Alla G. Bespalova, Horst Pöttker (Hrsg.) (2022): Mediensysteme in Deutschland und Russland. Handbuch

Rezensiert von Jürg Häusermann | Alla Grigor’evna Bespalova ist 1956 geboren. Sie wuchs, so stelle ich es mir vor, mit der Komsomol’skaja Pravda, den Liedern von Radio Majak und den Serien des sowjetischen Fernsehens auf. Horst Pöttker, Jahrgang 1944, lernte lesen, als die ersten Ausgaben der Bild-Zeitung erschienen, und lebte als junger Mensch in einer Medienwelt, zu der der Internationale Frühschoppen ebenso wie Radio Luxemburg gehörte. 2003 haben sie ein gemeinsames Projekt gestartet, dessen Ziel u. a. ein »deutsch-russisches Journalistik-Wörterbuch« war.

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

sogar in liberalen Demokratien vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwer im Streit grundsätzlich wird und den anderen die Presse- und Meinungsfreiheit unter die Nase reibt. Natürlich ist es gut, diese Freiheit hochzuhalten. Doch leider handelt es sich oft nur um ein plumpes Manöver im Meinungskampf – um eine strategische Übertreibung, die den Blick auf die wahren Gefährdungen vernebelt.

Innere Pressefreiheit revisited Aktueller Regulierungsbedarf zu Eigentümermacht aus Sicht deutscher Medienjournalist*innen

Von Uwe Krüger, Pauline Köbele, Mascha Leonie Lang, Milena Scheller und Henry Seyffert / Der Fall Ippen/Reichelt brachte 2021 das Thema innere Pressefreiheit, das zuletzt in den 1960er und 1970er Jahren breit und kontrovers diskutiert worden war, wieder in das öffentliche Bewusstsein. Eine erneute Debatte über Kompetenzabgrenzungen zwischen Verlagen und Redaktionen und eine Regulierung von Eigentümermacht im Journalismus steht jedoch noch aus. Dieser Artikel zeichnet die Konfliktlinien in der Hochzeit der Statutenbewegung nach und konstatiert über die letzten Jahrzehnte ein Re-Framing der inneren Pressefreiheit vom Instrument der Demokratisierung der Medienhäuser hin zur journalistischen Qualitätssicherung.

Digitale Gegenrevolution, Desinformation und journalistische Einschränkungen in den arabischen Medien

Von Sahar Khamis und Khalid Al-Jaber / Dieser Beitrag zeigt auf, wie autoritäre Regime neue Medien und entsprechende Gesetze und Vorschriften ausnutzen, um gegen Oppositionelle, Aktivist:innen und Journalist:innen vorzugehen, oft unter dem Deckmantel der Desinformationsbekämpfung und unter Einsatz einer Vielzahl von Techniken. Er veranschaulicht auch, wie staatlich orchestrierte Kampagnen mittels neuer Kommunikationsmittel Desinformation rasant verbreiten können, was schwerwiegende politische Folgen und hohe Risiken für Aktivist:innen und Journalist:innen birgt und zugleich Gegenrevolutionen befördert.

Umweltberichterstattung in ukrainischen Medien Ökologie-Wissenschaftskommunikation zur Steigerung des Umweltbewusstseins

Von Olha Harmatiy / Die Sensibilisierung der ukrainischen Bevölkerung für Umwelt-Themen ist notwendig, um den zunehmenden Gefährdungen der Natur zu begegnen. Nachrichtenmedien als Hauptquelle des Umweltwissens und als soziales Forum für die Bildung eines allgemeinen Umweltbewusstseins sind dabei von großer Bedeutung. Forschungsergebnisse belegen, dass Ukrainer*innen ihre Informationen über Umweltthemen hauptsächlich aus den Nachrichten beziehen.

»Radiofrauen in seltsamen Jobs« Die Konstruktion von Frauen in Radioberufen in der U.S.-amerikanischen Fachzeitschrift Broadcasting 1931-1939

Von Stine Eckert / Seit mehr als 90 Jahren ist Broadcasting (heute Broadcasting+Cable) eine der einflussreichsten Fachzeitschriften für die U.S.-amerikanische Radioindustrie. Eine qualitative Textanalyse der Berichterstattung der Zeitschrift von 1931 bis 1939, als das Radio kommerzialisiert wurde, hat ergeben, dass in der Zeitschrift kaum über Frauen geschrieben wurde, die in Radioproduktion und -management arbeiteten. Wenn über Frauen in solchen Rollen berichtet wurde, so wurden sie als Sonderfälle markiert.

(M)ein idealer Schrebergarten Kommunikationswissenschaft auf Besuch bei der Medienregulierung

Von Roger Blum / In den Gremien der Medienregulierung – in Presseräten, Rundfunkräten, Fernsehräten, Publikumsräten, Medienräten – und in den Medien-Ombudsstellen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz wirken absurd wenig Fachleute aus der Kommunikationswissenschaft und dem Medienrecht mit. Das ist ein Mangel. Kenntnisse der Grundrechte und des Medienrechts, der Medienethik, der Journalistik, der Medienstrukturen und der Medienwirkungsforschung helfen, sinnvolle Lösungen zu finden.