Gegenerzählungen für »Selberdenker« Ein Versuch der Einordnung von »Alternativmedien« im konservativen Spektrum

Von Luis Paulitsch | Im digitalen Raum haben »Alternativmedien« für die extreme Rechte an Bedeutung gewonnen. Daneben lässt sich in den vergangenen Jahren eine Zunahme ähnlicher Plattformen beobachten, die tendenziell dem rechtskonservativen Spektrum zugeordnet werden. Derartige Medienprojekte vertreten zwar alternative Positionen, allerdings erweist sich ihr Verhältnis zum kritisierten »Mainstream« als deutlich ambivalenter. In diesem Essay werden mehrere Alleinstellungsmerkmale aufgezeigt, die eine Abgrenzung rechtskonservativer von anderen »Alternativmedien« erlauben. Als Beispiele hierfür dienen die Publikationen Tichys Einblick, eXXpress und NIUS.

Die Presse und Gaza Restriktionen, Zensur und die Gefahren der Kriegsberichterstattung

Von William Lafi Youmans | In Kriegszeiten sind die Streitkräfte der Staaten strategische Kommunikatoren, die versuchen, die öffentliche Wahrnehmung zu steuern. Gleichzeitig können sie den Zugang der Presse zu Informationen besser kontrollieren, was sie zu einer Art »Kampfrichter« werden lässt. Die rechtlichen Schutzbestimmungen für Journalist*innen werden oft mit Verweis auf den Ausnahmezustand gelockert, da an den Konfliktschauplätzen juristische Grauzonen entstehen. Israel hat den Medienzugang zu militärischen Aktionen wie jüngst im Gazastreifen nach dem Angriff der Hamas auf israelische Militärbasen und Gemeinden am 7. Oktober 2023 noch weiter eingeschränkt. Dieser Beitrag gibt einen Überblick über die israelische Pressepolitik, die Zensur durch das Militär und die Reaktion westlicher Nachrichtenorganisationen darauf sowie über die Repressalien gegen palästinensische Reporter*innen und Al Jazeera. Ferner wird erörtert, ob die israelische Pressekontrolle Auswirkungen auf die Berichterstattung hat.

Der Gaza-Krieg, die deutschen Medien und die »falsche Seite der Geschichte«?

Mandy Tröger im Gespräch mit Kai Hafez | Die Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) veröffentlichte vor kurzem einen »Aufruf zum diskriminierungsfreien Diskurs«. Anlass waren die Reaktionen auf ein Statement von Lehrenden an Berliner Universitäten, die das Recht Studierender auf Protest gegen den Krieg in Gaza verteidigten. Die DGPuK verurteilt Anfeindungen von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, Diffamierungen oder Bedrohungen – sowohl von außen als auch innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft (vgl. DGPuK 2024).
Dieses Positionspapier zeigt, dass der Bedarf an Wissenschaftsexpertise und -diskurs zum Krieg in Gaza, zur Berichterstattung über diesen Krieg und den Nahost-Konflikt groß ist. Kai Hafez, seit 2003 Professor für Vergleichende Analyse von Mediensystemen und Kommunikationskulturen an der Universität Erfurt, gilt als ausgewiesener Experte zu Fragen medialer Darstellungen des Nahen Ostens in den deutschen Medien. Er äußert sich kritisch zur aktuellen Kriegsberichterstattung, beispielsweise im Deutschlandfunk (Fröhndrich 2024), der Leipziger Zeitung (Allisat 2024) und dem SZ-Medienpodcast quoted (Minkmar/Zaboura 2023).
Im Interview mit der Journalistik fragte Hafez, welche Funktion Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen haben, »wenn nicht die, einen eigenen Gedanken zu entwickeln, der dann auch kontrovers verhandelt werden kann«. Diesem Anliegen folgend, sprachen wir mit ihm über die deutsche Berichterstattung zum Gaza-Krieg, über die Rolle der Wissenschaft und mögliche Hemmungen, sich zum Konflikt und zur Berichterstattung zu äußern, sowie über alternative Ansätze für die Kriegsberichterstattung (vgl. auch Richter 2023; Rottmann 2024).

Die Top 10 des Buchjournalismus Hinweise auf lesenswerte Bücher von Journalist:innen

Von Fritz Hausjell, Wolfgang R. Langenbucher | Die Idee, die besten Bücher von Journalist:innen auszuwählen und vorzustellen, ist ein Projekt des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien, mitbegründet von Hannes Haas (1957-2014), zusammengestellt von Wolfgang R. Langenbucher und Fritz Hausjell. Es startete mit der ersten Ausgabe im Jahre 2002 in der von Michael Haller begründeten Vierteljahreszeitschrift Message. Nach deren Einstellung wurden die Auswahlen ab 2015 im Magazin Der österreichische Journalist dokumentiert. 2020 und 2021 kam es in Folge der Covid-Pandemie zu einer Unterbrechung. Mit der Journalistik ist seit 2022 ein neuer Publikationsort gefunden worden.

Sylvia Dietl (2022): Transformation und Neustrukturierung des DDR-Rundfunks im Prozess der Wiedervereinigung Deutschlands

Rezensiert von Mandy Tröger | Selten gibt es Dissertationen, die einen zentralen Beitrag zum besseren Verständnis historischer Gegenwart leisten. Sylvia Dietls Buch ist solch eine Dissertation; sie schreibt ein ganzes Kapitel deutscher Mediengeschichte neu. Das ist keine kleine Leistung. Ein äußeres Indiz für die Stärke des Buches sind dessen 658 Seiten und über 1700 Fußnoten. Seine Wirkungsmacht liegt aber im Inhalt: Dietl analysiert die Transformation und Neustrukturierung des Rundfunks in Ostdeutschland vor mehr als 30 Jahren. Das tut die Politikwissenschaftlerin auf breiter Quellenbasis, mit analytischem Scharfsinn und Liebe fürs Detail.

Daniel Siemens (2022): Hinter der Weltbühne. Hermann Budzislawski und das 20. Jahrhundert

Rezensiert von Stine Eckert | Er sei kein Frauenförderer gewesen, sagt Daniel Siemens im Online-Talk des Netzwerks Kritische Kommunikationswissenschaft am 15. März 2022 über Hermann Budzislawski, dessen Biografie er geschrieben hat. Es ist die erste, die dem Mann »Hinter der Weltbühne« gewidmet ist. Immer wieder kommt der Biograf darin auf das schwierige Verhältnis von Budzislawski zu Autorinnen zu sprechen: z. B. als er im Exil der 29-jährigen Hannah Arendt eine Absage erteilte, die ihm anbot für die Neue Weltbühne über den jüdischen Weltkongress zu schreiben, auch weil sie signalisierte, dass sie andernfalls zur Konkurrenz, dem Tage-Buch gehen könne. Oder als er Dorothy Thompson, eine der bedeutendsten U.S.-amerikanischen Journalist*innen ihrer Zeit, eine eigenständige Persönlichkeit und publizistische Leistung absprach. Doch der Reihe nach.

Stine Eckert, Ingrid Bachmann (Hrsg.) (2021): Reflections on Feminist Communication and Media Scholarship. Theory, Method, Impact

Rezensiert von Claudia Wilhelm | Der von Stine Eckert und Ingrid Bachmann herausgegebene Band versammelt zehn Essays von bedeutenden Vertreterinnen feministischer Kommunikations- und Medienforschung. Alle zehn Autorinnen wurden mit dem Teresa Award for the Advancement of Feminist Scholarship der Feminist Scholarship Division (FSD) der International Communication Association (ICA) ausgezeichnet. Der Teresa Award würdigt Arbeiten, die einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung, Reichweite und zum Einfluss feministischer Forschung in der Kommunikations- und Medienwissenschaft leisten. Er soll genderbezogener Forschung in der Fachgesellschaft mehr Sichtbarkeit verleihen. Anhand der Beiträge werden die Entwicklungslinien feministischer Forschung innerhalb der Medien- und Kommunikationswissenschaft nachgezeichnet.

Der Weg zur Versöhnung Wie Leser:innen auf die Entschuldigungen von sieben Zeitungen für ihre rassistische Berichterstattung reagieren

Von Anna E. Lindner, Michael Fuhlhage, Keena Shante Neal und Kirby Phillips | Im Zuge der »Abrechnung mit dem Rassismus« im Jahr 2020 entschuldigten sich viele Institutionen für ihre Mitschuld am systemischen Rassismus. Die Nachrichtenbranche bildete da keine Ausnahme. Dieser Beitrag untersucht die Entschuldigungen der Zeitung Montgomery Advertiser, die sich bereits zwei Jahre vor dem Jahr der »Abrechnung« entschuldigte, sowie die sechs weiterer Blätter, die zwischen 2020 und heute Entschuldigungen veröffentlichten: Los Angeles Times; Kansas City Star; Baltimore Sun; Philadelphia Inquirer; Seattle Times; and Oregonian. Die vorliegende Studie untersucht die Entschuldigungen dieser Publikationen für ihre rassistische und andere problematische Berichterstattung unter dem Blickwinkel der christlichen Grundsätze der Versöhnung. Deren Ziel ist, vergangenes Unrecht auf den Tisch zu bringen und die Beziehungen zwischen Tätern und Geschädigten wiederherzustellen. Darüber hinaus untersuchen wir, wie die Öffentlichkeit auf diese Erklärungen und Entschuldigungen reagiert hat. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Meinungsäußerungen in öffentlichen Foren, insbesondere von People of Color jener Gemeinschaften, die durch diese Medien geschädigt wurden; von Journalist:innen, die selbst Minderheiten angehören, Redaktionsmitgliedern und anderen an der Berichterstattung Beteiligten sowie von prominenten Vordenker:innen zum Thema Rassismus. Die Analyse der breitgefächerten Reaktionen auf die Entschuldigungen zeigt, welches Meinungsbild in den durch Rassismus geschädigten Gemeinschaften vorherrscht und welche künftigen Schritte hin zu einer gerechteren und faireren Berichterstattung möglich sind.

Gehaltlose Kritik Wie Journalismus Überwachungstechnologien fördert

Von Robert W. McMahon | Konsumgüter mit Überwachungsfunktionen verbreiten sich immer mehr, während zugleich der Journalismus unter stetig stärker werdenden wirtschaftlichen Druck gerät. Daraus ist ein fruchtbarer Boden entstanden, in dem Überwachungskapitalismus gedeiht und Journalismus zu seinem Erfüllungsgehilfen wird. Wie die Untersuchung eines Korpus mit journalistischen Texten nahelegt, lässt sich diese Komplizenschaft an einem Berichterstattungsstil erkennen, den wir hier als »gehaltlose Kritik« konzipieren.