Der Fall Karl Anders und die Frankfurter Rundschau Wie ein Verleger "vergessen" wird
Von Alf Mayer und Horst Pöttker | Die weitgehend verdrängte Rolle des Verlegers und Widerstandskämpfers Karl Anders für die Geschichte der Frankfurter Rundschau wird in diesem Beitrag anhand zahlreicher Archivquellen, Gerichtsakten und zeitgenössischer Dokumente belegt. Anders hat die wirtschaftlich bedrohte Zeitung Mitte der 1950er-Jahre durch Kredite, verlegerisches Know-how und publizistische Netzwerke entscheidend stabilisiert. Dennoch wurde sein Beitrag nach dem Zerwürfnis mit Karl Gerold systematisch aus der institutionellen Erinnerung der Zeitung ausgeblendet. Der Aufsatz analysiert diese Form journalistischer »Öffentlichkeitslücke« als Beispiel für Mechanismen des Verdrängens, Verschweigens und der Mythenbildung im Medienjournalismus. Dabei diskutiert er die berufsethische Frage, inwiefern das Weglassen relevanter Informationen als Verletzung journalistischer Sorgfaltspflichten zu bewerten ist.
Wie wirkt subjektiver Journalismus? Wahrnehmungs- und Wirkungspotenziale einer alternativen journalistischen Form
Von Janis Brinkmann | Der Beitrag fragt vor dem Hintergrund eines integrativen Konzepts, welche Wahrnehmungs- und Wirkungspotenziale ein explizit subjektiver Journalismus für ein junges Publikum enthält. In zwei Experimenten wurden insgesamt 273 jungen Medienutzer:innen im Alter zwischen 17 und 28 Jahren jeweils traditionelle und explizit subjektive Reportagen zum selben Thema gezeigt. Daran schlossen sich eine standardisierte Online-Befragung sowie vertiefende Leitfadeninterviews an. Die Ergebnisse zeigen, dass subjektiver Journalismus als narrativer und emotional berührender wahrgenommen wird, aber ebenso als weniger informierend, unreflektierter, irrelevanter, erklärungsbedürftiger und unkritischer als objektivere Formen. Zudem erkennen die jungen Mediennutzer:innen deutlicher Meinungen und Haltungen. Sie würden gerne mehr subjektive Beiträge sehen und diese auch öfter in sozialen Netzwerken kommentieren, was für ein partizipatives Potenzial des subjektiven Journalismus spricht.
Klimaskepsis durch »Alternativmedien«? Strategien und Muster in der Klimaberichterstattung rechter Gegenöffentlichkeiten
Von Luis Paulitsch | Auf sozialen Plattformen gelten »Alternativmedien« als maßgebliche Akteure bei der Verbreitung von Klimaskepsis. Die Inhalte reichen von einseitigen Meinungsbeiträgen bis hin zu klimabezogener Desinformation. Der vorliegende Beitrag analysiert spezifische Strategien deutschsprachiger rechtsalternativer Medien beim Thema Klimaschutz und Energiewende. Als wesentliche Grundlage dienen Beurteilungen durch seriöse Faktencheck-Formate (n=38). Insgesamt konnten vier Muster in der Berichterstattung identifiziert werden, die mutmaßlich zur Klimaskepsis beim Publikum beitragen: (1) Angriffe gegen klimawissenschaftlichen Konsens; (2) unseriöse Quellen und »Experten«; (3) irreführende Wiedergabe; (4) Diskreditierung politischer Gegner:innen.
Vergegenwärtigen des Vergangenen Ein Gespräch anlässlich der Publikation Schuld und Geheimnis. Bekenntnisse von Legenden in der deutsch-jüdischen Publizistik
Martina Thiele im Gespräch mit Siegfried Weischenberg | Mitmachen, »innere Emigration« oder Flucht? Jüdische Journalistinnen und Journalisten hatten nach der Machtübernahme der Nazis zumeist keine andere Wahl als zu fliehen. Wie haben sie überlebt? Wie konnten sie und nicht-jüdische Oppositionelle aus dem Exil heraus gegen die Diktatur anschreiben? Und wie haben im Gegensatz dazu andere, die geblieben sind, Karriere gemacht oder sich mit den Nazis arrangiert? Siegfried Weischenberg, emeritierter Professor für Journalistik, widmet sich in seinem neuen Buch Schuld und Geheimnis. Bekenntnisse von Legenden der deutsch-jüdischen Publizistik den bekannten und weniger bekannten Journalistinnen und Journalisten. Ob Alfred Kerr oder Hilde Spiel, Fritz Sänger oder Elisabeth Noelle – ganz unterschiedliche Verhaltensweisen und Erzählungen über das Erlebte stehen zur Diskussion. Die Lebenswege und das publizistische Werk wichtiger deutscher Journalistinnen und Journalisten des 20. Jahrhunderts nehmen der Autor Siegfried Weischenberg und die Tübinger Medienwissenschaftlerin Martina Thiele zum Anlass, um über Autobiografien als Quellen, über Erinnern und Vergessen, Schuld und Verantwortung sowie Antisemitismus und Geschlechterverhältnisse im Journalismus zu sprechen.
»Die digitale Hetze hat reale Konsequenzen« Resilienz, Regulierung, Netzwerke und partizipative Formate als Strategien gegen Hass im Journalismus
Leipziger Mediengespräche | »Die zentrale Frage ist: Wie weit soll regulierend eingegriffen werden – und wie weit kann man die Resilienz der Beteiligten stärken?« eröffnete Michael Haller sein Statement beim ersten Leipziger Mediengespräch des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung (EIJK). Ausgehend von Erfahrungen von Journalistinnen und Journalisten sowie Forschenden aus Deutschland und den USA wurden Ansätze vorgestellt, die auf Regulierung, Medienbildung, Resilienzförderung und partizipative Projekte zwischen Publikum und Journalismus setzen. Die Journalistik dokumentiert das Gespräch auf der Basis des bearbeiteten Audioskripts. Die Herausforderungen, denen sich Journalistinnen und Journalisten durch Hassrede, Anfeindungen und Plattformlogiken gegenübersehen, diskutierten die Gäste des ersten Leipziger Mediengesprächs Ende April 2026 auf dem Mediencampus Villa Ida in Leipzig-Gohlis, moderiert von Gabriele Hooffacker (HTWK Leipzig). Prof. Stine Eckert (Wayne State University, Detroit), Prof. Michael Haller (Europäisches Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung EIJK), Dr. Judith Kretzschmar (Univ. Leipzig) und Michael Krell (TU Dresden) sprachen über die Situation in Deutschland und den USA und stellten konkrete Lösungsansätze vor.
Dein Vibe – neuer Standard oder Hype? Journalistische Glaubwürdigkeit in der Digitalen Öffentlichkeit
Von Katja Schupp und Mirco Liefke | »Die zentrale Frage ist: Wie weit soll regulierend eingegriffen werden – und wie weit kann man die Resilienz der Beteiligten stärken?« eröffnete Michael Haller sein Statement beim ersten Leipziger Mediengespräch des Europäischen Instituts für Journalismus- und Kommunikationsforschung (EIJK). Ausgehend von Erfahrungen von Journalistinnen und Journalisten sowie Forschenden aus Deutschland und den USA wurden Ansätze vorgestellt, die auf Regulierung, Medienbildung, Resilienzförderung und partizipative Projekte zwischen Publikum und Journalismus setzen. Die Journalistik dokumentiert das Gespräch auf der Basis des bearbeiteten Audioskripts. Die Herausforderungen, denen sich Journalistinnen und Journalisten durch Hassrede, Anfeindungen und Plattformlogiken gegenübersehen, diskutierten die Gäste des ersten Leipziger Mediengesprächs Ende April 2026 auf dem Mediencampus Villa Ida in Leipzig-Gohlis, moderiert von Gabriele Hooffacker (HTWK Leipzig). Prof. Stine Eckert (Wayne State University, Detroit), Prof. Michael Haller (Europäisches Institut für Journalismus- und Kommunikationsforschung EIJK), Dr. Judith Kretzschmar (Univ. Leipzig) und Michael Krell (TU Dresden) sprachen über die Situation in Deutschland und den USA und stellten konkrete Lösungsansätze vor.
Raus aus den Redaktionen, rein in die Schulen Journalismus muss besser in der Gesellschaft verankert werden
Von Klaus Ott | Angesichts wirtschaftlicher Nöte klassischer Medien, wachsender Plattformmacht und teilweise schwindenden Vertrauens sollte Journalismus transparenter und dialogischer werden – Journalistinnen und Journalisten müssen präsenter werden in der Gesellschaft. Das beginnt in den Schulen. Persönlicher Austausch schafft Vertrauen. Werkstattgespräche in Schulklassen, Bildungsangebote und direkte Begegnungen mit Journalistinnen und Journalisten stärken die Medienkompetenz und das Verständnis für demokratische Prozesse.
Buchjournalismus Lesenswerte Bücher von Journalist:innen
Von Martina Thiele und Boris Romahn | Wir, Martina Thiele (MT, Universität Tübingen) und Boris Romahn (Bro, Universität Salzburg) freuen uns, Ihnen auch in dieser Ausgabe eine vielfältige Auswahl lesenswerter Bücher von Journalist:innen empfehlen zu dürfen, die aktuelle wie historische Themen behandeln und sehr unterschiedliche Perspektiven auf Krieg und Frieden, Fakten und Fiktionen, Heimaten und Identitäten einnehmen.
Georg Fülberth (2026): »…dem liberalen Schwindel ein Ende zu machen«. Karl Kraus und Wilhelm Liebknecht 1899/1900.
Rezensiert von Horst Pöttker
