Vergegenwärtigen des Vergangenen Ein Gespräch anlässlich der Publikation Schuld und Geheimnis. Bekenntnisse von Legenden in der deutsch-jüdischen Publizistik

Mitmachen, »innere Emigration« oder Flucht? Jüdische Journalistinnen und Journalisten hatten nach der Machtübernahme der Nazis zumeist keine andere Wahl als zu fliehen. Wie haben sie überlebt? Wie konnten sie und nicht-jüdische Oppositionelle aus dem Exil heraus gegen die Diktatur anschreiben? Und wie haben im Gegensatz dazu andere, die geblieben sind, Karriere gemacht oder sich mit den Nazis arrangiert?

Siegfried Weischenberg, emeritierter Professor für Journalistik, widmet sich in seinem neuen Buch Schuld und Geheimnis. Bekenntnisse von Legenden der deutsch-jüdischen Publizistik den bekannten und weniger bekannten Journalistinnen und Journalisten. Ob Alfred Kerr oder Hilde Spiel, Fritz Sänger oder Elisabeth Noelle – ganz unterschiedliche Verhaltensweisen und Erzählungen über das Erlebte stehen zur Diskussion. Die Lebenswege und das publizistische Werk wichtiger deutscher Journalistinnen und Journalisten des 20. Jahrhunderts nehmen der Autor Siegfried Weischenberg und die Tübinger Medienwissenschaftlerin Martina Thiele zum Anlass, um über Autobiografien als Quellen, über Erinnern und Vergessen, Schuld und Verantwortung sowie Antisemitismus und Geschlechterverhältnisse im Journalismus zu sprechen.

Martina Thiele: Warum ein Buch über deutsch-jüdische Publizist:innen? Ist es dein individueller Beitrag zu dem, was wir kollektives Gedächtnis nennen?

Siegfried Weischenberg: Aus Sicht meiner Generation ist viel versäumt worden, auch wenn es gewiss respektable Beispiele für »Vergangenheitsbewältigung« gab. Ich selbst bin im Laufe der Jahrzehnte auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Holocaust und Antisemitismus konfrontiert worden – oder auch nicht. Auf dem Gymnasium kam das im Geschichtsunterricht überhaupt nicht vor …

Das war zu meiner Schulzeit, 1974 bis 1987, deutlich anders.

Ich bin Jahrgang 1948. Mit ca. 14 Jahren habe ich im Kino erstmals einen Film gesehen über die Befreiung eines Konzentrationslagers, ich glaube es war Auschwitz, mit all diesen unglaublichen Bildern der Ermordung von Jüdinnen und Juden.

Weißt du noch, welcher Film das war? Alain Resnais’ Nacht und Nebel von 1956? Erwin Leisers Mein Kampf von 1960?

Ganz sicher bin ich mir da nicht. Später, 1978, gab es dann die extrem umstrittene US-amerikanische Serie Holocaust über die Familie Weiß. Und als Journalist habe ich für Reuters eine Zeitlang Berichte über den Düsseldorfer Majdanek-Prozess geschrieben.

Über diesen Prozess hat Eberhard Fechner einen dreiteiligen Interview-Film gemacht, Der Prozeß von 1984. Er war wahnsinnig enttäuscht, welchen Sendeplatz der Film erhalten hat und über die dann eher geringe Resonanz … Ich erwähne das nur, weil ich mich intensiv mit publizistischen Kontroversen über Holocaustfilme[1] beschäftig habe.

Ja, in den 1980er-Jahren war das Thema »Vergangenheitsbewältigung« präsenter. Jahre später habe ich aus Anlass des 100. Geburtstags von Gerd Bucerius einen Vortrag an der Universität Haifa gehalten, wo ich dann auch Begegnungen mit Holocaust-Überlebenden hatte. Ko-Referent war Moshe Zimmermann. Und in Hamburg habe ich bis zu meiner Emeritierung ganz in der Nähe des Ortes gearbeitet und auch gewohnt, wo die niedergebrannte Synagoge stand und wo es die Talmud-Tora-Schule gibt, die seit Jahren bewacht werden muss – was eine Schande ist. In der ganzen Gegend sind sogenannte Stolper-Steine verlegt, die an Personen erinnern sollen, die von den Nazis in den KZS umgebracht worden sind.

Das ist natürlich nur eine ›Betroffenheit von außen‹, nicht zu vergleichen mit dem, woran sich jemand wie Hape Kerkeling im Gedenken an seinen Großvater erinnert.[2] Solche Erinnerungen sind besonders wichtig, und deshalb habe ich in mein zweites Buch Inge Deutschkron aufgenommen, die zusammen mit ihrer Mutter versteckt in Berlin den Holocaust überlebt und später wichtige Beiträge zur ›Erinnerungskultur‹ geleistet hat – so durch ihre Rede im Deutschen Bundestag am 30. Januar 2013,[3] 80 Jahre nach Hitlers Machtergreifung, und zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Du greifst für dein Buch über deutsch-jüdische Publizist:innen vor allem auf deren Autobiografien zurück. Sind das nicht eher fragwürdige Quellen, gerade auch aus Sicht eines Sozialwissenschaftlers, der empirische Journalismusforschung betrieben, der systemisch und berufsbezogen statt individualistisch argumentiert hat?

Dazu muss ich ein wenig ausholen. Schon zu Beginn meines Soziologie-Studiums habe ich mich nicht nur theoretisch mit der Methode des Interviews beschäftigt, damals auf Basis des von René König herausgegebenen Bands Das Interview,[4] sondern auch praktische Interview-Erfahrungen gesammelt. So in den Semesterferien als Interviewer im Ruhrgebiet und in der Eifel für eine Studie über die Verwaltungsreform. Mein erstes längeres journalistisches Interview habe ich während des Volontariats bei der Neuen Ruhr-Zeitung mit Elisabeth Noelle-Neumann in ihrer Mainzer Wohnung geführt. Dabei ging es um die Leistungen und Fehlleistungen von Demoskopie. Später habe ich dann repräsentative Befragungen zum »Journalismus in Deutschland«[5] auf den Weg gebracht und an der Universität Lehrveranstaltungen zu Theorie und Praxis des Interviews angeboten, weil ich immer wieder Mängel im real existierenden Journalismus feststellen musste. Das hatte ich selbst gespürt, als ich in meiner Zeit als DJV-Vorsitzender[6] häufig interviewt wurde und z. B. in Talkshows saß. Parallel dazu hatte ich Autobiografien sozusagen als »Antworten ohne Fragen« entdeckt – oder genauer: Memoiren als eine Art von Selbstbefragung.

Selbstbefragung klingt gut, Selbstbeantwortung birgt aber schon die Gefahr, Geschehnisse auszulassen oder schön zu reden.

Im ersten Kapitel des Buchs habe ich die Frage nach der Validität dieser Quellen ausführlicher diskutiert, und dies schien mir auch notwendig zu sein. Natürlich findet man generell in Autobiografien eine Mischung aus Erinnerungen und Erfindungen, was gerade auch dort deutlich wird, wo die Autor:innen scheinbar wörtlich Dialoge und Einzelheiten von Begegnungen aus der weit zurückliegenden Vergangenheit wiedergeben, was nicht glaubwürdig wirkt. Außerdem gibt es Beispiele von Widersprüchen zwischen den Memoiren verschiedener Personen. Demgegenüber stehen aber die Vorteile von Authentizität, denn in diesen Autobiografien wird selbst Erlebtes beschrieben und nicht primär wiedergegeben, was in Sekundärquellen steht. Im Fall von Publizist:innen kommt hinzu, dass sie ihre Memoiren in der Regel selbst geschrieben haben, weil sie als professionelle Autor:innen keine Ghostwriter brauchten. Wichtig ist aber vor allem: Was ich hier mache, ist keine alternative Journalismusforschung, sondern eine Art Ergänzung zu der empirischen Forschung, die ich viele Jahre lang schwerpunktmäßig betrieben habe.

Mich interessiert besonders auch die Auswahl der porträtierten Personen und die von dir gewählte Bezeichnung »Medienlegenden«. Was macht eine Medienlegende aus? Welche Publizist:innen, Schriftsteller:innen wie Journalist:innen, zählst du zu den legendären?

Diese Fragen habe ich mir natürlich gestellt, als ich das Buchprojekt hervorholte, das ich schon lange in der Schublade liegen hatte. Zunächst schien die Auswahl der Personen, die ich porträtieren wollte, recht einfach zu sein: Memoiren kann in der Regel nur jemand publizieren, der oder die hinreichend populär ist, um einen Verlag zu finden, der die Erinnerungen veröffentlicht. Legenden spielen jedoch darüber hinaus, so müsste man annehmen, in einer eigenen Liga. Dabei geht es oft schon zu Lebzeiten um den Status von ›Auserwählten‹, der durch eine Mischung von ›aus dem Rahmen fallend‹, ›berühmt‹ und ›nachhaltig populär‹ in der Öffentlichkeit zustande gekommen ist. Für die Aufnahme in eine Hall of Fame spielen offenbar dann Faktoren wie Ausstrahlung, Charisma und Wirkung in einem bestimmten Feld – sei es Politik, Fußball, Kunst oder eben Medien – eine zentrale Rolle.

Der Bereich Medien und Journalismus war in deinem Fall, als Journalistik-Professor, klar. Dennoch die Frage: Wer musste vorkommen, wenn es um deutsch-jüdische Medienlegenden geht? Was heißt konkret »deutsch-jüdisch«?

Ja, die Auswahl von Personen, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen, ist im Einzelfall und wenn man sich über einen längeren Zeitraum mit ›Medienlegenden‹ befassen möchte, schwierig. Allerdings fiel sie mir für Schuld und Geheimnis, in dessen Zentrum die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts und insbesondere die Zeit zwischen 1919 und 1945 steht, nicht so schwer. Das gilt insbesondere für herausragende Personen wie Alfred Kerr, Theodor Wolff, Hans Habe, Georg Stefan Troller, Ralph Giordano, Hilde Spiel, Margret Boveri, Elisabeth Noelle, Sebastian Haffner und Henri Nannen. ›Deutsch‹ war dabei weit gefasst, schloss also Personen wie Stefan Großmann, Friedrich Stampfer, Hans Habe, Hilde Spiel, Georg Stefan Troller oder Stéphane Roussel im österreichisch-ungarischen Kaiserreich bzw. nach dem Ersten Weltkrieg in Österreich ein oder Personen, die wie Willy Haas in der Tschechoslowakei bzw. Marcel Reich-Ranicki in Polen geboren worden waren. Sie alle hatten – ebenso wie Alfred Kerr, Theodor Wolff, Gabriele Tergit, Immanuel Birnbaum, Hans Sahl, Curt Riess, Gerhard Löwen­thal und Ralph Giordano ›jüdische Wurzeln‹ im Sinne einer rassifizierenden Zuschreibung, unabhängig davon, in welchem Maße sie sich zum jüdischen Glauben bekannten. Was die »Medienlegenden« angeht, sind mir die Entscheidungen im Fall des zweiten Bandes über die »Bonner Republik«, an dem ich zur Zeit arbeite, schwerer gefallen. Da gab es zwar z. B. den ›Jahrhundertmann‹ Eduard Rhein, der mit seiner Programmzeitschrift Hör Zu die Kassen des Springer-Verlags gefüllt hat, oder Marion Gräfin Dönhoff und Peter von Zahn, die bei der Presse bzw. dem Fernsehen prägend wirkten. Aber was macht man mit jemandem wie dem Agitator Karl-Eduard von Schnitzler, der mit seiner Fernsehsendung Der schwarze Kanal in der DDR sehr einflussreich war, oder dem rechtsradikalen Franz Schönhuber, der mit seiner Mundart-Talkshow Jetzt red I in Bayern eine Zeitlang als Ikone galt und fast TV-Chefredakteur des Bayerischen Rundfunk geworden wäre, ehe er bei den Republikanern und der NPD unterkam? Beide haben jedenfalls interessante Autobiografien hinterlassen.

Die Autobiografie des früheren SS-Mannes Franz Schönhuber hatte ja den aufschlussreichen Titel Ich war dabei. Damit komme ich noch einmal auf die Frage der Auswahlkriterien und der Zweiteilung des Buches Schuld und Geheimnis zurück: Du schreibst zum einen über jene Journalist:innen mit »jüdischen Wurzeln«, die »verfolgt und vertrieben wurden«, zum anderen über jene, die durch »Verschweigen und Verdrängen« eine »zweite Schuld« auf sich geladen haben. Mit dieser zweiten Schuld meinte Ralph Giordano in seinem gleichnamigen Buch ja die Schuld der Verdrängung und Leugnung nach 1945. Was aber war davor, worin genau bestand die erste Schuld der in Deutschland gebliebenen – ich nenne sie einmal Schreibtischtäter:innen?

Diese Zweiteilung war zunächst nicht Grundlage meiner Konzeption; sie hat sich aber nach dem intensiven Studium des Materials und einer Schwerpunktsetzung bei den Jahren nach 1933 quasi von selbst ergeben. Diese zweite Gruppe bestand aus Personen, bei denen das schuldhafte Verhalten ganz unterschiedlich ausfiel. Da gab es die, welche als (eingetragene) Nazis aktiv mitgemacht haben, andere, die man eher als ›Mitläufer‹ bezeichnen würde, aber auch solche mit ›Arier-Nachweis‹, denen keine (›erste‹) Schuld nachzuweisen ist, weil sie sich – wie Axel Eggebrecht oder Felix von Eckardt – erfolgreich in Ränder der Publizistik zurückgezogen haben. Oder ›Arier‹, die, wie Carl von Ossietzky oder auch H. H. Stuckenschmidt, von den Nazis aus (kultur-) politischen Gründen verfolgt worden sind. »Verschweigen und verdrängen« bezieht sich direkt auf solche Fälle, die nach dem Krieg im Sinne von Giordano dadurch eine ›zweite Schuld‹ auf sich geladen haben, dass sie nicht zu ihrer Vergangenheit in der Publizistik des ›Dritten Reichs‹ gestanden haben.

Bei der Beschäftigung mit all diesen ›Legenden‹ bin ich auch immer wieder auf Verhaltensweisen gestoßen, bei denen sich Bezüge zur heutigen Zeit direkt aufdrängten. Etwa die Verharmlosung des Rechtsradikalismus – sogar noch nach Hitlers Machtergreifung, als die Nazis innerhalb weniger Wochen das Land umkrempelten und die ersten Emigranten im Ausland, zunächst meistens in Prag, glaubten, der Spuk werde schon bald vorbei sein, so dass es keinen Grund gebe, sich im Exil einzurichten.

Der zweite wichtige Begriff im Titel des Buches lautet »Geheimnis«. Um welche Geheimnisse geht es dir?

Mein Buch verdankt seinen Entdeckungszusammenhang in gewisser Weise Stefan Zweigs Vortrag Das Geheimnis des künstlerischen Schaffens sowie seiner immer noch lesenswerten Autobiografie Die Welt von Gestern. Zunächst habe ich die Suche nach Geheimnissen direkt auf die Publizistik bezogen und gefragt, was Journalist:innen und Schriftsteller:innen in den recht vielen Autobiografien, die es von dieser Gruppe gibt, an aufschlussreichen Informationen über ihren Beruf hinterlassen haben. Mein Versuch, solche Schaffensgeheimnisse zu lüften und dazu Fragen zu stellen, führt in gewisser Weise meine Beschäftigung mit Max Webers »Entzauberungs-Programm« auf der individuellen Ebene weiter. Was verraten sie darüber, mit seinen Worten, auf welche Weise sie der »Forderung des Tages« gerecht zu werden versuchten? Es lag nahe, dies dann aber auch konkret auf jene Personen zu beziehen, die mit »Arier-Nachweis« in den Medien des »Dritten Reichs« weitergemacht und ihr Wirken nach dem Zweiten Weltkrieg auf zum Teil raffinierte Weise vernebelt haben. Einige Journalisten wie Fritz Sänger oder Focko Lüpsen sind damit bis zu ihrem Tode durchgekommen. Giordanos Begriff »zweite Schuld« halte ich in diesem Zusammenhang für zutreffend, während es über die Frage einer »Kollektivschuld« der Deutschen auch unter Juden unterschiedliche Ansichten gibt.

Die überwiegend akzeptierte Formulierung lautet inzwischen »keine Kollektivschuld, aber kollektive Verantwortung«. Doch in der Nachkriegsphase wurde mehrheitlich geschwiegen, geleugnet, geschönt. Welche Rechtfertigungen und Erklärungen sind da vorgebracht worden? Wer hat wie leicht weitermachen können, welche Kontinuitäten gab es, welche Brüche?

In den Nachkriegsjahren gab es in den alten und neuen Netzwerken eine stillschweigende Übereinkunft, mit einer Abwehrhaltung gegen jede Art von Vergangenheitsbewältigung die Fortsetzung der eigenen Karriere zu sichern und so den von den Alliierten in unterschiedlich intensiver Form betriebenen Prozess der Entnazifizierung zu überstehen. Diese Mauer-Haltung praktizierten die Journalist:innen natürlich nicht exklusiv; ähnliches galt z. B. für Juristen und Künstler:innen. Im Journalismus erwies sich zudem die Strategie als erfolgreich zu behaupten, man habe »zwischen den Zeilen« geschrieben und es durch eine Art »innere Emigration« geschafft, während des Nationalsozialismus keine Schuld auf sich zu laden. Dass sie sich dadurch zum zweiten Mal schuldig machten, wurde in diversen Fällen nach und nach erst offenkundig, als Beispiele für Hetzartikel und Durchhalte-Machwerke publik wurden, die nicht zu entschuldigen waren. Dadurch wurden Medienlegenden wie Werner Höfer und Fritz Sänger spät entzaubert und zuvor schon jemand wie Karl Korn mit seinem üblen Stück über den Film Jud Süß; er konnte jedoch Mit-Herausgeber der FAZ bleiben und weiterhin großen Einfluss auf das kulturelle Leben in der jungen Bundesrepublik ausüben. Unentschuldbar ist, dass einige überzeugte und offenbar unbelehrbare Nazis in den Medien der Bundesrepublik schnell wieder Karriere machen konnten, gerade auch im Israel-freundlichen Springer-Verlag. Schwieriger ist das Urteil über Personen, die keine Nationalsozialisten waren, sich aber den Verhältnissen opportunistisch angepasst und angeblich so etwas wie »grau-braunen Widerstand« geleistet haben.

Nachdem wir nun schon viel über Erinnern, Quellen und Methodisches, Schuld und Geheimnis gesprochen haben, muss ich fragen: Mit welchen der 36 in deinem Buch porträtierten Personen sympathisierst du, wessen Lebensweg und Haltung haben dich berührt und beeindruckt?

Ich habe in meinem ersten Buch nur drei Personen porträtiert, denen ich persönlich begegnet bin: Georg Stefan Troller, Elisabeth Noelle-Neumann und Henri Nannen. Troller nur einmal kurz bei der Akademie der Künste in Berlin. Damals war er in seinen Achtzigern, hatte die Haare hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, wirkte geradezu scheu und sehr sympathisch. Noelle habe ich nach dem Interview immer mal wieder erlebt, auch in den USA, als sie ihre englischsprachige Fassung der ›Schweigespirale‹ vorstellte, und kann deshalb verstehen, wenn einige meiner Kollegen ihrem Charisma dauerhaft erlegen sind. Ich verstehe aber nicht, wenn sie schönreden bzw. schönschreiben, was sie in ihrer Autobiografie abgesondert hat. In ihrem Fall erweist sich als besonders hilfreich zu studieren, was Zeitgenossinnen über sie berichten. Henri Nannen habe ich einmal bei einer Party in der Düsseldorfer Redaktion des Magazins stern erlebt, wo der im doppelten Sinne mächtige Mann so auftrat, wie er von Zeitgenossen beschrieben wird: raumfüllend.

Generell sympathisiere ich nach der Lektüre so vieler Memoiren eher mit den relativ wenigen Frauen als mit den Männern. Dies gilt besonders für die Jüdinnen Gabriele Tergit und Hilde Spiel, aber auch für Margret Boveri, deren Rolle im Nationalsozialismus jedoch zwielichtig bleibt, sowie für die Reich-Redakteurin Helene Rahms, deren unprätentiöse und offene Selbstdarstellung mir imponiert hat. Bei den Männern möchte ich neben Troller vor allem Axel Eggebrecht nennen, dessen Leben, das er ohne Anfälle von Eitelkeit beschreibt, extrem vielfältig war. Dann die zu Unrecht vergessenen publizistischen Allrounder Stefan Großmann und Hans Sahl.

Und dann gibt ja auch einige Unsympathen, eitel und unbelehrbar …

Hier liegt Hans-Georg von Studnitz uneinholbar an der Spitze, der aber, was Eitelkeit angeht, von Friedrich Sieburg noch übertroffen wurde. Mixed Feelings verbinde ich mit Personen wie Gerhard Löwenthal, Ralph Giordano und Marcel Reich-Ranitzki, aber bei ihnen muss man natürlich in Rechnung stellen, was sie durchgemacht haben, ehe sie dann zu Legenden in der Medienbranche wurden. Dies gilt auch für Curt Riess und Hans Habe, die persönlich z. T. grenzwertig unterwegs waren, aber als extrem produktive Autoren in der deutsch-jüdischen Publizistik Spuren hinterlassen haben. Besonders schwer tue ich mich natürlich mit den Personen, die in der Bonner Republik über ihr Wirken in den Jahren des Nationalsozialismus dreist gelogen haben, so dass der Begriff »zweite Schuld« auf sie in besonderem Maße zutrifft: Fritz Sänger und auch Werner Höfer, bei allen Verdiensten der beiden um die junge deutsche Demokratie, oder Walter Henkels und auch Günter Diehl.

Theodor W. Adorno hat den Antisemitismus als das »Gerücht über die Juden« beschrieben. Wie anfällig waren Journalist:innen in den 1920er- und 1930er-Jahren für die antijüdische Propaganda der Nazis? Wer hat unmittelbar davon profitiert, dass jüdische Journalist:innen Berufsverbot erhielten und nicht mehr in Deutschland arbeiten konnten?

Es ging bei diesen Journalist:innen ja nicht nur um das drohende Berufsverbot, sondern, wie das Beispiel Gabriele Tergit zeigt, ganz schnell um die Gefahr für Leib und Leben. Profitiert haben vom Verschwinden der Juden aus den Redaktionen all die »Arier«, die die freigewordenen (Leitungs-) Stellen besetzen konnten. Wie weit der Antisemitismus zuvor schon in den Redaktionen ein Thema war, geht aus den Quellen, die ich studiert habe, nicht eindeutig hervor. Jemand wie Axel Eggebrecht ist gewiss glaubwürdig, wenn er schreibt, dass ihm erst 1933 klar geworden sei, wie viele seiner Kollegen und Freunde Juden waren. Das Dilemma, in dem man sich dann befand, habe sich schon bei dem Begriff eingestellt: Wer ist überhaupt ein Jude? Wer so klug war wie Sebastian Haffner, wusste, welch wichtige Rolle Juden im politischen und kulturellen Leben Deutschlands gespielt haben. Er hat dem Industriellen und Politiker Walter Rathenau in seinen im Exil entstandenen Erinnerungen ein großartiges Denkmal gesetzt. Mit Rathenau habe ich mich schon früh beschäftigt, auch, weil ich in einer Rathenau-Straße groß geworden bin. Zuvor trug sie den Namen eines Nazi-Generals.

Hochinteressant ist auch die Sicht auf den Journalismus als Beruf und Berufung sowie das journalistische Selbstverständnis der von dir als Medienlegenden porträtierten Personen: Wer sticht da mit pointierten Aussagen hervor?

Es ist wohl der Zeit geschuldet, dass man dazu – insbesondere bei Friedrich Sieburg und Hans Habe – Aussagen findet, die von Berufsideologie nur so triefen. Damals konnte man sich wohl Journalismus nur als reinen Begabungsberuf vorstellen, den man nicht lernen kann. Sieburg treibt in einer kleinen Schrift seine Gedanken über den Beruf so weit, überhaupt jede Art von Schutz der Pressefreiheit abzulehnen und ein Bild von Journalismus zu entwerfen, das man nur als realitätsfern bezeichnen kann. Da traf er sich mit dem Publizistikwissenschaftler Emil Dovifat und dessen praktizistischer Ideologie, die er im »Dritten Reich« verbreitet hat und nach dem Krieg in einer Broschüre der Bundesanstalt für Arbeit für Berufsaspiranten weiter verkünden durfte. Ich habe Dovifat noch persönlich erlebt – sein Gerede von der »publizistischen Persönlichkeit« hat mich übrigens lange davon abgehalten, mich mit den journalistischen Akteuren als Individuen allzu sehr zu beschäftigen und stattdessen vor allem die Strukturen des Journalismus zu beobachten und zu beschreiben.

Wie hat sich die Machtübernahme der Nazis und später der Krieg auf die journalistische Arbeit von Frauen ausgewirkt? Du schreibst zum einen über Gabriele Tergit, Stéphane Roussel und Hilde Spiel, zum anderen über Margret Boveri, Ursula von Kardorff, Helene Rahms und Elisabeth Noelle. Letztere wurde ja für unser Fach später sehr wichtig als Demoskopin und erste Publizistik-Professorin in Deutschland.

Hier sind generelle Aussagen auf der Basis der vorliegenden Autobiografien natürlich problematisch, denn diese ›legendären Frauen‹ befanden sich in einer privilegierten Situation. Gerade hier muss man zudem zwischen denen, die emigrieren mussten, und denen unterscheiden, die weiter in den gleichgeschalteten Medien arbeiten konnten; letztere haben auch davon profitiert, dass viele ihrer männlichen Kollegen in den Krieg zogen, so dass deren Stellen frei wurden. Abgesehen davon gibt es im Lichte der Memoiren jedoch auch hier Muster – Stichwort: #metoo – die bis in die Gegenwart reichen: Übergriffigkeit beim Umgang mit den jungen Kolleginnen und auch das Vorurteil, dass der Journalismus, jedenfalls im Nachrichtenbereich, nichts für Frauen sei. Helene Rahms Berichte dazu, die nach dem Krieg viele Jahre bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gearbeitet hat, sind besonders erhellend. Überrascht hat mich hingegen, mit welcher Hochachtung, ja geradezu Ergebenheit, die ansonsten so geerdete und selbstbewusste Margret Boveri im Rückblick Paul Scheffer, ihrem Chef beim Berliner Tageblatt, begegnet, der eine besonders schillernde Persönlichkeit war.

Bezogen auf die journalistische Arbeit, die ja einerseits ganz individuell und andererseits im Kollektiv, in einer Redaktion, vonstatten geht – was ist dir da aufgefallen? Wie hat sich der journalistische Schaffensprozess verändert? Sind die Hierarchien flacher geworden? Ist z. B. Homeoffice gar keine neue Erfindung?

Natürlich gleicht man die Lektüre solcher Erinnerungen immer mit den eigenen Erfahrungen und Beobachtungen ab – wobei stets auch in Rechnung zu stellen ist, dass in den Memoiren manches geschönt erscheint. Dies gilt insbesondere für das Klima, welches z. B. angeblich in der Redaktion der Wochenzeitung Das Reich geherrscht hat. Aber diese kollegiale Atmosphäre war wohl vor allem dem Druck von außen geschuldet, wobei es überall eine vertikale Struktur gab, mit einem Chefredakteur = Mann an der Spitze. Daran hat sich auch nach dem Zweiten Weltkrieg viele Jahre lang nichts geändert. Journalismus entstand in Redaktionen; nur die freien Mitarbeiter:innen konnten oder sollten zu Hause arbeiten. Ein Beispiel war Marcel Reich-Ranicki, den man damals bei der Zeit auch nicht so gerne in der Redaktion sehen wollte … Dass sich der ›journalistische Schaffensprozess‹ dann erheblich verändert hat, ist im Wesentlichen auf die Digitalisierung ab Ende der 1970er-Jahre zurückzuführen. Dies betraf dann auch in direktem Maße die Redaktionsstrukturen: Ressorts wurden umorganisiert und hierarchische Strukturen den Verhältnissen angepasst. Darüber habe ich seinerzeit zusammen mit wenigen anderen Kolleg:innen gearbeitet[7]; der »Faktor Technik« hat in der Kommunikationswissenschaft lange Zeit überhaupt keine Rolle gespielt – inzwischen geht die Entwicklung eher ins andere Extrem.

Wie haben Journalist:innen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf den technischen Wandel, auf die damals »neuen« Medien Radio und später Fernsehen reagiert?

In den Autobiografien finden sich dazu vereinzelte Bemerkungen, die darauf hinauslaufen, dass man diese neuen Medien zunächst ignoriert oder deutlich abgelehnt hat. Interessant ist dabei, dass dies gerade auf zwei Legenden zutrifft, die später bei Radio und Fernsehen reüssiert haben: Axel Eggebrecht, der nach dem Krieg zu einem der Pioniere des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wurde, aber mit Ignoranz und Verwunderung auf die Aktivitäten des NS-Propagandaministers Goebbels in Sachen Radio reagiert hatte. Und Georg Stefan Troller, der so sehr ins Radiomachen verliebt war, dass er erst mit Verzögerung auf das Fernsehen reagiert hat, dem er später seinen Ruhm als Journalist verdankte.

Der Kollege Ulrich Pätzold schreibt in seinem Nachwort zu Schuld und Geheimnis über die »Erträge des unerforschten Rests«. Was ist aus Sicht der Journalismusforschung und deiner Meinung nach der immer noch und trotz deiner umfassenden Studie zu bearbeitende »unerforschte Rest«? Worum müssen wir uns kümmern, welchen Fragen stärker widmen?

Antworten hierauf sind im Zeitalter von KI, die uns alle zu überrollen droht, gewiss schwieriger denn je. Ich glaube, dass man aufpassen muss, Journalismusforschung nicht nach dem Vorbild der Naturwissenschaften zu kleinteilig anzulegen. Wir sollten das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren. Damit meine ich, hartnäckig Fragen zu stellen, inwieweit der Journalismus die Funktionen erfüllt, die im Artikel 5 des Grundgesetzes beschrieben werden und die fundamental für eine offene, demokratische Gesellschaft sind. Dazu müssen wir kontinuierlich ermitteln, wie Journalistinnen und Journalisten denken und handeln – in repräsentativen Studien, aber auch in Fallstudien, wozu die Auswertung von Autobiografien, vielleicht sogar mit Hilfe von KI, gehört. Auch und gerade die Kommunikationswissenschaft muss darüber hinaus immer wieder fragen, welche Voraussetzungen zu schaffen sind, um Qualitätsjournalismus, den es bei uns zum Glück noch gibt, zu erhalten. Dies betrifft mehr denn je seine Finanzierung. Ansonsten halte ich es mit Georg Stefan Trollers Lebens-Fazit: »Je älter ich werde, desto positiver schaue ich auf die Welt, trotz aller Düsternisse.«

Dann wäre damit auch die Frage beantwortet, die Erich Kästner immer wieder gestellt wurde: wo denn das Positive bleibe …? Deine Antwort fällt freundlicher aus als seine. Das ist tröstlich. Vielen lieben Dank für das Gespräch und für dein Buch, das mir wie eine Schatztruhe erscheint. Nach der absolut bereichernden Lektüre bin ich gespannt auf den folgenden Band.

Zur Person

Prof. Dr. Martina Thiele, Jahrgang 1967, studierte Slavistik, Publizistik und Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen. Nach Stationen in Dortmund und Salzburg ist sie seit 2020 Professorin am Institut für Medienwissenschaft der Eberhard Karls Universität Tübingen. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Kommunikationstheorien und Mediengeschichte, Öffentlichkeit, Gender Media Studies sowie Stereotypen- und Vorurteilsforschung. Sie hat zahlreiche Bücher und Zeitschriftenbeiträge verfasst, u. a. Monografien zu Medien und Stereotypen und zu Publizistischen Kontroversen über den Holocaust im Film. Thiele ist Mitherausgeberin der Journalistik/Journalism Research und stellt dort in jeder Ausgabe gemeinsam mit Boris Romahn aktuelle Bücher von Journalist:innen vor.

Prof. Dr. Siegfried Weischenberg, Jahrgang 1948, studierte Soziologie, Geschichte und Publizistik an der Ruhr-Universität Bochum, wo er auch promovierte. Nach einem Volontariat arbeitete er als Redakteur und war ehrenamtlich Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands (DJV). Er lehrte viele Jahre als Professor für Kommunikationswissenschaft und Journalistik im In- und Ausland. Seine Forschungsschwerpunkte und zahlreichen Buchpublikationen befassen sich mit der Theorie und Praxis des Journalismus, Systemtheorie und Konstruktivismus, politischer Kommunikation, Max Webers Mediensoziologie sowie der Geschichte der Publizistik.

Fussnoten

1 Thiele, Martina (2007). Publizistische Kontroversen über den Holocaust im Film. 2. Aufl. Lit-Verlag. Aufgearbeitet werden die Kontroversen über die Filme Morituri (1948), Nacht und Nebel (1956), Mein Kampf (1960), Ein Tag (1965), Holocaust (1978), Der Prozeß (1984), Shoah (1985) und Schindlers Liste (1993).

2 Rede von Hape Kerkeling zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald am 11.04.2026, nachzulesen unter: https://www.stiftung-gedenkstaetten.de/reflexionen/reflexionen-2026/kerkeling; abgerufen am 28.05.2026

3 Rede von Inge Deutschkron im Deutschen Bundestag am 30.01.2013, nachzulesen unter: https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2013/rede_deutschkron-252298; abgerufen am 28.05.2026

4 König, René (1957) (Hrsg.). Das Interview. Formen – Technik – Auswertung. Unter Mitarbeit von Dietrich Rüschemeyer und Erwin K. Scheuch. 2., völlig umgearb. u. erw. Auflage. Verlag für Politik und Wirtschaft (= Praktische Sozialforschung, Bd. I)

5 Weischenberg, Siegfried, Löffelholz, Martin, Scholl, Armin (1994). Merkmale und Einstellungen von Journalisten. Journalismus in Deutschland II. Media Perspektiven, 4, 154-167. Und: Weischenberg, Siegfried, Malik, Maja, Scholl, Armin (2006). Die Souffleure der Mediengesellschaft. Report über die Journalisten in Deutschland. UVK.

6 Siegfried Weischenberg war von 1999 bis 2001 Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbandes (DJV), eine der mitgliederstärksten Journalist:innen-Gewerkschaften Europas.

7 Weischenberg, Siegfried, Altmeppen, Klaus-Dieter, Löffelholz, Martin (1994). Die Zukunft des Journalismus. Technologische, ökonomische und redaktionelle Trends. Westdeutscher Verlag.


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Zitationsvorschlag

Martina Thiele; Siegfried Weischenberg: Vergegenwärtigen des Vergangenen. Ein Gespräch anlässlich der Publikation Schuld und Geheimnis. Bekenntnisse von Legenden in der deutsch-jüdischen Publizistik. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 2, 2026, 9. Jg., S. 157-168. DOI: 10.1453/2569-152X-22026-16194-de

ISSN

2569-152X

DOI

https://doi.org/10.1453/2569-152X-22026-16194-de

Erste Online-Veröffentlichung

August 2026