Rezensiert von Stine Eckert

Mit dem Handbuch für Medien und Geschlecht. Perspektiven und Befunde der feministischen Kommunikations- und Medienforschung legen die vier Herausgeberinnen Johanna Dorer, Brigitte Geiger, Brigitte Hipfl und Viktorija Ratković ein beeindruckendes Werk vor. Es führt Leser:innen in die deutsch- und englischsprachige Forschung zu Kommunikation, Journalismus, Medien und Gender in sehr zugänglicher Sprache und gut strukturiert ein.
Das Buch ist in zehn Teilabschnitte mit je mehreren Kapiteln gegliedert, die sinnvoll mit zwei grundlegenden Theorie- und Methodenübersichten beginnen. Auf diese folgen zwei Teile zu Medienproduktion, -inhalten und -rezeption und historischer Medienforschung. In weiteren fünf tieferführenden Abschnitten werden hochrelevante Themen in der feministisch-kritischen Forschung zusammengefasst und eingeordnet: Politik und Ökonomie, Frauenbewegungen und feministische Medien, Gewalt und Dominanzverhältnisse, Differenzen sowie Medienkultur. Im letzten, kürzesten Teil werden in zwei Kapiteln zukünftige Forschungsfragen aufgeworfen.
Ein Vorwort von Irene Neverla ordnet das Handbuch als wichtigen Beitrag zur Etablierung der feministischen Kommunikations- und Medienforschung im deutschsprachigen Raum ein und würdigt die Leistung aller Beteiligten. Die kurze Einleitung der Herausgeberinnen betont den Schwerpunkt auf den deutschsprachigen Raum, insbesondere auch auf Österreich, während einschränkend erwähnt wird, dass Forschung zur Schweiz weniger vertreten ist. So ist es konsequent, dass das Autor:innenverzeichnis die Beitragenden überwiegend in Österreich (so auch die Herausgeberinnen an den Universitäten Wien und Klagenfurt) und in westdeutschen Bundesländern verortet; nur drei waren an ostdeutschen Universitäten angesiedelt (Ilmenau, Potsdam, Rostock). Dies spiegelt sich im Handbuch wider, dessen enormes Spektrum nur vereinzelt Forschung zu Medien und Gender in der DDR oder Ostdeutschland einfließen lässt.
Die dicht geschriebenen 72 Kapitel decken die großartige Breite und Tiefe in der feministischer Kommunikations- und Medienforschung ab. Sie tragen die jahrzehntelange Arbeit von Pionier:innen und nachfolgenden Forscher:innen nuanciert zusammen. Immer wieder werden auch Verbindungen in den englischsprachigen Raum hervorgehoben, vor allem in die USA und nach Großbritannien, wo manche Forschungsfragen schon früher in Studien behandelt wurden. Dazu passende Erkenntnisse beschränken sich dann zumeist auf (west-)deutsche und österreichische Kontexte.
Der Medienbegriff ist hier weit angelegt: über klassische Print- und Rundfunkmedien zu Film und Kunst bis zu digitalen Räumen und Veranstaltungen wie Frauenmusikfestivals. Dabei werden immer wieder intersektionale Ansätze hervorgehoben, während zugleich darauf hingewiesen wird, dass weitere Forschung zu sich verschränkenden Identitätskategorien im Feld nötig ist. Dem trägt vor allem »Teil VIII Differenzen und/in Medien« Rechnung. In acht Kapiteln wird Forschung zu Migrant:innen in Medienproduktion und -inhalten, »Whiteness,« Klasse, Alter und Mehrsprachigkeit in Bezug auf Gender zusammengefasst, ergänzt durch je einen Beitrag zu Männlichkeitsforschung sowie Mediensport. Weitere Identitätsaspekte kommen vereinzelt in anderen Kapiteln vor, so im Beitrag »Phänomene des Werdens: Intersektionalität, Queer, Postcolonial, Diversity und Disability Studies als Orientierungen für die Medienforschung« von Waltraud Ernst im Theorieteil. Sicher musste eine Auswahl getroffen werden, denn weitere Kategorien wie z. B. Dis/Ability, Elternschaft, sexuelle Orientierung, Körper, Religion, Nationalität oder ostdeutsche/westdeutsche Sozialisierungen wären ebenfalls denkbar für dezidierte Texte zu Differenzen gewesen. Für die letzte Differenzkategorie wäre in »Teil IV Historische Medienforschung,« der sieben Kapitel enthält, auch ein Text zur Geschichte von Medien und Geschlecht in der DDR, z. B. zu Medien von nicht-staatlichen Frauenbewegungen, infrage gekommen.
Auffällig ist auch, dass mit 21 Seiten das längste Kapitel das Thema »Geschlechterbasierte Gewalt: Berichterstattung, Diskurse und feministische Interventionen« berechtigterweise in den Fokus rückt. Geschrieben von Brigitte Geiger, die Lehrbeauftragte am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien war, und Birgit Wolf, die für die Frauenhelpline der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser in Wien arbeitet, zeigt es, wie wichtig die kontinuierliche Verbundenheit von feministischer Forschung und Praxis ist, um das Leben von Frauen und vulnerablen Gruppen konkret zu verbessern: Gewalt vermindern, Schaden abwenden, Menschenwürde achten. Im Fazit schlagen die Autorinnen vor, Lehrstühle und Forschungszentren zu genderbasierter Gewalt zu etablieren, was aufgrund der Beständigkeit und Zunahme von genderbasierter Gewalt online und offline nachvollziehbar ist. »Teil VII Gewalt-, Dominanzverhältnisse und/in Medien« bietet in vier weiteren Kapiteln eine erschreckende Bestandsaufnahme gegenderter Gewalttaten, die sich hartnäckig halten, aber zeigt auch, dass diese keine Tabuthemen mehr, sondern vielfältig ins Licht der Forschung und Medien gerückt sind.
Jeder Beitrag beginnt mit einem Inhaltsverzeichnis und einem Abstract sowie Keywords, die zur Orientierung beitragen. Ein Literaturverzeichnis ist jedem Beitrag nachgestellt. Diese Anordnung ist besonders in der Printausgabe hilfreich, die weder Sachwort- noch Personenregister enthält, um Begriffe über Kapitel hinweg nachschlagen zu können. Das Buch steht jedoch auch als Onlineausgabe zur Verfügung, was die Suche nach speziellen Termini, z. B. Big Data, Soziale Medien oder KI, die nicht explizit in den Überschriften und Unterüberschriften vorkommen, erleichtert. Die Herausgeberinnen und der Verlag haben laut Eigenangabe das Buch als Living Reference Work angelegt. Dadurch können Kapitel, die sich mit rasch entwickelnden Trends befassen, z. B. Technologien wie Künstlicher Intelligenz, Large Language Models oder Computational Methods, aktualisiert und ergänzt werden. Dies soll nach Verlagsauskunft ab 2027 geschehen. Die Onlineausgabe bietet sich auch an, um einzelne Kapitel in der Lehre zum Einstieg in Themen sowie als Überblick oder Wiederholung für Studierende und Lehrende zu nutzen. Sie ist auch in englischer Version verfügbar und leistet damit einen wichtigen Beitrag, um deutschsprachige Studien und Forschungslinien im englischsprachigen Raum zugänglicher zu machen.
Die Stärken des Buches liegen vor allem in der Fülle der Studien, die jeder Beitrag in einer disziplinierten Struktur bespricht, um Anfangs- und Hauptwerke näher zu erläutern und weitere wichtige Studien detaillierter vorzustellen. Dadurch werden Forschungstrends, Konflikte und divergierende Ansätze sichtbar und werden sie in den aktuellen Stand eingeordnet. Verschiedene Definitionen von Schlüsselkonzepten werden diskutiert, so dass die Beiträge besonders gut geeignet sind, um sich in neue Forschungsthemen im feministischen Universum einzuarbeiten. Auffällig ist jedoch, dass die Jahreszahlen der zuletzt zitierten Studien etwas in ihrer Aktualität variieren, was sicher daran liegt, dass die Herausgeberinnen – wie in der Einleitung erwähnt – sieben Jahre an dem 1031-Seiten starken Werk gearbeitet haben.
Immer wieder benennen Autor:innen und auch die Herausgeberinnen in ihrem Fazit die universitären Bedingungen für Gender Media Studies, die sich zwar institutionalisiert, aber den Bezug zu den Frauenbewegungen teilweise verloren haben. Denn Universitäten operieren als »unternehmerische Einheiten, die sich an Management-Kriterien und Kennzahlen orientieren sowie metrisierter Leistungsmessung und eine indikatoren-gestützte Steuerung von Forschung und Lehre vornehmen« (S. 1025). So liefert das Handbuch einerseits ein Zeugnis des Erfolgs der Gender Media Studies, Räume in akademischen Strukturen zu öffnen, um methodisch und theoretisch innovativ zu forschen und in die Kommunikations- und Medienwissenschaft hineinzuwirken. Andererseits zeigt es auch eine fortlaufende Geschichte des Rechtfertigens und Kämpfens von und für marginalisierte Gruppen, die keineswegs abgeschlossen ist. Dabei ist das vorletzte Kapitel von Susanne Lummerding zum Thema »Macht- und diskriminierungskritische Professionalisierung von Wissensproduktion« ein wertvoller Beitrag, um weitere Handlungsoptionen anzuregen. »Es gilt also aktiv dafür einzutreten, dass Wissenschaft und deren Institutionen ein inklusiver Ort machtkritischen In-Frage-Stellens und der solidarisch-kritischen Auseinandersetzung für alle ist.« (S. 1015)
Dies gilt in abgewandelter Form auch für Redaktionen, die multiple Transformationen meistern müssen und denen das Handbuch Medien und Geschlecht einen wertvollen Wissensschatz bietet. Journalist:innen und Medienschaffende können darin nützliche Hinweise für ihre Berichterstattung und Redaktionsprozesse finden und Anfragen an Wissenschaftler:innen zum Thema Gender und Medien präziser gestalten. Redaktionen sollten das Buch unbedingt in ihrem Regal stehen haben, um auf den Stand der Forschung aufzubauen. Zudem sollte das Handbuch in der Büchersammlung von Institutionen und Forscher:innen der feministischen Kommunikations- und Medienwissenschaft als unverzichtbarer Kompass auf keinen Fall fehlen.
Über die Rezensentin
Stine Eckert ist Associate Professor am Department of Communication der Wayne State University in Detroit und Mitherausgeberin der Journalistik/Journalism Research – Zeitschrift für Journalismusforschung.
Über dieses Buch
Johanna Dorer, Brigitte Geiger, Brigitte Hipfl, Viktorija Ratković (Hrsg.) (2023): Handbuch Medien und Geschlecht. Perspektiven und Befunde der feministischen Kommunikations- und Medienforschung. Wiesbaden: Springer VS, 1031 Seiten, 129,99 Euro.
