, das sich streng an Standards von Authentizität und Wahrheitsorientierung hält. An Beispielen zeigt der Beitrag, was dies für die journalistische Praxis bedeutet, vor allem für die Reportage, die als Darstellungsform nach dem Fälschungsskandal beim Spiegel in Rechtfertigungsnöte geraten ist.

Fiktion hat im Journalismus in der Regel nichts zu suchen. Auch wenn Reportagen dramaturgisch raffiniert sein können und Porträts gut erzählt: Journalisten sind keine Dichter. Sie setzen ihrer Fantasie Grenzen. Sie komponieren, schneiden, montieren Texte, Szenen und Beiträge, aber sie bleiben faktuale Erzähler. Hoffentlich.

Wenn, wie im Fall Relotius, die Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen eingerissen werden, gilt dies zu Recht als Skandal. Er zeigt, dass vom Journalismus etwas anderes erwartet wird als von einem Roman. Schönschreiber im Journalismus produzieren gut lesbare journalistische Texte, nicht etwa schöne Literatur. Die angemessene Reaktion auf Fälschungen wie im Fall Relotius ist nicht, die Unterschiede nun auch theoretisch zu verwischen und so zu tun, als sei Fiktion im Journalismus geradezu unumgänglich. Der aufklärerische Effekt aus kons­truktivistischen und erzähltheoretischen Diskursen, mit denen naive Verständnisse von Objektivität und (Medien-) Realität überwunden werden, kann in einen gefährlichen Relativismus umschlagen. Was ist schon wahr, was ist schon objektiv? Was sind schon Fakten? Es ist ja alles doch nur eine Erzählung. . .

Glücklicherweise erwarten viele Menschen weiterhin vom Journalismus, korrekt informiert zu werden – auch von Reportagen, deren subjektive Perspektive mitnichten ein Freibrief für Erfindungen oder Fälschungen ist. Die Reportage ist eine tatsachenorientierte Darstellungsform. Oder in den Worten Kurt Reumanns: Sie ist »ein tatsachenbetonter, aber persönlich gefärbter Erlebnisbericht« (Reumann 2009: 150). Neben den äußeren Fakten geht es Reportagen um das (Mit-)Erleben, um Emotionen und um seelische Vorgänge – diese müssen aber wahrhaftig wiedergegeben und als innere Tatsachen behandelt werden. Sie zu erdichten, wäre verwerflich.

Fälscher wie Relotius fliegen auf, weil sich beispielsweise herausstellt, dass eine im Text zitierte Person gar nicht existiert. Doch auch Innenwelten können gefälscht und leider kaum überprüft werden: Erzählt ein Autor, wie eine Situation ihn oder andere frösteln ließ, obwohl weder er selbst noch andere tatsächlich fröstelten, so wird ein Erleben vorgegaukelt, das so nicht stattgefunden hat. Im Journalismus darf das nicht sein. Zu befürchten ist, dass in Reportagen oft Eindrücke und Emotionen ersonnen werden, die es nicht gab. Oder dass sie zugunsten der Dramatik übertrieben werden. Das Problem kann bereits beim Schildern eines Verhaltens beginnen, das qualifiziert wird. Jemand spricht etwas lauter – und schon heißt es, er »brüllt«. Ein Mensch denkt kurz nach – und schon heißt es, er »grübelt«. Klingt dramatischer, klingt interessanter. Aber stimmt es überhaupt? Stimmt es nicht, sollte ein Journalist es nicht schreiben.

Keine Rechtfertigung, lax zu sein

Dass jedes Erzählen, auch faktuales Erzählen (vgl. Renner/Schupp 2017), notwendigerweise eine Auswahl trifft, eine Anordnung vornimmt und auf Deutungen baut (wann beginnt das Brüllen, wann das Grübeln?), dass es also keine »reine« Wirklichkeit abbildet, darf keine Rechtfertigung dafür sein, lax zu werden bei der Wiedergabe von Ereignissen und Erlebnissen. Die Funktion und die Glaubwürdigkeit des Journalismus hängen an der Authentizität und Wahrheitsorientierung – auch in erzählenden Darstellungsformen.

Eine getreue Wiedergabe ist übrigens nicht unbedingt weniger packend und schillernd als eine manipulierte. Die Reporterin Carmen Butta hat dazu einmal bemerkt: »Um das Unkonventionelle, das Überraschende zu finden, muss ich eine Situation wieder und wieder im Geiste durchspielen. Und immer lockt dabei die Versuchung, dieses mühselige Entkernen abzubrechen und ein wenig zu tünchen. Wie oft hat der Hirte oder die Polizistin gerade nicht das gesagt, was eigentlich zum Charakter und zur Geschichte so wunderbar gepasst hätte. Doch (…) halte ich mich penibel an das Erlebte, ohne der Versuchung zu verfallen, auch nur ein Detail (Handbewegung, Füllwort oder Gesichtsausdruck) zu inszenieren (sprich: zu fälschen), dann verblüfft mich jedes Mal am Ende, im sinnlichen Moment des Feilens, wie die getreu wiedergegebene Situation spannender, stimmiger und dramatischer ist als jede manipulierte Sequenz« (zit. nach Wolff 2011: 171).

So widerspreche ich vehement der These, die Gunter Reus in dieser Ausgabe der Journalistik vertritt (Reus 2019). Es geht sehr wohl um die Frage »Fakt oder Fiktion«.

Reus hat natürlich Recht, wenn er auf Glossen, Satiren und Feuilletons verweist, in denen traditionell eine »phantasievolle Ausgestaltung und Überformung der Wirklichkeit« seinen Platz hat. Doch das sind spezielle Darstellungsformen, bei denen das Publikum, wie Reus selbst hervorhebt, den Status der Aussagen einschätzen kann. Selbstverständlich darf ein Kolumnist wie Axel Hacke seinen Kühlschrank – den berühmten »Bosch« – zum Leben erwecken und sprechen lassen, und selbstverständlich darf im »Streiflicht« oder von Hans Zippert (»Zippert zappt«) in einer Glosse mächtig herumgesponnen werden. In solchen ludischen Formen des Journalismus (vgl. Peters/Schultz/Wimmel 2007: 223f.) werden die Grenzen zur fiktionalen Literatur ausnahmsweise und unverkennbar überschritten. In jüngster Zeit mag es zudem immer mehr Hybridformate geben, wie Nachrichtenshows (heute-Show u.a.) und satirisch-politische Talk-Formate (vgl. Lünenborg 2017).

Selbst in solchen ludischen und hybriden Formaten gibt es freilich Grenzen: Das »Streiflicht« zum Beispiel enthält meist einen aktuellen Nachrichtenkern, und wenn dort ein Zitat, der Befund einer Studie oder ein anderes Faktum, unabhängig von erlaubten satirischen Bearbeitungen, als Ausgangsmaterial falsch dargestellt wird, so gilt dies als mindestens fehlerhaft und unsauber.

In allen anderen journalistischen Darstellungsformen, auch in Reportagen, sollte das Publikum damit rechnen dürfen, dass man ihm keine Fiktion serviert. Das gilt gleichermaßen, wenn Literaten journalistische Reportagen schreiben (so wie es umgekehrt Journalisten gibt, die Romane schreiben; sie wechseln zwischen zwei Rollen).

Metaphern sind erlaubt, und ich stimme Reus zu, dass sie die Wirklichkeit in ein Bild übersetzen. Doch anders als beim fiktionalen Erzählen muss es im faktualen Erzählen den Bezug auf eine solide Tatsachengrundlage geben. Der Literat darf sich interessante, schöne, reizvolle Metaphern aussuchen und seine erzählte Welt danach gestalten. Der Journalist hingegen muss die zur Tatsachengrundlage passende Metapher finden; auch sie darf oder sollte interessant, schön, reizvoll sein – entscheidend bleibt jedoch der Bezug zur Wirklichkeit.

Zweifellos können Reportagen Stilmittel einsetzen, wie sie die Literatur verwendet, und dadurch eine literarische Anmutung bekommen. Manche sprechen in dem Zusammenhang von »literarischem Journalismus« (Eberwein 2013), und bekanntermaßen gab und gibt es Bewegungen wie den »New Journalism« oder den »Gonzo-Journalismus«, die bewusst die Barrieren zwischen Literatur und Journalismus überwinden wollten. Verwischen sie dabei die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion und ersetzen sie den Wirklichkeitsbezug durch Poesie, ist das allerdings ein Problem.

Nun zucken zwar viele, wenn sie Wörter wie »Wirklichkeit« oder »Wahrheit« hören, und hinter der Frage, welchen Zugang der Journalismus zur (sozialen) Welt hat, verbergen sich komplexe erkenntnistheoretische Themen. Es wäre allerdings falsch und fatal, daraus den Schluss zu ziehen, es gäbe keine Unterschiede zwischen Fakten und Fiktionen und journalistische Beiträge wären in gleichem Maße kreative Schöpfungen wie literarische Beiträge. Das sind sie nicht. Das Gestalten eines journalistischen Textes muss sich an bestimmte Regeln und Grenzen halten, selbst und gerade dann, wenn eingeräumt wird, dass eine völlig neutrale, objektive Beobachterrolle nicht möglich und (zumal in Reportagen) gar nicht unbedingt wünschenswert ist.

Menschen tragen Kleidung, frisieren die Haare, stechen sich Tattoos. Man könnte sagen: Sie gestalten ihre Körper. Aber würde man deshalb behaupten, dass jede Form der genetischen Manipulation in Ordnung ist und erlaubt sein muss? Gewiss nicht. – Journalisten gestalten ihre Beiträge. Aber würde man deshalb sagen, dass jede Form der inhaltlichen Manipulation in Ordnung ist und erlaubt sein muss? Gewiss nicht. Im Gestalten gibt es wichtige Unterschiede im Ausmaß und in der Qualität.

Auch Gunter Reus hat ja keine Verteidigungsschrift für journalistische Hochstapler verfasst. Ihm geht es vor allem um Transparenz für das Publikum. Dieses Ansinnen teile ich, nur gehe ich von anderen Voraussetzungen aus. Reus’ Argumentation verstehe ich so: Ein striktes Trennen von Fakten und Fiktionen sei ohnehin nicht möglich, darum sei es wichtig, die journalistische Produktion offenzulegen und die Rezipienten über gestalterische Eingriffe aufzuklären. Ich sehe es dagegen so: Fakten und Fiktionen sind prinzipiell sehr wohl unterscheidbar, und der Antrieb, sich auf Tatsachen zu beziehen (und nicht auf Fiktionales), ist für journalistisches Arbeiten konstitutiv. Die Leser, Hörer, Zuschauer müssen bei journalistischen Beiträgen davon ausgehen können, dass es sich nicht um fiktionale Darstellungen handelt. Da, wo auch für ein verständiges Publikum ein irreführender Eindruck entstehen kann, sollten gestalterische Eingriffe und die journalistische Methode unbedingt transparent gemacht und erklärt werden.

Regeln für die Praxis

Eine allgemeine Kennzeichnung, wie sie Reus vorschlägt, könnte allerdings dazu (ver-)führen, dass Journalisten sich immer mehr fragwürdige Freiheiten herausnehmen. Auch Reus wäre damit gewiss nicht einverstanden, denn es ist bestimmt kein Zufall, dass es in seinem Beispiel für eine Generalklausel heißt: »An keiner Stelle ihrer Reportage jedoch hat die Autorin namentlich genannte Figuren erfunden oder in Zitate inhaltlich eingegriffen« (Reus 2019). Dass solche Eingriffe oder Erfindungen im Journalismus grundsätzlich nicht erlaubt sind, ist nur scheinbar trivial. Es ist essentiell. Und es markiert einen zentralen Unterschied zu fiktionalen Darstellungen.

Am besten, wir schauen nun noch etwas konkreter, was in journalistischen Beiträgen erlaubt oder tabu sein sollte. Die folgende Aufstellung ist keineswegs und nicht einmal ansatzweise vollständig, sie dient nur der Illustration, was es bedeutet, faktuales vom fiktionalen Erzählen zu trennen.

Zitate: Steht im Text ein Zitat, darf es keine Erfindung sein. Es muss so gefallen sein. Behutsame Glättungen sind erlaubt, aber keine inhaltlichen Änderungen. Und gerade bei Reportagen kommt es auf die Authentizität des gesprochenen Wortes an. Wenn jemand »Au weia« gesagt hat, darf der Journalist nicht einfach »Herrjemine« daraus machen, obwohl das inhaltlich wenig oder nichts ändert. Denn es geht bei Reportagen auch um den Stil und das Auftreten der Menschen, um ihre Vorlieben und Marotten. Jeder, der schon einmal von Journalisten ein Wort in den Mund gelegt bekommen hat, das er nie verwenden würde, weiß um die Bedeutung dieser Regel. Das Redigieren und Autorisieren von Wortlautinterviews ist eine Geschichte für sich, in Reportagen haben gestelzte Formulierungen, die gar nicht in der Szene, sondern später am Schreibtisch eines Pressereferenten entstanden sind, nichts verloren – jedenfalls dann nicht, wenn sie in eine Szene hineinmontiert werden, als würde die Person dies so in der Situation geäußert haben. Ich halte das für unredlich und falsch.

Personen und Orte: Die Menschen und Orte in einem journalistischen Beitrag müssen real sein. Aus Gründen des Quellen- und Persönlichkeitsschutzes ist es unter Umständen erlaubt, durch Anonymität oder Alias-Namen eine Identifikation zu verhindern und womöglich auch den realen Ort des Geschehens zu verschleiern; in solchen Fällen muss diese Methode aber unbedingt dem Publikum mitgeteilt und plausibel gemacht werden. Das Erfinden einer Person oder auch das Zusammenziehen mehrerer Personen zu einer einzigen Figur – eine Praxis, die früher in manchen Reportagen und Reportage-Kursen als statthaft galt – halte ich für höchst problematisch. So arbeiten Schriftsteller und Drehbuchautoren, die komplexe (zeit-)geschichtliche Stoffe auf eine gefällige filmische oder literarische Inszenierung reduzieren wollen und Faktisches und Fiktionales bewusst mischen. Das mag seinen eigenen Wert und Sinn haben. Journalismus ist es nicht.

Zeitliche Abfolgen: Unweigerlich ordnen journalistische Beiträge ihr Material in bestimmter Weise, und sie durchbrechen in der Regel auch die Chronologie der Ereignisse. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie die Abläufe nach Belieben auf den Kopf stellen dürften. Sitzt ein Politiker abends nach einem Auftritt erschöpft im Zug, lockert seine Krawatte und legt die Füße auf den Sitz, dann wäre es verfälschend, diese Szene zu beschreiben, aber so zu tun, als sei dies bereits auf der Hinfahrt zu dem Termin passiert, als der Politiker in Wahrheit eher steif auf dem Sitz saß. Und wenn es, in Reus’ Beispiel, mehrere Überfälle an unterschiedlichen Tagen gab, sollte nicht so getan werden, als seien sie alle an einem Tag verübt worden. Manchmal sind zeitliche Abfolgen inhaltlich nicht relevant, oft aber schon – und der Journalist darf hier auf gar keinen Fall das dramaturgisch Wünschenswerte über das inhaltlich Relevante und Korrekte stellen.

Inneres und Äußeres: Literaten können sich für ihre Figuren innere Monologe ausdenken, Journalisten dürfen das nicht. Sie können den Menschen nicht in den Kopf sehen. Sie dürfen, jedenfalls in Reportagen, ihre Eindrücke festhalten und sich daher gegebenenfalls auch dazu einlassen, was andere wohl gedacht oder gefühlt haben. Sie können dies mit Beobachtungen, Selbstauskünften und Meinungen Dritter stützen. Aber Journalisten sollten nicht so tun, als seien sie auktoriale Erzähler, die alles über die Figuren wissen. Wie Literaten dürfen Journalisten aber durchaus die äußere Welt in einem symbolischen, allegorischen Sinne beschreiben. Der Klassiker sind Naturschauspiele, die eine bestimmte Atmosphäre erzeugen und für bestimmte soziale oder innere Entwicklungen stehen sollen: das Gewitter, das aufzieht, als gerade der Koalitionskrach im Konferenzraum eskaliert. Doch auch hier gilt: Es muss halt stimmen. Und das nicht nur so halb. Zieht das Gewitter schon Stunden früher oder erst Stunden später auf, ist es nicht korrekt zu suggerieren, die Ereignisse seien parallel verlaufen.

Szenische Rekonstruktion: Grundsätzlich spricht nichts dagegen, Situationen lebendig zu schildern, bei denen der Journalist nicht selbst zugegen war, zum Beispiel weil es historische Ereignisse sind. Entscheidend ist, dass einem verständigen Publikum aus dem Kontext heraus oder durch einen entsprechenden Hinweis klar ist, dass der Journalist kein Augenzeuge war. Und natürlich muss die Quellenlage gut genug für eine szenische Rekonstruktion sein, die übliche Vorsicht und Sorgfalt sind zu beachten im Umgang mit dem Material und den Aussagen anderer Personen. Im berühmten Fall des Eisenbahnkellers von Horst Seehofer in einem Porträt des Spiegel-Journalisten René Pfister stimmten die Fakten. Der Journalist schrieb über Seehofers Spielzeugbahn, ohne selbst in dem Keller gewesen zu sein – das jedoch glaubte im Jahr 2011 die Jury des Henri-Nannen-Preises. Sie fühlte sich getäuscht, als herauskam, dass Pfisters Schilderung nicht auf eigener Anschauung beruhte. Der Eklat hing nicht zuletzt damit zusammen, dass das Porträt in der Kategorie »Reportage« prämiert wurde und die Jury deshalb unterstellte, der szenische Einstieg fußte auf selbst Erlebtem. Zwar behauptete das der Text gar nicht, er verschwieg allerdings die Quellenlage. Hier zeigte sich, wie wichtig es ist, Transparenz herzustellen. Dafür reicht oft schon ein Nebensatz an geeigneter Stelle im Beitrag.

Mehr oder weniger objektiv

Niemand kann seinen eigenen (sozialen, historischen etc.) Standpunkt einfach aufgeben, auch Journalisten können das nicht. Sie sehen die Dinge aus einer bestimmten Perspektive. Die Journalismusforschung kennt dafür unzählige Modelle und Belege. Das ändert jedoch nichts daran, dass das Geschäft des Journalismus nicht die Fiktion ist und dass er akzeptierte Standards für die Güte von Behauptungen benötigt (vgl. Neuberger 2017: 418f.). Das hat er mit der Wissenschaft gemein. Auch dieser ist ein allzu naiver Glaube an die eigene Wahrheitsorientierung zwar längst ausgetrieben worden. Doch ändert das nichts am Anspruch und nichts an der Möglichkeit, sich bestimmten Idealen anzunähern. Nehmen wir die Geschichtswissenschaft. Auch sie produziert Erzählungen. Wie im Journalismus müssen es faktuale Erzählungen sein, keine fiktionalen. Historiker erschließen sich die Vergangenheit und können dabei ihre Gegenwart nicht einfach abschütteln. Aber natürlich fantasieren sie nicht frei vor sich hin, sie halten sich an die Regeln ihrer Disziplin. Auch sie würden es nicht akzeptieren, die Grenzen zwischen Fakten und Fiktionen zu schleifen.

Rudolf Augsteins Motto, den der Spiegel im Zuge der Relotius-Affäre auf den Titel gehoben hat, lautet: »Sagen, was ist«. Das mögen manche für naiv oder großspurig halten. Als Anspruch und als regulative Idee ist es aber weder falsch noch überholt. Dem Historiker Thomas Nipperdey verdanken wir eine kluge Verteidigung eines solchen Anspruchs, in seinem Fall gemünzt auf die Geschichtswissenschaft und Leopold von Rankes Diktum, er wolle »bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen ist« (Nipperdey 2013: 62). Eine schlichte Reproduktion der Vergangenheit könne es zwar nicht geben, aber die Wissenschaft konstruiere auch nicht einfach die Geschichte: »Die empirische Tatsache, dass die Historiker nicht objektiv sind, bedeutet nicht, dass die Geltung dieser Norm außer Kraft gesetzt wird« (ebd.: 73).

Historiker überprüfen Quellen, sie bemühen sich darum, eine Vielfalt an Perspektiven zu erschließen und sich von eigenen Voreingenommenheiten zu lösen. Als Wissenschaftler setzen sie sich der Kontrolle und Kritik der scientific community aus (wie Journalisten der Öffentlichkeit). Solche Methoden und Mechanismen stellen sicher, dass Wissenschaftler (respektive Journalisten) sich an den Tatsachen entlang der Wirklichkeit nähern. Nipperdey spricht von »mehr oder weniger Objektivität« (ebd.: 81).

Die zulässige Subjektivität der journalistischen Reportage bezieht sich auf die Möglichkeit, eigenes Erleben und eigene Eindrücke zu schildern und Stimmungen wiederzugeben. Diese müssen authentisch sein. Die Subjektivität der Reportage bleibt tatsachenorientiert. Sie zielt auf die Objektivität und das Zusammenwirken äußerer und innerer Tatsachen. Damit erfüllt die Reportage eine wichtige Funktion in der öffentlichen Kommunikation. Denn was für eine Lücke würde sich auftun, wenn es nur nüchterne Nachrichtenberichte auf der einen Seite und lebendige Fantasieprodukte auf der anderen Seite gäbe! Wir erführen, jenseits unseres Nahraums, wenig Authentisches über die soziale Welt und das Erleben der anderen.

Es ist schon jetzt ein Problem, dass wir einer Übermacht fiktionaler (Bilder-) Welten ausgesetzt sind, die den Blick auf die Wirklichkeit prägen und sich dabei sehr frei und fantasiereich aus realen Begebenheiten bedienen, die sie ihrer dramaturgischen Logik unterwerfen. Journalismus funktioniert anders, Journalismus muss anders funktionieren. Er setzt der Fantasie Grenzen, er hält sich fern von Fiktion. Sonst ist der Journalismus verloren.

Über den Autor

Dr. Tanjev Schultz (*1974) ist seit 2016 Professor für Journalismus am Institut für Publizistik und am Journalistischen Seminar der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Zuvor war er mehr als zehn Jahre lang Redakteur der Süddeutschen Zeitung und schrieb dort u.a. etliche Reportagen. Seine journalistischen Texte wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet, 2018 gehörte Schultz zu den vom Medium Magazin gekürten »Journalisten des Jahres«. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören der investigative Journalismus, journalistische Darstellungsformen und die Demokratietheorie. Er hat Philosophie, Psychologie, Kommunikationswissenschaft und Germanistik in Berlin, Hagen und Bloomington (USA) studiert und an der Universität Bremen in Politikwissenschaft promoviert. Kontakt: tanjev.schultz@uni-mainz.de

Literatur

Eberwein, Tobias (2013): Literarischer Journalismus. Theorie – Traditionen – Gegenwart. Köln: Herbert von Halem.

Lünenborg, Margreth (2017): Von Mediengattungen zu kontingenten Hybriden. Konstruktivistische und performativitätstheoretische Perspektiven für die Journalistik. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 65 (2), S. 367-384.

Neuberger, Christoph (2017): Journalistische Objektivität. Vorschlag für einen pragmatischen Theorierahmen. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 65 (2), S. 406-431.

Nipperdey, Thomas (2013): Kann Geschichte objektiv sein? Historische Essays. München: C.H. Beck.

Peters, Bernhard; Schultz, Tanjev & Wimmel, Andreas (2007): Publizistische Beiträge zu einer diskursiven Öffentlichkeit. In: Bernhard Peters, Der Sinn von Öffentlichkeit (hrsg. Von Hartmut Weßler, mit einem Vorwort von Jürgen Habermas), S. 203-247, Frankfurt/M.: Suhrkamp.

Reumann, Kurt (2009): Journalistische Darstellungsformen. In Elisabeth Noelle-Neumann; Winfried Schulz; Jürgen Wilke (Hrsg.), Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation (S. 129-167). Frankfurt/M.: Fischer.

Renner, Karl N.; Schupp, Katja (2017): Journalismus. In: Martínez, Matías (Hrsg.): Erzählen. Ein interdisziplinäres Handbuch (S. 122-132). Stuttgart, J.B. Metzler.

Wolff, Volker (2011): Zeitungs- und Zeitschriftenjournalismus. 2., überarb. Auflage. Konstanz: UVK


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Zitationsvorschlag

Schultz, Tanjev: Passt Fiktionalität in den Journalismus? Wissenschaftliche Debatte nach dem Fälschungsskandal beim „Spiegel“. Nein, Fiktionalität passt nicht in den Journalismus. Über den Unterschied von fiktionalem und faktualem Erzählen. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 1, 2019, 2. Jg., S. 70-77. DOI: 10.1453/2569-152X-12019-4747-de

ISSN

2569-152X

DOI

https://doi.org/10.1453/2569-152X-12019-4747-de

Erste Online-Veröffentlichung

April 2019

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