Die »Klimakrise« beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk Kommunikationsprozesse, Führungskultur und ihre Bedeutung für den Output – Zur neuen Diskussion um die Rundfunkpolitik aus Anlass des NDR-»Klimaberichts«

Von Hans Peter Bull | In einer Umfrage bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Norddeutschen Rundfunks, bei der mehr als tausend Beschäftigte aller Ebenen angehört worden sind, ist ein schlechtes Betriebsklima festgestellt worden, und den Leitungsorganen des Senders ist von denen, die sich geäußert haben, überwiegend ein schlechtes Zeugnis ausgestellt worden. Von den Vorgesetzten aller Ebenen wird insbesondere eine bessere »Führungskultur« erwartet. Viele Führungskräfte seien durch die gegenwärtig stattfindenden großen Veränderungsprozesse im öffentlich-rechtlichen Rundfunk überfordert und daher nicht in der Lage, klare Richtlinien für den notwendigen Wandel der Organisation zu entwickeln. In dem folgenden Artikel wird die Kritik näher analysiert. Insbesondere wird gefragt, was »Führung« in einer Rundfunkanstalt angesichts der gegebenen äußeren Rahmenbedingungen überhaupt bewirken kann. Die gewonnenen Einsichten werden auf die allgemeine rundfunkpolitische Diskussion und speziell den Wettbewerb des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mit der gedruckten Presse bezogen.

Wie blicken Journalistinnen und Journalisten auf die Welt? Eine vergleichende empirische Analyse von Persönlichkeitsmerkmalen und politischen Einstellungen auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP)

Von Katja Schmidt, Tanjev Schultz und Gert G. Wagner | Wie sehr unterscheiden sich Journalistinnen und Journalisten von der Bevölkerung, über die sie berichten? Welche Einstellungen und politischen Meinungen herrschen in der Berufsgruppe vor, welche Persönlichkeitsmerkmale, wie z. B. Risikofreude, weisen sie auf? Diese Fragen untersuchen wir für Deutschland auf Basis von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Wir nutzen diese große repräsentative Stichprobe, um die darin enthaltenen Journalistinnen und Journalisten anhand ihrer Tätigkeitsangaben zu identifizieren (unter Wahrung der Anonymität). Multivariate Analysen ermöglichen einen Vergleich mit der erwachsenen Gesamtbevölkerung, den Wahlberechtigten und der Gruppe der intensiv politisch Engagierten. Die Ergebnisse bestätigen frühere Studien, wonach Journalistinnen und Journalisten kein Spiegelbild der Bevölkerung sind. Ihre Biografien und Einstellungen entsprechen nur bedingt der Vielfalt der Gesellschaft. Zwar ist der Anteil an Journalistinnen und Journalisten mit Migrationsgeschichte inzwischen ähnlich hoch wie in der Gesamtbevölkerung, doch handelt es sich bei den Herkunftsländern überwiegend um europäische Staaten. Zudem entstammt die Berufsgruppe überdurchschnittlich häufig einem akademischen Milieu, neigt politisch leicht nach links und häufiger zu den Grünen. Journalistinnen und Journalisten halten sich für kreativer, wissbegieriger und fantasievoller als die Vergleichsgruppen; sie sind nach eigenen Angaben risikofreudiger und haben ein überdurchschnittlich hohes Vertrauen in andere Menschen.

Generative visuelle KI in Redaktionen Überlegungen zu Produktion, Präsentation, Auslegung durch das Publikum und Auswirkung auf das Publikum

Von T. J. Thomson und Ryan J. Thomas | KI-Dienste, die Antworten auf Anfragen bereitstellen, wie ChatGPT, haben leidenschaftliche Diskussionen über die Zukunft des Lernens, der Arbeit und der Kreativität entfacht. KI-gesteuerte Text-zu-Bild-Generatoren, wie Midjourney, werfen tiefgreifende Fragen nach dem Zweck, der Bedeutung und dem Wert von Bildern auf, haben jedoch trotz der aufgeworfenen Implikationen für die Produktion und den Konsum von Bildern wesentlich weniger Forschungsaufmerksamkeit erhalten. In diesem Essay werden grundlegende Überlegungen angestellt, die Journalist*innen und Nachrichtenmedien im Auge behalten sollten, wenn sie die Konzeption, Beschaffung, Präsentation oder Überprüfung von KI-generierten Bildern in Betracht ziehen. Insbesondere werden in diesem Essay die Transparenz bezüglich der Auswirkung von Algorithmen sowie Herkunft, algorithmische Vorurteile, Arbeitsethik und die Verdrängung von herkömmlichen Bildjournalist*innen diskutiert. Weiterhin werden in diesem Essay potenzielle Auswirkungen auf Präzision und Repräsentativität von Bildern angesprochen, die das Publikum in Nachrichten sieht, während auch der Mangel entsprechender Vorschriften und Initiativen zur Entwicklung von Richtlinien zur Nutzung von KI-generierten Bildern in Nachrichten bedacht wird. Die Autoren haben dazu acht Bildredakteur*innen bzw. Journalist*innen in entsprechenden Positionen in leitenden Nachrichtenorganisationen in Australien und den USA befragt. Insgesamt arbeitet dieser Essay Schlüsselfragen heraus, die Journalist*innen und ihre Nachrichtenorganisationen im Zeitalter von KI und synthetischen, visuellen Medien in Angriff nehmen müssen.

Fixer im Krieg Die unsichtbaren ortsansässigen Journalist:innen ausländischer Medien

Von Maryna Grytsai | Sie werden selten als Mitglied journalistischer Teams erwähnt, aber ihr Beitrag zur Auslands- und speziell zur Kriegsberichterstattung ist enorm – auch jetzt in der Ukraine. Die sogenannten Fixer:innen sind Ratgeber und »Führer« (guides) der Auslandskorrespondent:innen; sie helfen diesen, sich in einem fremden Land, einer anderen Sprache und Kultur zurechtzufinden. Zugleich sind sie oft am wenigsten geschützt. Zu den jüngsten Fällen, die das zeigen, gehört der Tod des ukrainischen Journalisten-Fixers Bohdan Bitik, der in Cherson mit einem Korrespondenten der italienischen Zeitung La Repubblica zusammenarbeitete. Nicht nur dieser Fall wirft Fragen auf: Unter welchen Bedingungen arbeiten Fixer, wie ist ihre Arbeit geregelt? Was gehört zu ihren Aufgaben und (wie) werden ihre Rechte geschützt? Der Beitrag sucht Antworten darauf und präsentiert Einschätzungen von Journalist:innen und Medienexpert:innen.

Ausgezwitschert Was uns @ichbinsophiescholl über Plattform-Kritik im Journalismus verrät

Von Nora Hespers | Journalist*innen und Medienhäuser nutzen diverse Social-Media-Plattformen, um ihr Publikum zu erreichen. Besonders kritisch begleitet wird diese Nutzung nicht. Dabei liegt gerade im Niedergang von Twitter – jetzt X – die Chance, sich kritisch mit den Strukturen und den ökonomischen Bedingungen hinter diesen Netzwerken zu beschäftigen. Aber die große Debatte bleibt aus. Wie auch schon beim instagram-Projekt @ichbinsophiescholl. Fehlt es dem Journalismus hier an Social-Media-Kompetenzen?

Frank Bräutigam (2023): Recht richtig formulieren. Ein Handbuch mit Beispielen aus der journalistischen Praxis.
Tobias Gostomzyk, Uwe Jürgens (Hrsg.) (2023): Böhmermann, Künast, Rezo. Medien- und Internetrecht in 20 Fällen.

Rezensiert von Tanjev Schultz | Journalistinnen und Journalisten brauchen juristische Grundkenntnisse. Dabei helfen Lehrwerke, die auch für juristische Laien verständlich sind. In diese Kategorie fallen ein neues Handbuch des ARD-Journalisten Frank Bräutigam zum richtigen Formulieren bei rechtlichen Themen und der Band Böhmermann, Künast, Rezo, den der Dortmunder Professor für Medienrecht, Tobias Gostomzyk, gemeinsam mit dem Spiegel-Justiziar Uwe Jürgens herausgegeben hat.

Alexis von Mirbach (2023): Medienträume. Ein Bürgerbuch zur Zukunft des Journalismus

Rezensiert von Gabriele Hooffacker | Was treibt Bürgerinnen und Bürger um, wenn sie an Medien und Journalismus denken? Was kritisieren sie daran? Wie stellen sie sich guten Journalismus vor, und wie die notwendigen Rahmenbedingungen dafür? Dass die Antworten auf diese Fragen essenziell für die demokratische Funktion der Medien und für die Demokratie selbst sind, liegt auf der Hand.

Miriam Grabenheinrich (2023): Journalismus und Diversity. Umgang mit kultureller Diversität in der journalistischen Praxis und Konsequenzen für die Aus- und Fortbildung

Rezensiert von Bärbel Röben | Schon lange ist Deutschland ein Einwanderungsland, doch in der journalistischen Ausbildung wird der Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt und Differenzsetzung nur selten vermittelt. Mit Miriam Grabenheinrichs umfangreicher Forschungsarbeit liegt nun endlich ein theoretisch fundiertes, in der Praxis erprobtes Konzept für die interkulturelle Sensibilisierung von Journalist*innen vor.