Von Hektor Haarkötter
Die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. hat auch im laufenden Jahr wieder eine Liste mit von deutschen Medien vernachlässigten Geschichten vorgelegt: die Top Ten der Vergessenen Nachrichten 2026. Jedes Jahr wählt eine Jury aus Wissenschaftler:innen, Journalist:innen und Studierenden die zehn wichtigsten Themen aus, die von studentischen Recherchegruppen aus einer Vielzahl von Vorschlägen erarbeitet wurden. Die Bevölkerung ist eingeladen, Themenvorschläge zu machen, wenn ein relevantes und für eine große Gruppe von Menschen wichtiges Thema in den Medien zu wenig oder gar nicht vorkommt. In einem mehrstufigen Verfahren werden diese Themenvorschläge geprüft und für die Abstimmung der Jury aufbereitet. Die INA unternimmt auch die entsprechende wissenschaftliche Begleitforschung. Als theoretisches Konzept für die Nachrichtenvernachlässigung hat sie den Begriff Agenda Cutting gewählt. Angelehnt an das kommunikationswissenschaftliche Großkonzept des Agenda Setting geht die Agenda Cutting-Theorie davon aus, dass relevante und einen Großteil der Gesellschaft angehende Themen systematisch im journalistischen Alltag ausgeblendet werden. Die Gründe dafür können interne, journalismusinhärente sein, genauso gibt es aber auch externe Ursachen. Zu letzteren zählen insbesondere wirtschaftliche Erwägungen, wenn etwa Werbekund:innen geschützt werden sollen oder Angst vor Klagen besteht. Als neue Bedrohung der Nachrichtengerechtigkeit kommen die Auswahlkriterien von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz hinzu, die völlig intransparent Nachrichtenströme im Internet lenken (vgl. Haarkötter & Nieland, 2023).
Top 1: Viel besser als ihr Ruf – Afrikanische Länder mit hohem Entwicklungsstand
Der Human Development Index (HDI) ist zur Messung des Entwicklungsstandes eines Landes deutlich besser geeignet als das Bruttosozial- oder Bruttoinlandsprodukt (BSP, BIP), da der HDI neben wirtschaftlichen Indikatoren auch den Gesundheits- und Bildungsstand der Bevölkerung einbezieht. Hier erreichen die afrikanischen Inselstaaten Seychellen und Mauritius einen Wert über dem weltweiten Durchschnitt, weitere afrikanische Länder liegen nicht weit zurück. Die mediale Berichterstattung zeichnet ein einseitiges Bild Afrikas als überwiegend arm und unterentwickelt.
Top 2: Vergiftet – Mikroplastik in Ackerböden
Mikroplastik gelangt in Ackerböden über Klärschlamm, Kompost, unsachgemäße Entsorgung von Müll sowie Langzeitdünger. Diese Belastung der Böden beeinträchtigt die Nahrungsmittelproduktion, den Wasserhaushalt und die Aktivität von Bodenorganismen und gefährdet langfristig auch die menschliche Nahrungskette. Trotz dieser Tragweite wird das Thema in der medialen Öffentlichkeit nur begrenzt behandelt, was auf den frühen Stand der Forschung und die unbefriedigende Datenlage zurückzuführen ist.
Top 3: Im bürokratischen Niemandsland – Staatenlose scheitern an deutschen Behörden
In Deutschland lebten 2022 ca. 97.000 Menschen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit – Tendenz steigend. Viele dieser Staatenlosen arbeiten und zahlen Steuern, bleiben juristisch jedoch schlechter gestellt und warten oft jahrelang auf die Klärung ihres Status. Die Gründe: fehlende oder uneinheitliche Richtlinien und überlastete Behörden. Die Betroffenen sind nicht nur starker Unsicherheit ausgesetzt, sondern auch vom gesellschaftlichen und politischen Leben weitgehend ausgeschlossen. Über die Ursachen, Zustände und Folgen wird in den Medien zu wenig berichtet.
Top 4: Ein profitables Geschäft – Deutsche Unternehmen unterlaufen Maßnahmen zur Inklusion von Menschen mit Behinderung
Statt der Beschäftigungspflicht für Menschen mit Behinderung nachzukommen, zahlen viele deutsche Unternehmen lieber eine Ausgleichsabgabe. Das erschwert die Integration der Betroffenen in den Arbeitsmarkt, ist für die Arbeitgeber:innen aber lukrativ: Denn die Ausgleichsabgabe lässt sich mit dem Kauf von Waren oder Dienstleistungen von Behindertenwerkstätten senken. Weil die Beschäftigten dort oft unter Mindestlohn arbeiten, sind viele Waren besonders günstig. So profitieren Unternehmen doppelt, während Exklusion und prekäre Arbeitsverhältnisse zementiert werden.
Top 5: Nicht barrierefrei – Politische Information bleibt Personen mit Behinderungen verschlossen
Bürgerinnen und Bürger mit Beeinträchtigung haben ein überdurchschnittlich hohes politisches Interesse. Trotz klarer gesetzlicher Vorgaben zum barrierefreien Zugang politischer Information bleibt ihnen das Grundrecht auf demokratische Teilhabe aber verwehrt. Keine der 322 von der Überwachungsstelle für Barrierefreiheit der Informationstechnik (BFIT-Bund) geprüften Websites öffentlicher Stellen entspricht den rechtlichen Anforderungen. Während Fachportale regelmäßig darüber berichten, findet der strukturelle Mangel in den Leitmedien bisher wenig Beachtung.
Top 6: Law Clinics – Juristisches Beratungsangebot unterstützt Benachteiligte
Law Clinics eröffnen gesellschaftlich benachteiligten Gruppen den Zugang zum Recht und schulen zugleich die praktischen Fähigkeiten von angehenden Juristinnen und Juristen. Die kostenfreie Beratung ist für viele Ratsuchende der einzige Zugang zu seriöser Rechtsberatung. Die Law Clinics bleiben aber vielfach unter dem Radar der Redaktionen – was dazu beiträgt, dass viele Betroffene die Möglichkeit nicht nutzen können.
Top 7: Kinderarbeit – Auf Tabakplantagen ausgebeutet
Millionen Kinder arbeiten unter gefährlichen Bedingungen für die Tabakindustrie. Diese Form der Kinderarbeit wird als ausbeuterische Kinderarbeit bezeichnet: Die Kinder werden mental, körperlich, sozial und moralisch massiv geschädigt. Der stundenlange Kontakt mit den Tabakpflanzen führt zur direkten Aufnahme des Nikotins über die Haut, was zu der sogenannten Green Tobacco Sickness (GTS) führen kann, also akuter Nikotinvergiftung. Bei Kindern tritt diese Krankheit besonders schnell auf, denn ihre Haut ist dünner und ihr Körpergewicht geringer als das von erwachsenen Menschen. Schätzungen sprechen von mindestens 1,3 Mio. Kindern, die weltweit auf solchen Plantagen schuften. Kinderarbeit auf Tabakplantagen ist eine übersehene Form der modernen Ausbeutung, über die in deutschen Medien praktisch nicht berichtet wird.
Top 8: Überschattung – Wenn psychisch Erkrankte nicht ausreichend körperlich untersucht werden
Menschen mit bereits diagnostizierten psychischen Erkrankungen werden nicht genügend körperlich untersucht. Ernstzunehmende Krankheiten werden zu spät oder gar nicht erkannt. Diese unterlassene Diagnostik wird in der Medizin »diagnostic overshadowing« genannt – die psychische Erkrankung überschattet eine mögliche körperliche Erkrankung. Die Folgen sind gravierend: Es ist nicht ausgeschlossen, dass die unzureichende medizinische Versorgung die vulnerable Gruppe psychisch kranker Menschen überproportional stark gefährdet. Über diese fehlerhaften und unterlassenen Diagnosen wird wenig berichtet. Verpasste Chancen in der medizinischen Versorgung und Ärzt:innen, die notwendige Untersuchungen unterlassen, gefährden Leben.
Top 9: Gefangen – Psychische Folgen der Untersuchungshaft
Menschen, die in Deutschland in Untersuchungshaft sitzen, befinden sich rechtlich in einer Ausnahmesituation, die emotional belastend sein kann. Über die psychischen Folgen des abrupten Verlusts von Freiheit und sozialem Halt, ohne dass eine Verurteilung vorliegt, wird von Medien jedoch kaum berichtet. Neben Einzelschicksalen sollten auch strukturelle Ursachen der psychischen Belastung von Untersuchungshäftlingen stärker in der Berichterstattung thematisiert werden.
Top 10: Schiedsgerichte – Wie einflussreiche Konzerne die Souveränität von Staaten untergraben
Internationale Unternehmen nutzen private Schiedsgerichte, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen und machen damit Staaten handlungsunfähig. Private Schiedsgerichte existieren parallel zu staatlichen Instanzen und sollen im Rahmen von Handelsabkommen Investor:innen vor möglicher Willkür der staatlichen Justiz schützen. Entstanden ist aber eine private Paralleljustiz, die Staaten in die Defensive drängt. Lobbytransparenz-Organisationen warnen seit Jahren vor den Gefahren und dem Konfliktpotenzial solcher Investor-Staat-Schiedsverfahren (ISDS). Menschenrechtsorganisationen kritisieren, dass die Verfahren meist geheim ablaufen, ohne Öffentlichkeitsprinzip oder Mitspracherecht für weitere Betroffene. Die größte Gefahr liegt jedoch im »regulatory chill«-Effekt: Regierungen scheuen strenge Gesetze aus Angst vor teuren Klagen. Die mediale Berichterstattung über Schiedsgerichte behandelt dieses systemische Problem praktisch nie.
Weitere Informationen: www.derblindefleck.de
Über den Autor
Hektor Haarkötter, Prof. Dr., lehrt Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt politische Kommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Er ist ehrenamtlicher Vorsitzender der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. Kontakt: hektor.haarkoetter@h-brs.de
Literatur
Haarkötter, Hektor & Nieland, Jörg-Uwe (Hrsg.).(2023). Agenda Cutting. Wenn Themen von der Tagesordnung verschwinden. Springer VS.
Pöttker, Horst. (2025). Geheim, verdrängt, unbekannt. Lücken von Öffentlichkeit: Worüber Medien gern schweigen – und warum sie das tun. In Carsten Brosda & Daniel Müller (Hrsg.), Horst Pöttker: Beruf zur Öffentlichkeit. Ausgewählte Schriften zu Theorie, Ethik, Geschichte und Perspektive des Journalismus (S. 378-408). Herbert von Halem.
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Zitationsvorschlag
Hektor Haarkötter: Akute Fälle von Medienversagen. Die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. kürt die Top Ten der Vergessenen Nachrichten 2026. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 1, 2026, 9. Jg., S. 67-71. DOI: 10.1453/2569-152X-12026-15933-de
ISSN
2569-152X
DOI
https://doi.org/10.1453/2569-152X-12026-15933-de
Erste Online-Veröffentlichung
April 2026
