Eine Frau im Licht und Schatten von Heimat und Exil Die österreichische Schriftstellerin und Journalistin Hilde Spiel (1911-1990)

von Karin Burghardt

Wir danken der Autorin für ihre Zustimmung zur Vor-Veröffentlichung des folgenden Aufsatzes. Er wird in Kürze in einem zweisprachigen Sammelband erscheinen, der russische und deutschsprachige Schriftstellerinnen und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts porträtiert.[1] Neben Hilde Spiel z. B. Karl Kraus, Joseph Roth, Erich Kästner, Ingeborg Bachmann und Christa Wolf auf der deutschen, Maksim Gor´kij, Marietta Šaginjan, Larisa Rejsner, Vasilij Grossman, Aleksandr Solženizyn und Čingiz Ajtmatov auf der russischen Seite. Durchgehende Problematik ist das Verhältnis, das diejenigen, die das öffentliche Wort ergriffen, zu den Herrschenden in den wechselnden Regimen der beiden Länder hatten.

Hilde Spiel gehörte zu den Schriftstellerinnen, die Journalismus als mehr oder weniger lästigen ›Brotberuf‹ betreiben oder – in ihrem Fall verstärkt durch schwierige literarische Produktionsbedingungen im Exil – erst durch existentielle Bedrängnis zur journalistischen Haupttätigkeit kommen. Mit ihren zeitkritischen, vom Englischen als der für den Journalismus besonders geeigneten Sprache bereicherten Essays hat sie besondere Anerkennung gefunden – nicht nur beim ›Literaturpapst‹ Marcel Reich-Ranicki. Wie dieser engagierte sich die 1963 endgültig in die deutsche Sprache und in ihr Heimatland Österreich zurückgekehrte Publizistin gegen das Verdrängen und Beschönigen der NS-Vergangenheit und gegen den auch nach der Befreiung vom NS-Regime fortdauernden oder wieder aufflackernden Antisemitismus.

Mit kritischem Blick auf den deutschsprachigen Nachkriegsjournalismus tat sie das publizistisch, indem sie z. B. in Essays, Reden und Interviews auf die vielen Journalisten und Journalistinnen hinwies, die vor 1945 ihrem Beruf in nationalsozialistisch gelenkten Medien nachgegangen waren und ihre Tätigkeit danach umstandslos fortsetzten. Oder indem sie antisemitische Äußerungen von namhaften Journalisten wie dem Chefredakteur der Salzburger Nachrichten und Rechtsphilosophen René Marčic, nach dem später auch ein Journalistenpreis benannt wurde, aufs Korn nahm. Jener hatte 1949 in einem Artikel Sätze wie diesen, auf Hilde Spiels Ehemann Peter de Mendelssohn gemünzten geschrieben: »Wer über Gott und das Gebet Spott treibt, […] der darf sich nicht wundern, wenn er […] eines Tages in die Gaskammer gesteckt wird. Mendelssohn und seinesgleichen haben selber die Welt heraufbeschworen, von der sie dann verfolgt wurden.«[2] Das zeitgeschichtliche Thema des Verhaltens von Journalisten und Journalistinnen im NS-Regime und danach hat Hilde Spiel aber auch als Schriftstellerin behandelt, z. B. in ihrem Stück Anna und Anna, das 1988 im Wiener Burgtheater unter Claus Peymann uraufgeführt wurde. Darin hat sie die problematische Handlungsweise durchleuchtet, die »innere Emigration« oder »Camouflage« genannt wird.[3] Sie hat sich dazu folgendermaßen geäußert:

»In Anna und Anna, das kein Schlüsselstück ist – ich habe ja nicht nur einen bestimmten Menschen gemeint, das hätte ich keinesfalls machen wollen –, habe ich gewisse äußere Umstände […] in einer Figur verarbeitet. Diese Figur steht für mich für Menschen, die sich […] im inneren Exil befunden zu haben glaubten; die in Wahrheit aber das Regime durch tägliche Unterwürfigkeiten und als tägliche Ausführungsorgane diese Publizität, die das Dritte Reich eben gebraucht hat, gestützt haben. Sie haben in den Zeitungen, in denen sie gearbeitet haben, ohne zu murren, wahrscheinlich eine Unmenge von Lügen abdrucken müssen […] und trotzdem innerlich gedacht, diesen Widerstand, den sie gegen das Regime empfinden, nicht weiter aktivieren zu müssen. Diese merkwürdige Schizophrenie ist etwas, was ich bis heute nicht verstehe, das mir aber recht charakteristisch für sehr viele vorkommt, die nicht nur in Medien gearbeitet haben […].«

(hpö)

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Sie war eine Getriebene, eine Getriebene in zweierlei Hinsicht. Getrieben durch die Zeit, in die sie hineingeboren wurde, aber auch getrieben durch die eigenen, hoch gesteckten Ziele. Schriftstellerin wollte die junge Hilde Spiel werden. »Vierundzwanzig, und noch nichts für die Unsterblichkeit getan« (Spiel 1989: 125), schreibt sie in ihren Erinnerungen. Allerdings hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits sehr ehrgeizig an ihrer Karriere als Autorin gearbeitet. Über vierzig Erzählungen und Kurzgeschichten, drei Romane sowie zwei Novellen lautete die beachtliche literarische Bilanz der jungen Autorin.[4] Der Großteil der Erzählungen und Kurzgeschichten wurde in der Neuen Freien Presse abgedruckt, wobei die Texte schon sehr früh eine große Begabung erkennen ließen. Als Hilde Spiels erster Roman, Kati auf der Brücke (1933), mit einem renommierten Nachwuchsliteraturpreis ausgezeichnet wurde, fühlte sich die junge Frau »auf der Schwelle einer wahren Literatenexistenz« (Spiel 1989: 93). Alles hätte so weitergehen können, die Weichen für eine literarische Laufbahn in Österreich waren gestellt. Aber das Schicksal will es anders, und das Dollfuß-Regime mit all seinen Konsequenzen wirft die ersten Schatten auf Hilde Spiels Leben.

Jugend und Studium in Wien

Hilde Spiel wurde 1911 als einziges Kind eines katholischen Elternhauses mit jüdischen Wurzeln in Wien geboren. Sowohl Vater als auch Mutter entstammten jüdischen Familien, waren jedoch zum Katholizismus übergetreten. Nach der Grundschule besuchte sie die Frauen-Oberschule von Eugenie Schwarzwald – erste Leitfigur des Mädchens –, wo sie ihre Matura ablegte. Diese Bildungsanstalt war eine für damalige Verhältnisse sehr moderne, fortschrittliche Schule, die ihren Schülerinnen nach dem Zerfall der Habsburgermonarchie Vertrauen in die Zukunft der jungen Republik Österreich sowie ein Gefühl der Weltoffenheit vermitteln wollte (vgl. Strickhausen 1996: 10ff.). Eugenie Schwarzwald, in Polupanowka an der russischen Grenze der Habsburgermonarchie geboren und in Czernowitz aufgewachsen, war eine der ersten Frauen, die ein Studium absolvierten. Damals noch in Zürich, da dies in der Haupt- und Residenzstadt Wien nicht möglich war (vgl. Spiel 1989: 56). Das emanzipatorische Credo ihrer in Wien eröffneten Schule lautete: »Alles sollten da die Mädchen lernen, was die Männer wußten« (Spiel 1989: 56). Hilde Spiel folgt ihrem Vorbild. Sie studiert Philosophie, Psychologie sowie Ethnologie an der Universität Wien und promoviert 1936 mit dem Versuch einer Darstellungstheorie des Films, so der Titel ihrer Dissertation. Im Hause Spiel war meist »die Kasse knapp« (Spiel 1989: 90). Das Studium finanzierte sich die junge Frau daher unter anderem durch die Mitarbeit an der ›Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle‹ von Paul Felix Lazarsfeld und durch die Arbeit als Redakteurin einer Frauenzeitschrift (vgl. Strickhausen 1996: 15ff.). Darüber hinaus schreibt sie bereits zu diesem frühen Zeitpunkt Artikel zu kulturellen Themen, Reportagen, Reiseberichte und Kritiken für verschiedene österreichische Zeitungen und Zeitschriften. Was die Anzahl ihrer Veröffentlichungen angeht, überwiegen jedoch eindeutig die literarischen Texte (vgl. Kiegler-Griensteidl 1999: 58ff.) Noch im Jahr ihrer Promotion verlässt Hilde Spiel Wien, um fortan mit ihrem Ehemann, dem deutschen Journalisten und Schriftsteller Peter de Mendelssohn, in London zu leben. Sie kehrt erst 1963 endgültig in ihre Heimatstadt zurück.

Einsatz für die Demokratie im Ständestaat-Regime

Über ihre Beweggründe, 1936 nach England zu emigrieren, schreibt Hilde Spiel in einem ihrer Essays mit dem Titel Ich lebe gern in Österreich:

»Ich ging 1936 ins Exil, weil mir der Ständestaat Übelkeiten machte […]. Das war nicht meine Welt: ein bäuerliches Pathos, gepaart mit der Bereitschaft, nach allen Seiten hin zu paktieren, den Satan von rechts zu überholen, die Demokratie lieber selber zu verschenken statt mit ihr unterzugehen. Keine Freiheit mehr, nur schlampige Unfreiheit, die allerdings viele Schlupflöcher offen ließ. Die wollte ich nicht benützen« (Spiel 1981a: 17).

Voll Entsetzen und Trauer beobachtete Hilde Spiel den Bürgerkrieg im Februar 1934 sowie das langsame Entstehen des Ständestaates und dessen »Verzerrung […] in eine Imitation des künftigen Nazi-Regimes« (Spiel 1992a: 35). Und als im Sommer 1936 der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg und Hitler den Pakt geschlossen hatten, war der Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland für sie lediglich eine Frage der Zeit (vgl. Spiel 1992a: 35). Der anfangs noch schleichende Verlust der Demokratie in Österreich sowie die Machtergreifung Hitlers im Nachbarland veranlassten Hilde Spiel, ihr demokratiepolitisches Bewusstsein in institutionellem Rahmen zu demonstrieren. 1933 trat sie der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bei. Sie besuchte Protestversammlungen gegen die NS-Herrschaft in Deutschland und die rechten politischen Kräfte in Österreich: »Nazis, Sturmscharen, Heimwehren« (Spiel 1989: 99). Nach dem Verbot der SDAP engagierte sie sich im Untergrund. Gemeinsam mit der Hausangestellten ihrer Eltern, die schon lange Mitglied der Arbeiterpartei war, sammelte sie nach den blutigen Kämpfen vom 12. Februar 1934 Adressen hilfsbedürftiger Familien, deren Männer Opfer des Bürgerkrieges geworden waren. Es entstanden ganze Listen mit Namen von Bedürftigen, die an Abgesandte der britischen Labour-Party weitergeleitet wurden. Auf Betreiben des damals für einige Zeit in Wien lebenden Dozenten für Volkswirtschaft, Hugh Gaitskell, waren diese nach Wien gekommen, um durch eine erste finanzielle Hilfe die Gleichgesinnten auf dem Kontinent zu unterstützen. Dieses politische Engagement war nicht ohne Risiko für Hilde Spiel. Im Zuge ihrer Kurierdienste entging sie einmal nur knapp einer Verhaftung, als sie mit einer Tasche voll Namenslisten gerade auf dem Weg zur Universität war und unweit von ihr eine Frau durchsucht wurde. Es war nicht das erste Mal, dass sie den Handlangern des Regimes entkommen war. Nach den Februarkämpfen führte ein Heimwehrtrupp in der ›Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle‹ eine Hausdurchsuchung durch und verhaftete sämtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Hilde Spiel hatte Glück, da sie an diesem Tag zufällig nicht dort war. Ihre Kolleginnen und Kollegen wurden für Wochen, teils sogar Monate im Gefängnis festgehalten (vgl. Spiel: 98ff.). Die Entscheidung, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei beizutreten, verdient in diesem Zusammenhang besondere Aufmerksamkeit. Obwohl sie inmitten ihrer Parteikolleginnen und -kollegen »einen leichten Schauder vor dem Verlust […] [ihrer] Individualität« (Spiel 1989: 99) verspürte, wollte sie mit ihrem Beitritt zur SDAP, neben dem damit verbundenen praktischen Engagement, einen symbolischen Akt setzen (vgl. Spiel 1992a: 34). »Ich hatte das Gefühl, ich muss etwas tun, um mich zu meinem Gegner zu bekennen« (Spiel 1992a: 34), betonte sie rückblickend im Alter. Ihr Parteibeitritt ist damit auch Ausdruck für die große Bedeutung und die Hoffnungen, die sie und ihre ganze Generation in die Erste Republik gesetzt hatten. Gleichzeitig aber auch Ausdruck des Protestes und der Enttäuschung über das Scheitern dieses politischen Aufbruchs in die Freiheit, dem mit der Regierung Dollfuß plötzlich der Weg abgeschnitten wurde. Für Hilde Spiel war die österreichische Demokratie nicht erst mit dem Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland 1938, sondern bereits mit dem Bürgerkrieg im Februar 1934 begraben worden (vgl. Spiel 1989: 102). In ihren Erinnerungen schreibt sie darüber:

»Wir weinten in jenem Februar. Was vier Jahre später geschah, war entsetzlich, aber vorhersehbar gewesen für alle, die ihre Augen nicht davor verschließen wollten« (Spiel 1989: 102).

Opfer der Zensur: Der Sonderzug

Ein knappes Jahr nach dem Bürgerkrieg wird Hilde Spiels zweiter Roman Der Sonderzug bereits keinen Verleger mehr in Österreich finden. Dessen Editionsgeschichte, die keine wirkliche war, gibt einen äußerst aufschlussreichen Einblick in das politische und kulturelle Klima des autoritären Ständestaates. Der Roman wurde nicht etwa wegen mangelnder Qualität, sondern aufgrund seiner aktuellen politischen Bezüge zunächst vom Zsolnay Verlag, dann auch von ihrem neuen Verleger Ralph A. Höger abgelehnt. Die im Sonderzug geschilderten parteipolitischen Konstellationen entbehrten durchaus nicht der Parallelen zur österreichischen Lage und hätten gewiss die Zensurbehörde des Ständestaates nicht passiert (vgl. Strickhausen 1996: 78ff.). Auch Hilde Spiel selbst kommentiert die Ablehnung des Romans viele Jahre später dahin gehend, wenn sie schreibt:

»Dass (…) Der Sonderzug, rund um die Pariser Februarkämpfe des Jahres 1934, keinen Verleger hatte finden können, ging auf den zum gleichen Zeitpunkt in Wien, nach kurzem Bürgerkrieg, erfolgten politischen Umsturz zurück« (Spiel 1981b: 173).

Österreichs kulturelle Strukturen waren seit dem Februar 1934 gekennzeichnet von erheblich eingeschränkten Publikationsmöglichkeiten, Aufführungsverboten, Zensur sowie verdeckten antisemitischen Auswahlkriterien (vgl. Bolbecher 1995: 17). Für Hilde Spiel bedeuteten die Folgen dieser kulturpolitischen Zähmung in erster Linie einen harten Rückschlag der jungen, aufstrebenden und hoffnungsfrohen Autorin in ihr. Die Ablehnung des Sonderzuges war und blieb für sie im schriftstellerischen Bereich »die größte Enttäuschung meines Lebens« (Spiel 1989: 118). Für den Zsolnay Verlag spielten jedoch noch andere Überlegungen eine Rolle bei der Ablehnung des Manuskriptes. Dieser wollte auch in Deutschland verkaufen, wo mittlerweile die Zugehörigkeit zur ›Reichsschrifttumskammer‹ erforderlich war, zu welcher Hilde Spiel als Jüdin – im Sinne der nationalsozialistischen Rassengesetze – nicht zugelassen worden wäre (vgl. Strickhausen 1996: 78). Darüber hinaus war der Verlag nach der P.E.N.-Club-Spaltung 1933 unter dem Einfluss der illegalen österreichischen NSDAP schon längst zur Heimstätte der völkischen Autoren Österreichs geworden (vgl. Amann 1996: 106). Die politischen Veränderungen im Nachbarland werfen unübersehbar ihre Schatten über die Grenze und tragen zu einer zunehmenden Erkaltung des politischen und kulturellen Klimas in Österreich bei. Durch die nationalsozialistische Machtergreifung in Deutschland verlieren viele österreichische Künstler, Autoren und Publizisten einen Großteil ihres Publikums, oft sogar noch vor einer Emigration ihre Existenz (vgl. Bolbecher 1995: 17). Hilde Spiels späterem Ehemann, Peter de Mendelssohn, gelingt es zwar noch von Österreich aus sein Buch über den Minnesänger Oswalt von Wolkenstein zu veröffentlichen, jedoch nur, da das Werk unter dem Pseudonym Carl Johann Leuchtenberg erscheint. Es wird – was einer bitteren Komik nicht entbehrt – in Nazideutschland von der Kritik begeistert gefeiert werden (vgl. Spiel 1989: 117). Hilde Spiels neuer Verlag willigt lediglich in ein kleines Sommerbuch ein, das der jungen Autorin vorschwebt, dessen profaner Titel, Verwirrung am Wolfgangsee, auf dem der Verlag besteht, jedoch sogleich ihren Unmut erregt (vgl. Spiel 1989: 119). Bald bereut sie, sich auf »die vom Verleger gewünschte Leichtigkeit«, diese »Flunkerei ohne Hand und Fuß« (Spiel 1989: 119) eingelassen zu haben und empfindet das Buch als Verrat an der ›großen Literatur‹ (vgl. Spiel 1989: 119). »Der Titel sah nach Illustrierte aus, aber ich war in einer Zwangslage, musste Geld verdienen« (Spiel 1992a: 41), begründet sie im Alter das Zugeständnis der leichten Lektüre.

Flucht vor Mitläufertum und Antisemitismus

Das Buch war der »erste Kompromiss, die erste Anpassung an die politischen Verhältnisse, denen Hilde Spiel durch die Entscheidung für das Exil zu entkommen suchte« (Strickhausen 1996: 78f.). Eine »verschwommene, verschmierte Zeit« (Spiel 1989: 103) nennt Hilde Spiel die Jahre des Ständestaates im Rückblick. Sie sieht sich selbst immer tiefer in dessen moralischen Sumpf hineingezogen, hat sogar eine Affäre mit einem Faschisten und findet sich bei abendlichen Streifzügen durch Wien inmitten der neuen Führungselite wieder (vgl. Spiel 1989: 120f.). Dieser »Prozess der Aufweichung, der langsamen aber unausweichlichen Korruption«, die »Furcht vor meiner eigenen Veränderung« (Spiel 1989: 114), zwingen Hilde Spiel letztendlich, Österreich zu verlassen. Die junge Frau sah sich offensichtlich der Gefahr des Mitläuferinnentums ausgesetzt, der sie entkommen wollte, der Gefahr weiterer Zugeständnisse, wie schon das leichte Sommerbuch eines gewesen war. Gefahren lauern aber auch anderswo. Hilde Spiel beobachtet, wie Anhänger der verbotenen aber vom Untergrund aus weiter operierenden nationalsozialistischen Partei kleine Terrorakte rings um die Universität verüben, immer wieder gibt es teils blutige Übergriffe auf jüdische Studenten. Die Ermordung des von ihr hoch geachteten Philosophieprofessors Moritz Schlick, welche von der antisemitischen Presse sogleich als judenfeindliche Tat ausgeschlachtet wird, trifft Hilde Spiel tief (vgl. Spiel 1989: 103ff.). Auch wenn sie dies in ihren Erinnerungen nicht explizit anspricht, musste die junge Frau sich aufgrund ihrer jüdischen Abstammung tagtäglich ebenso als potenzielles Opfer von derlei Verbrechen fühlen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die politischen Veränderungen in ihrer Heimat die Entwicklung der Erzählerin Hilde Spiel bereits im Ansatz deutlich hemmen (vgl. Neunzig 1999: 25). Verwirrung am Wolfgangsee war für viele Jahre Hilde Spiels letztes Buch, das in Österreich erschien. Ihr Roman Der Sonderzug blieb bis heute (!), von Auszügen abgesehen, unveröffentlicht.

Schreiben in der fremden Sprache

Ab Herbst 1936 lebt Hilde Spiel mit ihrem Ehemann in London. Was trotz allem zunächst als freiwilliger Aufenthalt in England beginnt, wird mit der nationalsozialistischen Machtergreifung in Österreich 1938 zur zwingenden Lebensform – zum Exil. Die erschwerten Produktionsbedingungen für eine schriftstellerische Arbeit, von denen Hilde Spiel im Österreich des Ständestaates bereits einen Vorgeschmack erhalten hatte, prolongieren sich, wenngleich in anderer Ausformung, im fremden Land. Ja, nicht nur das, sie verschärfen sich im englischen Exil. Die größte Herausforderung für Hilde Spiel, wie für alle exilierten Autoren und Autorinnen, war die fremde Sprache. Im fremden Land mit der fremden Sprache war ihr ureigenes Werkzeug, die deutsche Sprache, mit einem Mal unbrauchbar geworden, sie waren »um ihr mitgebrachtes Kapital geprellt« (Spiel 1976a: 39). Mit großem Eifer machte sich die junge Frau daher daran, Englisch schreiben zu lernen. »Man wußte nicht, wie das Hitler-Reich zu Ende gehen würde (…) und es wäre ein Fehler gewesen, sich weiter auf die deutsche Sprache zu versteifen« (Spiel 1992a: 41). Ein Sprachwechsel war nicht zuletzt deshalb unumgänglich, da die Publikationsmöglichkeiten für exilierte Autoren und Autorinnen im Exilland England auf ein Minimum schrumpften. Weder gab es hier Exilverlage, wie es sie in den Niederlanden (Allert de Lange, Querido) oder Schweden (Beermann-Fischer) immerhin bis zur Besetzung dieser Länder durch das NS-Regime gab (vgl. Wiemann 1998: 20ff.), noch gab es ein deutsch lesendes Publikum (vgl. Tergit 1973: 135). Die mangelnden Veröffentlichungsmöglichkeiten fördern auch die Hinwendung zum Journalismus. Für die Exilpublikation Die Zeitung verfasste Hilde Spiel von Mai 1941 bis April 1943 redaktionelle Beiträge, wobei es sich in der Mehrzahl um Buchbesprechungen handelt (vgl. Strickhausen 1996: 430). Eine Publikation in einem englischen Verlag wiederum dürfte sehr stark von der ›richtigen‹ Stoffwahl abhängig gewesen sein. Bei den Rezensenten stießen vor allem historiografische, politische und autobiografische Werke sowie Romane mit aktuellem politischem Bezug auf die größte Zustimmung (vgl. Strickhausen 1992: 370ff.). Diese Erfahrung machte auch Hilde Spiel mit ihrem Wien-Roman The Fruits of Prosperity. Im Zusammenhang mit dessen Ablehnung durch englische Verleger spricht sie davon, sie »hätte wahrscheinlich viele Romane geschrieben, wenn ich nicht die Schwierigkeit gehabt hätte, dass das, was mich interessiert hat, die Engländer nicht interessiert hat« (Spiel 1981c: 407).

Englische Vorbilder

Bei der Aneignung des Englischen als Literatursprache orientierte sich Hilde Spiel zum einen an zeitgenössischen britischen Autoren und Autorinnen wie W. H. Auden, Stephen Spender, oder Virginia Woolf, zum anderen an englischen Zeitungen und Zeitschriften wie The Observer, Sunday Times, Listener, The New Statesman and Nation sowie an der von Frauen redigierten Time and Tide (vgl. Spiel 1989: 155f.). Die Essayisten dieser Publikationen – Desmond Shawe-Taylor, James Agate oder der junge Philip Toynbee – waren für Hilde Spiel »Vorbilder der kritischen und kontemplativen Schreibkunst« (Spiel 1989: 156). Von den großen Meistern des englischen Essays wiederum – dem englischen Schriftsteller Charles Lamb (1775-1834), der als Schöpfer des Essays gilt, von William Hazlitt oder Walter Pater – lernte Hilde Spiel, »dass Einfachheit nicht simpel war, Knappheit nicht flach und Durchsichtigkeit das Ergebnis langwieriger Kristallisationen« (Spiel 1989: 157). Wesentlich am Sprachwechsel Hilde Spiels ist dabei, dass dieser ihr Verhältnis und ihren Umgang mit der deutschen Muttersprache in hohem Maße neu definierte. Durch das englische Exil habe sie gelernt, »das Deutsche erst richtig handzuhaben« (Spiel 1992b: 78). Auch die im Englischen so wichtigen Kriterien des Anschaulichen, Bildhaften und Durchsichtigen sowie »eine gewisse Scheu vor der Abstraktion, in die das Deutsche so oft verfällt« (Spiel 1972: 94), nahm die Autorin für sich als Bereicherung an und übertrug sie später auf das Schreiben in der Muttersprache (vgl. Spiel 1972: 94). Der Zwang, sich die fremde Sprache aneignen zu müssen, führte so gleichsam zu einer Neuinterpretation der Muttersprache als Arbeitswerkzeug, die ihre Umsetzung schließlich vor allem in der ›deutsch‹-sprachigen Essayistik fand.

Die Entdeckung des Essays

Ab 1940/41 schreibt Hilde Spiel das erste Buch in englischer Sprache – den bereits genannten Wien-Roman The Fruits of Prosperity, welchen sie um 1943 beendet. Über dessen mühsamen Entstehungsprozess klagt sie in einem Brief an den österreichischen Exillyriker Theodor Kramer: »Ich mache nur sehr langsamen Fortschritt, weil ich ihn englisch schreibe, und brauche zu zehn Seiten einen Monat« (Spiel 1995: 15). Zur großen Enttäuschung der Autorin findet sich jedoch kein britischer Verlag, der das Buch drucken will (vgl. Schramm 1999: 70 sowie Neunzig 1999: 26). Es erscheint erst 1981, auf Deutsch und in Hilde Spiels eigener Übersetzung (vgl. Spiel 1986a: 293). Das mangelnde Interesse an The Fruits of Prosperity seitens englischer Verleger markiert eine weitgehende Abkehr vom literarischen Schreiben. Es habe, so die Autorin, »zunächst verhindert, dass ich weiter als Erzählerin mich betätigte, was ja ursprünglich meine Absicht war« (Spiel 1981c: 407). Nach diesem Rückschlag geht sie dazu über, Essays auf Englisch zu schreiben. Ein großer, unerwarteter Erfolg für Hilde Spiel (vgl. Spiel 1992a: 41.). 1944 veröffentlicht der New Statesman ihren Essay über Henri Alain-Fourniers Roman Le grand Meaulnes in der äußerst prestigeträchtigen Rubrik ›Books in general‹ (vgl. Schramm 1999: 70). Die Arbeit für den New Statesman bleibt aber sehr sporadisch und begrenzt. Im Jahr 1946 erscheinen zwar noch vier weitere Beiträge, bis 1952 kann Hilde Spiel dort jedoch insgesamt nur mehr drei Artikel platzieren (vgl. Strickhausen 1996: 430). Dennoch begann hier etwas zu reifen, was sich in der Arbeit für deutschsprachige Blätter fortsetzen und nicht mehr abreißen sollte. Der Zwang in einer fremden Sprache, also auf Englisch, schreiben zu müssen, lenkte Hilde Spiel auf die kleine Form, den Essay. In einem Fernseh-Interview wenige Jahre vor ihrem Tod räumte sie etwa ein, dass das Erlernen der feuilletonistischen Essayistik sich wesentlich unproblematischer darstellte (vgl. Spiel 1986b). Über das Schreiben in der fremden Sprache resümiert sie:

Der luftigen, witzigen, prägnanten Art, in der man etwa in England über Dinge schreibt, wird man eher habhaft als jener künstlerischen Ausdrucksform, in der die Dinge selbst vermittelt werden sollen: Wo intuitive und individuelle Sprachgewalt erforderlich ist, eine Bewusstmachung in tiefsten Schichten ruhender Bilder und Gedanken, da findet der Eingewanderte häufig noch den Zugang versperrt (Spiel 1992b: 77f.).

Hilde Spiels mehr oder minder unfreiwilliger Übergang vom narrativen zum essayistischen Schreiben ist damit als unmittelbare Folge der Exilsituation zu sehen. Auch andere exilierte Autorenkollegen wie Ernst Bornemann oder Hilde Spiels Ehemann, Peter de Mendelssohn, machten im fremdsprachigen Exil eine vergleichbare Entwicklung durch (vgl. Strickhausen 1996: 280).

Der Weg zur Freelance-Journalistin

Aber auch andere, äußere Rahmenbedingungen begünstigen Hilde Spiels Hinwendung zum Journalismus. Von September 1947 bis Mai 1948 schreibt sie Theaterkritiken für die Berliner Ausgabe der Tageszeitung Die Welt. Auch dies gleichsam eine Fügung des Schicksals. Ehemann Peter de Mendelssohn war als britisch-amerikanischer Presseoffizier im Nachkriegsberlin am Wiederaufbau der Presseinfrastruktur beteiligt. Seine Aufgabe war es unter anderem, unbelastete deutsche Journalisten für die Gründung neuer Zeitungen zu finden. Im August 1947 wird Mendelssohn erster Chefredakteur der Welt und bestellt seine Frau zur Theaterkritikerin. Hilde Spiel agiert Akzent setzend für Presse und Bühne. Darüber hinaus schreibt sie Filmkritiken, Buchrezensionen sowie diverse andere Kulturartikel (vgl. Siebenhaar 1999: 88ff.). Hier kommt es nun zum ersten ausgedehnten Probelauf der Journalistin Hilde Spiel, bei dem die Einflüsse der Jahre in England fruchtbar gemacht werden. Erstmals fließen österreichische und englische Stilebenen zusammen, englische Leichtigkeit und Konsequenz paaren sich in Hilde Spiels Theaterkritiken mit österreichischer Anmut und Musikalität (vgl. Langenbucher 2000: 361). Hilde Spiel bezeichnete den Berlinaufenthalt und die damit verbundene Wiederorientierung auf den deutschen Sprachraum als eine »Schaltstelle des Schicksals«, da sie und ihr Mann »von der deutschen Sprache, ja der deutschen Welt wieder vereinnahmt (waren), ob wir’s wollten oder nicht, und […] in die britische nie mehr ganz zurück (fanden)« (Spiel 1989: 234). Es war ein Wieder einfühlen und Wieder einschreiben in die Welt der Muttersprache, das nicht ohne Folgen blieb. Unmittelbar nach ihrer Rückkunft in London beginnt Hilde Spiel mit dem Aufbau eines ›Syndikats für Kulturberichte aus London‹ (vgl. Spiel 1990: 114). Als Freelance-Journalistin beliefert sie fortan eine Reihe von Zeitungen, Wochenschriften und Rundfunkstationen in der ehemaligen Bundesrepublik, Österreich, der Schweiz, Belgien und den Niederlanden mit Beiträgen über sämtliche kulturelle Ereignisse in der britischen Hauptstadt (vgl. Strickhausen 1999: 96). Darunter so angesehene Blätter wie der Berliner Tagesspiegel, die Zürcher Weltwoche oder die Süddeutsche Zeitung (vgl. Simhofer 1998: 87ff.). Ab Herbst 1952 berichtet Hilde Spiel außerdem über die Salzburger Festspiele (vgl. Strickhausen 1999: 96ff).

Einzige Heimat Muttersprache

Das Leben im Exil und vor allem das Leben mit zwei Sprachen haben aus ihr »das Produkt einer Schizophrenie« (Spiel 1972: 93) gemacht, so Hilde Spiel. Bereits kurz nach Kriegsende verspürte sie den Ruf der Heimat und nutzte ihren Status als Journalistin, um im Jänner 1946 für den New Statesman als ›war correspondent‹ nach Wien zu reisen (vgl. Schramm 1999: 69ff.). Dieses teils schmerzliche Wiedersehen mit ihrer Heimat setzte den »langsame(n) Prozess einer Loslösung aus dem englischen Bereich« (Spiel 1968: 154) in Gang und nahm die spätere Rückkehr nach Österreich vorweg, die, wie Hilde Spiel betonte, letztlich »unvermeidlich war« (Spiel 1968: 154). Auf Wien folgte Berlin, aber dennoch lebte Hilde Spiel noch lange Zeit in England. Geschrieben hat sie jedoch in erster Linie auf Deutsch. Wie für viele andere Exilierte war nach dem Heimatverlust die deutsche Sprache auch für sie zur einzig möglichen Heimat geworden (vgl. Spiel 1972: 94). Der Wiedergewinn der Muttersprache war für sie ein,»Geschenk; ich habe nie mehr aufgehört, mich darüber zu freuen« (Spiel 1972: 93f.). Vor diesem Hintergrund ist auch die Tatsache zu sehen, dass sie sich ab 1946 wieder der deutschen Muttersprache zuwandte und ein nahezu ausschließlich ›deutsch‹sprachiges essayistisches Schaffen entfaltete.

»Ich ertrinke im Meer der Zeitungswörter«

Die Sprache hatte sie erneut gewechselt, die Darstellungsform des Essays, wie sie sie in England mit Erfolg erlernt und erprobt hatte, behielt sie jedoch bei. Zwar schrieb sie noch ein Buch, den Exilroman The Darkened Room (1961), auf Englisch, ein weiteres Werk aber, das literarische Großprojekt der rund 500 Seiten umfassenden historischen Biografie Fanny von Arnstein oder die Emanzipation. Ein Frauenleben an der Zeitenwende 1758 – 1818 (1962), entsteht auf Deutsch. Das Entstehen dieser, und noch vieler weiterer Bücher parallel zu dem äußerst umfangreichen journalistischen Schaffen und einer höchst produktiven Übersetzerinnentätigkeit verrät den großen Ehrgeiz, mit welchem Hilde Spiel zeitlebens eine schriftstellerische Karriere verfolgte. Ihre viel versprechenden literarischen Anfänge in Wien ließen sie nicht los. Der Konflikt zwischen lästigem, zeitraubendem und aus ihrer Sicht vor allem minderwertigem Tagesjournalismus einerseits und ihren dadurch zurückgedrängten schriftstellerischen Ambitionen andererseits begleitete Hilde Spiel ein Leben lang. Es war ihr, als ertrinke sie »im Meer der Zeitungswörter« (Spiel 1976b: 254). Überdies litt sie stets darunter, dass ihre journalistischen Arbeiten auf ungleich mehr Respekt und Anerkennung stießen als ihre literarischen Hervorbringungen. So wurde etwa der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nicht müde, die Essayistin Hilde Spiel zu loben, während er dem literarischen Schaffen nur sehr schwache künstlerische Kraft attestierte (vgl. Reich-Ranicki 1998: 92). Literarische Güte und literarischen Rang gestand der Kritiker vor allem den journalistischen Arbeiten, den Essays zu, in welchen »das Temperament der Erzählerin« (Reich-Ranicki 1998: 31) zu spüren sei. Jedoch ist es genau diese Verschmelzung von literarischer und journalistischer Begabung Hilde Spiels, welche die hohe Qualität ihrer journalistischen Arbeiten begründet. Immer wieder gelang es ihr, dem Leser, der Leserin komplizierte ästhetische, literarische oder philosophische Sachverhalte transparent zu machen. Nicht anders hatte sie es bei den englischen Vorbildern gelernt. Es ist ein großer Gewinn, den Journalismus aus einem solchen Changieren zwischen den Gattungen zieht (vgl. Langenbucher 2000: 360ff.). Ihre »Sprachkraft, intellektuelle Hellsicht und Beobachtungsgabe« (Langenbucher 2000: 360) hätten Hilde Spiel auch eine literarische Karriere ermöglicht.

Das Exil und die Folgen…

Der unerwartete große Erfolg, den Hilde Spiel mit dem Schreiben von englischen Essays hatte, führte dazu, dass diese Gattung gleichsam ›an ihr hängen blieb‹, und das auch und vor allem, was das Schreiben in der deutschen Muttersprache angeht. Die Kombination aus neuer Darstellungsform, dem Essay, und neu definiertem Gebrauch der deutschen Sprache durch die Einflüsse der englischen Sprache erwies sich dabei als großer Gewinn für Hilde Spiels Schreiben. Ein Rückwechsel in die deutsche Muttersprache wiederum war letztendlich aufgrund der schizophrenen Verfassung, einem Gefühl innerer Zerrissenheit, welche der Sprachwechsel in ihr ausgelöst hatte, unvermeidbar. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der exilbedingte Sprachwechsel, der zur Entdeckung des Essays als sprachliche Ausdrucksform führte, und der Rückwechsel in die deutsche Muttersprache als Konsequenz einer inneren Zerrissenheit neben äußeren Rahmenbedingungen wie dem Berlinaufenthalt wesentliche Einflussfaktoren der Exilexistenz für Hilde Spiels Entwicklung zur Journalistin bilden. Darüber hinaus ermöglichte die Synthese von österreichischen und englischen Einflüssen die Generierung eines charakteristischen Schreibstils, der Hilde Spiel zur unumstrittenen, mehrfach mit verschiedenen Preisen ausgezeichneten Meisterin des Essays werden ließ. Angesichts der begrenzten Möglichkeiten mit Sprache die Welt zu erfassen, offenbaren Hilde Spiels Worte die große Bereicherung, die das Schreiben in zwei Sprachen für sie bedeutete:

»Jedes Gewebe von Worten (…) ist ein anders gearteter Filter, durch den ein Destillat der Wirklichkeit zu gewinnen ist. Mehr als das kann es nicht sein. Aber wer die Realität nicht nur durch einen, sondern durch mehrere Filter siebt, der hat zuletzt die feinste und reinste Essenz gewonnen« (Spiel 1992b: 78).

Über die Autorin

Burghardt, Karin, Mag.a phil., Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft und Deutschen Philologie an der Universität Wien sowie Freien Universität Berlin mit dem Schwerpunkt praktischer Journalismus, studienbegleitende Mitarbeit in der Markt- und Sozialforschung, freie redaktionelle Mitarbeiterin beim führenden österreichischen Nachrichtenmagazin profil, im Zuge der Masterarbeit eingehende Auseinandersetzung mit der österreichischen Schriftstellerin und Publizistin Hilde Spiel, lebt seit 2016 nahe Graz (Austria).

Literatur

Amann, Klaus (1996): Zahltag. Der Anschluss österreichischer Schriftsteller an das Dritte Reich. Frankfurt/M.

Bolbecher, Siglinde (1995): Exilbedingungen und Exilkultur in Großbritannien. Eine Einführung. In: Bolbecher, Siglinde; Kaiser, Konstantin (Hrsg.): Literatur und Kultur des Exils in Großbritannien. Wien, S. 17-27.

Durzak, Manfred (Hrsg.) (1973): Die deutsche Exilliteratur 1933-1945. Stuttgart.

Frühwald, Wolfgang; Schieder, Wolfgang (Hrsg.) (1981): Leben im Exil. Probleme der Integration deutscher Flüchtlinge im Ausland 1933-1945. Hamburg (= Historische Perspektiven Bd. 18).

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Fussnoten

1 Lepilkina, Olga; Pöttker, Horst; Serebriakov, Anatol; Serebriakova, Svetlana (2022): Macht, Herrschaft, Öffentlichkeit. Deutschsprachige und russische Publizistinnen und Publizisten des 20. Jahrhunderts. Köln: Herbert von Halem.

2 Marčic, René: Strahlungen und Gegenstrahlungen. In: Salzburger Nachrichten, 23.12. 1949, S. 22 (= Weihnachtsbeilage, S. 6).

3 Vgl. Pöttker, Horst (2002): Konformität – Opportunismus – Opposition. Zur Typologie von Verhaltensweisen im NS-Regime und danach. In: medien & zeit, 17(2-3), S. 4-11.

4 Für eine zusammenfassende Darstellung von Hilde Spiels ersten Veröffentlichungen vgl. Strickhausen 1996: 427ff., welche diese weitgehend bibliographisch erfasst.


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Zitationsvorschlag

Karin Burghardt: Eine Frau im Licht und Schatten von Heimat und Exil. Die österreichische Schriftstellerin und Journalistin Hilde Spiel (1911-1990). In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 1, 2022, 5. Jg., S. 28-42. DOI: 10.1453/2569-152X-12022-12023-de

ISSN

2569-152X

DOI

https://doi.org/10.1453/2569-152X-12022-12023-de

Erste Online-Veröffentlichung

März 2022