Journalismus, Medien, Generationen und Alter(n) Cfp für das Doppelheft 3-4/2026

Journalistische Darstellungen von Generationen, Alter und Altern sind häufig von Stereotypen geprägt. Das betrifft die ältere Generation ebenso wie die Jugend. Bereits 1969 prägte der Soziologe Robert Butler in Anlehnung an Diskriminierungsformen wie Sexismus und Rassismus den Begriff Ageism und schloss in diese Form der Ausgrenzung und Benachteiligung aufgrund des Alters alle Altersgruppen ein. Zugleich wurde auch damals schon Alter im Zusammenhang mit anderen sozialen Kategorien diskutiert, also ein intersektionaler Ansatz verfolgt. Beispielsweise wies Susan Sontag 1972 auf den »double standard of aging« hin und kritisierte, dass Frauen von Altersdiskriminierung stärker betroffen sind.

Die Rolle von Konstruktivem Journalismus bei der Diffusion sozialer Innovationen Das Beispiel Solidarische Landwirtschaft

Von Inken Thiel und Uwe Krüger | Das alternative Berichterstattungsmuster des Konstruktiven Journalismus ist in den letzten Jahren viel auf seine Wirkungen hin erforscht worden, allerdings vor allem in Form von individualpsychologischer Experimentalforschung. So sind Effekte auf den Gefühlshaushalt und die Handlungsabsichten von Rezipient*innen gut belegt. Doch inwieweit kann Konstruktiver Journalismus den gesellschaftlichen Fortschritt befördern, etwa zur Verbreitung ökologischer oder sozialer Innovationen beitragen? In dieser Studie erweitern wir die Wirkungsforschung zum Konstruktiven Journalismus, indem wir den theoretischen Ansatz der »Diffusion sozialer Innovationen« für die Fragestellung fruchtbar machen und die Übernehmer*innen einer bestimmten sozialen Innovation, nämlich der Solidarischen Landwirtschaft (SoLawi), retrospektiv nach den Einflüssen auf ihre Entscheidung befragen. Die quantitative Online-Befragung von 431 Mitgliedern und Betreiber*innen von SoLawi-Betrieben in Deutschland ergibt, dass Konstruktive Medien oder Medienformate keine Rolle bei der Diffusion gespielt haben, sondern dass für den Erstkontakt interpersonale Kommunikation mit SoLawi-Mitgliedern ausschlaggebend war, gefolgt von lokaljournalistischen Print- und TV-Angeboten sowie Werbemitteln und Veranstaltungen von SoLawi-Betrieben. Dies entspricht auch der Diffusionstheorie für spätere Stadien der Innovationsdiffusion. Es ist nicht auszuschließen, dass die Berichterstattung Konstruktiver Medien über andere soziale Innovationen (vor allem: jüngere als die SoLawi) eine stärkere Rolle in der jeweiligen Frühphase des Diffusionsprozesses spielt.

Der Journalismus in Finnland im Wandel geopolitischer und digitaler Rahmenbedingungen Wie erniedrigende Deepfakes in die politische Kommunikation eingreifen

Von Marcus Bölz | Seit dem NATO-Beitritt Finnlands im Jahr 2023 steht der Journalismus des Landes unter neuen geopolitischen Vorzeichen. Die sicherheitspolitische Neuausrichtung hat nicht nur die politische Berichterstattung verändert, sondern auch die Anforderungen an journalistische Sorgfalt und Quellenprüfung erhöht. Besonders im Fokus steht die russische Desinformationspolitik, die gezielt versucht, das Vertrauen in finnische Medien und Institutionen zu untergraben. Mit digitalen Kampagnen, manipulierten Inhalten und emotionalisierter Rhetorik wird versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Finnische Redaktionen reagieren mit erhöhter Transparenz, verstärkten Faktenchecks und internationaler Zusammenarbeit. Der Beitrag analysiert die journalistische Qualität Finnlands im Kontext dieser Entwicklungen sowie die strukturellen Herausforderungen für finnische Journalist:innen – darunter Medienkonzentration, Personalabbau und die Zunahme rechtspopulistischer Plattformen.

Zwischen Mikrofon und Publikum Erfahrungen von Radiomoderatorinnen in der digital vernetzten Interaktion

Von Lea Möller | Interaktionen mit dem Publikum sind von grundlegender Bedeutung im Journalismus, insbesondere im Radio. Gerade in Zeiten von Social Media und digitalen Plattformen ist die Wechselwirkung zwischen Moderator:innen und Rezipient:innen entscheidend für das Hörerlebnis und die Relevanz der Inhalte. Bislang untersuchte die Forschung vor allem, wie das Publikum solche Interaktionen wahrnimmt, während die Perspektive der Radiomoderator:innen weitgehend unbeachtet blieb. Angesichts zunehmender Hass-Attacken vor allem auf Journalistinnen widmet sich diese qualitative Studie dagegen explizit den Erfahrungen von Radiomoderatorinnen in der Interaktion mit ihrem Publikum. Die Ergebnisse zeigen, wie strukturelle Faktoren des Senders und die Nutzung digitaler Kommunikationsmittel die Interaktionsdynamik sowie das emotionale Erleben von Moderatorinnen beeinflussen. Im Gesamtblick empfinden die interviewten Radiomoderatorinnen den Kontakt mit dem Publikum beruflich und persönlich eher als bereichernd. Allerdings sprechen sie auch negative Erfahrungen an, die sich je nach Senderart und genutzten Interaktionswegen unterscheiden.

Think Tanks und Kriegsberichterstattung Zum Umgang ausgewählter deutscher Medien mit dem US-Think Tank ISW im Kontext des Russland-Ukraine-Kriegs

Von Matteo Emmanuello | Seit Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 hat der Konflikt massive humanitäre Konsequenzen und stellt die Kriegsberichterstattung vor besondere Herausforderungen: Komplexe Informationslagen, strategische Einflussnahme und die Rolle nichtstaatlicher Think Tanks prägen die öffentliche Wahrnehmung. Die Arbeit untersucht, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Die Zeit und tagesschau.de ISW-Lageberichte (2022–2025) nutzen und welche Folgen dies für journalistische Qualität und Framing hat. Das ISW betreibt strategische Kommunikation, indem es durch selektive Problem- und Verantwortungs-Frames sowie ökonomisch-militärische Deutungen den Konflikt als Ressourcenkonflikt mit klaren »Gut-Böse«-Dichotomien darstellt. Medien übernehmen diese Frames häufig unkritisch, präsentieren das ISW als neutrale Autorität, ohne Quellenpluralität, transparente Einordnung seiner politischen Haltung oder Reflexion seiner Nähe zur US-Rüstungsindustrie. Zwar werden ISW-Informationen meist quellentransparent gekennzeichnet, doch dominieren Paraphrasen ohne eigene Kontextualisierung, besonders bei Kartenmaterial. Diese Praxis kann die demokratische Funktion des Journalismus in Kriegszeiten untergraben, wenn Medien eher Verstärker strategischer Kommunikation als kritische Vermittler sind. Die Studie, die im Rahmen einer Bachelorarbeit entstanden ist, leistet einen Beitrag zur Medien- und Konfliktforschung, fordert reflektierte Quellenkritik und die Entwicklung von Standards im Umgang mit geopolitisch positionierten Akteuren.

Clickbait-Frevel im Sunshine State Eine feministisch-politökonomische Analyse des Phänomens »Florida Man« und »Florida Woman«

Von Kaylin Lane und Jennifer M. Proffitt | Die Begriffe »Florida Man« und »Florida Woman« sind auf US-Nachrichtenmedien zurückzuführen, die über schockierende und ungewöhnliche Ereignisse in Florida berichten. Entsprechende Beiträge haben sich im Laufe der Zeit verbreitet. Dabei stereotypisiert diese Berichterstattung Männer und Frauen, macht sich über Verbrechen und kriminelles Verhalten lustig und lenkt die Aufmerksamkeit mithilfe von Clickbait-Überschriften auf belanglose Ereignisse, um dadurch Profit zu machen. In einer Textanalyse untersuchen wir die Berichterstattung über »Florida Man« und »Florida Woman« aus feministisch-politökonomischer Perspektive. Wir zeigen, wie Nachrichtenmedien mit »Florida Man« und »Florida Woman« Leser*innen anlocken, daraus Kapital schlagen und eine stereotype und fragwürdige Berichterstattung verstetigen.