Pressefreiheit und Rechtsextremismus Ein Dilemma? Thesen zum journalistischen Umgang mit der AfD

Von Horst Pöttker | Pressefreiheit wird als notwendiger, aber nicht hinreichender Rahmen gesellschaftlicher Verständigung und demokratischer Problemregulierung aufgefasst. Ihn mit entsprechenden Inhalten zu füllen ist Aufgabe des Journalistenberufs. Unter Rechtsextremismus wird die Missachtung verfassungsgarantierter Grundrechte zugunsten ethnischer Geschlossenheit und nationalistischer Aggressivität verstanden. Mit Ausblenden oder Empörung gelingt es journalistisch nicht, dem bedrohlich anschwellenden Rechtsextremismus wirksam entgegenzutreten. Und ein journalistischer Umgang mit der AfD wie mit anderen Parteien führt zu einer problematischen Normalisierung rechtsextremer Äußerungen und Absichten. Demgegenüber kann eine Strategie des sachlichen, unerschrocken-konkreten und gleichzeitig nüchternen Berichtens über grundrechtsfeindliche Absichten und Pläne sowie deren voraussehbare Folgen im Falle des Machtantritts von Organisationen wie der AfD zum Eindämmen des Rechtsextremismus beitragen. Um eine solche Strategie durchzusetzen, müssen Verdrängungen der NS-Vergangenheit, volkspädagogische Neigungen im Journalismus und die journalistische Konzentration auf die politischen Institutionen überwunden werden.

Medienfreiheit im Schatten des Rechtsextremismus Herausforderungen für rumänische Journalist*innen

Von Iulia Bârză und Veronica Câmpian | Die Studie untersucht das Verhältnis zwischen der extremen Rechten und den Medien in Rumänien und beleuchtet die damit verbundenen Spannungen, die die journalistische Arbeit beeinflussen. Das rumänische Mediensystem, das historisch durch autoritäre Kontrolle und später eine rasche Kommerzialisierung geprägt wurde, ist heute mit erheblichem politischem Druck, einer fragilen redaktionellen Unabhängigkeit sowie eingeschränkter wirtschaftlicher Stabilität konfrontiert. Theoretische Grundlage für den Beitrag ist die vergleichende Mediensystemforschung, u. a. wurde die Typologie von Hallin/Mancini (2004) herangezogen. Um die aktuelle Situation zu illustrieren, wurden Interviews mit zwei erfahrenen Journalistinnen geführt. Sie heben hervor, dass rechtsextreme Akteure die Pressefreiheit weniger durch offene Zensur, sondern durch Delegitimierung, Manipulation und Desinformation untergraben. Die Befragten berichten von feindseligen Beziehungen, die von Einschüchterung, verbaler Aggression und dem Ausschluss kritischer Medien geprägt sind. Gleichzeitig schwächen soziale Netzwerke als Hauptverbreitungswege extremistischer Narrative den traditionellen Journalismus. Dennoch gibt es auch Anzeichen von Resilienz: Journalist*innen reagieren mit gegenseitiger Solidarität, gründlicher Faktenprüfung und einem erneuten Bekenntnis zu demokratischen Grundwerten. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die extreme Rechte zwar ein Klima der Einschüchterung schafft, dieses jedoch zugleich kollektiven Widerstand von Journalist*innen auslöst. Um die Presse als demokratisches Schutzinstrument zu bewahren, sind strengere digitale Regulierungen, mehr Transparenz und die Förderung unabhängiger Medien unabdingbar.

Journalismus in Krisenzeiten Interview mit Jelani Cobb, Dekan der Columbia Journalism School

Stine Eckert im Gespräch mit Jelani Cobb | Am 20. Januar 2025 wurde Donald Trump für seine zweite Amtszeit als US-Präsident vereidigt. Daraufhin verstärkte er seine aggressiven Angriffe auf Journalist:innen und auf Universitäten, darunter auch solche mit Journalismus-Studiengängen wie die Columbia University. Unter dem Titel »Vertrauensprobleme. Glaubwürdigkeit, Leichtgläubigkeit und Journalismus in Zeiten der Krise« hielt Jelani Cobb, Dekan der Columbia Journalism School und Henry-R.-Luce-Professor für Journalismus, am 10. März die Reuters Memorial Lecture 2025. Er kritisierte, dass der Journalismus noch keinen Weg gefunden habe, über die Trump-Regierung zu berichten. Im Interview mit der Journalismuswissenschaftlerin Stine Eckert (Wayne State University) am 15. September erweitert und vertieft Jelani Cobb seine Aussagen aus der Vorlesung. Er spricht darüber, wie die US-Nachrichtenmedien über die Ermordung des rechten Aktivisten Charlie Kirk berichteten und wie man in repressiven Zeiten über die Regierung berichten sollte.

Der Flaneur und seine ›Menschenfresser-Interviews‹ Zum Tode von Georg Stefan Troller

Von Siegfried Weischenberg | Erst spät machte er die Entdeckung, zum Journalisten ›geboren‹ zu sein – nach einem abenteuerlichen Leben in jungen Jahren, das dem Wiener Juden durch die Zeitläufte aufgezwungen worden war. Zur ›Medienlegende‹ wurde er dann vor allem durch Porträts von Personen, die er auf den Straßen von Paris entdeckte hatte. Georg Stefan Troller, der so das Hörfunk- und später Fernseh-Interview zu einem eigenen Stilmittel entwickelte, ist dort im Alter von 103 Jahren gestorben.

Buchjournalismus Lesenswerte Bücher von Journalist*innen

Von Martina Thiele und Boris Romahn | Die Idee, Bücher von Journalist:innen einem interessierten Fachpublikum vorzustellen, entstand am Wiener Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft. Im Jahr 2002 setzten Hannes Haas und Wolfgang R. Langenbucher die Idee in die Tat um und publizierten Kurzrezensionen in der Zeitschrift message, später dann im Magazin Der österreichische Journalist. Nach Hannes Haas’ Tod 2014 übernahm Fritz Hausjell. Seit 2020 ist die Journalistik der Ort, in dem lesenswerte Bücher von Journalist:innen besprochen werden. Nun, fünf Jahre später, ist es wieder Zeit für einen Wechsel. Zwar bleibt der Publikationsort die Journalistik, auch handelt es sich weiterhin um ein österreichisch-deutsches Projekt, doch sind mit Martina Thiele (Universität Tübingen) und Boris Romahn (Universität Salzburg) nun zwei Vielleser:innen am Werk, die einerseits weiterhin für das Lesen von Büchern werben möchten, die Journalist:innen geschrieben haben, sich andererseits weniger kompetitiv geben und daher künftig auf den Begriff »Top Ten« verzichten werden.

Kooperation trotz Konkurrenz Arbeitsweisen und Konfliktpotenziale in einem investigativen Rechercheverbund

Von Jessica Kunert, Luka Simon und Volker Lilienthal | Die journalistische Zusammenarbeit im investigativen Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung in Deutschland wurde im Hinblick auf interne Arbeitsweisen (Arbeitsabläufe und Standards) und mögliche Probleme und Konflikte (Recherche, Ziele und Finanzierung) wissenschaftlich noch nicht untersucht. In diesem Aufsatz wird die Kooperationsform des Rechercheverbundes anhand seiner Strukturen und seines Organisationsgrades analysiert. Es wurden neun Journalist:innen mittels qualitativer Leitfadeninterviews befragt. Die Ergebnisse zu den internen Arbeitsweisen zeigen, dass sich Rechercheteams innerhalb des Verbundes themenbezogen zusammenfinden und dabei in der Arbeitsteilung von den Qualifikationen und Zugängen der anderen profitieren. Dabei sind ein intensiver Austausch und feste Absprachen essenziell. Probleme und Konflikte liegen vor allem in dem unterschiedlich hohen Aufwand der Redaktionen an personellen und finanziellen Ressourcen sowie im hohen organisatorischen Aufwand. Es zeigt sich, dass die Journalist:innen den Verbund insbesondere wegen seiner Themenvielfalt und der hohen Qualität und Quantität der Rechercheergebnisse schätzen. Als Form der Zusammenarbeit zeigt sich der untersuchte Rechercheverbund als Erfolg, der von einer Vielzahl impliziter Regeln getragen wird. Über die internen Strukturen hinaus ist der Vorwurf der Wettbewerbsverzerrung zu diskutieren, der durch die Kooperation zweier öffentlich-rechtlicher Sender und eines privatwirtschaftlichen Mediums aufgeworfen wird.