Passt Fiktionalität in den Journalismus? Ja, Fiktionalität passt in den Journalismus. Entscheidend ist Transparenz

von Gunter Reus

Abstract: Wenn Fiktion im Journalismus dazu dient, Leserinnen und Leser zu täuschen und in die Irre zu führen, ist das anzuprangern. Dass Fiktion generell aber im Journalismus nichts zu suchen habe, ist ein Irrglaube. Die Journalismusgeschichte ist geradezu eine Geschichte der fantasievollen Ausge­staltung und Überformung von Wirklichkeit. Es kommt allerdings darauf an, dem Publikum klarzumachen, warum und wann das geschieht.

»Die Handlung des Films beruht auf einer wahren Begebenheit.«

Das kennen wir alle aus dem Abspann im Kino. Und wir akzeptieren selbstverständlich, dass in einem fiktiven Genre Fakten gezeigt und verarbeitet werden.

Könnten wir nicht endlich auch den umgekehrten Fall akzeptieren? Dass in einem faktenbezogenen Genre wie der Reportage Fiktion zum Tragen kommt, ja kommen muss? Und könnten wir das nicht genauso selbstverständlich kennzeichnen? Etwa so:

»Diese Reportage weicht in einigen Punkten bewusst von den äußeren Fakten ab. Der Besitzer der Tankstelle hat einen anderen Namen und lebt in einer anderen Stadt. Nicht alle Überfälle haben sich an demselben Tag ereignet; die Autorin hat sie aus dramaturgischen Gründen zusammengezogen. Einzelne Randereignisse, die der atmosphärischen Verdichtung dienen, wie das Leben im Nachtclub des Ortes, sind nachempfunden und beruhen nicht auf Augenschein, sondern auf Gesprächen mit Besuchern. An keiner Stelle ihrer Reportage jedoch hat die Autorin namentlich genannte Figuren erfunden oder in Zitate inhaltlich eingegriffen.«

So etwas wäre durchaus möglich und könnte üblich werden, wie es seit einiger Zeit ja auch üblich ist, am Ende größerer Beiträge auf Recherchestationen oder -schwierigkeiten hinzuweisen. Eine solche Kennzeichnung wäre jedenfalls redlich. Sie wäre auch allemal sinnvoller als der Dauerstreit um Fakten und Fiktionen im Journalismus und das Bemühen, beides strikt voneinander zu trennen – ein Bemühen, das lediglich bloßlegt, wie wenig Journalisten und die sie begleitende Wissenschaft professionelle Normen reflektieren.

Es geht nicht um die Frage: Fakt oder Fiktion

Immer schon haben Journalisten aus Geltungssucht oder der Quote wegen auch geschummelt, betrogen und Ereignisse als Wirklichkeit ausgegeben, die sich nie oder völlig anders zugetragen hatten. Nur als Spitze eines vermutlich gewaltigen Eisberges berühmt geworden sind die Fälschungen von Janet Cooke 1981 in der Washington Post, für die sie den Pulitzer-Preis erhielt (vgl. ras 2000). Bekannt sind auch die dreisten Inszenierungen von Michael Born für stern tv 1996 (vgl. Haller 2000), die fingierten Home-Stories von Jayson Blair in der New York Times um die Jahrtausendwende (vgl. Winkler 2003) oder die Prominenten-Interviews und -porträts, die sich Tom Kummer zur gleichen Zeit ausgedacht und in den besten Blättern untergebracht hat (vgl. Reus 2004). Journa­listen, die kurzerhand erfinden, was sich gut verkauft – das ist nachgerade ein Topos in der Journalismusgeschichte, der zum Beispiel in Erich Kästners Roman Fabian oder in Gustav Freytags Komödie Die Journalisten seinen Niederschlag fand.

Jetzt also Claas Relotius und der Spiegel. Es steht außer Frage, dass auch seine Irre­führung des Medienpublikums entschieden anzuprangern ist. Aber nicht, indem man immer wieder darauf besteht, dass schon das Ausschöpfen gestalterischer Möglichkeiten in der Reportage die Leser täusche (wie Markus Kowalski im Interview mit Michael Haller in der tageszeitung vom 7.2.2019). Es führt auch nicht weiter und aus der Täuschungs­falle heraus, wenn Kritiker jetzt wieder einmal forsch über die »Schönschreiber« im Journalismus herziehen, wie Andreas Wolfers, der Leiter der Henri-Nannen-Journalisten­schule zu Recht klagt.[1]

Es geht nicht um die Frage: Fakt oder Fiktion. Beides gehört zum Journalismus. Es geht vielmehr darum, das Medienpublikum nicht im Unklaren darüber zu lassen, wann und wo es mit dem einen und wann und wo mit dem anderen zu rechnen hat. Darauf sollten wir uns in der Debatte verständigen.

Die Journalismusgeschichte ist geradezu eine Geschichte der fantasievollen Ausge­staltung und Überformung von Wirklichkeit. In Glossen, Satiren und Feuilletons, mit denen sie Zeitgeschehen überspitzten, verzerrten oder gleich ganz erfanden, rangen »Schönschreiber« stets um das journalistische Ziel, Wirklichkeit zu erkennen, Machthaber zu kontrollieren und wenn nötig bloßzustellen. Feuilleton und Satire gehörten zu den wenigen publizistischen Möglichkeiten, der gesellschaftlichen Wahrheit im DDR-Journalismus näherzukommen (vgl. Knobloch 2002). Tucholskys Parabeln, in denen er auf Ereignisse der Weimarer Republik reagierte, nannte der Germanist Manfred Brauneck »fingierte Immediatberichte« (Brauneck 1984, S. 593). Sogar ›falsche‹ Interviews gehören zur ehrwürdigen Tradition der Mediengeschichte. So schrieb und editierte der Leipziger David Fassmann von 1718 bis 1739 »Gespräche in dem Reiche derer Todten« (vgl. Schmidt 1973). In seiner Monatsschrift unterhielten sich verstorbene Militärs, Fürsten, Gelehrte und auch deren Mätressen über ihre Zeit und kommentierten, moderiert von einem Secretarius, die letzten Nachrichten aus dem Reich der Lebenden. Fassmann fand viele Nachahmer. Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein blieb der Zeitschriftentypus der Totengespräche ein journalistisches Erfolgsmodell.

Das alles waren freilich journalistische Formate, die ihr Publikum zu keinem Zeitpunkt darüber im Unklaren ließen, was sie zu erwarten hatten. Sie täuschten und sie betrogen nicht, wenn sie sich vom Faktischen abwandten und doch dem Zeitgeschehen eng verbunden waren. Damit haben wir keine Probleme. Schwieriger fällt es uns dagegen einzugestehen, dass auch jeder scheinbar nur berichtende, scheinbar nur reale Ereignisse nachzeichnende Schreibprozess sich von der faktischen Wirklichkeit löst. Wir wissen das eigentlich. Wir wissen, dass Journalismus die Wirklichkeit niemals 1:1 abbilden kann, dass er auswählen und die ausgewählten Wirklichkeitsbausteine dann wieder zusammensetzen muss. Wir sprechen selbstverständlich vom »Narrativ«, das dabei entsteht, von »Framing« und »Medienrealität«. Natürlich beruht dieser Prozess zunächst auf Empirie, auf Erkundung von Wirklichkeit. Aber in dem Moment, wo wir diese Wirklichkeit fassen und begreifen wollen, wird aus dem Abbild Interpretation, die über »Fakten, Fakten, Fakten« weit hinausgeht.

Natürlich verschweigt die Fernsehreportage eines Fußballspieles nicht den realen Spielstand. Sie verschweigt nicht, dass Spieler verletzt oder ausgewechselt wurden. Das ist die Spielstatistik. Das sind die »Fakten«. Aber lebendig als Reportage wird die Übertragung doch erst in der bewussten Auswahl aus den vielen Möglichkeiten, die sich unseren Augen und Ohren bieten, durch die Kameraführung, den Bildausschnitt, den Zoom auf Gesichter im Publikum, auf der Trainerbank, auf die Gesichter verletzter Spieler, durch die Positionierung der Außen­mikrofone, durch die Stimme des Sportreporters. Sie lassen das Bild des Geschehens im Betrachter entstehen, und es ist ein anderes, ein neues und geformtes Bild. Es ist Fiktion. Das alles wissen wir.

Journalismus übersetzt Wirklichkeit in Vorstellungen von Wirklichkeit

Warum räumen wir dann nicht souveräner ein, dass sich Journalismus durch seine Verfahren stets auch der Empirie entgegenstemmt, um die es ihm doch eigentlich geht? Das ist so, weil er aus dem Wirklichkeitsmaterial zwangsläufig nur einzelne Formen heraustreiben kann – Bilder, Töne, Sprache, die er anschließend wieder zu etwas Les-, Hör- oder Sichtbaren zusammensetzen muss. Das aber ist nie mehr so wie das Ausgangsmaterial, sondern stets imaginativ überformt.

Leicht greifbar wird das am Gestaltungsmoment der Metapher. Ohne Metaphern, also die Verdichtung von Geschehen in Sprachbildern, könnten wir weder denken noch sprechen. Ohne Metaphern können wir natürlich auch nicht schreiben. Metaphern aber übertragen das ›Eigentliche‹ ins ›Uneigentliche‹, sie übersetzen Wirklichkeit in ein Bild, also in eine Vorstellung von Wirklichkeit. Sie sind uns vielfach gar nicht bewusst und auch gar nicht spektakulär (»fest verankert«), aber sie können eine Gegebenheit auch ideologisch oder euphemistisch überhöhen, neue Assoziationen hervorrufen und sich weit vom realen Geschehen entfernen (»Ankerzentren«). Metaphern finden sich in allen Textformen, auch in scheinbar nüchternen politischen Meldungen. Was sie in den Köpfen bewirken, ist kaum erforscht. Aber sie gehören zu den Bausteinen eines zwangsläufig fiktionalisierenden Journalismus.

Wenn sich Journalismus nicht auf die Faktizität von Tabellen zurückziehen will, dann muss er auch stets auf die Dramaturgie seiner Verfahren achten. Journalisten selbst sagen, dass sie »Geschichten erzählen« wollen. Und darum müssen sie in ihren Beiträgen auch so ähnlich arbeiten wie Erzähler und Romanciers. Sie müssen die Chronologie von Ereignissen aufbrechen, Passagen umstellen und neu gewichten, runden und glätten, sie bauen Wiederholungen und Leitmotive ein, sie schneiden und montieren, sie parallelisieren und kontrastieren. Das Endprodukt, der Bericht, weicht dann, auch wenn er viele Fakten enthält, von der Faktizität des Ausgangsmaterials erheblich ab. Er lädt ein, sich ein Stück Wirklichkeit vorzustellen. Dennoch kann er weiterhin ein hohes Maß an Wahrheit, an intersubjektiv ähnlich empfundener Glaubwürdigkeit enthalten.

Reportagen, die nicht entsprechend erzählerisch verfahren, sondern versuchen, aufs bloß Protokollarische zu vertrauen, können in seltenen Fällen auch einmal gelingen – in der Regel aber sind sie ungenießbar, weil voller Leerlauf. Ähnlich verhält es sich beim Interview. Jeder, der jemals den Mitschnitt eines Gesprächs abgeschrieben hat, weiß, wie ungeordnet, unklar, oberflächlich, auch widersprüchlich authentisches Sprechen ist. Auch um solch ein Gespräch lesbar zu machen, braucht es den Eingriff in die Faktizität des ursprünglich Gesagten: Redakteure müssen Passagen umstellen, kürzen, streichen, nachträglich Ergänzungen einfügen, Bezüge herstellen oder die Wortwahl verändern. Was dann »Wort für Wort« veröffentlicht wird, hat oft in seiner äußeren Gestalt mit der Abschrift des Mitschnitts nicht mehr viel zu tun.

Journalismus ohne Fiktion ist nicht möglich. Journalismus ohne Fiktion ist auch nicht nötig. Nötig und glaubwürdig ist vielmehr ein Journalismus, der klar macht, wann er Fiktion braucht und warum. Wo er verändert, eingegriffen, ergänzt, nachempfunden und sich der »logischen Phantasie« (Kisch 1983: 206) bedient hat. Quellentransparenz ist also auch hier zu raten, kleine Gebrauchsanleitungen wie oben vorgeschlagen. Sie machen ein bisschen Arbeit, aber Täuschungen wie die von Claas Relotius sind dann nicht mehr möglich.

Über den Autor

Dr. Gunter Reus (*1950) ist apl. Professor i. R. am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kulturjournalismus, Pressejournalismus, Journalismusforschung, Sprache und Stil der Massenmedien. Er ist verantwortlicher Redakteur der Fachzeitschrift Publizistik. Reus hat Germanistik, Vergleichende Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte studiert, war von 1978 bis 1983 als DAAD-Lektor in Frankreich und hat nach einem Zeitungsvolontariat als Redakteur und freier Journalist gearbeitet. Kontakt: gunter.reus@ijk.hmtm-hannover.de

Literatur

Brauneck, M. (Hrsg.).(1984). Autorenlexikon deutschsprachiger Literatur des 20. Jahrhunderts. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt.

Haller, M. (2000). Fakes. Wenn Grubenhunde bellen. In: Message 2(3), 68-69.

Kisch, E. E. (1983). Wesen des Reporters. In E. E. Kisch, Mein Leben für die Zeitung 1906-1925.

Journalistische Texte 1 (S. 205-208). Berlin: Aufbau.

Knobloch, H. (2002). »Lässt sich das drucken?« Feuilletons gegen den Strich. Hrsg. von Gunter Reus und Jürgen Reifarth. Konstanz: UVK.

ras (2000, 2. Juni). Der Fälscher und die frommen Jäger. Eine Branche wäscht sich weiß – zu Recht? In: Neue Zürcher Zeitung.

Reus, G. (2004). Mit doppelter Zunge. Tom Kummer und der New Journalism. In J. K. Bleicher; B. Pörksen (Hrsg.), Grenzgänger. Formen des New Journalism (S. 249-266). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Schmidt, U. (1973). Gespräche in dem Reiche derer Todten (1718-1739). In H.-D. Fischer (Hrsg.), Deutsche Zeitschriften des 17. bis 20. Jahrhunderts (S. 49-59). Pullach: Verlag Dokumentation.

Winkler, W. (2003, 12. Mai). Zu gut. Fingierte Berichte beschäftigen die New York Times. Süddeutsche Zeitung.

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Zitationsvorschlag

Reus, Gunter: Passt Fiktionalität in den Journalismus? Wissenschaftliche Debatte nach dem Fälschungsskandal beim „Spiegel“. Ja, Fiktionalität passt in den Journalismus. Entscheidend ist Transparenz. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 1, 2019, 2. Jg., S. 65-69. DOI: 10.1453/2569-152X-12019-4552-de

ISSN

2569-152X

DOI

https://doi.org/10.1453/2569-152X-12019-4552-de

Erste Online-Veröffentlichung

April 2019

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