Peter Pistorius (2024): Rudolf Breitscheid 1874-1944. Kampf um Wahrheit und Macht
Rezensiert von Gunter Reus
Rezensiert von Gunter Reus
Rezensiert von Rudolf Thomas Inderst
Rezensiert von Thomas Liesen
Liebe Leserinnen und Leser, wir freuen uns über ein wachsendes, auch internationales Interesse an der Journalistik und ihrem bilingualen Konzept. Als wir vor sechs Jahren, initiiert von Horst Pöttker und unterstützt vom Herbert von Halem Verlag, die erste Ausgabe herausbrachten, leitete uns die Hoffnung, die neue Zeitschrift könnte das Angebot an wissenschaftlichen Journalen gut ergänzen und sogar für Journalistinnen und Journalisten aus der Berufspraxis interessant sein. Mittlerweile sind wir zuversichtlich, dass diese Hoffnung nicht völlig überzogen war – und können heute zudem eine Erweiterung des Kreises der Herausgeberinnen und Herausgeber verkünden: Mandy Tröger und Gunter Reus verstärken unser Team. Beide verkörpern den Anspruch unserer Zeitschrift, die Journalistik als Disziplin in ihrem Profil zu schärfen und zugleich eine Vielfalt an Themen, Perspektiven und Methoden zuzulassen – gern mit direkten Bezügen zur Berufspraxis.
2024 ist gut die Hälfte der Weltbevölkerung aufgerufen an Wahlen teilzunehmen. Nachdem die Europawahl im Juni 2024 zu einer deutlichen Verschiebung nach rechts geführt hat, standen in Frankreich vorgezogene Parlamentswahlen an. Im Herbst finden regulär Landtagswahlen in den deutschen Bundesländern Sachsen, Thüringen und Brandenburg statt, in Österreich Nationalratswahlen und auch die Präsidentschaftswahl in den USA beschäftigt die Menschen weltweit schon jetzt.
Von Thomas Birkner | Die Wechselbeziehungen und Interaktionen zwischen Politik und Medien werden in der Kommunikationswissenschaft breit diskutiert, und Medialisierung und Mediatisierung sind dabei zu beliebten und fruchtbaren Konzepten für die empirische Forschung geworden – in der Journalistik allerdings kaum. Der vorliegende konzeptionelle und theoriegeleitete Beitrag geht jedoch von der These aus, dass die Herausforderungen, denen sich der Journalismus heute gegenübersieht, mit Prozessen zusammenhängen, die wir in der Kommunikationswissenschaft mit den Konzepten Medialisierung und Mediatisierung erforschen. Hier werden diese Konzepte in die Journalismusforschung integriert. Dabei wird die Argumentation in vier aufeinander aufbauenden Schritten dargelegt. Erstens wird Journalismus in seinem interaktiven Medienökosystem verortet. Zweitens werden die beiden unterschiedlichen Traditionen von Medialisierung und Mediatisierung differenziert. In einem dritten Schritt werden Medialisierung und Mediatisierung jeweils erweitert und in einer Matrix zusammengeführt. Im abschließenden vierten Schritt wird bereits existierende empirische Journalismusforschung innerhalb dieser Matrix angeordnet, wobei wir uns auf die Wechselbeziehungen und Interaktionen zwischen mediatisiertem Journalismus und den medialisierten sozialen Systemen Politik, Wissenschaft und Sport konzentrieren. Schließlich werden neue Forschungsperspektiven eröffnet.
Von Christina Fleischanderl | Die Daten der 2022 veröffentlichten polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) in Deutschland sind eindeutig: Sogenannte Partnerschaftsgewalt hat zugenommen, von wem sie ausgeht und wen sie trifft, ist klar. Bei 80,3% der Delikte wurde Frauen in verschiedenster Weise Gewalt angetan (vgl. BKA 2022: 33). Wie jedoch über diese Gewalt gegen Frauen berichten? Erhoben wird durch die Analyse überregional verbreiteter deutscher und österreichischer Zeitungen der Status quo der Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen. Expert*inneninterviews geben Aufschluss über Defizite und Verbesserungsmöglichkeiten. Ausgehend vom Konzept des Konstruktiven Journalismus und einer Frame-Analyse ausgewählter Artikel werden Empfehlungen erarbeitet für eine ganzheitliche Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen – ob in Breaking News oder in der Hintergrundberichterstattung.
Von Horst Pöttker | Karl Kraus (geboren 28.4.1874 in Jičín, damals Böhmen in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, heute Tschechien; gestorben am 12. Juni 1936 in Wien) entstammte einer Familie des wohlhabenden Mittelstands, mit der er 1877 in die Hauptstadt Wien zog. Nach abgebrochenem Jura- und Philosophie-Studium und Berufsanfängen als Journalist bei Zeitschriften und Tageszeitungen gab er von 1899 bis zu seinem Tod die kulturpolitische Zeitschrift Die Fackel heraus, die längste Zeit als deren einziger Autor. 1922 erschien die Buchausgabe seines pazifistischen Dramas Die letzten Tage der Menschheit, das wegen seiner Länge nur in teilweise vom Autor selbst bearbeiteten Fassungen aufgeführt wird. Als Publizist, Satiriker, Lyriker und Dramatiker übte Karl Kraus scharfe Kritik an der von ihm sogenannten ›Journaille‹ und ihrer Sprache. Hier äußert er sich auch über andere Probleme, u. a. den fraglichen Nutzen von intellektuellem Engagement, den Vorwurf des Antisemitismus oder die Ablehnung des Kriegs.
Von Walter Hömberg | Anfang April 1899 erschien in Wien eine neue Zeitschrift. Das feuerrote Titelblatt zeigt vor der Silhouette der Stadt eine riesengroße Fackel. Im Einleitungsbeitrag unterstreicht der Herausgeber die kämpferische Ansicht: »Das politische Programm dieser Zeitung scheint somit dürftig; kein tönendes ›Was wir bringen‹, aber ein ehrliches ›Was wir umbringen‹ hat sie sich als Leitwort gewählt.« Als Herausgeber der Fackel ist Karl Kraus Kennern der Pressegeschichte noch heute ein Begriff. Die einen verehren ihn als größten Satiriker des 20. Jahrhunderts, als brillanten Zeitdiagnostiker, sensiblen Lyriker und hellsichtigen Theaterautor. Für andere ist er ein gnadenloser Polemiker, ein unbarmherziger Spötter, ein heilloser Egozentriker, Besserwisser und Rechthaber, ein Querulant und Nestbeschmutzer. Der Wiener Literat Hans Weigel urteilt: »Seine Kritik war sakrosankt – Kritik an ihm war Majestätsbeleidigung.«
Von Klaus Meier | Der Begriff und die Bedeutung von »Plagiat« wurden in jüngster Zeit aus der Wissenschaft in den Journalismus unreflektiert übernommen. Das ist hochproblematisch und gefährlich, weil für beide Professionen andere Standards und Maßstäbe gelten, aber alleine der öffentliche Vorwurf des Plagiats das Potenzial hat, Ruf und Karrieren zu zerstören. Dieser Essay möchte zu einer differenzierten Debatte beitragen und damit auch dazu, dass Skandalisierungen zum Thema Plagiat im Journalismus vermieden werden. An welchen Maßstäben kann man sich also orientieren? Bei der Recherche und beim Schreiben – ebenso wie bei aufkommenden Vorwürfen nach der Veröffentlichung? Was ist eine gängige, was eine angemessene journalistische Praxis – und was ein »No go«?