Blick zurück – auf heute Kampf um die Freiheit der Presse im Jahre 1733

Von Gunter Reus | Historische Analogien haben stets etwas Fragwürdiges. Und doch fällt es schwer, bei der Lektüre des nachfolgenden Textes nicht an die derzeitige Situation in den USA zu denken. Veröffentlicht hat ihn der Verleger, Drucker und Journalist John Peter Zenger (1697–1746) in der Wochenzeitung New-York Weekly JOURNAL am 12. November 1733 als ersten Teil einer Artikelfolge zur Pressefreiheit. Der Beitrag stammt nicht von ihm selbst, sondern einem seiner Korrespondenten, der anonym blieb und vermutlich zu den demokratisch orientierten Autoren der in Großbritannien verbreiteten Cato’s Letters gehörte.

Angriffe von rechts Auswirkungen rechtsextremer Bedrohungen auf die journalistische Praxis in Deutschland. Eine Interview-Studie

Von Olivia Mangold | JournalistInnen, die über Rechtsextremismus berichten, sind zunehmend mit Anfeindungen, Einschüchterungen und direkten Angriffen konfrontiert. Diese Entwicklung gefährdet die Pressefreiheit und stellt demokratische Grundwerte infrage. Die qualitative Studie untersucht, wie sich rechtsextreme Bedrohungen in den vergangenen fünf Jahren verändert haben und welche Folgen das für die journalistische Praxis hat. Im Fokus stehen vier JournalistInnen, die in leitfadengestützten Interviews von wiederholten Bedrohungen berichteten: von verbalen Attacken über juristische Einschüchterung bis hin zu physischen Übergriffen. Als Reaktion entwickelten sie verschiedene Schutzstrategien, etwa anonyme Veröffentlichungen, angepasste Recherchen und erhöhte Vorsicht bei der Themenwahl. Trotz des Anspruchs, unbeeinflusst zu berichten, zeigen sich Tendenzen zur Selbstzensur und wachsendes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Rechtsextreme Bedrohungen wirken somit nicht nur individuell, sondern schränken strukturell die Pressefreiheit ein. Um dem entgegenzuwirken, braucht es gezielten Schutz, institutionelle Unterstützung und gesellschaftliche Sensibilisierung.

»Das hat meinen Alltag bestimmt, man hat einfach Angst.« Auswirkungen freier und lokaljournalistischer Arbeit zur extremen Rechten in Ostdeutschland

Von Michael Krell, Klemens Köhler und Tom Böhme | Das während des letzten Jahrzehnts zu beobachtende Erstarken der extremen Rechten in Deutschland zog auch eine verstärkte Gefährdungslage für Journalist:innen, die zu diesem Themenfeld arbeiten, nach sich. Pressefeindliche Übergriffe nahmen seit dem Aufkommen asylfeindlicher Großproteste wie PEGIDA besonders in Ostdeutschland deutlich zu (vgl. ECPMF 2017). Trotz medial immer wieder geäußerter Fassungslosigkeit über die Heftigkeit pressefeindlicher Gewalt durch die extreme Rechte blieb eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen bisher weitgehend aus. Der vorliegende Beitrag füllt einen Teil dieser Lücke, indem er der Frage nachgeht, welche Auswirkungen die journalistische Arbeit zur extremen Rechten auf Berufs- und Alltagsleben von Journalist:innen hat. Als zentrale Erkenntnis wird die Vielfältigkeit der Bedrohungen konstatiert, denen die meist an ›vorderster Front‹ berichtenden freien und lokalen Journalist:innen durch die extreme Rechte ausgesetzt sind. Mithilfe des raumbezogenen Konzeptes der performativen und affektiven Territorialisierung wird die Pressefeindlichkeit in ihrer Wirkungsweise als verräumlichte Form extrem rechter Machtausübung analysiert. Die gewonnenen Erkenntnisse zeigen die existenzbedrohende Heftigkeit, mit der sich Pressefeindlichkeit auf individueller Ebene auf Journalist:innen und damit auf die Pressefreiheit insgesamt auswirkt.

Pressefreiheit und Rechtsextremismus Ein Dilemma? Thesen zum journalistischen Umgang mit der AfD

Von Horst Pöttker | Pressefreiheit wird als notwendiger, aber nicht hinreichender Rahmen gesellschaftlicher Verständigung und demokratischer Problemregulierung aufgefasst. Ihn mit entsprechenden Inhalten zu füllen ist Aufgabe des Journalistenberufs. Unter Rechtsextremismus wird die Missachtung verfassungsgarantierter Grundrechte zugunsten ethnischer Geschlossenheit und nationalistischer Aggressivität verstanden. Mit Ausblenden oder Empörung gelingt es journalistisch nicht, dem bedrohlich anschwellenden Rechtsextremismus wirksam entgegenzutreten. Und ein journalistischer Umgang mit der AfD wie mit anderen Parteien führt zu einer problematischen Normalisierung rechtsextremer Äußerungen und Absichten. Demgegenüber kann eine Strategie des sachlichen, unerschrocken-konkreten und gleichzeitig nüchternen Berichtens über grundrechtsfeindliche Absichten und Pläne sowie deren voraussehbare Folgen im Falle des Machtantritts von Organisationen wie der AfD zum Eindämmen des Rechtsextremismus beitragen. Um eine solche Strategie durchzusetzen, müssen Verdrängungen der NS-Vergangenheit, volkspädagogische Neigungen im Journalismus und die journalistische Konzentration auf die politischen Institutionen überwunden werden.

Medienfreiheit im Schatten des Rechtsextremismus Herausforderungen für rumänische Journalist*innen

Von Iulia Bârză und Veronica Câmpian | Die Studie untersucht das Verhältnis zwischen der extremen Rechten und den Medien in Rumänien und beleuchtet die damit verbundenen Spannungen, die die journalistische Arbeit beeinflussen. Das rumänische Mediensystem, das historisch durch autoritäre Kontrolle und später eine rasche Kommerzialisierung geprägt wurde, ist heute mit erheblichem politischem Druck, einer fragilen redaktionellen Unabhängigkeit sowie eingeschränkter wirtschaftlicher Stabilität konfrontiert. Theoretische Grundlage für den Beitrag ist die vergleichende Mediensystemforschung, u. a. wurde die Typologie von Hallin/Mancini (2004) herangezogen. Um die aktuelle Situation zu illustrieren, wurden Interviews mit zwei erfahrenen Journalistinnen geführt. Sie heben hervor, dass rechtsextreme Akteure die Pressefreiheit weniger durch offene Zensur, sondern durch Delegitimierung, Manipulation und Desinformation untergraben. Die Befragten berichten von feindseligen Beziehungen, die von Einschüchterung, verbaler Aggression und dem Ausschluss kritischer Medien geprägt sind. Gleichzeitig schwächen soziale Netzwerke als Hauptverbreitungswege extremistischer Narrative den traditionellen Journalismus. Dennoch gibt es auch Anzeichen von Resilienz: Journalist*innen reagieren mit gegenseitiger Solidarität, gründlicher Faktenprüfung und einem erneuten Bekenntnis zu demokratischen Grundwerten. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die extreme Rechte zwar ein Klima der Einschüchterung schafft, dieses jedoch zugleich kollektiven Widerstand von Journalist*innen auslöst. Um die Presse als demokratisches Schutzinstrument zu bewahren, sind strengere digitale Regulierungen, mehr Transparenz und die Förderung unabhängiger Medien unabdingbar.

Journalismus in Krisenzeiten Interview mit Jelani Cobb, Dekan der Columbia Journalism School

Stine Eckert im Gespräch mit Jelani Cobb | Am 20. Januar 2025 wurde Donald Trump für seine zweite Amtszeit als US-Präsident vereidigt. Daraufhin verstärkte er seine aggressiven Angriffe auf Journalist:innen und auf Universitäten, darunter auch solche mit Journalismus-Studiengängen wie die Columbia University. Unter dem Titel »Vertrauensprobleme. Glaubwürdigkeit, Leichtgläubigkeit und Journalismus in Zeiten der Krise« hielt Jelani Cobb, Dekan der Columbia Journalism School und Henry-R.-Luce-Professor für Journalismus, am 10. März die Reuters Memorial Lecture 2025. Er kritisierte, dass der Journalismus noch keinen Weg gefunden habe, über die Trump-Regierung zu berichten. Im Interview mit der Journalismuswissenschaftlerin Stine Eckert (Wayne State University) am 15. September erweitert und vertieft Jelani Cobb seine Aussagen aus der Vorlesung. Er spricht darüber, wie die US-Nachrichtenmedien über die Ermordung des rechten Aktivisten Charlie Kirk berichteten und wie man in repressiven Zeiten über die Regierung berichten sollte.

Blauland. Österreich hat gewählt

Von Martina Thiele | Im Interview, das die Tübinger Medienwissenschaftlerin Martina Thiele mit der Chefreporterin der Wiener Wochenzeitung Falter, Nina Horaczek, führt, geht es um die Rolle der Medien im Nationalratswahlkampf und die möglichen Folgen des Wahlergebnisses für die Medienfreiheit in Österreich. Unabhängiger Journalismus hat es nicht leicht in einem Land, das als europäischer Kleinstaat mit den Folgen eines hochkonzentrierten Medienmarkts zu kämpfen hat. Im Ausland denken nicht wenige, wenn sie Österreich, Medien und Politik hören, an Politskandale – ob Waldheim-Affäre oder Ibiza-Skandal.

TV-Duelle als Lügenschleudern Lehren aus den Fernsehdebatten im deutschen und US-amerikanischen Wahlkampf

Von Tanjev Schultz | TV-Duelle sind markante Ereignisse in Wahlkämpfen. Über ihre Regeln und ihre Effekte wird in der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft seit Jahrzehnten diskutiert. Vor diesem Hintergrund präsentiert der Beitrag Beobachtungen und Lehren aus den jüngsten TV-Duellen in Deutschland und den USA. Er regt neue Formate und Strukturen für die Sendungen an und hebt an Beispielen die Gefahren hervor, die durch politischen Populismus und Extremismus für die Seriosität und Substanz der TV-Duelle entstehen.

Plagiatsvorwürfe im Wahlkampf: Wie berichtet man über einen Verdacht? Handreichung für Redaktionen bei Funden sogenannter Plagiatsjäger und Plagiatsjägerinnen

Von Jochen Zenthöfer | Kurz vor einer Wahl erreichen Plagiatsvorwürfe die Redaktion. Was ist zu tun: Berichten oder ignorieren? Der Beitrag enthält Empfehlungen, die sicherstellen sollen, dass sich Journalistinnen und Journalisten nicht zu Werkzeugen von Plagiatsjägern und Plagiatsjägerinnen machen. Denn manche Vorwürfe entwickeln, nachdem über sie berichtet wird, ein Eigenleben; andere stellen sich im Nachhinein als falsch heraus. Inzwischen sind Plagiatsvorwürfe zu einem Teil politischer Auseinandersetzung geworden. Relevant sind zudem die Grundsätze der Verdachtsberichterstattung. Wenige Tage vor einer Wahl sollte gar nicht mehr über Vorwürfe berichtet werden, die in der Kürze der Zeit unüberprüfbar sind. Allerdings muss man auch nicht warten, bis eine Universität entschieden hat.

Reform oder Reparatur Hilferufe als Klopfzeichen aus dem Maschinenraum der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten

Von Peter Welchering | Dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) in der Kritik steht, ist nicht neu. Zu große Regierungsnähe, parteipolitische Einseitigkeiten, mangelnde Ausgewogenheit des Programms, Überbürokratisierung und selbstherrliche Führungskräfte, teilweise mit ausgeprägter Selbstbedienungsmentalität – diese Themen begleiten mich, seit ich vor 40 Jahren meinen ersten Beitrag für den WDR produzierte. Doch bis zur Affäre Schlesinger galt, was Johannes Ludwig im Februar 2009 eine ehemalige Führungskraft des Öffentlich-Rechtlichen sagen ließ: »Das wird an denen abprallen«. Und: »Die Öffentlich-Rechtlichen glauben es sich leisten zu können.« (Ludwig 2009: 6) Die Causa Schlesinger hat für Erschütterungen gesorgt, die an den öffentlich-rechtlichen Hierarch*innen nicht einfach mehr so abprallten. Zumindest konnten sie sich der Reform-Diskussion nicht mehr verweigern wie bisher. Eine Gruppe allerdings kommt in dieser Debatte kaum zu Wort: die der festen-freien Mitarbeiter*innen. Also diejenigen, die den größten Teil des täglichen Programms der Sender herstellen, in einer gesetzlich legitimierten Scheinselbständigkeit arbeiten und nicht selten in prekären Verhältnissen leben. Und das liegt nicht daran, dass sich diese Mitarbeiter*innen nicht artikulieren könnten. Nein, die Klopfzeichen aus dem Maschinenraum werden ignoriert, weil Rundfunkpolitiker*innen wie Hierarch*innen tatsächlich einen Neuanfang für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wagen müssten, wenn sie die Hilferufe aus dem Maschinenraum ernst nähmen. Davor schrecken viele zurück.