Britta M. Gossel, Kathrin Konyen (Hrsg.): Quo Vadis Journalistenausbildung? Befunde und Konzepte für eine zeitgemäße Ausbildung rezensiert von Liane Rothenberger

Müssen zukünftige Journalisten auch Programmierer und Unternehmer sein? Sollen wir die Lernenden vor allem in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Kreativität unterstützen? Wie viel Zeit des Lehrens soll der Dozent auf Recherchetechniken oder Schreibstil verwenden? Diese Fragen treiben viele um, die sich mit der Ausbildung von Journalistinnen und Journalisten beschäftigen. Egal, ob sich diese Lernenden in einem Redaktionsvolontariat, einer Universität oder Fachhochschule oder in einer Online-Fortbildung befinden. Jetzt jedenfalls sitzen sie vor uns, möchten, dass man sie alles Wichtige lehrt, das sie für ihren journalistischen Werdegang brauchen. Was möchten sie lernen? Was sollen wir lehren? Aus der Fülle der Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man ihnen gerne vermitteln möchte, müssen wir auswählen.

Dieses Dilemma haben die Herausgeberinnen des Sammelbandes »Quo Vadis Journalistenausbildung« sowie die darin zu Wort kommenden Wissenschaftler, Ausbilder und Praktiker erkannt. Sie bieten Studienergebnisse, Erfahrungsberichte, persönliche Einschätzungen, die mal mehr, mal weniger hilfreich sind. Wurde die Studie in Teilen bereits in einer Diskussionspapierserie im Bestand der Digitalen Bibliothek Thüringen publiziert – wo man sich auch genauer über das Forschungsinstrument informieren kann – so liegt mit dem gedruckten Sammelband nun eine Zusammenfassung vor, angereichert durch Beiträge weiterer AutorInnen.

Auf den ersten knapp 70 von rund 200 Seiten stellen die Herausgeberinnen ihre 2015 durchgeführte Online-Befragung vor, bei der sie Angaben von 227 JournalistInnen in Ausbildung oder mit maximal zehn Jahren Berufserfahrung verwenden. Die Kernergebnisse sollen hier kurz angerissen werden. Ein Großteil der Befragten findet, dass Basiskompetenzen wie Kreativität, Konfliktfähigkeit, Gewissenhaftigkeit usw. in »genau richtigem« Maß vermittelt werden. Fachkompetenzen wie Medienethik oder Medienrecht seien ebenfalls genügend in der Ausbildung vertreten, eher wird eine Aufstockung gefordert denn eine Reduktion. Unternehmerische Kompetenzen wie Medien-, Kosten- und Qualitätsmanagement könnten noch mehr vermittelt werden, finden die TeilnehmerInnen der Studie. Dabei macht die Auswertung der freien Anmerkungen aber auch deutlich, wie unterschiedlich die Geschmäcker sind: Hält der eine Technikvermittlung derzeit für überbetont und möchte mehr Breite in der Ausbildung, will der andere mehr Tiefgang in bestimmten Kompetenzfeldern. Was genau die Herausgeberinnen unter »Kompetenz« verstehen, legen sie zu Beginn des Kapitels dar. Dabei wird deutlich, dass ihre Befragung stark von einer Medienmanagement-Perspektive geprägt ist, was sich unter anderem im Fragenblock »unternehmerisches Selbstbild« in ihrer Studie zeigt. Ein Bereich, der in dieser Form in früheren JournalistInnenbefragungen nicht abgedeckt wurde, der aber in Zeiten von immer mehr Selbstständigen unter den Journalisten durchaus seine Berechtigung hat. Ein Ausbildungsfokus mit Ziel »fest angestellter Printredakteur« ginge sicherlich an den realen Zahlen für Feste vs. Freie vorbei. Allerdings ist fraglich, an was die Befragten zum Beispiel bei der Angabe »Karrierewunsch: unternehmerisch« eigentlich gedacht haben.

Weitere Kritikpunkte an der Studie (manche merkt auch Klaus-Dieter Altmeppen in seinem Beitrag an) betreffen die geringe Fallzahl und dass nur gemessen wurde, was sich die (angehenden) JournalistInnen wünschen, nicht aber, über welche Kompetenzen sie tatsächlich verfügen. Zudem wäre es gut gewesen, manche Befunde noch nach Zugehörigkeit der JournalistInnen zu Journalistenschule / Volontariat / Redaktion (evtl. differenziert nach Medium) / Fachhochschule / Universität getrennt auszugeben – auch trotz oder gerade wegen der geringen Fallzahlen. Und noch ein Wunsch: kurze Informationen zu den AutorInnen von Teil II wären sinnvoll gewesen. Die Auswahl der Praktiker in Teil III erschließt sich nicht und wirkt recht willkürlich, zeigt aber schön die unterschiedlichen Karrierewege auf.

Beatrice Dernbach bringt mit ihrem Eingangsstatement die Vorteile vielfältiger Wege in den Journalismus auf den Punkt: »Es gibt nicht den einen Weg – und das ist gut so!« Den sich in der Studie zeigenden divergierenden Wünschen nach zu erlernenden Kompetenzen kann nicht ein »Königsweg-Curriculum« gerecht werden. Eine Verständigung auf Basiskompetenzen ist sinnvoll, die Auswahl weiterer spezialisierter Lehrinhalte obliegt der jeweiligen Ausbildungsinstitution. Die journalistischen Labore von Hochschulen (und Journalistenschulen) können dabei als »Denkfabriken der Branche« (S. 77) fungieren. Ramón García-Ziemsen sieht bei der Fülle an Stoff, den man den Lernenden beibringen könnte (oder müsste) nur zwei Lösungen: alles extrem verdichten oder die Ausbildung verlängern.

Michael Harnischmacher präsentiert Daten aus internationalen Studien und erklärt Unterschiede in den Ausbildungssystemen anhand von geschichtlichen Entwicklungen. Klaus-Dieter Altmeppen bespricht negative Aspekte der Digitalisierung, zum Beispiel dass durch den Rückgang an Festanstellungen die Identitätsbindung an ein Medium immer schwächer wird. Altmeppen erinnert daran: Auch wenn der Trend zu technischen und unternehmerischen Kompetenzen geht: Die Kernkompetenzen zur Sicherung der Qualität im Journalismus sind wichtiger denn je. Ähnlich sieht es auch García-Ziemsen (von der Deutschen Welle), der Recherchesicherheit und Relevanzerkennung als besonders wichtige journalistische Kompetenzen benennt und fragt: »Vielleicht ist der Journalismus der Zukunft zumindest ein wenig der Journalismus der Vergangenheit?« Ganz im Gegensatz zu Yvonne Malak (vom Privatradio), deren Fazit ist: »Das Volontariat von heute sollte mit dem Volontariat aus dem letzten Jahrtausend nichts mehr zu tun haben.«

Gudrun Bayer betont, wie bedeutend Ausbildungsverantwortliche in Medienhäusern sind und wie Redaktionen Auszubildende als Impulsgeber für Innovationen und Ideen von außen verstehen können. Dabei können große im Gegensatz zu kleinen Verlagshäusern die Ausbildung natürlich in anderem Rahmen gestalten – aber beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile. Wie andere AutorInnen fordert auch Stephan Weichert, dass die Gestalter der Studiengänge diese stets reflektieren und – wo nötig – umstellen und erneuern sollten. Genau wie Redaktionen sind auch Ausbildungsstätten »lernende Organisationen« (S. 125). Weichert sieht vor allem bei der Vermittlung von technischem Know-How Nachholbedarf. Nikolaus von der Decken tritt für betriebswirtschaftliches unternehmerisches Denken ein. Er plädiert dafür, Projekte aus der Sender-Empfänger-Perspektive (und nicht nur aus der Sender-Perspektive) heraus zu entwickeln und dabei die Kosten- und Erlöschancen von Anfang an im Blick zu haben.

Das journalistische Berufsfeld ist derart facettenreich geworden, dass jemand, der gerne ausschließlich SEO für einen großen Verlag macht genauso sein Plätzchen findet wie jemand, der sich auf Testberichte über Mountainbikes spezialisiert hat, oder jemand, dem Programmieren mehr liegt als Schreiben. Innovationen sind nötig, um zukunftsfähig bleiben zu können, aber muss jeder Journalist eine Drohne für Überlandbilder bedienen können? Es ist gut, dass der Sammelband unterschiedliche Ausbildungsträger zu Wort kommen lässt, neue Impulse gibt und manches relativiert. Er sei allen empfohlen, die in der Journalistenausbildung tätig sind (wie gesagt: egal wo, an Fachhochschulen, Universitäten, Journalistenschulen, in Redaktionen oder anderswo). Es ist gut, dass die Inhalte der Ausbildung immer wieder neu diskutiert werden, nicht nur in diesem Buch, sondern auch in Schriftstücken und Muster-Ausbildungsplänen von DJV, EJTA oder VOCER, auf Ausbildungskonferenzen von »Initiative Qualität im Journalismus« oder von der ECREA »Journalism and Communication Education« Arbeitsgruppe.

Wichtig hervorzuheben ist noch, dass die Studie eine Zusammenarbeit von Universität und Deutschem Journalistenverband ist. Solche Kooperationen sollte es öfter geben – sie sorgen für einen engeren Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis – die beide in der Ausbildung aktiv sind. Und nicht zuletzt ist die Studie inzwischen vier Jahre alt. Vielleicht ist es bereits an der Zeit, über die Konzeption einer Folgestudie nachzudenken.

Ein wahres Wort am Schluss, aus dem »Und nun?«-Abschlusskapitel des Buches: Wie die speziellen Anforderungen an den Journalismus und damit die Journalismusausbildung in zehn Jahren aussehen werden, das lässt sich heute »nicht seriös prognostizieren« (S. 204).

Über die Rezensentin

Liane Rothenberger ist akademische Oberrätin a.Z. am Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Ilmenau. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören Journalismus, Normen und Werte in der Kommunikationswissenschaft und Krisenkommunikation.

Über das Buch

Britta M. Gossel, Kathrin Konyen (Hrsg.): Quo Vadis Journalistenausbildung? Befunde und Konzepte für eine zeitgemäße Ausbildung. Wiesbaden [Springer VS] 2019, 207 Seiten, 39,99 Euro