Friedensjournalismus reloaded Plädoyer für eine bessere Berichterstattung über Debatten, Streit und gesellschaftliche Konflikte

Von Sigrun Rottmann | Eine Gesellschaft, die von einer multiplen Krisensituation mit vielen Umbrüchen und Konflikten herausgefordert wird, braucht Journalist*innen mit Konflikt-Know-how. Sie braucht Journalist*innen, die versachlichen, einordnen, ausgewogen und lösungsorientiert berichten. Medien – auch »Qualitätsmedien« – berichten zu häufig emotionalisierend, undifferenziert und nach Gut-Böse-Schema über Debatten oder Konflikte. Sie stellen zudem immer öfter zweifelhafte Spaltungs- und Polarisierungsdiagnosen. Vorschläge von Konfliktforscher*innen für einen Friedensjournalismus bzw. Konfliktsensitiven Journalismus können Inspiration und Grundlage für einen interdisziplinären Wissenstransfer sein, der eine gute Berichterstattung über Krisen und soziale Konflikte im Inland unterstützt. Sie geben außerdem Impulse für eine Debatte über journalistische Werte und die Frage: Welche Rolle will und soll Journalismus in unsicheren Zeiten einnehmen? Dies ist ein wichtiges Thema für die Aus- und Fortbildung – gerade angesichts der kommunikativen Strategien populistischer und rechtsextremer Akteur*innen, die Konflikte für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Von Sendern zum offenen Ökosystem Zur Reform und Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

Von Leonhard Dobusch | Im Zeitalter digitaler Plattformen wird demokratische Öffentlichkeit zunehmend von privaten, primär profit-orientierten Unternehmen strukturiert. Öffentlich-rechtliche Medien stehen in diesem Kontext vor der Herausforderung, in Fortführung eines dualen Mediensystems relevante Öffentlichkeit nach alternativen, primär einem demokratischen Auftrag folgenden Logiken zu etablieren. Um diese Herausforderung zu bewältigen, müssen öffentlich-rechtliche Medien selbst zu Plattformbetreibern werden und ihre Kommunikationsinfrastruktur vor allem ihrem Publikum gegenüber, aber auch anderen gemeinnützigen und, in bestimmten Bereichen, auch kommerziellen Medien gegenüber öffnen. Anders als in den medial dominanten Narrativen sind öffentlich-rechtliche Anstalten in Deutschland bereits durchaus fortgeschritten in der Entwicklung entsprechender Angebote. Eine öffentlich-rechtliche Ökosystemstrategie auf Basis offener Software, Protokolle und Plattformen erfordert demnach keinen radikalen Umbruch, sondern primär die logische Weiterentwicklung bereits begonnener Digitalisierungspfade.

Ausgezwitschert Was uns @ichbinsophiescholl über Plattform-Kritik im Journalismus verrät

Von Nora Hespers | Journalist*innen und Medienhäuser nutzen diverse Social-Media-Plattformen, um ihr Publikum zu erreichen. Besonders kritisch begleitet wird diese Nutzung nicht. Dabei liegt gerade im Niedergang von Twitter – jetzt X – die Chance, sich kritisch mit den Strukturen und den ökonomischen Bedingungen hinter diesen Netzwerken zu beschäftigen. Aber die große Debatte bleibt aus. Wie auch schon beim instagram-Projekt @ichbinsophiescholl. Fehlt es dem Journalismus hier an Social-Media-Kompetenzen?

Das kritische Korrektiv fehlt Erwartungsgelenkte Verzerrungen in der Berichterstattung über den Sozialstaat in Deutschland

Von Georg Cremer | Verbreitete Bilder zur sozialen Lage und zur Sozialpolitik in Deutschland haben – unabhängig davon, wie valide ihre empirische Basis ist – Folgen für die Berichterstattung. Sie prägen, welche Entwicklungen als berichtenswert angesehen und wie sie interpretiert werden. Damit verstärkt die Berichterstattung verfestigte Einschätzungen. Dies ist häufig nachteilig für eine lösungsorientierte Reformdebatte, da Probleme nicht differenziert und zielgruppengenau in den Blick genommen werden. Auf Seiten der Medien fehlt häufig das kritische Korrektiv, insbesondere dann, wenn Pressemeldungen von Sozialverbänden den Vorerwartungen entsprechen und die abgeleiteten Forderungen der Verbände einer guten Sache zu dienen scheinen. Selbst bei stark verzerrten Darstellungen gibt es Hemmungen bei Politikerinnen und Politikern, öffentlich eine Gegenposition zu vertreten, weil damit das Risiko verbunden ist, den Vorwurf zu erhalten, soziale Probleme ›kleinreden‹ zu wollen. Auch fehlendes statistisches Handwerkszeug im Umgang mit komplexen Sozialstatistiken spielt eine Rolle.

»Verteidigt die Institutionen!« Öffentlich-rechtliche Medien sichern Demokratie

Von Barbara Thomaß | In der aktuellen Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden die Rufe nach Reformen lauter. Aber: Wenn von Reformen die Rede ist, sind meist Budgetkürzungen gemeint, warnt Barbara Thomaß. Auch wenn das kurzfristig zu mehr Akzeptanz in der Bevölkerung führen mag, werden die Probleme der öffentlich-rechtlichen Medien damit langfristig verschärft.

Pakt mit dem Teufel Henning Eichler im Interview mit Wolfgang Scheidt

Henning Eichler im Interview mit Wolfgang Scheidt / Seine im Auftrag der Otto Brenner Stiftung durchgeführte Studie »Journalismus in sozialen Netzwerken. ARD und ZDF im Bann der Algorithmen?« fokussiert auf den Konflikt ›Public Value versus Plattformisierung‹: Henning Eichler, Hörfunkjournalist beim Hessischen Rundfunk und Vertretungsprofessor für Media Sciences and Digital Journalism an der Hochschule RheinMain, zeigt im Interview auf, wie algorithmische Funktionsweisen und Plattform-Logiken journalistische Inhalte beeinflussen. Eichler fordert mehr Transparenz von Werbeplattform-Betreibern und eine Digitalethik für Social-Media-Redaktionen.

Von Solidaritätsmythen und Kriegslogiken Medien im Fokus politischer Medienstrategien

von Sabine Schiffer / Am 24. Februar 2022 marschierte die russische Armee ganz offiziell in die Ukraine ein und seither herrscht für alle sichtbar ein schrecklicher Krieg. Ein Krieg, der in unserer Nähe stattfindet, der unzählige Opfer fordert, Kriegsverbrechen und eine Kriegswirtschaft nach sich zieht, mit zerstörter Infrastruktur, Söldnertruppen, Milizen, toten Zivilst:innen, Vergewaltigungen – wie jeder Krieg.
Medial wird uns der Krieg in der Ukraine detailliert gezeigt und nahegebracht – nicht, wie jeder Krieg.

Die elendige Parole zum Elend der Medien

von Alexis von Mirbach / Dass Siegfried Weischenberg und Michael Meyen eine Fehde führen, ist kein Geheimnis in der Kommunikationswissenschaft und die einzig logische Erklärung, warum unser Buch Das Elend der Medien zu einem Feld namens Alternative Medien-Kritik (AMK) zählen soll. Die AMK sei einseitig, eindeutig, kompromisslos, aggressiv, scharf im Ton und lasse es ganz schön krachen, definiert Weischenberg.

Von wissenschaftlicher Relativierung und Differenzierung Warum Siegfried Weischenbergs Einschätzung von Noam Chomskys Propaganda-Ansatz falsch ist

von Florian Zollmann / Siegfried Weischenberg erachtet Noam Chomskys Propaganda-Ansatz als wegweisend für eine Alternative Medien-Kritik (AMK). Laut Weischenberg fehle es der AMK an Ausgewogenheit sowie wissenschaftlicher Relativierung und Differenzierung. Wie der folgende Beitrag zeigt, ist Weischenbergs Abhandlung von Chomskys Propaganda-Ansatz fehlerhaft und nicht im Einklang mit der Fachliteratur.