Von Luis Paulitsch
Abstract: Auf sozialen Plattformen gelten »Alternativmedien« als maßgebliche Akteure bei der Verbreitung von Klimaskepsis. Die Inhalte reichen von einseitigen Meinungsbeiträgen bis hin zu klimabezogener Desinformation. Der vorliegende Beitrag analysiert spezifische Strategien deutschsprachiger rechtsalternativer Medien beim Thema Klimaschutz und Energiewende. Als wesentliche Grundlage dienen Beurteilungen durch seriöse Faktencheck-Formate (n=38). Insgesamt konnten vier Muster in der Berichterstattung identifiziert werden, die mutmaßlich zur Klimaskepsis beim Publikum beitragen: (1) Angriffe gegen klimawissenschaftlichen Konsens; (2) unseriöse Quellen und »Experten«; (3) irreführende Wiedergabe; (4) Diskreditierung politischer Gegner:innen.
Ein aktueller Bericht des deutschen Forschungsprojekts »NOTORIOUS« identifiziert maßgebliche Akteur:innen und Narrative bei klimabezogener Desinformation auf Social-Media-Plattformen: Im Gesamtdatensatz[1] sind unter den Top 10-Domains, die bei den verdächtigen Postings identifiziert wurden, gleich mehrere »Alternativmedien« vertreten (vgl. Börgmann et al., 2025, S. 19). Dies deute auf ein eigenes »Ökosystem« zur Verbreitung von Klimaskepsis und Verzögerungsnarrativen hin, das hierfür die Inhalte alternativer Medien nutze (vgl. Börgmann et al., S. 10). Der Forschungsbericht bestätigt die These, wonach rechtsalternative Blogs inzwischen ein wichtiges Mittel sind, um gegen Klimaschutz zu agitieren und dabei die »politischen Milieus des Konservatismus, Wirtschaftsliberalismus und Marktfundamentalismus mit radikalen libertären und rechtspopulistischen Gruppen« zu vernetzen (Quent et al., 2022, S. 174).
Seit mehreren Jahren hat die Klimaberichterstattung rechtsalternativer Medien auch Auswirkungen auf politischer Ebene. Ab 2018 übernahmen etwa Social-Media-Accounts der Alternative für Deutschland (AfD) sukzessive klimaspezifische Begriffe, die zunächst auf rechtspopulistischen Nachrichtenseiten aufgetaucht waren (vgl. Knüpfer & Hoffmann, 2024). Im Vorfeld der deutschen Bundestagswahl 2021 gab es bereits einen deutlichen Anstieg klimaskeptischer Postings, deren verantwortliche Accounts vor allem Beiträge rechter Outlets wie Tichys Einblick oder dem Deutschland-Kurier teilten (vgl. Matlach & Janulewicz, 2021, S. 16). Dennoch wird die Rolle rechtsalternativer Medien in Publikationen zu klimabezogener Desinformation überwiegend bloß am Rande thematisiert. Dieser Beitrag analysiert daher konkrete Fälle und Strategien zur Verbreitung von Klimaskepsis durch deutschsprachige »Alternativmedien«. Als Grundlage dienen ausgewählte Beurteilungen durch etablierte Faktencheck-Formate, die mittlerweile auch für die Journalismusforschung als fundierte Quellen gelten (vgl. Zwins, 2025, S. 65ff.).
Zunächst wurde gezielt nach einschlägigen Medienprojekten und Begriffen wie »Klima« und »Energiewende« auf deutschsprachigen Faktencheck-Seiten gesucht (u. a. in: AFP Faktencheck, Correctiv und Mimikama). Die ermittelten Quellen (n=38), die klimabezogene Falschmeldungen durch Beiträge rechtsalternativer Medien aufzeigen, wurden mithilfe einer strukturierenden Inhaltsanalyse ausgewertet (vgl. Mayring, 2022, S. 96ff.). Schrittweise wurden vier (Ober-)Kategorien gebildet, die sich sowohl anhand der Quellen ergeben wie auch in der Klimaforschung als Methoden zur Verbreitung antiökologischer Positionen gelten (deduktiv-induktiver Ansatz, siehe Kapitel 3). Um verallgemeinernde Zuschreibungen im Forschungsteil zu vermeiden, werden die in Faktenchecks untersuchten Medienprojekte stets namentlich ausgewiesen.
1. »Alternativmedien« und Klimaskepsis
Der Begriff »Alternativmedium« kam in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf und wurde ursprünglich für linksgerichtete Publikationen im Umfeld sozialer Bewegungen angewandt. Erst mit der Digitalisierung beanspruchten immer mehr rechte Player die Bezeichnung für sich (vgl. Hooffacker, 2020). Aktuell plädiert die Kommunikationsforschung für eine inklusive und – in Abgrenzung zu den »Mainstream-Medien« – mehrrelationale Definition von Alternativmedien; ausschlaggebend sind dabei das Selbstverständnis wie auch die Bewertung durch die Konkurrenz und das Publikum (vgl. Holt et al., 2019). Da es sich mittlerweile aber oft um eine Eigenbezeichnung zu PR-Zwecken handelt, stößt die Begriffsverwendung auf Kritik und wird im vorliegenden Beitrag bevorzugt in Anführungszeichen gesetzt.
Das Spektrum rechter »Alternativmedien« ist breit und reicht von rechtskonservativen und -libertären über verschwörungsideologische bis hin zu rechtsextremen Publikationsorganen. Sie alle eint aber die Ablehnung vermeintlicher (links-)liberaler Eliten und das gemeinsame Narrativ von Europas Weg in den Untergang (vgl. Paulitsch, 2025a, S. 73f.). Mit dem Aufstieg der Klimabewegung und der fortschreitenden Energiewende ist in den letzten Jahren auch das Thema »Klima« in den Fokus einschlägiger Publikationen gerückt. Seither nimmt sogenannte Klimaskepsis[2] in deutschsprachigen »Alternativmedien« auffallend viel Raum ein, etwa durch Titelseiten, eigene Rubriken oder Sonderausgaben (vgl. Lamberty & Nocun, 2023, S. 65f.). Zudem ermöglicht die heutige Vernetzung rechtsalternativer Medien bei der Klimaberichterstattung eigene »Zitierkartelle« (Brunnengräber, 2018, S. 287), indem sie gegenseitig aufeinander verweisen oder auf dieselben antiökologischen Akteur:innen zurückgreifen (vgl. Haupt, 2020, S. 180). Die koordinierte Zusammenarbeit dürfte dazu beitragen, dass klimaskeptische Begriffe und Gegner:innen der Energiewende immer wieder Einzug in etablierten Medien halten (vgl. Brunnengräber, 2018, S. 286f.).
2. Verbindungen zu antiökologischen Akteur:innen?
Es stellt sich die Frage nach der Motivation rechtsalternativer Medien bei ihren Kampagnen gegen Klimaschutz. Eine erste plausible Erklärung liegt in ihrem symbiotischen Verhältnis zu rechtspopulistischen Parteien, die wissenschaftsgeleiteten Klimaschutzmaßnahmen oft skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen, etwa zur AfD in Deutschland oder zur Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) (vgl. Haller, 2018; Paulitsch, 2025b). Darüber hinaus pflegt ein beachtlicher Teil der »Alternativmedien« mehr oder weniger offenkundige Verbindungen zu Lobbyorganisationen bzw. Thinktanks, die in Europa mittlerweile eine gewichtige Rolle bei der Verbreitung antiökologischer Positionen spielen (vgl. Almiron et al., 2020).
Als zentraler Akteur in Deutschland gilt hier das Europäische Institut für Klima & Energie (EIKE). Entgegen der Eigendarstellung ist EIKE keine Forschungseinrichtung, sondern ein seit 2007 eingetragener Verein mit Sitz in Jena, der mit einflussreichen Klimaleugnungsorganisationen im Ausland kooperiert (z. B. dem Heartland Institute aus den USA; vgl. Moreno et al., 2022). Als Lobbyverein besteht EIKE nur zum Teil aus Naturwissenschaftler:innen, einige Mitglieder haben eine Nähe zur Politik.[3] Auf seiner Website übernimmt EIKE auffallend oft Beiträge rechtsalternativer Medien, darunter Tichys Einblick, Achse des Guten und eigentümlich frei. Umgekehrt publizierte Axel Robert Göhring, ein Mitarbeiter von EIKE, in der Vergangenheit in mehreren »Alternativmedien« wie eigentümlich frei, Compact oder der Schweizer Weltwoche (vgl. Draeger & Tusche, 2025). Im Jahr 2024 luden rechtsalternative Publikationen wie Tichys Einblick und Der Sandwirt zu einem »Bürgergipfel« in Stuttgart, bei dem neben weiteren einschlägigen Medien EIKE als Partner auftrat.
Personelle Überschneidungen gibt es auch mit neoliberalen bis marktradikalen Gruppierungen, deren Mitglieder teilweise im antiökologischen Milieu auftreten. So sind mehrere (Gast-)Autor:innen der rechtslibertären Zeitschrift eigentümlich frei zugleich bei Denkfabriken wie dem Ludwig von Mises Institut Deutschland[4] oder der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft[5] aktiv. Auch der Herausgeber von Tichys Einblick war bzw. ist Mitglied der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft und der Mont Pèlerin Society (vgl. Quent et. al., 2022, S. 171ff.). Mehrere Autoren bei Tichys Einblick referierten außerdem in der Vergangenheit bei Vernunftkraft, einer Dachorganisation von Antiwindkraft-Initiativen.[6] Und der Hauptfinanzier von NIUS und dessen Österreich-Ableger eXXpress ist Ehrenvorsitzender eines Landesverbands des CDU-Wirtschaftsrats, der immer wieder als »scharfer Bremser in Sachen Klimaschutz« auffällt (Deckwirth, 2024).
Die Hintergründe solcher Verflechtungen sind unklar und möglicherweise rein ideologisch motiviert. Mit Blick auf die klimapolitischen Positionen von Organisationen wie EIKE verwundert es jedenfalls nicht, dass viele rechtsalternative Medien vor allem gegen die Energiewende anschreiben. Zusätzlich ist anzumerken, dass etwa die Hälfte der zwanzig führenden deutschsprachigen »Alternativmedien« ökonomische, persönliche und/oder mediale Verbindungen zum Kreml bzw. nach Russland pflegt (vgl. Beseler & Töpfl, 2024). Es stellt sich somit die Frage, ob bei der medialen Agitation gegen Klimaschutz vereinzelt nicht auch ausländische (wirtschaftspolitische) Interessen eine Rolle spielen (vgl. Vrba, 2023).
3. Strategien in der Klimaberichterstattung
Die antiökologischen Narrative in »Alternativmedien« sind vielfältig und passen sich regelmäßig gesellschaftlichen Trends an. Außerdem trägt die ideologisch unterschiedliche Ausrichtung rechtsalternativer Medien dazu bei, dass ihre inhaltlichen Schwerpunkte bei der Klimaberichterstattung divergieren können. Dennoch sind anhand von Faktencheck-Analysen vier – nicht streng voneinander zu trennende – Strategien beobachtbar, die aktuell zur Klimaskepsis in der Bevölkerung beitragen (sollen). Im Wesentlichen handelt es sich dabei um das klassische, jahrzehntealte Repertoire der internationalen Klimawandelleugnung (vgl. Coan et al., 2021; Quent et al., 2022, S. 182ff.).
3.1 Angriffe gegen den klimawissenschaftlichen Konsens
Eine erste Strategie besteht darin, den wissenschaftlichen Konsens zum Klimawandel[7] anzugreifen, konkret dass die globale Erderwärmung durch menschliche Aktivitäten bzw. die Emission von Treibhausgasen verursacht wird. Einzelne Medienprojekte suggerieren nach wie vor, dass es keine gesicherten Erkenntnisse oder eine ernstzunehmende Kontroverse in der Klimaforschung gäbe. Hierfür werden zum einen die Ursachen des Klimawandels angezweifelt, etwa mit der Behauptung, dass der Einfluss von CO2-Emissionen lediglich gering sei (vgl. Lehn, 2024b bzgl. Epoch Times; Ollig 2025 [Report24]), Vulkane deutlich mehr CO2 ausstoßen würden oder Sonnenzyklen für die globale Erwärmung verantwortlich seien (vgl. Gindl, 2024 [Report24]). Für solche längst widerlegten Thesen greifen rechtsalternative Medien entweder auf absolute Minderheitspositionen zurück oder führen gar keine seriösen Belege an. Zum anderen können auch Studien zum breiten klimawissenschaftlichen Konsens oder anerkannte Klimamodelle als manipulativ bzw. fehleranfällig dargestellt werden (vgl. Thom, 2023; Zwins, 2023 [AUF1]).
Speziell verschwörungsideologische »Alternativmedien« stellen zentrale Erkenntnisse zur Klimakrise zudem oft als ein Konstrukt globaler Eliten dar. Hauptverantwortliche seien demnach angebliche »Globalisten«, so etwa Mitglieder des World Economic Forum (WEF), die mit Klimaschutzmaßnahmen entweder Geld verdienen oder an der Errichtung einer autoritären »Klimadiktatur« arbeiten würden (vgl. Zwins, 2023 [AUF1]; Gindl, 2024 [Report24]). Beim Publikum soll der Eindruck entstehen, dass wissenschaftsbasierte Klimapolitik gegen die Bedürfnisse der Bevölkerung gerichtet und in Wahrheit von Lobbyinteressen geleitet sei. Folglich hantieren rechtsextreme Medien wie AUF1 und Compact gerne mit Formulierungen wie »Klima-Schwindel«, »Klimalügen« oder »angeblich menschengemachter Klimawandel« (vgl. Lamberty & Nocun, 2023, S. 64f.). Beliebtes Angriffsziel sind hier neben der etablierten Wissenschaft – wenig überraschend – die »Mainstream-Medien«, denen bei der Klimaberichterstattung ebenfalls eine Agenda unterstellt wird (vgl. z. B. Hollingsworth, 2025).
Allerdings geht es den meisten »Alternativmedien« nicht (mehr) vorrangig um die Leugnung des Klimawandels oder des menschlichen Anteils daran. Vielmehr zielt die aktuelle Klimaberichterstattung rechtsalternativer Portale darauf ab, Maßnahmen zur Bekämpfung der Klimakrise und ihre Befürwortenden zu diskreditieren. Im Zentrum steht der Vorwurf, dass evidenzbasierte Lösungen für mehr Klimaschutz ineffektiv seien, individuelle Freiheiten einschränken und/oder den hiesigen Wirtschaftsstandort massiv gefährden würden (vgl. Sommer et al., 2022, S. 62ff.; Nicolosi et al., 2025); gegenteilige Positionen bzw. Befürwortende der Energiewende werden dabei regelmäßig mit Begriffen wie »Klimawahn«, »Klima-Hysteriker« oder »Klima-Apokalyptiker« herabgewürdigt (Quent et al., 2022, S. 174f.). Nicht selten greifen jene Portale bei der Erzählung, dass die Energiewende zu Wohlstandsrückgang und flächendeckenden Stromausfällen führe, auf irreführende Methoden zurück (siehe 3.3.).
3.2 Unseriöse Quellen und »Expert:innen«
Immer wieder nutzen »Alternativmedien« scheinbar seriöse Belege, um die eigene klimaskeptische Erzählung zu untermauern. In der Regel handelt es sich um Quellen, die aus journalistischer Perspektive zumindest eine kritische Einordnung erfordern würden. Darunter fallen Äußerungen bekannter Klimaleugner:innen (vgl. Thom, 2023 [AUF1]) ebenso wie Einschätzungen etablierter Institutionen, z. B. von Behörden, die aus klimawissenschaftlicher Sicht bereits öffentlich widerlegt wurden (vgl. Lehn, 2024b [Epoch Times]). Besonders gern berichten rechtsalternative Medien über gemeinsame Erklärungen und Offene Briefe von (vermeintlichen) Fachpersonen, die dem Klimanotstand oder den Ursachen der Erderwärmung widersprechen. In den Berichten über jene Petitionen bleibt allerdings häufig unerwähnt, dass sich unter den Unterzeichnenden nur wenige Klimaforschende befinden, viele davon bereits in der Vergangenheit die Gefahren des Klimawandels geleugnet und/oder Verbindungen zur Fossilindustrie und klimaskeptischen Organisationen haben (vgl. Nelkner, 2019 [Epoch Times]; Echtermann & Eckert, 2019 [u. a. Tichys Einblick; Epoch Times]; Zwins, 2023 [AUF1]).
Daneben treten in den meisten »Alternativmedien« auch angebliche Klima-Expert:innen auf, die im Bereich der Klimawissenschaft entweder kaum Reputation genießen oder gar fachfremd sind. Zwar stellen jene Interviewgäste den Klimawandel meist nicht grundsätzlich infrage, argumentieren aber gegen klimapolitische Lösungsvorschläge wie die Einführung einer CO2-Steuer oder den Ausbau erneuerbarer Energien (vgl. Haupt, 2020, S. 178f.). Dazu zählt etwa der Chemiker, Ex-Manager und ehemalige SPD-Politiker Fritz Vahrenholt, einer der wohl prominentesten Klimawissenschaftsskeptiker Deutschlands (vgl. Brunnengräber et al., 2024, S. 154). In der Öffentlichkeit mobilisiert Vahrenholt zurzeit vor allem gegen die Windkraft und kommt bei rechtsalternativen Portalen ausführlich zu Wort (vgl. z. B. Reveland/Siggelkow, 2023 [NIUS]). Während anerkannte Klimaforschende in der Berichterstattung rechtsalternativer Medien also oft abgewertet werden, inszeniert man die eigenen »Expert:innen« als vertrauenswürdig und wirklich unabhängig (vgl. Hafner, 2024, S. 104f.).
3.3 Irreführende Wiedergabe
Viele rechtsalternative Medien arbeiten heute bewusst mit Methoden der Irreführung, indem sie Quellen und Informationen verzerrend oder bloß selektiv wiedergeben (vgl. Paulitsch, 2024, S. 32). Diese Strategie wird auch bei der Klimaberichterstattung angewandt, speziell rund um das Thema Energiepolitik. Ein Beispiel hierfür ist die in Faktenchecks vielfach widerlegte Behauptung, dass der Ausbau von Windkraftparks zu noch mehr Dürren bzw. Trockenheit führe, etwa weil dadurch Jetstreams geschwächt würden (vgl. u. a. Todtmann, 2022 [Epoch Times]; Zwins, 2024 [Deutschland-Kurier]).[8] Solche irreführenden Meldungen beruhen entweder auf verzerrt wiedergegebenen Studien (vgl. Kornatz, 2023 [u. a. AUF1]), erfundenen Zitaten (vgl. Thom, 2024 [Deutschland-Kurier]) oder reinen Spekulationen: Unmittelbar nach einem Blackout auf der Iberischen Halbinsel im Frühjahr 2025 erweckten rechtsalternative Portale den Eindruck, dass dieser mutmaßlich auf eine Überproduktion von Solarstrom bzw. Photovoltaikanlagen zurückzuführen sei, was sich später als falsch erwies (vgl. Laschyk, 2025 [Apollo News; Tichys Einblick]). Auch Bilder können manipulativ eingesetzt werden, um Skepsis gegenüber der Energiewende zu schüren, z. B. durch nicht authentisches Videomaterial zu angeblich brennenden Solaranlagen infolge einer Hitzewelle (vgl. Bernhard, 2025 [InfaRotMedien]). Derartige Beiträge »alternativer Medien« tragen mitunter dazu bei, den vor Ort gebotenen Ausbau erneuerbarer Energien zu verzögern (vgl. etwa Kapeller, 2024).
Auch über klimapolitische Ereignisse auf internationaler Ebene wird wiederholt verzerrend berichtet. So verbreiteten zahlreiche rechtsalternative Medien die Behauptung, dass rund 100 Städte ab 2030 den Konsum von Fleisch, Molkereiprodukten oder den Besitz von privaten Autos verbieten würden – in Wahrheit wurden im betreffenden Dokument[9] lediglich die auf Konsum basierenden Emissionen analysiert und Städten Denkanstöße zur Reduktion geliefert (vgl. Funke, 2023 [u. a. tkp, Reitschuster, Weltwoche]). Dasselbe gilt für klimapolitische Maßnahmen anderer Staaten, die rechtsalternative Medien falsch oder missverständlich wiedergeben, etwa einen Regierungsbeschluss zu den Energiezielen Schwedens (vgl. Lehn, 2023 [u. a. Unzensuriert, tkp, Tichys Einblick])[10] oder ein Gerichtsurteil zu Windparkgenehmigungen in Frankreich (vgl. Lehn, 2024a; Nicolaus 2024 [Deutschland-Kurier, Tichys Einblick]).[11] Falschnachrichten über Klimaschutzmaßnahmen im Ausland dürften besonders fruchtbar sein, weil sie für das heimische Publikum weniger leicht überprüfbar sind.
Eine weitere irreführende Methode »alternativer Medien« besteht darin, einzelne Passagen oder Details an sich seriöser Erkenntnisse der Klimaforschung selektiv zu zitieren, um damit ebenfalls Klimaskepsis zu schüren; diese Form von Entkontextualisierung wird gemeinhin als Cherrypicking bezeichnet (vgl. Quent et al., 2022, S. 185f.). Einerseits kann sie dazu dienen, die Dringlichkeit der Klimakrise anzuzweifeln bzw. Entwarnung zu geben, etwa bei punktuellen Wetterphänomenen wie einem überdurchschnittlichen Schneevorkommen auf der Nordhalbkugel (vgl. Orsini 2022 [Unzensuriert]). Im Sommer 2025 verbreitete Report24 die Meldung, dass Australiens »Great Barrier Reef« blühe und gedeihe, weil den offiziellen Daten zufolge im Juni keine Bleiche des Korallenriffs beobachtet worden war – dass zu dieser Zeit in Australien Winter und somit keine zusätzliche Bleiche üblich ist, blieb im Artikel unerwähnt (vgl. Nass, 2025; Ollig 2025; ferner Thom, 2023 [AUF1]).
Andererseits wird Cherrypicking dazu genutzt, einzelne Thesen von Klimaforschenden aus dem Kontext zu reißen, um die Klimawissenschaft insgesamt ins Lächerliche zu ziehen: Bei einzelnen Wetterereignissen können frühere Aussagen von Expert:innen in spöttischer Manier zitiert werden, z. B. dass in Zukunft kaum noch Schnee fallen werde, ohne diese Prognosen sorgfältig einzuordnen (vgl. Crestani, 2023 [eXXpress]). Ebenso werden manchmal einzelne Details aus aktuellen Studien herausgepickt, um diese als unseriös oder unglaubwürdig darzustellen, wie dies zuletzt beim Österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel der Fall war (vgl. Gutschi, 2025 [eXXpress]).
3.4 Attacken auf politische Gegner:innen
Mit dem Aufstieg der internationalen Klimabewegung haben sich in den letzten Jahren auch die Angriffe rechtsalternativer Medien auf politische Gegner:innen verschärft. Das betraf zunächst die relativ junge Bewegung Fridays for Future, ausgelöst durch Schulstreiks der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg (vgl. dazu Dave et al., 2020). Ab 2019 nutzten rechtsalternative Nachrichtenseiten vermehrt Begriffe wie »Greta-Jünger«, »Greta-Jugend« oder »Klimasekte«, um die Aktivist:innen als quasi-religiös und damit irrational darzustellen (vgl. Knüpfer & Hoffmann, 2024). Infolge der Protestaktionen der Letzten Generation ab 2022 nahm in deutschsprachigen »Alternativmedien« hingegen das Framing der Klimabewegung als Terrorist:innen zu (vgl. Bundtzen, 2023). Neben dem »Terror«-Vorwurf gegen die Letzte Generation kam es immer wieder auch zu irreführenden Berichten, etwa dass wegen einer Verkehrsblockade eine Frau ums Leben gekommen sei oder jene Protestgruppen staatliche Gelder erhielten (vgl. Gindl, 2024 [Report24]). Zudem unterstellt man den Klimaaktivist:innen gerne Linksextremismus, während rechtsextreme Vorfälle tendenziell verharmlost werden (vgl. Eckert, 2024 [eXXpress]).
Im Zuge der Gaspreiskrise ab 2022 sind auch die Grünen als Partei(en) ein zentrales Feindbild in der Klimaberichterstattung rechtsalternativer Medien geworden (vgl. Bundtzen & Matlach, 2023, S. 10f.). Zwar agitierten »Alternativmedien« schon davor gegen die Grünen, etwa im Zuge von Umweltkatastrophen (vgl. Echtermann, 2020 [Epoch Times]) oder während des deutschen Bundestagswahlkampfs 2021 (vgl. Röttger et al., 2021 [u. a. Info-DIREKT, Report24]). Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine gerieten die Grünen aber noch stärker ins Visier rechter Portale, die grüne Klimapolitik als hauptverantwortlich für die drohende Energieknappheit darstellten. Ein anschauliches Beispiel dafür ist der Kanal »Achtung, Reichelt!«, auf dem zwischen April 2022 und Januar 2023 vorwiegend gegen die Grünen und Robert Habeck polemisiert wurde, wohingegen Wladimir Putin als eigentlicher Verursacher der Energiekrise kaum Erwähnung fand (siehe in: ZAPP, 2023). Ein beliebtes Mittel rechtsalternativer Medien besteht darin, grüne Politiker:innen als ideologiegetrieben und damit autoritär darzustellen, beispielsweise durch verkürzte oder gar falsche Zitate (vgl. Helberg, 2019 [PI-News]; Seegers, 2024 [Apollo News]).
4. Schlussbemerkung
Die Verbreitung von Klimaskepsis beschränkt sich nicht bloß auf das Spektrum rechtsalternativer Medien (vgl. Rahmstorf, 2024, S. 185f.). Zuletzt hat etwa die Berichterstattung über das geplante Gebäudeenergiegesetz der »Ampel«-Koalition gezeigt, dass auch etablierte (Boulevard-)Medien mit inhaltlich irreführenden Verkürzungen arbeiten (vgl. Jost & Mack, 2024). Allerdings dürften rechte »Alternativmedien« derzeit (klima-)journalistische Standards weitaus gezielter missachten, zumal sie die Regeln der berufsethischen Selbstkontrolle überwiegend ablehnen (vgl. Paulitsch, 2024, S. 35f.). Hinzu kommen Verbindungen zu klimaskeptischen Organisationen, die medial nur selten thematisiert werden. Der seriöse Journalismus ist damit künftig umso mehr gefordert, Methoden klimabezogener Desinformation aufzuzeigen und den Absichten rechtsalternativer Portale nachzugehen. Wünschenswert wäre ein investigativer Klimajournalismus, wie ihn auch der Medienwissenschafter Bernhard Pörksen (2024) sinngemäß fordert.
Das vollständige Quellenverzeichnis findet sich unter https://osf.io/user/xw2kt
Über den Autor
Luis Paulitsch, Mag., M.A. (*1991) ist Jurist, Zeithistoriker und Medienethiker aus Wien. Er war langjähriger Referent des Österreichischen Presserats, seit 2024 arbeitet er für die DATUM STIFTUNG für Journalismus und Demokratie. Paulitsch veröffentlicht regelmäßig Beiträge in Fachzeitschriften, 2025 erschien sein erstes Buch zum Thema »Alternative Medien« bei Springer VS. Kontakt: luis.paulitsch@datumstiftung.at
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Fussnoten
1 3,3 Millionen deutschsprachige Postings auf X (vormals Twitter), Facebook, Telegram und Instagram, die klimarelevante Themen behandeln und zwischen 2019 und 2023 veröffentlicht wurden.
2 Zu unterscheiden ist zwischen Klimawissenschaftsskepsis (bzw. Klimaleugnung), Klimapolitik- und instrumentenskepsis sowie Ablehnung der Energiewende (Klassifizierung nach Brunnengräber, 2018).
3 Zu den politischen Verbindungen von EIKE siehe ausführlich in: Lobbypedia, »Europäisches Institut für Klima und Energie«.
4 Z. B. Jörg Guido Hülsmann, Senior Fellow am Mises Institute und im Redaktionsbeirat von eigentümlich frei.
5 Z. B. Gerd Habermann, Initiator und Mitgründer der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft, oder André F. Lichtschlag, Herausgeber von eigentümlich frei und Mitglied der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft.
6 Zu den einzelnen Personen siehe in: Lobbypedia, »Roland Tichy«.
7 Der Konsens über den menschengemachten Klimawandel liegt laut mehreren Untersuchungen bei mindestens 99 Prozent der Klimaforschenden.
8 Interessanterweise argumentiert man gegen Windräder hier aus der Perspektive des Natur- bzw. Umweltschutzes. Bei Kohleabbau oder Atomkraft wird diese Perspektive hingegen meistens ignoriert.
9 Konkret ein 2019 erschienener Bericht des »C40-Netzwerks«, einem Zusammenschluss von weltweit rund 100 Bürgermeister:innen, die gegen den Klimawandel gemeinsam vorgehen wollen.
10 Hier: Dass Schweden den »Green Deal« der EU verlasse, obwohl es lediglich seine Energieerzeugungsziele bis 2040 angepasst hatte (nicht mehr zu 100 Prozent aus Erneuerbaren, sondern »fossilfrei«).
11 Hier: Dass Windkraftanlagen in Frankreich nun illegal seien, obwohl sich das Verwaltungsgerichtsurteil lediglich auf einen Formfehler bei Lärmschutzbedingungen bezog und bestehende Windparks nicht berührte.
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Zitationsvorschlag
Luis Paulitsch: Klimaskepsis durch »Alternativmedien«?. Strategien und Muster in der Klimaberichterstattung rechter Gegenöffentlichkeiten. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 2, 2026, 9. Jg., S. 144-156. DOI: 10.1453/2569-152X-22026-16192-de
ISSN
2569-152X
DOI
https://doi.org/10.1453/2569-152X-22026-16192-de
Erste Online-Veröffentlichung
August 2026
