Rezensiert von Tanjev Schultz
Die Qualität journalistischer Beiträge zu messen, ist herausfordernd. Was als Qualität gilt, hängt von grundsätzlichen Vorstellungen zur Rolle des Journalismus in der Gesellschaft ab. Dass er für die Demokratie wichtig ist, mag offensichtlich sein – aber inwiefern genau? Kompliziert wird es auch deshalb, weil in der Demokratietheorie eine Vielfalt an Modellen existiert, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen.
Andreas A. Riedl hat sich davon zum Glück nicht abschrecken lassen. Seine 2023 an der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommene Dissertation ist eine lesenswerte Studie, die mit zwei Förderpreisen ausgezeichnet wurde. Das Buch ist theoretisch originell, methodisch aufwendig und empirisch ertragreich. Als Ausgangspunkt dienen drei Demokratiemodelle: das repräsentative, das deliberative und das partizipatorische. Aus ihnen leitet Riedl jeweils bestimmte Ansprüche an die Qualität der Berichterstattung ab.
Komme es dem repräsentativen Modell auf Unparteilichkeit an, setze das deliberative Modell auf eine diskursive, das partizipatorische Modell auf eine aktivierende Qualität der Berichterstattung. Mit einer Inhaltsanalyse misst Riedl nicht nur das Ausmaß, in dem die Medien die Ansprüche erfüllen (sein Sample umfasst Beiträge aus Zeitungen und Rundfunksendern in Österreich). Er untersucht auch mögliche Einflussfaktoren, welche die Befunde erklären können und unterscheidet dabei zwischen Wollen, Sollen und Können, etwa journalistischen Rollenvorstellungen, rechtlichen und medienethischen Normen sowie den redaktionellen Spielräumen im Sinne von Freiheiten und Ressourcen. Dieses Forschungsdesign wird klug hergeleitet und souverän umgesetzt. Neben der systematischen Inhaltsanalyse nutzt der Autor eine quantitative und eine qualitative Befragung von Journalist:innen.
Die Varianzaufklärung ist nicht besonders groß, aber viele Einzelbefunde sind bereits aufschlussreich: Der Journalismus in Österreich zeigt demnach ein hohes Niveau an Unparteilichkeit, vor allem der öffentlich-rechtliche Sender ORF bringt viele Beiträge ohne Wertungen. Die politischen Einstellungen der Medienschaffenden sind kein nennenswerter Faktor, ihre Rollenvorstellungen hingegen schon.
Das deliberative Modell wird im österreichischen Journalismus weniger gut eingelöst. Allgemein zeige sich »ein niedriges Niveau der Diskursivität« (S. 271). So tauchen in Beiträgen nur selten Begründungen auf. Noch am ehesten finden sich diskursive Elemente in überregionalen Zeitungen wie dem Standard. In den Redaktionen ist ein eher negatives Publikumsbild verbreitet, das die diskursiven Leistungen hemmt. »Je stärker Journalist:innen Einflüsse durch Publikumserwartungen wahrnehmen, desto weniger diskursiv ist die von ihnen realisierte Berichterstattung.« (S. 279) Viele unterschätzen womöglich ihr Publikum, indem sie ihm Oberflächlichkeit unterstellen.
Für das partizipatorische Modell hat Riedl den Anteil an konstruktiven (nach seiner Vorstellung aktivierenden) Formen von Emotionalität untersucht. Nur 39 Prozent der Beiträge enthielten solche emotionalen Anteile, am wenigsten waren sie in öffentlich-rechtlichen Angeboten zu finden. In Boulevardmedien gibt es mehr Emotionalität. Doch im Allgemeinen stehe sie »unter dem Primat einer Aufmerksamkeitsökonomie« (S. 314) und werde für Reichweitengewinne eingesetzt. Demnach kann sie nur bedingt die idealistischen Ansprüche der partizipatorischen Theorie erfüllen.
Am Schluss hebt Riedl die medienpolitische Relevanz der Ergebnisse hervor. In Österreich sei der öffentlich-rechtliche Rundfunk ein Rückgrat für die Demokratie im repräsentativen und im deliberativen Verständnis. Ihn gelte es daher zu erhalten und zu fördern.
Die Dissertation könnte zu weiteren komparativen oder themenbezogenen Studien anregen. Riedls Buch hat allerdings auch Schwächen. Über die Abgrenzung der Demokratiemodelle und die Ableitung und Operationalisierung von Qualitätsmerkmalen ließe sich länger diskutieren. So fällt auf, dass eine recht simple Einteilung von Darstellungsformen erfolgte und Riedl mit der Rede von »Nachrichtenqualität« der Bedeutung subjektiver sowie analyse- und meinungsorientierter Formen im Journalismus kaum gerecht wird. Geht es um diskursive Qualitäten, spielen neben klassischen Kommentaren das Debattenfeuilleton und der Magazinjournalismus mit Mischungen aus Informationen, Analysen und Meinungen eine wichtige Rolle. Hier fehlt es dem Buch an Differenzierungen, so ergiebig es insgesamt auch ist.
Über den Rezensenten
Tanjev Schultz ist Professor für Journalismus an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, Deutschland. Er ist einer der Herausgebenden der Journalistik/Journalism Research – Zeitschrift für Journalismusforschung.
Über dieses Buch
Andreas A. Riedl (2024): Nachrichtenqualität als journalistischer Prozess. Demokratietheoretisch fundierte Performanz zwischen Wollen, Sollen und Können. Köln: Herbert von Halem Verlag, 464 Seiten, 42,- Euro.
