Maike Suhr (2026): Zwischen Repair und Care. Neugründungen als Chance für Diversität im Journalismus

Rezensiert von Phoebe Maares

Journalismus in Deutschland wird hauptsächlich von weißen, gut ausgebildeten Menschen produziert, die wenig bis keine Marginalisierungserfahrungen haben. Der Zugang zum Berufsfeld über schlecht bezahlte Praktika, freiberufliche Arbeit und unbefristete Anstellungen bedeutet, dass man sich diese Berufswahl leisten können muss. Wie kann Journalismus unter solchen Umständen diverse Perspektiven in Redaktionen und Berichterstattung ermöglichen?

In ihrer Dissertation untersucht Maike Suhr journalistische Neugründungen als Chance, Diversität in Redaktionen und im journalistischen Feld zu fördern. Damit betrachtet sie ein hochaktuelles Problem und liefert erste Erkenntnisse darüber, welche Rolle journalistische Neugründungen für Diversität und die Überwindung von Ungleichheit im Journalismus spielen. Mit ihrer Arbeit erweitert sie die Forschung zu Entrepreneurial Journalism, prekärer Arbeit und intersektionaler Ungleichheitsforschung.

Theoretisch bezieht sich Suhr auf feministische und intersektionale Zugänge sowie die Konzepte des Diversity Management und der Ungleichheit und fasst den Forschungsstand zu Diversität in etablierten Redaktionen, Alternativmedien und journalistischen Neugründungen zusammen. Hierbei unterscheidet sie zwischen der Fürsorge von einzelnen journalistischen Organisationen für ihre Mitarbeiter*innen (Care for Journalists) und der Förderung von Gleichstellung und Diversität im journalistischen Feld als Ganzes (Care for Journalism). Zudem fragt sie nach der Motivation, neue journalistische Medien zu gründen, den Entfaltungsmöglichkeiten, die diese Neugründungen marginalisierten Personen bieten, und danach, wie sich diese Medien im journalistischen Feld positionieren. Diese drei Perspektiven strukturieren auch die Ergebnisdarstellung.

Methodisch greift Suhr auf eine hybrid ethnography zurück, in der sie kurze Beobachtungsphasen von elf Neugründungen in Deutschland und Österreich mit Interviews und Dokumenten trianguliert. Die Beobachtungen fanden in Redaktionsräumen, Co-Working-Spaces und digitalen Redaktionen statt. Suhrs Vorgehensweise veranschaulicht auch die Schwierigkeiten, denen Forscher*innen begegnen, wenn sie sich verändernde Arbeitsweisen im Journalismus erfassen wollen: Zum einen sind manche Neugründungen nur noch im Digitalen organisiert, was die Beobachtung der Arbeitsorganisation und des alltäglichen miteinander Arbeitens einschränkt. Zum anderen ist der Zugang zum Feld erschwert, weil gerade prekär organisierte Neugründungen keine Zeit oder Ressourcen für Interviews haben. Hierbei problematisiert Suhr, dass insbesondere Neugründungen, die besonderen Wert auf Work-Life-Balance legen und ihren Mitarbeiter*innen diese Mehrarbeit ersparen wollen, nicht an der Studie teilgenommen haben, obwohl die Perspektiven dieser Organisationen sicherlich zum Verständnis von Care for Journalists beigetragen hätten.

Der Ergebnisteil der Arbeit ist in drei Abschnitte unterteilt, wobei das letzte Ergebniskapitel – die Rolle von Neugründungen für Diversität im journalistischen Feld – recht knapp ausfällt. Zentrale Ergebnisse deuten auf die Schwierigkeiten hin, Diversität im journalistischen Feld und insbesondere in etablierten Redaktionen zu verankern: »Neu zu gründen wird als einfacher eingeschätzt als die etablierten Medien zum Wandel zu bewegen.« (S. 114) Diesen Eindruck vermitteln vor allem Gründer*innen mit Diskriminierungserfahrungen, die etablierte Redaktionen verlassen haben, um ihr Verständnis von Journalismus umzusetzen. Dennoch werden Maßnahmen zur Verbesserung von Diversität, Gleichstellung und Inklusion in neu gegründeten Redaktionen nicht immer institutionalisiert. Das kann längerfristig Gefahren mit sich bringen, beispielsweise wenn Mitarbeiter*innen, die Gleichstellung fördern und einfordern, ohne Nachfolge gehen. Eine weitere zentrale Erkenntnis des Buchs ist, dass fehlende Hierarchien und offene Formen der Arbeitsorganisationen nicht zwangsläufig förderlich für marginalisierte Journalist*innen sind, sondern auch Ausgrenzungen produzieren können. Stattdessen braucht es gut durchdachte Konzepte, um allen einen gleichwertigen Zugang zu Positionen mit Entscheidungsmacht im Journalismus zu ermöglichen. Schlussendlich, so Suhr, trügen Neugründungen zur Diversität im Feld bei, da sie Sensibilität für marginalisierte Themen und Perspektiven förderten, etablierten Journalismus um ebenjene Perspektiven ergänzten und Journalist*innen mit diversen Hintergründen ausbildeten und beschäftigten. Die Studie zeigt, dass Bemühungen um Diversität teilweise an Neugründungen »ausgelagert« werden. Dennoch brächten Neugründungen ein verändertes Werteverständnis in das journalistische Feld und würden ›Journalismus mit Haltung‹ normalisieren.

Maike Suhrs Dissertation besticht vor allem durch den Fokus auf neugegründete Organisationen mit unterschiedlicher Sensibilität für Diversität und die Beseitigung von Ungleichheit im Journalismus. Diese Perspektive zeigt Potentiale für den Journalismus auf und verdeutlicht, wie fest verankert Strukturen der Ungleichheit in unserer Gesellschaft, aber auch im journalistischen Feld sind und wie schwer es sein kann, diese aufzubrechen. Hier weist das Buch auf Diskrepanzen zwischen Behauptungen von Gründer*innen und der tatsächlichen Situation hin: Zum Gründen braucht es mehr als nur eine Idee. Insbesondere das erste Ergebniskapitel zeigt auf, wie vielfältig die Hindernisse sind. Zudem problematisiert das Buch die Unschärfe des Begriffs Diversität und ergänzt diesen klug mit Konzepten von Teilhabe, Gleichstellung, Ungleichheit und durch eine intersektionale Perspektive. Während sich die (deutschsprachige) Journalismusforschung bis heute vor allem auf Gender als Kategorie der Ungleichheit konzentriert, ist Suhrs Ansatz dezidiert intersektional und betrachtet die Chancen im Journalismus für Menschen verschiedener marginalisierter Gruppen.

Gleichzeitig könnten die Ergebnisse und die daraus folgende Theoretisierung an manchen Stellen mehr in die Tiefe gehen. Insbesondere Erkenntnisse aus den Beobachtungen und Dokumenten vermisst die Leserin an manchen Stellen. Zudem ist unklar, mit wie vielen Menschen in welchen Organisationen gesprochen wurde und welche Erfahrungen diese aus etablierten Medien mitbringen. Hier wünscht man sich eine Übersicht z. B. in Form einer Tabelle, die diese Kontextinformationen mit nötiger Anonymisierung liefert. Obwohl der Begriff der Macht oft genannt wird, wird er nicht explizit theoretisiert. Auch die Frage nach materiellen und immateriellen Ressourcen in der Verteilung von Macht wird nicht genauer erörtert. Hier hätte eine Bezugnahme auf Theorien aus der Arbeitssoziologie oder der space of journalistic work nach Örnebring et al. (2018) mehr Tiefe in das Spannungsfeld von Care for Journalists, Macht, Prekarität und schwieriger Finanzlage bringen können.

Gleichwohl ist Zwischen Repair und Care ein wichtiger erster Beitrag zu intersektionaler Diversität im deutschsprachigen Journalismus. Durch die Betrachtung von Neugründungen ist das Buch zudem relevant für Studierende, Forscher*innen und potenzielle Neugründer*innen, die sich sowohl mit Entwicklungen im Entrepreneurial Journalism auseinandersetzen, als auch mit Ungleichheit, Prekarität und Marginalisierung im Journalismus allgemein.

Über die Rezensentin

Phoebe Maares (Dr., Universität Wien) ist Postdoktorandin im Arbeitsbereich Medien und Öffentlichkeiten am Institut für Rechtsextremismusforschung der Universität Tübingen. Ihre Forschung konzentriert sich auf Entgrenzungsphänomene im Journalismus, sowie auf die sozio-materiellen Bedingungen journalistischer Arbeit und Machtverhältnisse innerhalb des journalistischen Feldes und wie diese sich auf journalistische epistemische Praxis auswirken.

Literatur

Örnebring, Henrik, Karlsson, Michael, Fast, Karin, & Lindell, Johan (2018). The space of journalistic work: A theoretical model. Communication Theory, 28(4), 403-423.

Über dieses Buch

Maike Suhr (2026): Zwischen Repair und Care. Neugründungen als Chance für Diversität im Journalismus. Wiesbaden: Springer VS, 194 Seiten, 69,99 Euro.