Akute Fälle von Medienversagen Die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. kürt die Top Ten der Vergessenen Nachrichten 2026

Von Hektor Haarkötter | Die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. hat auch im laufenden Jahr wieder eine Liste mit von deutschen Medien vernachlässigten Geschichten vorgelegt: die Top Ten der Vergessenen Nachrichten 2026. Jedes Jahr wählt eine Jury aus Wissenschaftler:innen, Journalist:innen und Studierenden die zehn wichtigsten Themen aus, die von studentischen Recherchegruppen aus einer Vielzahl von Vorschlägen erarbeitet wurden. Die Bevölkerung ist eingeladen, Themenvorschläge zu machen, wenn ein relevantes und für eine große Gruppe von Menschen wichtiges Thema in den Medien zu wenig oder gar nicht vorkommt. In einem mehrstufigen Verfahren werden diese Themenvorschläge geprüft und für die Abstimmung der Jury aufbereitet. Die INA unternimmt auch die entsprechende wissenschaftliche Begleitforschung. Als theoretisches Konzept für die Nachrichtenvernachlässigung hat sie den Begriff Agenda Cutting gewählt. Angelehnt an das kommunikationswissenschaftliche Großkonzept des Agenda Setting geht die Agenda Cutting-Theorie davon aus, dass relevante und einen Großteil der Gesellschaft angehende Themen systematisch im journalistischen Alltag ausgeblendet werden. Die Gründe dafür können interne, journalismusinhärente sein, genauso gibt es aber auch externe Ursachen. Zu letzteren zählen insbesondere wirtschaftliche Erwägungen, wenn etwa Werbekund:innen geschützt werden sollen oder Angst vor Klagen besteht. Als neue Bedrohung der Nachrichtengerechtigkeit kommen die Auswahlkriterien von Algorithmen und Künstlicher Intelligenz hinzu, die völlig intransparent Nachrichtenströme im Internet lenken (vgl. Haarkötter & Nieland, 2023).

Buchjournalismus Lesenswerte Bücher von Journalist:innen

Von Martina Thiele und Boris Romahn | Dass die Rubrik »Buchjournalismus« von uns fortgesetzt wird (siehe Journalistik 3-4/2025), hat viel Zustimmung erfahren. Auch haben wir zahlreiche Hinweise auf Neuerscheinungen erhalten. Das ist einerseits wunderbar und sehr hilfreich, andererseits müssen wir entscheiden, welche zehn Bücher wir aus der Menge der Neuerscheinungen vorstellen werden. Journalist:innen sind offenbar sehr produktiv, auch was die längere Form, das Buch, betrifft. Wir, Martina Thiele (MT, Universität Tübingen) und Boris Romahn (Bro, Universität Salzburg) freuen uns, Ihnen auch in dieser Ausgabe eine vielfältige Auswahl lesenswerter Bücher von Journalist:innen empfehlen zu dürfen, die aktuelle wie historische Themen behandeln und sehr unterschiedliche Perspektiven auf Krieg und Frieden, Fakten und Fiktionen, Heimaten und Identitäten einnehmen.

Macht der Abschreckung Zur Wirkung der Antisemitismus-Resolutionen auf den Journalismus in Deutschland

Von Mandy Tröger | Seit Verabschiedung der sogenannten »BDS-Resolution« durch den Deutschen Bundestag im Mai 2019 ist der Umgang mit Antisemitismus in Deutschland nicht nur Gegenstand politischer und juristischer Auseinandersetzungen, sondern zunehmend auch Teil medialer und journalistischer Debatten. Die Resolution, die den BDS-Appell (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen) gegen Israel und seine Siedlungspolitik als antisemitisch verurteilte (vgl. Deutscher Bundestag 2019), ist zwar keine rechtsverbindliche Gesetzgebung, soll aber nach dem Willen der parteiübergreifenden Initiative normative Wirkung entfalten. Die Resolution hatte direkte Auswirkungen auf öffentliche Debatten, etwa durch die restriktive Vergabe öffentlicher Räume und Gelder (vgl. Deutscher Bundestag 2020: 4ff.; Tröger 2019). Seither verstärken ähnliche Resolutionen auf Bundesebene diese Entwicklung.

Blick zurück – auf heute Kampf um die Freiheit der Presse im Jahre 1733

Von Gunter Reus | Historische Analogien haben stets etwas Fragwürdiges. Und doch fällt es schwer, bei der Lektüre des nachfolgenden Textes nicht an die derzeitige Situation in den USA zu denken. Veröffentlicht hat ihn der Verleger, Drucker und Journalist John Peter Zenger (1697–1746) in der Wochenzeitung New-York Weekly JOURNAL am 12. November 1733 als ersten Teil einer Artikelfolge zur Pressefreiheit. Der Beitrag stammt nicht von ihm selbst, sondern einem seiner Korrespondenten, der anonym blieb und vermutlich zu den demokratisch orientierten Autoren der in Großbritannien verbreiteten Cato’s Letters gehörte.

Angriffe von rechts Auswirkungen rechtsextremer Bedrohungen auf die journalistische Praxis in Deutschland. Eine Interview-Studie

Von Olivia Mangold | JournalistInnen, die über Rechtsextremismus berichten, sind zunehmend mit Anfeindungen, Einschüchterungen und direkten Angriffen konfrontiert. Diese Entwicklung gefährdet die Pressefreiheit und stellt demokratische Grundwerte infrage. Die qualitative Studie untersucht, wie sich rechtsextreme Bedrohungen in den vergangenen fünf Jahren verändert haben und welche Folgen das für die journalistische Praxis hat. Im Fokus stehen vier JournalistInnen, die in leitfadengestützten Interviews von wiederholten Bedrohungen berichteten: von verbalen Attacken über juristische Einschüchterung bis hin zu physischen Übergriffen. Als Reaktion entwickelten sie verschiedene Schutzstrategien, etwa anonyme Veröffentlichungen, angepasste Recherchen und erhöhte Vorsicht bei der Themenwahl. Trotz des Anspruchs, unbeeinflusst zu berichten, zeigen sich Tendenzen zur Selbstzensur und wachsendes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Rechtsextreme Bedrohungen wirken somit nicht nur individuell, sondern schränken strukturell die Pressefreiheit ein. Um dem entgegenzuwirken, braucht es gezielten Schutz, institutionelle Unterstützung und gesellschaftliche Sensibilisierung.

»Das hat meinen Alltag bestimmt, man hat einfach Angst.« Auswirkungen freier und lokaljournalistischer Arbeit zur extremen Rechten in Ostdeutschland

Von Michael Krell, Klemens Köhler und Tom Böhme | Das während des letzten Jahrzehnts zu beobachtende Erstarken der extremen Rechten in Deutschland zog auch eine verstärkte Gefährdungslage für Journalist:innen, die zu diesem Themenfeld arbeiten, nach sich. Pressefeindliche Übergriffe nahmen seit dem Aufkommen asylfeindlicher Großproteste wie PEGIDA besonders in Ostdeutschland deutlich zu (vgl. ECPMF 2017). Trotz medial immer wieder geäußerter Fassungslosigkeit über die Heftigkeit pressefeindlicher Gewalt durch die extreme Rechte blieb eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen bisher weitgehend aus. Der vorliegende Beitrag füllt einen Teil dieser Lücke, indem er der Frage nachgeht, welche Auswirkungen die journalistische Arbeit zur extremen Rechten auf Berufs- und Alltagsleben von Journalist:innen hat. Als zentrale Erkenntnis wird die Vielfältigkeit der Bedrohungen konstatiert, denen die meist an ›vorderster Front‹ berichtenden freien und lokalen Journalist:innen durch die extreme Rechte ausgesetzt sind. Mithilfe des raumbezogenen Konzeptes der performativen und affektiven Territorialisierung wird die Pressefeindlichkeit in ihrer Wirkungsweise als verräumlichte Form extrem rechter Machtausübung analysiert. Die gewonnenen Erkenntnisse zeigen die existenzbedrohende Heftigkeit, mit der sich Pressefeindlichkeit auf individueller Ebene auf Journalist:innen und damit auf die Pressefreiheit insgesamt auswirkt.